Neue Sichtweisen auf die Tragfähigkeit von Staatsschulden: Eine bilanzielle Analyse europäischer Staatsfinanzen

_ Christopher Kofner, Geschäftsführer & Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 04.06.2026.

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Die Maastricht-Schuldenquote ist wichtig, aber unvollständig. Deutschland lag 2023 mit 62,3 Prozent des BIP knapp über der Maastricht-Referenzgröße von 60 Prozent. Diese Kennziffer zeigt die Schulden relativ zur jährlichen Wirtschaftsleistung, nicht aber relativ zur Vermögensbasis des Staates oder der Volkswirtschaft.
  • Die Tragfähigkeit von Staatsschulden sollte nicht eindimensional anhand der Maastricht-Schuldenquote bewertet werden, sondern durch eine Mehrkennzahlenanalyse aus Schulden/BIP, Schulden/Netto-Volksvermögen, Schulden/Brutto- und Netto-Staatsvermögen, Nettostaatsschuld/BIP, Zinslast/Staatseinnahmen sowie Gläubiger- und Laufzeitenstruktur, weil erst diese Kombination die laufende Zahlungsfähigkeit, die bilanzielle Vermögensbasis und die tatsächliche Refinanzierungsbelastung des Staates sichtbar macht.
  • Die Vermögensperspektive relativiert die deutsche Schuldenlage erheblich. Gemessen am Netto-Volksvermögen betrugen die deutschen Staatsschulden 2023 nur 10,3 Prozent. Daraus folgt nicht, dass der Staat frei über das Volksvermögen verfügen kann, aber es zeigt, dass die Staatverschuldung in Relation zur starken gesamtwirtschaftlichen Vermögensbasis Deutschlands gering ist.
  • Die staatliche Bilanz Deutschlands ist positiv, aber nicht grenzenlos belastbar. Deutschland hatte 2023 ein Brutto-Staatsvermögen von 4.580,2 Mrd. Euro und ein Netto-Staatsvermögen von 1.722,3 Mrd. Euro. Der Maastricht-Schuldenstand von 2.630,5 Mrd. Euro entsprach 57,4 Prozent des Brutto-Staatsvermögens und 152,7 Prozent des Netto-Staatsvermögens. Deutschland steht besser da als Italien, Griechenland, Belgien, Spanien oder Portugal, besitzt aber keinen unbegrenzten fiskalischen Spielraum.
  • Die Zinslast ist für die praktische Tragfähigkeit zentral. Deutschland musste 2023 nur 1,8 Prozent seiner Staatsausgaben und 1,9 Prozent seiner Staatseinnahmen für Zinsen aufwenden. Das ist ein deutlich günstigerer Befund als in Ungarn, Italien oder Griechenland. Für neue Schulden ist daher entscheidend, wie sie sich auf künftige Zinsen, staatliche Anleiherenditen, Laufzeiten und Staatseinnahmen auswirken.
  • Die Nettostaatsschuld liefert ein deutlich differenzierteres Bild als die Bruttoschuld. Deutschland lag 2023 bei einer vereinfachten Nettostaatsschuld von 862,8 Mrd. Euro beziehungsweise 20,4 Prozent des BIP. Die EU-27 lag bei 31,1 Prozent. Staaten wie Finnland, Schweden, Luxemburg und Dänemark wiesen negative Nettostaatsschulden auf, weil ihre staatlichen Finanzaktiva den Maastricht-Schuldenstand überstiegen.
  • Neue Schulden sind nur dann ökonomisch vertretbar, wenn sie produktiv wirken und die künftige Schuldentragfähigkeit nicht untergraben. Zusätzliche Kreditaufnahme sollte auf Investitionen konzentriert werden, die langfristig Wachstum, Sicherheit, Infrastruktur, Energieversorgung, Digitalisierung, Forschung und industrielle Leistungsfähigkeit stärken. Schulden für konsumtive Dauerlasten ohne Wachstumseffekt verschlechtern dagegen die langfristige Tragfähigkeit. Entscheidend ist dabei nicht nur der zusätzliche Schuldenstand selbst, sondern vor allem, wie sich neue Nettokreditaufnahme mittelfristig auf den Zinsdienst auswirkt: Regierungen müssen belastbare Projektionen erstellen, wie zusätzliche Verschuldung die Zinsausgaben im Verhältnis zu den Staatseinnahmen und Staatsausgaben verändert, wie sich höhere Anleiherenditen, Laufzeitenstruktur und Refinanzierungsbedingungen auf den Haushalt auswirken und ab welchem Punkt der Zinsdienst politische Gestaltungsspielräume spürbar verdrängt.
  • Deutschland braucht eine staatliche Bilanzpolitik statt bloßer Schuldenrhetorik. Die Finanzpolitik sollte regelmäßig nicht nur Schulden/BIP ausweisen, sondern auch Staatsvermögen, Netto-Staatsvermögen, Nettostaatsschuld, Zinslast, Laufzeitenstruktur, Gläubigerstruktur und Investitionsrendite. Nur eine solche Mehrkennzahlenanalyse ermöglicht eine realistische Beurteilung fiskalischer Spielräume.

1. Einleitung: Staatsschulden, Finanzierungssalden und die Grenzen der klassischen Schuldenquote

Die öffentliche Debatte über Staatsschulden bleibt in Deutschland und Europa weitgehend von einer engen Kennziffer dominiert: dem Verhältnis des konsolidierten Bruttoschuldenstands des Gesamtstaates zum Bruttoinlandsprodukt. Diese Kennzahl ist politisch wirkmächtig, weil sie den Maastricht-Regeln und dem Stabilitäts- und Wachstumspakt zugrunde liegt. Sie ist aber analytisch unvollständig. Sie setzt eine Bestandsgröße, nämlich den Schuldenstand des Staates, in Relation zu einer Flussgröße, nämlich der jährlich erwirtschafteten Wirtschaftsleistung. Damit zeigt sie zwar die Schuldenlast im Verhältnis zur laufenden ökonomischen Leistung, blendet aber die Vermögensseite der Volkswirtschaft und des Staates weitgehend aus.

Die Debatte über Staatsschulden muss deshalb breiter geführt werden. Prof. Dr. Heiner Flassbeck, Vertreter der heterodoxen Ökonomie und der post-keynesianischen Schule, argumentiert seit Jahren saldenmechanisch: Wenn private Haushalte sparen, Unternehmen seit der globalen Finanzkrise vielfach nicht mehr Netto-Schuldner, sondern Netto-Sparer sind und zugleich die Nachfrage aus dem Ausland abnimmt, muss irgendein Sektor als Nettoschuldner auftreten, damit die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabil bleibt. In Deutschland wurde diese Lücke lange durch das Ausland geschlossen, also durch Leistungsbilanzüberschüsse und damit durch eine Verschuldung des Auslands gegenüber Deutschland. Nimmt diese Auslandsnachfrage ab, verschärft sich das Problem. Aus saldenmechanischer Perspektive bleibt dann vor allem der Staat, wenn weder Unternehmen noch Ausland ausreichend Nachfrage erzeugen. Flassbeck kritisiert daher eine Schuldenpolitik, die den Staat isoliert betrachtet und den Zusammenhang zwischen Finanzierungssalden, privatem Sparen, Investitionen, Außenhandel und Nachfrage ausblendet.[1]

Diese Argumentation folgt nicht der neoklassischen oder österreichischen Sicht, nach der Staatsschulden primär als Belastung, Verdrängung privater Investitionen oder Gefahr künftiger Inflation erscheinen. Sie setzt vielmehr bei der gesamtwirtschaftlichen Buchhaltungslogik an: Die Schulden des einen Sektors sind die Forderungen eines anderen Sektors. Weltweit kann nicht jeder Sektor gleichzeitig sparen. Wenn Haushalte, Unternehmen und Ausland nicht in hinreichendem Umfang Schulden aufnehmen, wird der staatliche Finanzierungssaldo zur entscheidenden makroökonomischen Gegenposition.[2]

Flassbeck betont zudem, dass Inflation nicht mechanisch aus der Geldmenge folgt, sondern in modernen Volkswirtschaften wesentlich durch Lohnpolitik, Auslastung, Fiskalpolitik, Wechselkurse, Energiepreise und Angebotsschocks bestimmt wird.[3] Ebenso wird die Tragfähigkeit hoher Staatsschulden stark durch das Verhältnis von Zinssatz und nominalem Wachstum geprägt. Solange der effektive Zins auf die Staatsschuld unterhalb des nominalen Wachstums liegt, kann die Schuldenquote auch bei fortbestehenden Schulden stabilisiert oder reduziert werden. Aus dieser Perspektive ist eine niedrige, investitionsfreundliche Zinsstruktur nicht nur im Interesse des Staates, sondern auch im Interesse der Realwirtschaft, weil niedrige Zinsen produktive Unternehmensinvestitionen in Maschinen, Anlagen, Fuhrpark und sonstiges Sachkapital attraktiver machen, wenn deren erwartete Rendite über der Rendite rein finanzieller Anlagen wie Staatsanleihen liegt.

