Reformstau und staatlich verzerrte Aufträge: Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit verschlechtert sich 2026

_ Christopher Kofner, Geschäftsführer & Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 08.02.2026.

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Deutschlands industrielle Wettbewerbsfähigkeit leidet weiterhin unter hohen Energiepreisen, einem CO₂-Preis von 65 Euro pro Tonne und massiver regulatorischer Überlastung. Diese Strukturprobleme wurden politisch nicht angegangen.
  • Der Mittelstand investiert real weniger: Das inflationsbereinigte Investitionsvolumen sank zwischen 2019 und 2024 um 6,4 Milliarden Euro, das Anlagevermögen der Unternehmen schrumpft.
  • Über 80 % der mittelständischen Betriebe klagen über Bürokratiekosten zwischen 12.500 und 28.300 Euro jährlich; im Gastgewerbe kommen 14 Stunden Bürokratie pro Woche hinzu – Produktivitätsverluste im großen Maßstab.
  • Selbstständige und Kleinstbetriebe werden durch Rückforderungszwänge, Bürokratie und neue EU-Regulierungen doppelt belastet.
  • Der scheinbare Aufschwung industrieller Auftragseingänge beruht fast ausschließlich auf staatlichen Großprojekten – ohne nachhaltige Ausweitung der privaten Investitionstätigkeit.

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  1. Die Erosion der industriellen Stärke

Die Industrieproduktion in Deutschland ist im Dezember erneut gesunken, besonders in den Schlüsselbranchen Automobilbau und Maschinenbau. Dieser Rückgang verdeutlicht den fortgesetzten Verlust der Wettbewerbsfähigkeit zentraler industrieller Kernbereiche. Maßgeblich verantwortlich dafür ist das Ausbleiben tiefgreifender Strukturreformen, die von Bundeskanzler Merz für das Jahr 2025 als „Herbst der Reformen“ angekündigt, jedoch nicht umgesetzt wurden. Die anhaltenden strukturellen Probleme der deutschen Volkswirtschaft – hohe Energiekosten, übermäßige Steuer- und Abgabenlast sowie zunehmende Bürokratie – wurden weder gemildert noch behoben. Im Gegenteil: Diese Belastungsfaktoren dürften sich im Jahr 2026 weiter verschärfen.

Energiepolitik als Standortnachteil

Ein besonders kritischer Bereich ist die Energieversorgung. Die deutschen Gasspeicher verzeichneten Anfang Februar 2026 historische Tiefstände: Am 4. Februar waren sie bundesweit zu 71,5 % geleert.[1] Diese niedrigen Speicherstände sind Folge politischer Maßnahmen wie der CO₂-Bepreisung, der grünen Wärmewende, den Russland-Sanktionen und der Quotenregelung für die sommerliche Zwangsbefüllung. Diese Instrumente haben die Wirtschaftlichkeit der Gasspeicherung massiv beeinträchtigt und zu erheblich höheren Preisen geführt. Ohne diese Eingriffe würde der Preis für Erdgas vor Steuern und Abgaben bei etwa 1,6 Cent pro Kilowattstunde liegen, nach Steuern und Abgaben bei rund 4 Cent pro Kilowattstunde. Stattdessen haben sich die Gaspreise seit 2019 für Industrie und Haushalte mehr als verdoppelt.[2] Während sie im deutschen Großhandel Anfang Dezember 2025 noch bei 2,5 Cent pro Kilowattstunde lagen, stiegen sie im Januar 2026 bereits über 4,3 Cent – eine Preiszunahme um nahezu 50 %.[3] Hinzu kommt die Erhöhung des CO₂-Preises von 55 auf 65 Euro pro Tonne[4] sowie die Einführung des neuen Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) zum 1. Januar 2026, der weitere Belastungen für energie- und exportintensive Branchen schafft.[5]

Steuern und Abgaben: Die Belastung der Leistungsfähigkeit

Parallel zu den energiepolitischen Belastungen steigen auch Steuern und Abgaben auf ein international kaum wettbewerbsfähiges Niveau. Ab 2026 werden die Beitragsbemessungsgrenzen deutlich angehoben, was insbesondere höhere Einkommen in der Kranken- und Pflegeversicherung stärker belastet. Die neue Beitragsgrenze liegt bei 5.812,50 Euro monatlich.[6] Gleichzeitig erhöht sich der durchschnittliche Zusatzbeitrag in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auf 2,9 %, in einigen Fällen sogar bis zu 3,13 %, wodurch der gesamte Sozialversicherungsbeitragssatz auf über 42 % steigt.[7] Diese Entwicklung führt zu sinkender Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandorts und schwächt zugleich die private Kaufkraft.

