Die Reformen Javier Mileis in Argentinien: Eine libertär-österreichische Analyse

_ Prof. Dr. Philipp Bagus, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 03.05.2025.*

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Die makroökonomische Stabilisierung unter Javier Milei gelang durch die Senkung des konsolidierten Staatsdefizits um 15 Prozent des BIP allein via Ausgabenkürzungen (keine Steuererhöhungen), wodurch die Hyperinflation verhindert, Inflationserwartungen gesenkt und ein selbstverstärkender Aufschwung ausgelöst wurde; das BIP wuchs 2024 um etwa 5 Prozent, Reallöhne stiegen um 13 Prozent und die Armutsquote fiel von 56 auf 36 Prozent.
  • Deregulierung (z. B. Abschaffung der Mietpreisbremse, Liberalisierung des Luftverkehrs, tägliche Abschaffung von vier Regulierungen) und der Abbau von 200 Behörden sowie 40.000 Staatsstellen schufen Freiräume für Marktwirtschaft und Wachstum, entgegen keynesianischen Rezessionsprognosen.
  • Libertäre Theorie (komparative Vorteile nach Ricardo, spontane Ordnung nach Hayek) widerlegt Protektionismus als schädliche Steuern auf Konsumenten; historische „Erfolge“ des Protektionismus lassen sich nicht kausal isolieren und ignorieren die Kosten der eingeschränkten Arbeitsteilung.
  • Die angestrebte Dollarisierung und Zentralbankabschaffung erfordern hundertprozentige Reservepflicht und pragmatische Übergangslösungen; IWF-Kredite dienten der Bilanzsanierung, nicht Defizitfinanzierung, und ermöglichten die Aufhebung von Kapitalverkehrskontrollen.
  • Für Deutschland empfehlen sich radikale Ausgabenkürzungen (30 Prozent im ersten Jahr), ein Deregulierungsministerium und die Einführung einer goldgedeckten Währung – entweder eurozonenweit oder durch Trennung von inflationären Partnern –, um Ressourcen der Privatwirtschaft zurückzugeben und nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen.

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Als Ökonom der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und langjähriger Beobachter libertärer Wirtschaftspolitik habe ich die Entwicklungen in Argentinien unter Präsident Javier Milei seit seinem Amtsantritt im Dezember 2023 intensiv verfolgt. In meinem Buch Die Ära Milei: Argentiniens neuer Weg (Bagus 2024) habe ich diese Reformen detailliert dokumentiert. Die folgende Analyse basiert auf einer eingehenden Auseinandersetzung mit den wirtschaftspolitischen Maßnahmen, ihren theoretischen Grundlagen und praktischen Ergebnissen. Sie beleuchtet die zentralen Themenblöcke: die libertäre Unterscheidung von links und rechts, die makroökonomische Stabilisierung, die Deregulierungswelle, den theoretischen Konflikt zwischen Freihandel und Protektionismus, die Währungspolitik einschließlich Dollarisierungsplänen sowie die internationale Finanzierung und Kritik aus libertären Kreisen. Abschließend werden Implikationen für Deutschland skizziert.

Libertäre Perspektive auf die Links-Rechts-Unterscheidung

Aus libertärer Sicht folgt die Unterscheidung zwischen links und rechts der Analyse Erik von Kuehnelt-Leddihns. Rechts steht für Freiheit, links für Gleichheit. Dies kommt bei Hierarchien zum Ausdruck: Linke Positionen lehnen jegliche Form von Hierarchien ab, auch wenn diese gewachsen sind – etwa in Familie, Kirche oder anderen organischen Strukturen. Rechte Positionen hingegen unterstützen in Freiheit gewachsene Hierarchien und halten sie für notwendig für eine blühende Gesellschaft (vgl. Kuehnelt-Leddihn 1974). Friedrich A. Hayek hat zudem betont, dass Freiheit ein evolutionäres Phänomen darstellt: Die besten Ideen setzen sich im Wettbewerb der Ideen durch, was einer Evolution der Ideen entspricht (vgl. Hayek 1988).