Hinzu kommt ein oft unterschätzter Punkt: Der Zinsdienst des Staates ist zwar eine Ausgabe des öffentlichen Haushalts, aber zugleich eine Einnahme der Gläubiger. Wenn ein großer Teil der Staatsschulden im Inland gehalten wird, fließen Zinszahlungen an inländische Haushalte, Banken, Versicherungen, Fonds oder die Zentralbank zurück. Damit erweitert sich die Betrachtung über die neoklassische oder österreichische Sicht hinaus, in der Staatsschulden fast ausschließlich als Belastung erscheinen: Die Lasten des Staates sind zugleich Forderungen und Zinserträge der Privatwirtschaft, deren Rolle als Gläubiger damit ausdrücklich sichtbar wird. Flassbeck betont daher, dass es sich weniger um ein reines Schuldenproblem als vielmehr um ein Verteilungsproblem handelt. Institutionelle Anleger und vermögende Haushalte halten überproportional Staatsanleihen oder entsprechende Anlageprodukte; sie erhalten daher auch überproportional Zinseinkommen. Zugleich ist es grundsätzlich zu begrüßen, wenn private Gläubiger durch Kapitalbereitstellung Erträge erzielen, solange daraus keine fiskalische Abhängigkeit des Staates von rentenorientierten Finanzinteressen entsteht. Besonders relevant ist der Fall, in dem die Zentralbank große Bestände an Staatsschuldtiteln hält, weil Zentralbankgewinne grundsätzlich an den Staat ausgeschüttet werden können.[4]

Die folgende Tabelle zeigt die Gläubigerstruktur der deutschen Staatsschulden in Maastricht-Abgrenzung Anfang 2025. Sie verdeutlicht, dass die deutsche Staatsschuld nicht einfach eine anonyme Last gegenüber „dem Kapitalmarkt“ ist, sondern konkrete Gläubigergruppen hat.

Tabelle 1: Gläubigerstruktur der deutschen Staatsschulden in Maastricht-Abgrenzung, Anfang 2025

Gesamter Schuldenstand: rund 2.700 Mrd. Euro.

Gläubigergruppe
Betrag, Mrd. EUR
Anteil am Maastricht-Schuldenstand
Ausländische Gläubiger 1.320 48,9 %
Inländische Gläubiger insgesamt 1.380 51,1 %
davon: Deutsche Bundesbank 605 22,4 %
davon: inländische Geschäftsbanken 492 18,2 %
davon: inländische Versicherungen und Fonds 206 7,6 %
davon: sonstige inländische Gläubiger 77 2,9 %
Gesamt 2.700 100,0 %

Quelle: Deutsches Steuerzahlerinstitut des Bundes der Steuerzahler e. V.; Berechnung auf Basis von Daten der Deutschen Bundesbank.[5]

Laut Analyse des Deutschen Steuerzahlerinstituts des Bundes der Steuerzahler e. V. auf Basis der Deutschen Bundesbank beliefen sich die deutschen Staatsschulden in Maastricht-Abgrenzung Anfang 2025 auf rund 2,7 Billionen Euro. Davon wurden 1.320 Milliarden Euro beziehungsweise 48,9 Prozent von ausländischen Gläubigern gehalten. Auf inländische Gläubiger entfielen insgesamt 1.380 Milliarden Euro beziehungsweise 51,1 Prozent. Das ist grundsätzlich positiv, weil damit mehr als die Hälfte der deutschen Staatsschulden formal im Inland gehalten wird und ein erheblicher Teil des Zinsdienstes des Staates an inländische Gläubiger zurückfließt. Besonders relevant ist die Bundesbank, die mit 605 Milliarden Euro beziehungsweise 22,4 Prozent einen erheblichen Anteil der deutschen Staatsschulden hält; ihre Gewinne können zumindest theoretisch wieder an den Staat zurückfließen. Hinzu kommen inländische Geschäftsbanken mit 492 Milliarden Euro beziehungsweise 18,2 Prozent, inländische Versicherungen und Fonds mit 206 Milliarden Euro beziehungsweise 7,6 Prozent sowie sonstige inländische Gläubiger mit 77 Milliarden Euro beziehungsweise 2,9 Prozent. Problematisch bleibt dennoch, dass knapp die Hälfte der deutschen Staatsschulden von ausländischen Gläubigern gehalten wird. Zudem ist nicht eindeutig erkennbar, welcher Anteil der formal inländischen institutionellen Anleger wirtschaftlich letztlich ausländisch beherrscht ist, etwa wenn in Deutschland ansässige Gesellschaften Zinseinnahmen an Mutterkonzerne im Ausland weiterleiten.[5]

Die internationale Literatur hat die Einseitigkeit klassischer Schuldenkennziffern inzwischen breit aufgearbeitet. Besonders der Internationale Währungsfonds hat mit dem Fiscal Monitor: Managing Public Wealth von 2018, der Public Sector Balance Sheet Database von 2020 und dem Working Paper Beyond Debt: Net Worth Fiscal Anchors von Chai, Harris und Tieman aus dem Jahr 2024 den Übergang von einer reinen Bruttoschulden- und Schulden-BIP-Betrachtung zu einer bilanziellen Sicht auf öffentliche Finanzen vorangetrieben. Public-Sector-Balance-Sheets erfassen nicht nur Schulden und Defizite, sondern die Gesamtheit dessen, was der Staat besitzt und schuldet.[6] Chai, Harris und Tieman schlagen sogar vor, mittelfristige Fiskalpolitik an einem Ziel für das Nettovermögen des öffentlichen Sektors auszurichten, weil dadurch öffentliche Vermögenswerte ebenso berücksichtigt werden wie Verbindlichkeiten.[7] Ergänzend argumentieren Detter und Fölster in The Public Wealth of Nations, die Weltbank mit Arbeiten zu Government Balance Sheets sowie Ball, Buiter, Crompton, Detter und Soll in Public Net Worth, dass staatliche Vermögenswerte, Verbindlichkeiten und Nettovermögen systematisch erfasst werden müssen, um fiskalische Stärke realistisch zu bewerten.[8]

Bisher fehlt jedoch weitgehend eine kompakte, ländervergleichende Anwendung dieser Bilanzlogik auf die EU-Mitgliedstaaten, die Staatsschulden nicht nur zum BIP, sondern auch zum gesamtwirtschaftlichen Volksvermögen, zum Staatsvermögen, zur Zinslast und zur Nettostaatsschuld ins Verhältnis setzt. Genau hier liegt der Mehrwert der vorliegenden Analyse: Sie überträgt die Public-Net-Worth- und Bilanz-Perspektive auf vergleichbare Eurostat-Daten für Europa und macht sichtbar, wie stark sich die Bewertung staatlicher Verschuldung verändert, wenn Schulden als Bestandsgröße konsequent mit Vermögensbeständen und laufenden Belastungskennziffern verglichen werden.

2. Methodik: Fünf Perspektiven auf Staatsschuldentragfähigkeit

Diese Analyse untersucht die Tragfähigkeit der Staatsschulden nicht nur anhand der klassischen Schuldenquote, also des Verhältnisses von Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt, sondern zusätzlich anhand mehrerer vermögens- und belastungsbezogener Kennziffern. Erstens wird der Maastricht-Schuldenstand ins Verhältnis zum nominalen BIP gesetzt. Zweitens wird der Maastricht-Schuldenstand in Relation zum Netto-Volksvermögen gesetzt. Drittens wird er mit dem Brutto- und Netto-Staatsvermögen verglichen. Viertens werden die Zinsausgaben des Gesamtstaates in Relation zu den gesamten Staatsausgaben und den gesamten Staatseinnahmen analysiert. Fünftens wird die vereinfachte Nettostaatsschuld in Relation zum BIP betrachtet.

