Sinkende Gasspeicherstände und ausbleibende Gegenmaßnahmen
_ Dipl.-Ing. Frank Hennig, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). 19.02.2026. Erstveröffentlichung bei Tichy’s Einblick.*
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Die deutschen Erdgasspeicher weisen im Februar 2026 mit Füllständen von nur noch etwa 22–24 % (Stand Mitte/Ende Februar 2026) ein historisch niedriges Niveau auf und werden voraussichtlich bald die 20 %-Schwelle unterschreiten; gemäß Notfallplan Gas führt dies zu stark abnehmender Ausspeiseleistung und erforderlichen Drosselungen bei industriellen sowie nicht geschützten Verbrauchern, die Wochen bis Monate andauern können – eine direkte Folge davon, dass der Verbrauch den Bezug teilweise um das Doppelte übersteigt.
- Die offizielle Einschätzung vom BMWE und BNetzA, wonach die Gefahr einer angespannten Versorgung „gering“ sei und LNG-Importe hohe Flexibilität böten, wird durch reale Daten eindeutig widerlegt: Der LNG-Anteil fiel von durchschnittlich 370 GWh/Tag im Januar 2026 auf nur noch 222 GWh/Tag in der ersten Februarhälfte (ca. 7 % des Gesamtimports), was die Abhängigkeit von Wetterlagen, US-Lieferungen und begrenzter Tanker-Verfügbarkeit offenlegt und die These signifikant steigerbarer LNG-Importe als unhaltbar erscheinen lässt.
- Politische Zurückhaltung bei der Ausrufung einer Notlage, das Tabu heimischer Förderung sowie die fortgesetzte Abschaltung systemsichernder Kraftwerke erhöhen das Risiko massiver Schadenersatzforderungen, Standortverluste und internationaler Reputationsschäden; dies stellt kurzfristigen Machterhalt über das langfristige Wohl des Industriestandorts und gefährdet Investitionen sowie das Triple-A-Rating.
- Für den Winter 2026/27 ist eine vollständige, staatlich massiv gestützte Befüllung der Speicher bis Ende Oktober 2026 zwingend erforderlich; ohne echte Diversifizierung, Nutzung eigener Ressourcen und eine realistische Energiepolitik jenseits ideologisch geprägter Klimaszenarien droht eine dauerhafte strukturelle Gas-Knappheit, da grüner Wasserstoff derzeit nicht verfügbar ist.
- Dringende Handlungsempfehlungen umfassen die sofortige Aktivierung aller Notfallstufen, transparente Kommunikation mit der Industrie, beschleunigte und staatlich abgesicherte Speicherbefüllung sowie eine ehrliche, versorgungssicherheitsorientierte Debatte über Energiepolitik, um den Exodus von Unternehmen und den Verlust der industriellen Substanz abzuwenden.
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Die Füllstände der deutschen und europäischen Erdgasspeicher nehmen im Wintermonat Februar 2026 weiter kontinuierlich ab. Dies entspricht zwar dem üblichen saisonalen Muster, doch die Geschwindigkeit des Rückgangs und das bereits erreichte niedrige Niveau werfen erhebliche Fragen auf. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) sowie die Bundesnetzagentur (BNetzA) sehen dennoch keinen Anlass zur Besorgnis. Diese Haltung wirkt jedoch stark politisch motiviert, da die tatsächliche Versorgungslage auf eine nicht mehr abwendbare Knappheit an Erdgas hindeutet. Ein erzwungenes Herunterfahren industrieller Produktionskapazitäten infolge von Energiemangel würde ein verheerendes Signal in die Welt senden – gerade für ein Land, das einst als Ursprungsort der Industrialisierung galt und für seine leistungsstarke Industrie, seine Ingenieurskunst sowie seine Position als ehemaliger Exportweltmeister weltweit geschätzt wurde.
Kontinuierliche Beobachtung der Speicherstände ohne konkrete Handlungsmaßnahmen
Nach Einschätzung von Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, bilden niedrige Füllstände der Gasspeicher kein Indiz für eine akute Mangellage. Müller, der zusätzlich vom Bundeskanzler mit der Aufsicht über KI-Anwendungen betraut wurde, betont die aufmerksame Beobachtung der Lage. Das BMWK schließt sich dieser Position an und verweist ebenfalls auf eine fortlaufende Überwachung. Derartige Aussagen bleiben jedoch inhaltsarm und ohne erkennbare Konsequenzen. Eine reine Beobachtung genügt nicht, wenn der tatsächliche Gasverbrauch den Bezug teilweise um das Doppelte übersteigt und die Differenz ausschließlich durch Entnahme aus den Speichern ausgeglichen werden muss. Eine vergleichbare Logik wie beim privaten Kontostand – bei drohender Überschreitung vom bloßen Beobachten zum aktiven Handeln überzugehen – fehlt in der Gasversorgung vollständig, da hier kein „Dispo-Kredit“ existiert.