Bürokratie: Regulatorische Überfrachtung und Produktivitätsverlust

Einen weiteren, zunehmend kritischen Belastungsfaktor stellt die Bürokratielast dar. Bis zum 31. Dezember 2026 endet die Übergangsfrist für die verpflichtende Einführung der E-Rechnung.[8] Hinzu kommen eine Vielzahl europäischer Rechtsumsetzungen, die Unternehmen zu administrativen Mehraufwänden zwingen. So tritt am 7. Juni 2026 die EU-Entgelttransparenzrichtlinie in nationales Recht, ab dem 31. Juli 2026 die EU-Richtlinie zum Recht auf Reparatur. Ab dem 2. August 2026 wird der EU-AI-Act weitgehend anwendbar, wodurch neue Risikoklassifizierungen und Dokumentationspflichten für KI-Systeme entstehen. Weitere Anpassungen folgen: Änderungen im Verpackungs- und Abfallrecht ab dem 12. August, neue EU-Gewährleistungs- und Garantie-Label ab dem 26. September, strengere Werberegeln für Nachhaltigkeitsaussagen bis zum 27. März sowie die Erweiterung der Haftungsregeln im Produkthaftungsgesetz ab dem 9. Dezember 2026.[9] Diese kumulative Regulierungsdichte bindet erhebliche Ressourcen und schwächt insbesondere die Industrieeffizienz.

  1. Mittelstand im Vertrauensverlust – Ursachen und wirtschaftliche Konsequenzen

Eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) zeigt, dass die Mehrheit der mittelständischen Unternehmen nicht mehr an eine wirtschaftliche Wende unter der Bundesregierung glaubt. Besonders besorgniserregend ist der Rückgang der Investitionen: Laut KfW Research sank das inflationsbereinigte Investitionsvolumen des Mittelstands von 220 Milliarden Euro im Jahr 2019 auf 213,6 Milliarden Euro im Jahr 2024 – ein Rückgang um 2,9 % oder 6,4 Milliarden Euro.[10] Auch die Entwicklung der Bauinvestitionen deutet auf eine Stagnation hin: Hochbauten, Nichtwohngebäude und Nichtwohnbauten gingen zwischen 2016 und 2024 von 101 auf 94,5 Indexpunkte zurück, was bedeutet, dass die Abschreibungen inzwischen die Neuinvestitionen übersteigen (Destatis, 2026). Seit 2019 ist zudem ein Rückgang des Anlagevermögens der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften zu beobachten – ein Indiz für schrumpfende inländische Produktionskapazitäten.[11]

Der Hauptgrund für die wachsende Skepsis des Mittelstands ist die ausufernde Bürokratie. Über 80 % der mittelständischen Betriebe sehen in der Bürokratielast ihr größtes Problem, die jährliche Belastung beträgt zwischen 12.500 und 28.300 Euro pro Betrieb.[12] Besonders betroffen sind personalintensive Branchen: Im Gastgewerbe liegt der durchschnittliche Zeitaufwand für Dokumentationspflichten bei 14 Stunden pro Woche, entsprechend rund zwei Arbeitstagen.[13]

  1. Selbstständige und Kleinstunternehmen: Eine übersehene Gruppe

Auch die Selbstständigen und Kleinstunternehmen bewerten die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung nur mit der Schulnote „Vier“, was eine klare Unzufriedenheit ausdrückt. Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln zeigt, dass ein durchschnittlicher Arbeitnehmer etwa einen Tag pro Woche für Berichts- und Informationspflichten aufwendet, während Führungskräfte sogar bis zu zwei Tage verlieren.[14] Diese Zeitverluste entsprechen enormen Produktivitätsdefiziten. Hinzu kommt, dass mit dem Ende der Übergangsfrist für die verpflichtende E-Rechnung bis zum 31. Dezember 2026 auch kleine Betriebe mit zusätzlicher Bürokratie belastet werden.[15] Die finanzielle Lage vieler Selbstständiger verschärft sich zudem durch den Rückzahlungszwang von Corona-Hilfen – allein in Bayern sind Rückforderungen in Höhe von über 1,1 Milliarden Euro bis 2025 aufgelaufen.[16]

  1. Der Widerspruch zwischen politischen Aussagen und realwirtschaftlicher Entwicklung

Bundeskanzler Merz betont regelmäßig steigende Investitionen und eine verbesserte Auftragslage als Beleg für eine wirtschaftliche Trendwende. Ein genauerer Blick auf die Daten zeigt jedoch ein widersprüchliches Bild. Seit seinem Amtsantritt im Mai 2025 stieg der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe bei Inlandsaufträgen von 78,4 auf 105,1 Indexpunkte bis Dezember 2025 – ein Zuwachs von 26,7 Punkten.[17] Dieser scheinbare Aufschwung basiert jedoch vor allem auf staatlichen Großaufträgen. Allein vom Bund flossen bis Ende 2025 rund 24 Milliarden Euro in Infrastruktur- und Klimaschutzprojekte, finanziert über das Sondervermögen „Klima- und Transformationsfonds“. Dadurch stiegen die gesamten Investitionsausgaben des Bundes 2025 gegenüber dem Vorjahr um etwa 17 % – auf rund 87 Milliarden Euro, wovon 24 Milliarden Euro Sonderinvestitionen waren.