Alle quantitativen Daten stammen aus Eurostat-Tabellen oder darauf basierenden Auszügen. Im Mittelpunkt steht das Jahr 2023, weil für dieses Jahr die erforderlichen Datenreihen im vorliegenden Datensatz vollständig genug vorliegen. Die Tabellen beruhen insbesondere auf Eurostat-Daten zum konsolidierten Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates, zum nominalen BIP, zu finanziellen Bilanzen der institutionellen Sektoren, zu nichtfinanziellen Vermögenswerten, zu Staatseinnahmen, Staatsausgaben und Zinsausgaben.[9]

Der zentrale methodische Punkt ist die Unterscheidung zwischen Flussgrößen und Bestandsgrößen. Das BIP ist eine Flussgröße: Es misst die in einem Jahr erzeugte Wirtschaftsleistung. Staatsschulden, Volksvermögen, Staatsvermögen, Finanzaktiva und Verbindlichkeiten sind dagegen Bestandsgrößen. Der klassische Schuldenquotenvergleich ist daher nicht falsch, aber unvollständig. Er zeigt die Verschuldung relativ zur laufenden Wirtschaftsleistung, nicht relativ zur Vermögensbasis.

3. Die klassische Schuldenquote: Maastricht-Schuldenstand in Relation zum BIP

Der konsolidierte Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates, häufig auch Maastricht-Schuldenstand genannt, ist die zentrale europäische Schuldenkennziffer. Sie misst den Bruttoschuldenstand des Staatssektors in harmonisierter Abgrenzung. In der folgenden Tabelle wird dieser Schuldenstand für das Jahr 2023 in Relation zum nominalen BIP gesetzt.

Tabelle 2: Konsolidierter Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates in Relation zum BIP, 2023

Formel: Schuldenquote = konsolidierter Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates / nominales BIP × 100.

Land
BIP 2023, Mio. EUR
Konsolidierter Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates 2023, Mio. EUR
Schuldenstand in % des BIP
EU-27 17.256.923,3 13.897.258,4 80,5 %
Belgien 601.866,5 617.175,3 102,5 %
Bulgarien 94.525,1 21.675,0 22,9 %
Tschechien 319.099,1 130.808,2 41,0 %
Dänemark 374.173,6 123.309,6 33,0 %
Deutschland 4.219.310,0 2.630.547,0 62,3 %
Estland 38.353,4 7.736,3 20,2 %
Irland 524.728,8 219.276,9 41,8 %
Griechenland 224.686,2 369.110,0 164,3 %
Spanien 1.497.761,0 1.575.376,7 105,2 %
Frankreich 2.826.541,5 3.103.248,0 109,8 %
Kroatien 79.186,3 48.263,9 60,9 %
Italien 2.142.744,4 2.869.976,2 133,9 %
Zypern 32.439,2 23.056,3 71,1 %
Lettland 39.564,2 17.578,5 44,4 %
Litauen 74.317,0 27.580,5 37,1 %
Luxemburg 82.115,5 20.267,8 24,7 %
Ungarn 196.983,7 144.025,0 73,1 %
Malta 20.929,2 9.817,9 46,9 %
Niederlande 1.050.133,0 481.481,0 45,8 %
Österreich 477.837,3 371.621,4 77,8 %
Polen 751.931,7 389.736,4 51,8 %
Portugal 270.352,6 261.889,1 96,9 %
Rumänien 321.577,9 157.616,2 49,0 %
Slowenien 64.050,0 43.738,9 68,3 %
Slowakei 123.538,7 68.882,2 55,8 %
Finnland 273.005,0 210.338,0 77,0 %
Schweden 535.176,8 178.514,3 33,4 %

Quellen: ECB (2026) & Eurostat (2026). [9]          

Die EU-27 lag 2023 bei einem konsolidierten Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates von 13,90 Billionen Euro gegenüber einem nominalen BIP von 17,26 Billionen Euro. Daraus ergibt sich eine Schuldenquote von 80,5 Prozent des BIP. Deutschland verzeichnete 2023 einen konsolidierten Bruttoschuldenstand von 2,63 Billionen Euro bei einem nominalen BIP von 4,22 Billionen Euro, also 62,3 Prozent des BIP. Die höchsten Schuldenquoten hatten Griechenland mit 164,3 Prozent, Italien mit 133,9 Prozent, Frankreich mit 109,8 Prozent, Spanien mit 105,2 Prozent und Belgien mit 102,5 Prozent. Diese Länder lagen deutlich über der Maastricht-Referenzgröße von 60 Prozent des BIP. Ebenfalls über 60 Prozent lagen Deutschland, Kroatien, Zypern, Ungarn, Österreich, Portugal, Slowenien und Finnland. Unter der Referenzgröße lagen Bulgarien, Tschechien, Dänemark, Estland, Irland, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, die Niederlande, Polen, Rumänien, die Slowakei und Schweden. Besonders niedrige Schuldenquoten hatten Estland mit 20,2 Prozent, Bulgarien mit 22,9 Prozent, Luxemburg mit 24,7 Prozent, Dänemark mit 33,0 Prozent und Schweden mit 33,4 Prozent.

Die klassische Schuldenquote zeigt damit ein klares Belastungsgefälle innerhalb Europas. Sie sagt jedoch noch nicht, wie hoch die Schulden im Verhältnis zum staatlichen oder gesamtwirtschaftlichen Vermögen sind. Sie blendet die Vermögensbasis aus und kann dadurch fiskalische Stärke oder Schwäche verzerren.

4. Staatsschulden in Relation zum Netto-Volksvermögen

Das Netto-Volksvermögen wird hier als gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand nach Abzug der finanziellen Verbindlichkeiten verstanden. Es umfasst nichtfinanzielle Vermögenswerte wie Gebäude, Maschinen, Infrastruktur, Grundstücke und immaterielle Vermögenswerte zuzüglich des finanziellen Nettovermögens, also Finanzaktiva abzüglich Finanzverbindlichkeiten. Diese Nettogröße ist für einen Bestandsvergleich besser geeignet als das Brutto-Volksvermögen, weil Brutto-Finanzaktiva innerhalb einer Volkswirtschaft häufig spiegelbildlich Verbindlichkeiten anderer inländischer Sektoren sind. Eine Bankeinlage ist für den Haushalt ein Vermögenswert, für die Bank aber eine Verbindlichkeit. Eine Staatsanleihe ist für den Käufer ein Vermögenswert, für den Staat eine Schuld. Das Brutto-Volksvermögen kann solche innerwirtschaftlichen Forderungen stark aufblähen. Das Netto-Volksvermögen misst dagegen die verbleibende gesamtwirtschaftliche Vermögensbasis und ist deshalb die sauberere Bezugsgröße, wenn ein Schuldenbestand mit einem Vermögensbestand verglichen werden soll.

Tabelle 3: Konsolidierter Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates in Relation zum Netto-Volksvermögen, 2023

Formel: Schuldenquote zum Netto-Volksvermögen = konsolidierter Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates / Netto-Volksvermögen × 100.

Staat
Konsolidierter Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates 2023, Mrd. EUR
Netto-Volksvermögen 2023, Mrd. EUR
Schuldenstand in % des Netto-Volksvermögens
Österreich 371,6 3.131,5 11,9 %
Belgien 617,2 2.357,9 26,2 %
Bulgarien 21,7 365,5 5,9 %
Kroatien 48,3 331,3 14,6 %
Zypern 23,1 58,9 39,1 %
Tschechien 130,8 1.692,5 7,7 %
Dänemark 123,3 1.523,0 8,1 %
Estland 7,7 155,4 5,0 %
Finnland 210,3 1.377,5 15,3 %
Frankreich 3.103,2 19.053,7 16,3 %
Deutschland 2.630,5 25.526,9 10,3 %
Griechenland 369,1 249,0 148,2 %
Ungarn 144,0 850,9 16,9 %
Irland 219,3 773,5 28,3 %
Italien 2.870,0 7.611,5 37,7 %
Lettland 17,6 116,2 15,1 %
Litauen 27,6 220,9 12,5 %
Luxemburg 20,3 217,0 9,3 %
Malta 9,8 65,2 15,1 %
Niederlande 481,5 5.915,6 8,1 %
Polen 389,7 741,6 52,6 %
Portugal 261,9 705,4 37,1 %
Rumänien 157,6 1.020,2 15,4 %
Slowakei 68,9 519,6 13,3 %
Slowenien 43,7 230,7 19,0 %
Spanien 1.575,4 5.057,0 31,2 %
Schweden 178,5 3.258,2 5,5 %