Persönliche Begegnungen und der Kontext der Diskussion mit Javier Milei

Im April 2025 reiste ich nach Chile und Argentinien, wo ich Milei mehrfach traf. Besonders bemerkenswert war die Verleihung einer der höchsten staatlichen Auszeichnungen Argentiniens an Professor Jesús Huerta de Soto in der Casa Rosada. In seiner Rede verteidigte Huerta de Soto den Anarchokapitalismus, erklärte, warum der Staat nicht notwendig, nicht begrenzbar und unmoralisch sei. Viele Minister applaudierten – ein Szenario, das noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Huerta de Soto, einer der führenden Vertreter der Österreichischen Schule im spanischsprachigen Raum und Mentor Mileis, verkörpert die theoretische Grundlage dieser Reformen (vgl. Huerta de Soto 2009).

Milei selbst bezeichnet sich als philosophischen oder theoretischen Anarchokapitalisten, handelt jedoch in der Praxis als Minimalstaatler. Sein Ideal ist eine Gesellschaft ohne Zwangsmonopolisten wie den Staat, in der Bürger freiwillig interagieren. Praktisch strebt er den Minimalstaat an, der sich auf äußere und innere Sicherheit sowie Rechtsprechung beschränkt und alle anderen Aufgaben der Zivilgesellschaft – im echten, staatsfreien Sinne – zurückgibt. Das Ziel bleibt eine staatlose Gesellschaft; der Staat soll von innen geschrumpft werden.

Die makroökonomische Stabilisierung unter Javier Milei

Bei Mileis Amtsantritt stand Argentinien am Abgrund: Die monatliche Inflationsrate betrug 25 Prozent (Dezember 2023), bei Erzeugerpreisen sogar 54 Prozent. Das konsolidierte Staatsdefizit erreichte 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (5 Prozent im Haushalt, 10 Prozent in der Zentralbank). Die Staatsverschuldung lag bei etwa 100 Prozent des BIP; das Land hatte in den letzten 120 Jahren zahlreiche Staatsbankrotte erlebt und verfügte über keinerlei Reputation an den internationalen Kapitalmärkten. Das Defizit wurde durch Geldschöpfung finanziert, was eine Hyperinflation drohte – mit katastrophalen Folgen vor allem für die Ärmsten.

Der größte Erfolg Mileis bestand darin, die Hyperinflation zu verhindern. Innerhalb eines Monats senkte er das Haushaltsdefizit um 5 Prozentpunkte des BIP durch radikale Ausgabenkürzungen – ohne Steuererhöhungen, entgegen den üblichen Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Bis Mitte 2024 wurde auch das Zentralbankdefizit beseitigt. Konkret wurden alle öffentlichen Infrastrukturprojekte auf Eis gelegt (oft Vehikel für Korruption), Subventionen für Medien gestrichen, Transfers an Provinzen eingestellt, über 200 Behörden geschlossen, die Ministerien von 22 auf 9 reduziert und über 40.000 Staatsangestellte entlassen. Renten und Gehälter im Staatsdienst wurden zunächst real gesenkt (weniger stark als die Inflation angehoben). Dies führte zu sinkenden Inflationserwartungen, niedrigeren Zinsen und einem selbstverstärkenden positiven Effekt. Das Parlament versuchte, Ausgaben zu erhöhen (z. B. bei Renten und Bildung); Milei legte sein Veto ein und erzielte sogar Überschüsse.