Notfallplan Gas: Kritische Schwellen und drohende Versorgungseinschränkungen
Gemäß dem Notfallplan Gas der Bundesrepublik Deutschland wird bereits beim Unterschreiten der 40-Prozent-Marke eine kritische Situation erreicht. Im Februar 2026 wird voraussichtlich in Kürze die 20-Prozent-Grenze unterschritten. Ab diesem Punkt nimmt die Ausspeiseleistung der Speicher rapide ab, sodass der Notfallplan Einschränkungen auf der Verbrauchsseite vorsieht. Geschützt bleiben vorrangig lebensnotwendige Bereiche wie die Wärmeversorgung privater Haushalte, Krankenhäuser und Schulen über gasbetriebene Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Für nicht geschützte Verbraucher – darunter Schwimmbäder, kulturelle Einrichtungen und insbesondere industrielle Großabnehmer – drohen spürbare Drosselungen. Diese Maßnahmen wären nicht auf wenige Tage beschränkt, sondern müssten so lange aufrechterhalten werden, bis Angebot und Nachfrage wieder im Gleichgewicht sind – ein Prozess, der sich über Wochen bis Monate erstrecken könnte.
Betroffene Unternehmen könnten erhebliche Schadenersatzansprüche geltend machen, da staatliche Eingriffe gegen Vorgaben des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) verstoßen würden. Eine Berufung auf höhere Gewalt scheidet aus, weil systemsichernde Kraftwerke für Strom- und Wärmeversorgung zuvor bewusst stillgelegt wurden. Selbst regierungstreue deutsche Gerichte könnten nur begrenzt Abhilfe schaffen, da internationale Schiedsgerichte hinzugezogen werden könnten.
Importabhängigkeiten, regionale Vulnerabilitäten und politische Zurückhaltung
Der verbleibende Speicherinhalt fließt nur noch langsam ins Netz. Besonders betroffen könnte Bayern sein, da die Entfernung zu den wichtigsten Gas-Grenzübergangsstellen und LNG-Terminals besonders groß ist. Politische Vorschläge, wie jene von Hubert Aiwanger zur Versorgung des Chemiestandorts Wacker mit Windstrom, deuten auf alternative Konzepte hin, deren praktische Umsetzbarkeit jedoch zweifelhaft bleibt. Die derzeitigen Röhrengas-Importe stammen hauptsächlich aus Norwegen sowie aus Belgien und den Niederlanden. Die Erschließung eigener heimischer Ressourcen mit modernen Fördertechnologien bleibt politisch tabu. Die Speicher in den Niederlanden sind leerer als die deutschen; ein Ausfall würde weitere Lieferungen erheblich erschweren. Im Januar 2026 erfolgten noch nennenswerte Lieferungen russischen LNG aus dem Yamal-Feld in die EU – ein Importweg, der bis 2027 auslaufen soll, während gleichzeitig der Bau neuer Gaskraftwerke geplant ist, um stillgelegte Kohlekraftwerke zu ersetzen.
Die These gesteigerter LNG-Flexibilität im Realitätscheck
Wirtschaftsministerium, Bundesnetzagentur und begleitende Medien vertreten eine zurückhaltende Haltung und begründen diese mit einer veränderten Rolle der Speicher: Durch variable LNG-Importe seien geringere Speichervolumina erforderlich als bei ausschließlicher Röhrengas-Versorgung. Der tatsächliche LNG-Anteil am Gesamtimport lag jedoch maximal bei 13 Prozent. Die offiziellen Zahlen der Bundesnetzagentur widerlegen die These einer hohen Flexibilität: Vom 1. bis 31. Januar 2026 wurden durchschnittlich 370 GWh LNG pro Tag importiert; vom 1. bis 15. Februar 2026 sank dieser Wert auf durchschnittlich 222 GWh pro Tag – nur noch etwa 7 Prozent des Gesamtimports. Dies zeigt Flexibilität nach unten, bedingt durch winterliche Bedingungen in Europa und den USA sowie die wachsende Abhängigkeit von amerikanischen Lieferungen. Freie Regasifizierungsslots allein reichen nicht aus; Tanker stehen nicht auf Abruf bereit. Ein Tanker vor Mukran auf Rügen lag lange im Eis fest; neue Schiffe erfordern den Einsatz schwerer Eisbrecher.