Quellen: Eurostat (2026). [9]

Die neue Tabelle verändert die Perspektive deutlich gegenüber der klassischen Schuldenquote zum BIP. Deutschland hatte 2023 Staatsschulden von 2,63 Billionen Euro. Gemessen am BIP entsprach das 62,3 Prozent, gemessen am Netto-Volksvermögen aber nur 10,3 Prozent. Auch Frankreich fällt von 109,8 Prozent des BIP auf 16,3 Prozent des Netto-Volksvermögens, die Niederlande von 45,8 Prozent des BIP auf 8,1 Prozent des Netto-Volksvermögens und Schweden von 33,4 Prozent des BIP auf 5,5 Prozent des Netto-Volksvermögens. Der Grund ist einfach: Das Netto-Volksvermögen ist eine große Bestandsgröße, während das BIP nur die jährliche Wirtschaftsleistung misst. Für vermögensstarke Länder sieht der Staatsschuldenstand im Verhältnis zur gesamtwirtschaftlichen Vermögensbasis daher deutlich weniger dramatisch aus als im Verhältnis zur jährlichen Produktion.

Die Rangfolge verschiebt sich aber nicht überall zugunsten hochverschuldeter Staaten. Griechenland bleibt mit 148,2 Prozent des Netto-Volksvermögens der klare Ausreißer; seine Staatsschulden übersteigen das ausgewiesene Netto-Volksvermögen deutlich. Polen liegt mit 52,6 Prozent beim Vergleich mit dem Netto-Volksvermögen ähnlich hoch wie bei der BIP-Quote von 51,8 Prozent, weil das ausgewiesene Netto-Volksvermögen im Verhältnis zum Schuldenstand relativ niedrig ist. Italien und Portugal erscheinen im Vermögensvergleich zwar deutlich weniger belastet als in der BIP-Quote, bleiben aber mit 37,7 Prozent beziehungsweise 37,1 Prozent im oberen Bereich. Der Vermögensvergleich relativiert also die Schuldenlage vieler Länder, ersetzt aber die BIP-Quote nicht vollständig: Das Netto-Volksvermögen gehört zu großen Teilen privaten Haushalten und Unternehmen und steht dem Staat nicht automatisch zur Schuldentilgung zur Verfügung. Es zeigt die gesamtwirtschaftliche Vermögensbasis, während die BIP-Quote weiterhin die laufende Wirtschaftsleistung und damit indirekt die Steuerbasis abbildet.

Griechenland, Polen und Portugal folgen demselben Muster: Das Netto-Volksvermögen wird dort durch ein negatives finanzielles Nettovermögen der Gesamtwirtschaft stark gedrückt, und dieses Minus entsteht nicht allein durch den Staat, sondern in erheblichem Umfang durch die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften. In Griechenland lag das finanzielle Nettovermögen 2023 bei −331,6 Mrd. Euro; Haupttreiber waren der Staat mit −296,0 Mrd. Euro und die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften mit −229,3 Mrd. Euro, während die Haushalte mit +223,8 Mrd. Euro gegenwirkten. In Polen betrug das gesamtwirtschaftliche finanzielle Nettovermögen −247,9 Mrd. Euro, verursacht vor allem durch die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften mit −478,5 Mrd. Euro und zusätzlich durch den Staat mit −282,8 Mrd. Euro, während die Haushalte +529,6 Mrd. Euro beisteuerten. In Portugal lag das finanzielle Nettovermögen bei −195,8 Mrd. Euro; auch hier waren die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften mit −341,8 Mrd. Euro stärker negativ als der Staat mit −192,9 Mrd. Euro, während die Haushalte mit +358,8 Mrd. Euro einen positiven Gegenposten bildeten. Diese Befunde stützen die saldenmechanische Interpretation Flassbecks: Wenn die Unternehmen selbst bereits Nettoschuldner sind, besteht aus saldenmechanischer Sicht kein zwingender Grund, dass der Staat zusätzlich in besonders großem Umfang als Nettoschuldner einspringt; eine geringere staatliche Verschuldung hätte in diesen Ländern das Netto-Volksvermögen weniger belastet und die Quote „Staatsschulden zum Netto-Volksvermögen“ entsprechend niedriger ausfallen lassen.[1] Italien ist anders gelagert: Die Gesamtwirtschaft hatte 2023 trotz hoher Staatsschulden ein leicht positives finanzielles Nettovermögen von +184,5 Mrd. Euro. Die hohe Quote von 37,7 Prozent erklärt sich dort vor allem durch den sehr hohen staatlichen Schuldenstand von 2.870,0 Mrd. Euro und die stark negative Finanzposition des Staates von −2.611,4 Mrd. Euro, während die Haushalte mit +4.771,8 Mrd. Euro die negativen Positionen von Staat und Unternehmen weitgehend überkompensierten.

5. Staatsschulden in Relation zum Brutto- und Netto-Staatsvermögen

Das Brutto-Staatsvermögen wurde als Summe aus den in den Eurostat-Tabellen verfügbaren nichtfinanziellen Vermögenswerten des Staates und den finanziellen Aktiva des Staates berechnet. Es handelt sich also nicht um „brutto“ im Sinne eines unverminderten Kapitalstocks ohne Abschreibungen, sondern um die Aktivseite der staatlichen Vermögensbilanz vor Abzug finanzieller Verbindlichkeiten. Das Netto-Staatsvermögen wurde berechnet als staatliche nichtfinanzielle Vermögenswerte plus staatliche Finanzaktiva minus staatliche finanzielle Verbindlichkeiten. Der Vergleich mit dem Brutto-Staatsvermögen zeigt, wie hoch der offizielle Maastricht-Schuldenstand im Verhältnis zur staatlichen Aktivseite ist. Der Vergleich mit dem Netto-Staatsvermögen ist bilanziell schärfer, weil die staatlichen Verbindlichkeiten bereits abgezogen sind.

Bei der Interpretation ist entscheidend, dass viele staatliche Vermögenswerte – Straßen, Schulen, Verwaltungsgebäude, Infrastruktur, Grundstücke – nicht kurzfristig liquidierbar sind. Zudem sind die gesamten finanziellen Verbindlichkeiten der staatlichen Finanzbilanz nicht identisch mit dem Maastricht-Schuldenstand, sondern breiter definiert. Diese Größen dürfen deshalb nicht als zwei unabhängige Schuldenblöcke additiv interpretiert werden.

Der Vergleich soll zeigen, in welchem Umfang der Maastricht-Schuldenstand rein theoretisch durch das eigene Nettovermögen des Staates gedeckt oder kompensiert werden könnte. Anders als privates Volksvermögen steht dem Staat sein eigenes Vermögen grundsätzlich eher als potenzielle Bilanzmasse zur Verfügung, etwa durch Veräußerung, Privatisierung oder Beleihung staatlicher Aktiva. Das bedeutet nicht, dass Schulen, Straßen, Verwaltungsgebäude, Infrastruktur oder Beteiligungen kurzfristig und politisch sinnvoll liquidiert werden könnten; der Indikator zeigt aber, ob der Staat bilanziell überhaupt über eine positive eigene Nettovermögensbasis verfügt, mit der seine Schulden theoretisch teilweise oder vollständig wettgemacht werden könnten.

Tabelle 4: Konsolidierter Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates in Relation zum Brutto- und Netto-Staatsvermögen, 2023

Hinweis: Bei negativem Netto-Staatsvermögen ist eine positive Prozentquote „Schulden / Netto-Staatsvermögen“ nicht sinnvoll interpretierbar; deshalb steht dort „—“. Rein rechnerisch entstünden negative Quoten, die ökonomisch missverständlich wären.