Solche staatlich getriebenen Ausgaben schaffen jedoch keinen neuen Kapitalstock, sondern ersetzen lediglich vorhandenen. Beispielsweise führt der Ersatz funktionierender Gasheizungen durch Wärmepumpen zu keiner Nettoerhöhung des produktiven Anlagevermögens. Betrachtet man die Auftragseingänge ohne Berücksichtigung von Großprojekten, zeigt sich eine deutlich schwächere Tendenz: Der Index steigt nur von 84,0 auf 86,9 Punkte – ein nahezu stagnierender Wert, der auf eine verhaltene industrielle Nachfrage hindeutet. Parallel dazu sind seit Jahresbeginn rückläufige Umsätze im verarbeitenden Gewerbe zu verzeichnen, was die anhaltende Schwäche des Absatzes bestätigt.[18] Der Produktionsindex des verarbeitenden Gewerbes befindet sich weiter im Abwärtstrend – ein Prozess, der bereits seit 2018 anhält. Somit ergibt sich das Bild einer Industrie, deren Aktivität zunehmend von temporären, staatlich induzierten Impulsen abhängt, während die strukturelle Dynamik stagniert.

Literatur & Quellen:

[1] GIE (2026). AGSI – Aggregated Gas Storage Inventory. Gas Infrastructure Europe. URL: https://agsi.gie.eu/

[2] Destatis (2026). Gaspreise und Energiepreise in Deutschland. Statistisches Bundesamt. URL: https://de.tradingeconomics.com/commodity/eu-natural-gas

[3] https://de.tradingeconomics.com/commodity/eu-natural-gas

[4] BR24 (2025). Mietpreis, Heizkosten, Förderungen, Wohnen: Das ändert sich 2026. Bayerischer Rundfunk. URL: https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/mietpreis-heizkosten-foerderungen-wohnen-das-aendert-sich-2026,V5YNczj

[5] Umweltbundesamt (2026). CBAM-Regelphase ab 2026. Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt). URL: https://www.dehst.de/DE/Themen/CBAM/CBAM-regelphase-ab-2026/cbam-regelphase-ab-2026_node.html

[6] Bundesregierung (2026). Beitragsbemessungsgrenzen 2026. Die Bundesregierung. URL: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/beitragsgemessungsgrenzen-2386514

[7] MLP (2026). Krankenkassenbeiträge 2026: Steigende Zusatzbeiträge und Wechseloptionen. MLP Finanzberatung SE. URL: https://mlp.de/lebenssituationen/privatleben-und-familie/krankenkassenbeitraege-2026-steigende-zusatzbeitraege-und-wechseloptionen

[8] Braun, T. (2026). E-Rechnung 2026: Gesetzliche Pflicht, Empfang und Geltungsbereich. Steuerberater Braun. URL: https://www.steuerberater-braun.de/steuerwissen/allgemein/e-rechnung-2026-pflicht-formate-uebergangsfristen-und-ausblick

[9] IHK Darmstadt (2026). Neuer Inhalt 2026: Änderungen im Unternehmensrecht. Industrie- und Handelskammer Darmstadt Rhein Main Neckar. URL: https://www.ihk.de/darmstadt/servicemarken/news/service/neuer-inhalt2026-aenderungen-6931200

[10] KfW Research (2025). KfW-Mittelstandspanel 2025 – Tabellenband. Kreditanstalt für Wiederaufbau. URL: https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-KfW-Mittelstandspanel/KfW-Mittelstandspanel-2025-Tabellenband.pdf

[11] Destatis (2026). Anlagevermögen und Investitionen der Unternehmen in Deutschland. Statistisches Bundesamt (GENESIS-Datenbank). URL: https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/81000/table/81000-0200/table-toolbar

[12] BIHK (2023). Bürokratieabbau – Forderungen der bayerischen Wirtschaft. Bayerischer Industrie- und Handelskammertag. URL: https://www.ihk-muenchen.de/politik/buerokratieabbau

[13] DEHOGA (2024). Bürokratieabbau im Gastgewerbe – Belastungsstudie 2024. Deutscher Hotel- und Gaststättenverband e.V. URL: https://www.dehoga-bundesverband.de/fileadmin/user_upload/DEHOGA-Broschuere_Bu__rokratieabbau_final_Webversion_Maerz_2024.pdf

[14] Hammermann, A. & Röhl, K.-H. (2026). Ein Tag pro Woche für Bürokratie. IW-Studie 2026. Institut der deutschen Wirtschaft Köln. URL: https://www.iwkoeln.de/studien/andrea-hammermann-klaus-heiner-roehl-ein-tag-pro-woche-fuer-buerokratie.html

[15] Braun, T. (2026).

[16] Süddeutsche Zeitung (2025). Rückforderung der Corona-Hilfen über eine Milliarde Euro. SZ. URL:

https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-rueckforderung-corona-hilfen-milliarde-euro-li.3243576

[17] Destatis (2026). Produktion im Produzierenden Gewerbe – Monatsergebnisse. Statistisches Bundesamt. URL: https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Konjunkturindikatoren/Produktion/kpi112.html#355022

[18] Destatis (2026). Pressemitteilung Nr. 041/2026: Produktion im Produzierenden Gewerbe erneut rückläufig. Statistisches Bundesamt. URL: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_041_421.html

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