Politische Implikationen, Wahltermine und langfristige Standortrisiken
Der anhaltende Trend mündet in eine nahezu vollständige Entleerung der Speicher mit den beschriebenen Konsequenzen. Die Bundesregierung schweigt und unterlässt aktives Handeln; parteitaktische Überlegungen liegen nahe. Eine offizielle Feststellung einer Mangellage oder Notlage könnte die Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 8. März 2026 negativ beeinflussen – zum Nachteil der Regierungsparteien. Bis zu den Wahlen in Rheinland-Pfalz am 22. März 2026 wären die Realitäten jedoch nicht mehr zu verschleiern.
Die langfristigen Folgen wären gravierend und reichten weit über kurzfristige Parteipolitik hinaus. Die Reputation Deutschlands als verlässlicher Wirtschaftsstandort stünde auf dem Spiel. Internationale Konzerne würden Investitionsvorhaben streichen, etablierte Unternehmen einen Abzug planen. In EU, OECD, WTO, Weltbank und weiteren Organisationen würde man die Stirn runzeln. Selbst das Triple-A-Rating geriete in Gefahr. Man setzt auf mildes Wetter und rasch steigende Temperaturen – ein Zeichen von Hilflosigkeit, da echte Handlungsoptionen fehlen. Grüne Narrative um Wind- und Solarenergie bieten in dieser Lage keine Lösung.
Erforderliche Speicherbefüllung und Ausblick auf zukünftige Winter
Die im Frühjahr voraussichtlich weitgehend entleerten Speicher müssen bis Ende Oktober 2026 wieder ausreichend gefüllt werden. Dies wird extrem kostspielig und ohne staatliche Unterstützung oder eine strategische Reserve kaum machbar sein. Wie der Winter 2026/27 verlaufen wird, bleibt ungewiss; weitere kalte Winter sind möglich, da 2024 das Maximum des aktuellen solaren Zyklus markierte. Die Abschaltung von Kohlekraftwerken soll fortgesetzt werden, Erdgas bleibt knapp, grüner Wasserstoff ist nicht absehbar. Solange Klimaszenarien als unmittelbarer Wetterbericht missverstanden werden, verschärft sich das strukturelle Problem. Unterdessen sinken die Speicherstände Tag für Tag weiter.
Quellen
- Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) (2023). Notfallplan Erdgas Deutschland. https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Downloads/M-O/notfallplan-gas-bundesrepublik-deutschland.pdf?__blob=publicationFile&v=9.
- Gas Infrastructure Europe (GIE) (2026). AGSI+ Database – Gas storage levels Germany and Europe (Stand Februar 2026). https://agsi.gie.eu/.
- Bundesnetzagentur (BNetzA) (2026). Aktuelle Lage der Gasversorgung – Gasimporte in GWh/Tag (Stand Februar 2026). https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Gasversorgung/aktuelle_gasversorgung/_svg/Gasimporte/Gasimporte.html.
- Bundesnetzagentur (BNetzA) (2026). Aktuelle Lage der Gasversorgung (Startseite, Februar 2026). https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Gasversorgung/aktuelle_gasversorgung/start.html.
- Müller, K. (2026). Aussagen zur Gasversorgungslage (zitiert in diversen Medienberichten, Februar 2026, u. a. POLITICO Berlin Playbook Podcast).
- Aiwanger, H. (2026). Statement zur Energieversorgung der Chemiebranche (X/Twitter, Januar 2026).
- Hennig, F. (2021). Klimadämmerung: Vom Ausstieg zum Abstieg – ein Plädoyer für mehr Vernunft in der Energiepolitik. Manuscriptum.
- DIW Berlin (2024). Gasversorgung in Deutschland stabil: Ausbau von LNG-Infrastruktur nicht notwendig. DIW aktuell 92. https://www.diw.de/de/diw_01.c.893582.de/publikationen/diw_aktuell/2024_0092/gasversorgung_in_deutschland_stabil__ausbau_von_lng-infrastruktur_nicht_notwendig.html.
- Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln (2023). Zukunft Erdgas. IW-Policy-Paper. https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/policy_papers/PDF/2023/IW-Policy-Paper_2023-Zukunft-Erdgas.pdf.
- Institut für Weltwirtschaft (IfW) Kiel (2023). The Power of Substitution: The Great German Gas Debate in Retrospect. https://www.ifw-kiel.de/publications/the-power-of-substitution-the-great-german-gas-debate-in-retrospect/.
- Prognos AG (2023). LNG-Bedarf für die deutsche Energieversorgung im Prozess des Übergangs zur Klimaneutralität. Studie im Auftrag der Wissenschaftsplattform Klimaschutz. https://www.prognos.com/sites/default/files/2023-06/WPKS-Studie-LNG-Bedarfe.pdf.
- Allgäuer Zeitung (2026). Das ist der Füllstand der Gasspeicher in Deutschland aktuell (19. Februar 2026). https://www.allgaeuer-zeitung.de/panorama/das-ist-der-fuellstand-der-gasspeicher-in-deutschland-aktuell-18-02-2026-103508260.
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