Staat
Maastricht-Schuldenstand 2023, Mrd. EUR
Brutto-Staatsvermögen 2023, Mrd. EUR
Schulden / Brutto-Staatsvermögen
Netto-Staatsvermögen 2023, Mrd. EUR
Schulden / Netto-Staatsvermögen
Österreich 371,6 728,6 51,0 % 193,7 191,9 %
Belgien 617,2 501,4 123,1 % −182,9
Bulgarien 21,7 81,5 26,6 % 50,3 43,1 %
Kroatien 48,3 135,5 35,6 % 48,6 99,2 %
Zypern 23,1 43,5 53,0 % 2,9 808,0 %
Tschechien 130,8 643,5 20,3 % 468,2 27,9 %
Dänemark 123,3 469,4 26,3 % 263,4 46,8 %
Estland 7,7 43,5 17,8 % 28,0 27,6 %
Finnland 210,3 610,4 34,5 % 372,0 56,5 %
Frankreich 3.103,2 4.420,5 70,2 % 731,7 424,1 %
Deutschland 2.630,5 4.580,2 57,4 % 1.722,3 152,7 %
Griechenland 369,1 314,1 117,5 % −165,9
Ungarn 144,0 310,9 46,3 % 138,3 104,1 %
Irland 219,3
Italien 2.870,0 1.785,9 160,7 % −1.498,3
Lettland 17,6 50,6 34,8 % 21,2 83,0 %
Litauen 27,6 65,5 42,1 % 36,1 76,3 %
Luxemburg 20,3 124,3 16,3 % 98,2 20,6 %
Malta 9,8 14,1 69,6 % 1,0 1.016,0 %
Niederlande 481,5 1.032,2 46,6 % 352,8 136,5 %
Polen 389,7 542,4 71,9 % −4,2
Portugal 261,9 313,9 83,4 % −74,2
Rumänien 157,6 401,5 39,3 % 192,1 82,1 %
Slowakei 68,9 179,6 38,3 % 55,3 124,6 %
Slowenien 43,7 81,0 54,0 % 28,8 151,8 %
Spanien 1.575,4 1.666,8 94,5 % −399,8
Schweden 178,5 1.042,1 17,1 % 702,2 25,4 %

Quellen: Eurostat (2026). [9]          

Der Vermögensvergleich zeigt deutlich, dass mehrere Staaten auch bilanziell stark belastet sind. Besonders auffällig sind Italien, Belgien, Griechenland, Spanien, Portugal und Polen. In diesen Ländern liegt der Maastricht-Schuldenstand bereits bei 71,9 bis 160,7 Prozent des Brutto-Staatsvermögens; bei Italien beträgt er 160,7 Prozent, bei Belgien 123,1 Prozent, bei Griechenland 117,5 Prozent, bei Spanien 94,5 Prozent, bei Portugal 83,4 Prozent und bei Polen 71,9 Prozent. Noch deutlicher wird der Befund beim Netto-Staatsvermögen: Belgien, Griechenland, Italien, Polen, Portugal und Spanien weisen ein negatives Netto-Staatsvermögen aus. Dort besitzt der Staat bilanziell keine positive Nettovermögensbasis mehr, gegen die sich der Maastricht-Schuldenstand sinnvoll als positive Quote setzen ließe.

Deutschland steht mit einem Maastricht-Schuldenstand von 2.630,5 Mrd. Euro, einem Brutto-Staatsvermögen von 4.580,2 Mrd. Euro und einem Netto-Staatsvermögen von 1.722,3 Mrd. Euro solider da als Frankreich oder Italien. Dennoch entspricht der Schuldenstand bereits 57,4 Prozent des Brutto-Staatsvermögens und 152,7 Prozent des Netto-Staatsvermögens. Das bedeutet: Deutschland verfügt über eine positive staatliche Nettovermögensbasis, aber der Maastricht-Schuldenstand übersteigt diese Nettovermögensbasis deutlich. Besonders robuste staatliche Vermögenspositionen zeigen Schweden, Tschechien, Estland und Luxemburg, wo die Schulden sowohl im Verhältnis zum Brutto- als auch zum Netto-Staatsvermögen deutlich niedriger liegen.

6. Zinsausgaben des Gesamtstaates: Die laufende Belastung des Haushalts

Vermögenskennziffern zeigen die bilanzielle Bestandsrelation. Für die laufende fiskalische Tragfähigkeit ist jedoch der Zinsdienst mindestens ebenso wichtig. Die Zinsausgaben des Staates zeigen, welcher Anteil der Staatsausgaben und Staatseinnahmen bereits durch frühere Verschuldung gebunden ist. Jeder Euro, der für Zinsen verwendet werden muss, steht nicht für Infrastruktur, Bildung, innere Sicherheit, Verteidigung, Steuersenkungen oder Schuldentilgung zur Verfügung.

Tabelle 5: Zinsausgaben des Gesamtstaates in Relation zu Staatsausgaben und Staatseinnahmen, 2023

Formeln: Zinsausgabenquote an Staatsausgaben = Zinsausgaben / gesamte Staatsausgaben × 100; Zinsausgabenquote an Staatseinnahmen = Zinsausgaben / gesamte Staatseinnahmen × 100.

Staat
Zinsausgaben 2023, Mio. EUR
Gesamte Staatsausgaben 2023, Mio. EUR
Zinsausgaben in % der Staatsausgaben
Gesamte Staatseinnahmen 2023, Mio. EUR
Zinsausgaben in % der Staatseinnahmen
EU-27 295.421,0 8.444.340,8 3,5 % 7.850.588,9 3,8 %
Belgien 11.677,1 318.050,9 3,7 % 293.330,9 4,0 %
Bulgarien 467,4 36.724,1 1,3 % 34.840,6 1,3 %
Tschechien 4.104,0 140.362,9 2,9 % 128.445,4 3,2 %
Dänemark 2.556,3 177.351,5 1,4 % 190.186,2 1,3 %
Deutschland 36.848,0 2.031.433,0 1,8 % 1.926.184,0 1,9 %
Estland 138,4 16.524,3 0,8 % 15.504,2 0,9 %
Irland 3.399,8 116.592,3 2,9 % 124.021,8 2,7 %
Griechenland 7.612,0 111.255,0 6,8 % 108.042,0 7,0 %
Spanien 35.551,0 680.225,0 5,2 % 630.198,0 5,6 %
Frankreich 53.410,0 1.608.270,8 3,3 % 1.456.350,5 3,7 %
Kroatien 1.294,0 36.892,1 3,5 % 36.026,8 3,6 %
Italien 77.779,0 1.149.084,0 6,8 % 996.217,0 7,8 %
Zypern 396,4 13.184,8 3,0 % 13.738,2 2,9 %
Lettland 286,9 17.182,5 1,7 % 16.255,7 1,8 %
Litauen 437,2 27.640,6 1,6 % 27.147,4 1,6 %
Luxemburg 235,8 38.092,8 0,6 % 37.551,8 0,6 %
Ungarn 9.254,6 97.985,8 9,4 % 84.227,8 11,0 %
Malta 215,6 7.487,2 2,9 % 6.558,8 3,3 %
Niederlande 7.125,0 462.064,0 1,5 % 458.167,0 1,6 %
Österreich 5.738,2 249.970,0 2,3 % 237.720,7 2,4 %
Polen 15.577,7 352.347,7 4,4 % 313.280,5 5,0 %
Portugal 5.553,3 113.640,9 4,9 % 116.670,6 4,8 %
Rumänien 6.532,1 132.137,8 4,9 % 110.885,8 5,9 %
Slowenien 793,2 29.814,3 2,7 % 28.159,7 2,8 %
Slowakei 1.428,0 59.758,5 2,4 % 53.202,1 2,7 %
Finnland 3.173,0 152.619,0 2,1 % 144.809,0 2,2 %
Schweden 3.836,9 267.649,1 1,4 % 262.866,5 1,5 %

Quellen: Eurostat (2026). [9]          

Die Zinsausgaben zeigen, wie stark frühere Verschuldung den laufenden fiskalischen Handlungsspielraum belastet. In der EU-27 flossen 2023 295,4 Mrd. Euro in den Zinsdienst des Gesamtstaates; das entsprach 3,5 Prozent der gesamten Staatsausgaben und 3,8 Prozent der gesamten Staatseinnahmen. Deutschland lag mit 36,8 Mrd. Euro Zinsausgaben bei 1,8 Prozent der Staatsausgaben und 1,9 Prozent der Staatseinnahmen deutlich unter dem EU-Durchschnitt. Besonders hoch war die Zinslast in Ungarn mit 9,4 Prozent der Staatsausgaben beziehungsweise 11,0 Prozent der Staatseinnahmen, gefolgt von Italien mit 6,8 Prozent beziehungsweise 7,8 Prozent, Griechenland mit 6,8 Prozent beziehungsweise 7,0 Prozent, Spanien mit 5,2 Prozent beziehungsweise 5,6 Prozent, Rumänien mit 4,9 Prozent beziehungsweise 5,9 Prozent, Polen mit 4,4 Prozent beziehungsweise 5,0 Prozent und Portugal mit 4,9 Prozent beziehungsweise 4,8 Prozent. Diese Länder müssen einen deutlich größeren Teil ihrer laufenden Einnahmen für Altschulden verwenden.