Deregulierung, Wirtschaftswachstum und offene Reformen

Parallel startete eine umfassende Deregulierungswelle per Dekret (Decreto de Necesidad y Urgencia). Liberalisiert wurden Einzelhandel, Teile des Außenhandels, der Luftverkehr und insbesondere der Wohnungsmarkt durch Abschaffung der Mietpreisbremse. Leerstehende Wohnungen kamen auf den Markt zurück; reale Mieten sanken um 30 Prozent. Ein eigenes Deregulierungsministerium unter Federico Sturzenegger schafft durchschnittlich vier Regulierungen pro Tag ab; Bürger können Vorschläge einreichen. Keynesianische Prognosen einer Rezession durch sinkende Staatsausgaben erwiesen sich als falsch. Die Wirtschaft befand sich bereits in der Rezession; das Tief wurde im April/Mai 2024 erreicht, danach setzte ein rascher Aufschwung ein. Für 2024 verzeichnete das BIP ein Wachstum von etwa 5 Prozent; bis November/Dezember lag die wirtschaftliche Aktivität über dem Vorkrisenniveau. Reallöhne stiegen im Schnitt um 13 Prozent in allen Lohnklassen (außer Staatsdienern); die Armutsquote sank von 56 Prozent (erstes Halbjahr 2024) auf durchschnittlich 36 Prozent im zweiten Halbjahr und weiter. Die jährliche Inflationsrate fiel von über 250 Prozent auf etwa 56 Prozent.

Weitere Erfolge umfassen die teilweise Aufhebung von Kapitalverkehrskontrollen (Cepo) im April 2025, die ausländische Investitionen attraktiver macht, sowie Fortschritte bei Sicherheit: Wilde Proteste und Straßensperren nahmen ab, die Kriminalitätsrate sank drastisch. Milei erfüllte damit Wahlversprechen zu Inflation, Wirtschaft und Sicherheit.

Langfristige Ziele: Abschaffung der Zentralbank und Dollarisierung

Milei hat die Abschaffung der Zentralbank versprochen. Erreicht wurde bisher die Stabilisierung und teilweise Liberalisierung des Wechselkurses. Für die vollständige Umsetzung sind eine hundertprozentige Reservepflicht im Bankensystem und idealerweise die Dollarisierung erforderlich: Die Dollarreserven der Zentralbank sollen gegen Pesos getauscht werden, Pesos verschwinden und die Volkswirtschaft dollarisiert. Milei verfügt derzeit über keine Parlamentsmehrheit (15 Prozent Abgeordnete, 10 Prozent Senatoren) und konnte bis Juli 2024 kein Gesetz durchbringen – was seine bisherigen Erfolge umso bemerkenswerter macht. Nach den Wahlen im Oktober 2025 könnte eine zweite Phase mit Arbeitsmarktreformen, Liberalisierung von Gesundheits- und Bildungswesen sowie Steuersenkungen (von über 100 auf sechs Steuern) folgen. Der IWF prognostiziert über 5 Prozent Wachstum für 2025; Steuereinnahmen sollen für weitere Senkungen verwendet werden.

Freihandel versus Protektionismus: Theoretische Grundlagen und historische Einwände

Die Mainstream-Ökonomie und die Österreichische Schule betonen die Vorteile des Freihandels auf Basis komparativer Vorteile (David Ricardo). Spezialisierung steigert die Produktion und den Wohlstand für alle Beteiligten – nicht nur zwischen Nationen, sondern auch Individuen oder Regionen (vgl. Ricardo 1817). Historische Beispiele wie das Deutsche Kaiserreich, die USA bis zum Zweiten Weltkrieg oder China werden oft als Beleg für erfolgreichen Protektionismus angeführt. Allerdings kann die Empirie keine Kausalität isolieren; tausende nicht messbare Faktoren überlagern sich. Die Theorie der Österreichischen Schule, a priori hergeleitet, zeigt: Zölle sind Steuern, die Konsumenten schaden und die eigene Wirtschaft ins eigene Fleisch schneiden. Protektionismus behindert die internationale Arbeitsteilung. Selbst wenn Trump Zölle strategisch zur Neuverhandlung einsetzt, bleibt das Risiko eines Handelskriegs wie beim Smoot-Hawley-Tariff 1930, der die Große Depression verschärfte. Die EU erhebt selbst höhere Zölle auf US-Autos und nutzt nicht-tarifäre Handelshemmnisse; Kritik an Trump ist daher heuchlerisch.