Ungarns hohe Zinslast im Jahr 2023 erklärt sich vor allem durch die außergewöhnlich hohe Inflation, die Forint-Schwäche, stark gestiegene Leitzinsen und die ungarische Schuldenstruktur. Besonders inflationsindexierte Staatsanleihen ließen die Zinsausgaben stark ansteigen, sodass Ungarn 9,4 Prozent seiner Staatsausgaben beziehungsweise 11,0 Prozent seiner Staatseinnahmen für Zinsen aufwenden musste.[10] Griechenlands hohe Zinslast hat dagegen vor allem historische Ursachen: Der Staat trägt weiterhin einen sehr hohen Schuldenbestand aus der Schuldenkrise, weshalb trotz langer Laufzeiten und teilweise günstigerer Kreditkonditionen 6,8 Prozent der Staatsausgaben beziehungsweise 7,0 Prozent der Staatseinnahmen in den Zinsdienst flossen.[11] Beide Länder zeigen damit, dass nicht nur die Höhe der Staatsschulden zählt, sondern auch Inflation, Zinsniveau, Laufzeiten, Währungsrisiken und die Struktur der Staatsschuld.

Im Sinne von Hyman P. Minsky ist diese Zinslast besonders relevant. Minsky war ein US-amerikanischer, post-keynesianischer Ökonom, bekannt für seine Financial Instability Hypothesis. Er unterschied drei Finanzierungszustände: hedge finance, bei der Schuldner Zins und Tilgung aus laufenden Zahlungsströmen bedienen können; speculative finance, bei der sie zwar Zinsen zahlen, aber Schulden regelmäßig refinanzieren müssen; und Ponzi finance, bei der selbst Zinsen nur noch durch neue Verschuldung getragen werden.[12] Übertragen auf Staaten heißt das: Nicht der Schuldenstand allein entscheidet über Tragfähigkeit, sondern ob der Staat seine laufenden Zinslasten aus Einnahmen tragen kann, ohne immer stärker in neue Schulden gedrängt zu werden. Die obige Tabelle ergänzt daher die früheren Vermögensvergleiche. Der Vergleich mit Volks- oder Staatsvermögen zeigt die bilanzielle Bestandsrelation, während die Zinsquote zu Ausgaben und Einnahmen die laufende Liquiditäts- und Budgetbelastung misst. Ein Staat kann bilanziell über hohe Vermögen verfügen, aber fiskalisch unter Druck geraten, wenn ein wachsender Anteil der Einnahmen in Zinszahlungen fließt. Umgekehrt kann ein hoher Schuldenstand tragfähig bleiben, wenn Zinslast, Refinanzierungskosten und Laufzeiten beherrschbar bleiben.

7. Vereinfachte Nettostaatsschuld in Relation zum BIP

Die Nettostaatsschuld ist eine Ergänzung zur üblichen Maastricht-Bruttoschuldenquote. Während die klassische Schuldenquote nur den konsolidierten Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates ins Verhältnis zum BIP setzt, zieht die Nettostaatsschuld die finanziellen Aktiva des Staates ab. Damit wird berücksichtigt, dass Staaten nicht nur Verbindlichkeiten haben, sondern auch finanzielle Vermögenswerte wie Einlagen, Wertpapiere, Beteiligungen oder Forderungen. Negative Werte bedeuten, dass die finanziellen Aktiva des Staates höher sind als der konsolidierte Bruttoschuldenstand. In dieser vereinfachten Nettobetrachtung haben diese Staaten also keine Nettostaatsschuld, sondern eine positive Netto-Finanzposition gegenüber ihrer Maastricht-Bruttoschuld.

Der Vorteil dieser Betrachtung liegt darin, dass sie die staatliche Bilanz vollständiger erfasst. Eine hohe Bruttoschuld allein zeigt nur die Passivseite; sie sagt nicht, ob dem Staat zugleich erhebliche Finanzaktiva gegenüberstehen. Genau dieser Gedanke wurde auch durch Dr. Joeri Schasfoorts Analyse Why Japan isn’t broke yet und die darin herangezogene Studie Japan’s Debt Puzzle: Sovereign Wealth Fund from Borrowed Money von Yili Chien, Wenxin Du und Hanno Lustig angestoßen.[13] Am Beispiel Japan wird deutlich, dass die reine Bruttoschuldenquote ein verzerrtes Bild liefern kann: Nach den dort verwendeten Zahlen liegen die staatlichen Vermögenswerte Japans bei 192,4 Prozent des BIP, die staatlichen Verbindlichkeiten bei 270,0 Prozent des BIP und die daraus resultierende Nettostaatsschuld bei 77,6 Prozent des BIP. Trotz sehr hoher Bruttoverbindlichkeiten erscheint die staatliche Bilanz damit weniger dramatisch, weil der öffentliche Sektor zugleich umfangreiche Finanzaktiva hält, darunter ausländische Aktien und Anleihen, Vermögenswerte öffentlicher Fonds, Positionen der Bank of Japan sowie staatliche Kredit- und Anlageprogramme. Diese Finanzaktiva stehen den Verbindlichkeiten bilanziell gegenüber und stützen die Schuldentragfähigkeit, erklären Japans niedrige Zinsen aber nicht allein. Entscheidend sind zusätzlich billige inländische Finanzierung, expansive Geldpolitik, regulatorische Rahmenbedingungen, eine stabile heimische Gläubigerbasis und institutionelles Vertrauen.[14]

Tabelle 6: Vereinfachte Nettostaatsschuld in Relation zum BIP, 2023

Die vereinfachte Nettostaatsschuld ergibt sich aus dem konsolidierten Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates abzüglich der finanziellen Aktiva des Staates.

Formel: Nettostaatsschuld = konsolidierter Bruttoschuldenstand des Gesamtstaates − finanzielle Aktiva des Staates.

Staat
BIP 2023, Mrd. EUR
Vereinfachte Nettostaatsschuld 2023, Mrd. EUR
Nettostaatsschuld in % des BIP
EU-27 17.256,9 5.374,3 31,1 %
Belgien 601,9 384,1 63,8 %
Bulgarien 94,5 −3,9 −4,1 %
Tschechien 319,1 2,9 0,9 %
Dänemark 374,2 −158,4 −42,3 %
Deutschland 4.219,3 862,8 20,4 %
Estland 38,4 −10,3 −26,9 %
Irland 524,7 87,9 16,8 %
Griechenland 224,7 185,2 82,4 %
Spanien 1.497,8 707,1 47,2 %
Frankreich 2.826,5 1.490,5 52,7 %
Kroatien 79,2 −12,3 −15,5 %
Italien 2.142,7 2.197,2 102,5 %
Zypern 32,4 −8,6 −26,5 %
Lettland 39,6 −4,5 −11,4 %
Litauen 74,3 4,8 6,5 %
Luxemburg 82,1 −45,2 −55,0 %
Ungarn 197,0 73,3 37,2 %
Malta 20,9 3,2 15,3 %
Niederlande 1.050,1 50,0 4,8 %
Österreich 477,8 51,3 10,7 %
Polen 751,9 125,9 16,7 %
Portugal 270,4 66,7 24,7 %
Rumänien 321,6 48,7 15,1 %
Slowenien 64,1 5,7 8,9 %
Slowakei 123,5 −7,9 −6,4 %
Finnland 273,0 −186,0 −68,1 %
Schweden 535,2 −310,7 −58,1 %

Quellen: Eurostat (2026). [9]          

Die Ergebnisse für die EU verändern die Bewertung der Staatsschulden deutlich. Die EU-27 kam 2023 nicht auf eine Maastricht-Bruttoschuldenquote von rund 80,5 Prozent des BIP, sondern auf eine vereinfachte Nettostaatsschuld von nur 31,1 Prozent des BIP. Deutschland lag mit einer Nettostaatsschuld von 862,8 Mrd. Euro bei 20,4 Prozent des BIP. Besonders hohe Nettoschuldenquoten verbleiben in Italien mit 102,5 Prozent, Griechenland mit 82,4 Prozent, Belgien mit 63,8 Prozent, Frankreich mit 52,7 Prozent und Spanien mit 47,2 Prozent. Diese Länder bleiben auch nach Abzug staatlicher Finanzaktiva deutlich belastet. Dagegen weisen mehrere Staaten negative Nettostaatsschulden auf: Finnland mit −68,1 Prozent des BIP, Schweden mit −58,1 Prozent, Luxemburg mit −55,0 Prozent, Dänemark mit −42,3 Prozent, Estland mit −26,9 Prozent, Zypern mit −26,5 Prozent, Kroatien mit −15,5 Prozent, Lettland mit −11,4 Prozent, die Slowakei mit −6,4 Prozent und Bulgarien mit −4,1 Prozent. Dort übersteigen die staatlichen Finanzaktiva den konsolidierten Bruttoschuldenstand.

Negative Nettostaatsschulden bedeuten größere bilanzielle Verschuldungsspielräume. Staaten wie Finnland, Schweden oder Dänemark verfügen über finanzielle Aktiva, die ihre Maastricht-Bruttoschulden rechnerisch übersteigen. Das heißt nicht, dass diese Vermögenswerte automatisch kurzfristig zur Schuldentilgung eingesetzt werden; es signalisiert aber eine starke staatliche Bilanzposition. Diese Stärke kann auch das Vertrauen der Gläubiger erhöhen und sich in niedrigeren Staatsanleiherenditen niederschlagen. In den Eurostat-Daten zu den EMU-Konvergenzrenditen lagen 2023 etwa Schweden bei 2,51 Prozent, Dänemark bei 2,68 Prozent, Luxemburg bei 2,97 Prozent und Finnland bei 3,04 Prozent und damit unter dem EU-27-Wert von 3,51 Prozent.[15] Die Nettostaatsschuld ist jedoch nicht der einzige Einflussfaktor auf Renditen. Inflation, Zentralbankpolitik, Währungsregime, Marktliquidität, Laufzeitenstruktur, Wachstumsaussichten und politische Risiken spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Trotzdem zeigt der Vergleich, dass die Nettoperspektive analytisch wertvoll ist, weil sie Staaten mit hoher Bruttoschuld, aber erheblichen Finanzaktiva, von Staaten unterscheidet, bei denen auch nach Abzug staatlicher Finanzvermögen eine hohe Nettobelastung bleibt.

8. Fazit: Was die verschiedenen Perspektiven über Schuldentragfähigkeit zeigen

Die Analyse zeigt, dass die traditionelle Schuldenquote zum BIP nur einen Teil der fiskalischen Realität abbildet. Sie bleibt wichtig, weil sie die Staatsschulden ins Verhältnis zur laufenden Wirtschaftsleistung setzt und damit indirekt die Steuerbasis sowie die Fähigkeit zur laufenden Bedienung der Schulden erfasst. Sie ist aber zu eng, wenn sie als alleiniger Maßstab für Schuldentragfähigkeit verwendet wird. Deutschland liegt nach dieser klassischen Kennziffer 2023 mit 62,3 Prozent des BIP knapp über der Maastricht-Referenzgröße. Diese Zahl wird in politischen Debatten häufig als Signal begrenzten fiskalischen Spielraums interpretiert. Die vermögensbezogenen Kennziffern zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild.

Im Verhältnis zum Netto-Volksvermögen beträgt der deutsche Maastricht-Schuldenstand nur 10,3 Prozent. Diese Perspektive zeigt, dass Deutschland gesamtwirtschaftlich über eine sehr große Vermögensbasis verfügt. Der Vergleich relativiert die Bruttoschuldenquote erheblich. Gleichzeitig darf daraus nicht geschlossen werden, dass der Staat frei über das Volksvermögen verfügen kann. Große Teile des Netto-Volksvermögens gehören privaten Haushalten und Unternehmen. Es handelt sich also nicht um unmittelbar mobilisierbare staatliche Mittel. Die Kennziffer zeigt die gesamtwirtschaftliche Tragfähigkeit, nicht die unmittelbare fiskalische Liquidität des Staates.

Der Vergleich mit dem Staatsvermögen ist enger und staatlich relevanter. Deutschland verfügt über ein positives Netto-Staatsvermögen von 1.722,3 Mrd. Euro. Der Maastricht-Schuldenstand entspricht jedoch 152,7 Prozent dieses Netto-Staatsvermögens. Das zeigt, dass die deutsche Staatsbilanz zwar nicht so schwach ist wie in Italien, Griechenland, Belgien, Spanien, Portugal oder Polen, aber auch keineswegs unbegrenzt belastbar ist. Deutschland hat staatliche Aktiva, aber der Schuldenstand übersteigt die Nettovermögensbasis deutlich. Der Staat könnte theoretisch Vermögen privatisieren, beleihen oder veräußern, aber viele staatliche Vermögenswerte sind nicht kurzfristig liquidierbar oder politisch sinnvoll veräußerbar. Die bilanzielle Perspektive erweitert daher den Blick, ersetzt aber keine Liquiditäts- und Zinsanalyse.

Die Zinslast ist wahrscheinlich einer der wichtigsten praktischen Indikatoren für den fiskalischen Spielraum. Deutschland musste 2023 nur 1,8 Prozent seiner Staatsausgaben beziehungsweise 1,9 Prozent seiner Staatseinnahmen für Zinsen aufwenden. Das ist im europäischen Vergleich niedrig. Staaten wie Ungarn, Italien, Griechenland, Spanien, Rumänien, Polen und Portugal tragen deutlich höhere Zinslasten. Der entscheidende Punkt ist daher nicht nur die Höhe des Schuldenstands, sondern die Frage, wie teuer die Refinanzierung ist, wie lang die Laufzeiten sind, welche Gläubigerstruktur besteht und ob der Staat die Zinsen dauerhaft aus laufenden Einnahmen bedienen kann. Aus Minsky-Perspektive ist genau diese Frage zentral: Ist der Schuldner in der Lage, Zins und Tilgung aus laufenden Zahlungsströmen zu bedienen, oder wird er gezwungen, immer stärker zu refinanzieren und neue Schulden aufzunehmen?

Die vereinfachte Nettostaatsschuld zeigt schließlich, dass die reine Bruttobetrachtung auch deshalb unvollständig ist, weil sie staatliche Finanzaktiva ignoriert. Deutschland kommt 2023 nicht auf eine Nettostaatsschuld von 62,3 Prozent des BIP, sondern auf 20,4 Prozent des BIP. Das ist ein deutlich günstigeres Bild. Es bedeutet nicht, dass Staatsschulden irrelevant wären. Es bedeutet aber, dass die deutsche Staatsbilanz belastbarer ist, als es die reine Maastricht-Bruttoschuldenquote nahelegt. Länder wie Finnland, Schweden, Luxemburg, Dänemark und Estland zeigen sogar negative Nettostaatsschulden, weil ihre staatlichen Finanzaktiva den konsolidierten Bruttoschuldenstand übersteigen. Diese Länder haben dadurch grundsätzlich größere bilanzielle Spielräume und genießen tendenziell größeres Vertrauen der Gläubiger.

Die Gesamtbewertung für Deutschland lautet daher: Die klassische Schuldenquote allein unterschätzt den fiskalischen Spielraum Deutschlands, wenn sie isoliert betrachtet wird. Deutschland verfügt über ein hohes gesamtwirtschaftliches Nettovermögen, ein positives staatliches Nettovermögen, eine relativ niedrige Zinslast und eine deutlich niedrigere Nettostaatsschuldenquote als die Maastricht-Bruttoschuldenquote. Diese Faktoren sprechen dafür, dass Deutschland Stand 2023 mehr Verschuldungsspielraum besitzt, als die reine BIP-Schuldenquote suggeriert. Dieser Spielraum ist aber nicht unbegrenzt. Entscheidend ist, wofür neue Schulden verwendet werden. Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung, Energieversorgung, Digitalisierung, Bildung und produktive Kapazitäten können die künftige Wachstumsbasis erhöhen und dadurch die Tragfähigkeit verbessern. Konsumtive Dauerausgaben ohne Wachstumseffekt verschlechtern dagegen langfristig die Schuldentragfähigkeit.