Währungspolitik, Dollarisierung und internationale Finanzierung

Milei strebt Währungswettbewerb an; der Dollar dient als praktikable Übergangslösung, da Argentinier seit Jahrzehnten in Dollars sparen und rechnen (der Peso verlor seit dem Zweiten Weltkrieg 13 Nullen). Die Federal Reserve produziert zwar eine Fiatwährung, doch sie ist stabiler als der Peso. IWF- und Weltbankkredite (über 40 Milliarden USD) dienten nicht der Defizitfinanzierung (wie unter früheren Regierungen), sondern der Tilgung interner Zentralbankschulden. Dadurch verbesserte sich die Bilanzqualität der Zentralbank, Kapitalverkehrskontrollen konnten aufgehoben werden, und die Dollarisierung rückte näher. Die Abhängigkeit von Washingtoner Institutionen birgt Risiken, doch in der akuten Krise ermöglichten sie die Stabilisierung ohne Steuererhöhungen oder Hyperinflation.

Kritik von Hans-Hermann Hoppe und pragmatische Umsetzung

Hans-Hermann Hoppe kritisiert Milei, insbesondere die langsame Umsetzung (z. B. keine sofortige Schließung der Zentralbank) und die außenpolitische Annäherung an die USA und Israel (vgl. Hoppe 2001; Hoppe 2024). Eine sofortige Zentralbankschließung hätte jedoch Hyperinflation und Chaos ausgelöst, mit gewalttätigen Protesten und möglichem Sturz der Regierung. Außenpolitisch war Argentinien zuvor mit Kuba, Venezuela und Brasilien unter Lula verbündet; die Hinwendung zu den USA ermöglichte IWF-Kredite und stabilisierte die Reformen. Milei handelt als Pragmatiker: theoretischer Anarchokapitalist, praktischer Minimalstaatler.

Implikationen und Handlungsempfehlungen für Deutschland

Deutschland könnte von Mileis Ansatz lernen. Die Staatsausgaben sollten radikal gekürzt werden – zunächst um 30 Prozent im ersten Jahr, dann jährlich um 10 Prozent. Ein Deregulierungsministerium müsste das Regulierungsnetzwerk abbauen. Im Geldsystem sollte die Eurozone zu einem vollgedeckten Goldstandard finden oder sich auflösen, damit stabile Währungsländer (mit Golddeckung) wachsen und inflationäre Systeme scheitern können. Diese Maßnahmen würden Ressourcen für die Privatwirtschaft freisetzen, Innovation ermöglichen und langfristigen Wohlstand sichern.

Quellen & Literatur

  1. Bagus, P. (2024) Die Ära Milei: Argentiniens neuer Weg. Langen Müller Verlag, München.
  2. Hayek, F. A. (1988) The Fatal Conceit: The Errors of Socialism. University of Chicago Press, Chicago.
  3. Hoppe, H.-H. (2001) Democracy: The God That Failed. Transaction Publishers, New Brunswick.
  4. Hoppe, H.-H. (2024) Remarks on Javier Milei, Property and Freedom Society Conference (PFS 2024).
  5. Huerta de Soto, J. (2009) Money, Bank Credit, and Economic Cycles. Ludwig von Mises Institute, Auburn.
  6. Kuehnelt-Leddihn, E. v. (1974) Leftism: From de Sade and Marx to Hitler and Marcuse. Arlington House, New Rochelle.
  7. Ricardo, D. (1817) On the Principles of Political Economy and Taxation. John Murray, London.

* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf einem Video-Interview mit dem Autor vom 03.05.2025; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.

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