Ein Vergleich mit Unternehmenskennzahlen verdeutlicht den Punkt. Auch bei Unternehmen wird finanzielle Tragfähigkeit nicht allein anhand einer einzigen Kennzahl beurteilt. Analysten betrachten Schulden im Verhältnis zu Umsatz, EBITDA, Eigenkapital, Vermögenswerte, Zinsdeckung, Liquidität und Cashflow. Eine hohe Verschuldung kann tragfähig sein, wenn stabile Erträge, werthaltige Vermögenswerte und niedrige Finanzierungskosten vorhanden sind. Umgekehrt kann eine niedrige Verschuldung problematisch sein, wenn Cashflow, Ertragskraft oder Liquidität schwach sind. Für Staaten gilt analog: Schulden/BIP ist nur eine Kennzahl. Ergänzend müssen Schulden zum Volksvermögen, Schulden zum Staatsvermögen, Nettostaatsschulden, Zinslast, Refinanzierungsstruktur, Gläubigerstruktur und Wachstumsperspektiven betrachtet werden.

Die öffentliche Schuldenpolitik braucht daher eine nüchternere und vollständigere Analyse. Die moralische Rhetorik der Schuldenbremse und der pauschalen Schuldenangst greift zu kurz. Sie blendet Vermögen, Gläubigerstruktur, Zinslast, Finanzierungssalden und Investitionswirkungen aus. Gleichzeitig wäre es ebenso falsch, Staatsschulden zu verharmlosen. Staatsschulden sind dann tragfähig, wenn sie in eine wachsende produktive Volkswirtschaft eingebettet sind, wenn der Zinsdienst beherrschbar bleibt und wenn die Mittel in wachstums- und sicherheitsrelevante Zukunftsinvestitionen fließen. Deutschland sollte deshalb seine fiskalische Debatte nicht länger auf eine starre Schuldenquote verkürzen, sondern eine umfassende staatliche und gesamtwirtschaftliche Bilanzanalyse zum Maßstab machen.

Tabelle 7: Vergleich zentraler Staatsschuldenindikatoren der EU-Mitgliedstaaten, 2023

Hinweis: „—“ bedeutet, dass die Quote wegen fehlender Daten oder negativem Netto-Staatsvermögen nicht sinnvoll als positive Prozentquote interpretierbar ist.

Staat
Schulden / BIP
Schulden / Netto-Volksvermögen
Schulden / Brutto-Staatsvermögen
Schulden / Netto-Staatsvermögen
Zinsausgaben / Staatsausgaben
Zinsausgaben / Staatseinnahmen
Vereinfachte Nettostaatsschuld / BIP
Belgien 102,5 % 26,2 % 123,1 % 3,7 % 4,0 % 63,8 %
Bulgarien 22,9 % 5,9 % 26,6 % 43,1 % 1,3 % 1,3 % −4,1 %
Tschechien 41,0 % 7,7 % 20,3 % 27,9 % 2,9 % 3,2 % 0,9 %
Dänemark 33,0 % 8,1 % 26,3 % 46,8 % 1,4 % 1,3 % −42,3 %
Deutschland 62,3 % 10,3 % 57,4 % 152,7 % 1,8 % 1,9 % 20,4 %
Estland 20,2 % 5,0 % 17,8 % 27,6 % 0,8 % 0,9 % −26,9 %
Irland 41,8 % 28,3 % 2,9 % 2,7 % 16,8 %
Griechenland 164,3 % 148,2 % 117,5 % 6,8 % 7,0 % 82,4 %
Spanien 105,2 % 31,2 % 94,5 % 5,2 % 5,6 % 47,2 %
Frankreich 109,8 % 16,3 % 70,2 % 424,1 % 3,3 % 3,7 % 52,7 %
Kroatien 60,9 % 14,6 % 35,6 % 99,2 % 3,5 % 3,6 % −15,5 %
Italien 133,9 % 37,7 % 160,7 % 6,8 % 7,8 % 102,5 %
Zypern 71,1 % 39,1 % 53,0 % 808,0 % 3,0 % 2,9 % −26,5 %
Lettland 44,4 % 15,1 % 34,8 % 83,0 % 1,7 % 1,8 % −11,4 %
Litauen 37,1 % 12,5 % 42,1 % 76,3 % 1,6 % 1,6 % 6,5 %
Luxemburg 24,7 % 9,3 % 16,3 % 20,6 % 0,6 % 0,6 % −55,0 %
Ungarn 73,1 % 16,9 % 46,3 % 104,1 % 9,4 % 11,0 % 37,2 %
Malta 46,9 % 15,1 % 69,6 % 1.016,0 % 2,9 % 3,3 % 15,3 %
Niederlande 45,8 % 8,1 % 46,6 % 136,5 % 1,5 % 1,6 % 4,8 %
Österreich 77,8 % 11,9 % 51,0 % 191,9 % 2,3 % 2,4 % 10,7 %
Polen 51,8 % 52,6 % 71,9 % 4,4 % 5,0 % 16,7 %
Portugal 96,9 % 37,1 % 83,4 % 4,9 % 4,8 % 24,7 %
Rumänien 49,0 % 15,4 % 39,3 % 82,1 % 4,9 % 5,9 % 15,1 %
Slowenien 68,3 % 19,0 % 54,0 % 151,8 % 2,7 % 2,8 % 8,9 %
Slowakei 55,8 % 13,3 % 38,3 % 124,6 % 2,4 % 2,7 % −6,4 %
Finnland 77,0 % 15,3 % 34,5 % 56,5 % 2,1 % 2,2 % −68,1 %
Schweden 33,4 % 5,5 % 17,1 % 25,4 % 1,4 % 1,5 % −58,1 %

Quellen: EZB (2026) & Eurostat (2026). [9]

Quellen & Literatur

[1] Flassbeck H. (2025). Schuldenbremse und Finanzierungssalden – über einen unbekannten, aber entscheidenden Zusammenhang. Relevante Ökonomik. URL: https://www.relevante-oekonomik.com/2025/09/15/schuldenbremse-und-finanzierungssalden-ueber-einen-unbekannten-aber-entscheidenden-zusammenhang/

[2] Flassbeck H. (2025). Sparen ist das Problem, Schulden sind die Lösung. Relevante Ökonomik. URL: https://www.relevante-oekonomik.com/2025/03/27/sparen-ist-das-problem-schulden-sind-die-loesung/

[3] Flassbeck H. (2024). Grundlagen einer relevanten Ökonomik. Westend Verlag. URL: https://westendverlag.de/Grundlagen-einer-relevanten-OEkonomik/1627

[4] Flassbeck H. (2025). Wer soll das bezahlen? – Wie die Süddeutsche Zeitung ihre Leser über die Staatsschulden „aufklärt“. Relevante Ökonomik. URL: https://www.relevante-oekonomik.com/2025/07/21/wer-soll-das-bezahlen-wie-die-sueddeutsche-zeitung-ihre-leser-ueber-die-staatsschulden-aufklaert/

[5] Warneke M. (2025). Gläubiger deutscher Staatsschulden – Einblicke in eine Blackbox. Deutsches Steuerzahlerinstitut des Bundes der Steuerzahler e. V. URL: https://www.steuerzahler.de/fileadmin/user_upload/DSi_Schriften/DSi_kompakt/DSi_kompakt_Nr._46_-_Gl%C3%A4ubiger_deutscher_Staatsschulden-Aktualisierung_2025.pdf

[6] IMF (2018). Fiscal Monitor: Managing Public Wealth. International Monetary Fund. URL: https://www.imf.org/en/publications/fm/issues/2018/10/04/fiscal-monitor-october-2018

[7] Chai H. et al. (2024). Beyond Debt: Net Worth Fiscal Anchors. International Monetary Fund. URL: https://www.imf.org/en/publications/wp/issues/2024/07/08/beyond-debt-net-worth-fiscal-anchors-551340

[8] Detter D.; Fölster S. (2015). The Public Wealth of Nations: How Management of Public Assets Can Boost or Bust Economic Growth. Palgrave Macmillan. URL: https://link.springer.com/book/10.1057/9781137519863; Gurazada S. et al. (2024). Government Balance Sheets for better management of assets and liabilities. World Bank. URL: https://blogs.worldbank.org/en/governance/government-balance-sheets-better-management-assets-and-liabilities; Ball I. et al. (2024). Public Net Worth: Accounting – Government – Democracy. Springer. URL: https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-44343-5

[9] Eurostat (2026). Government deficit/surplus, debt and associated data. Datensatz gov_10dd_edpt1. URL: https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/gov_10dd_edpt1/default/table; Eurostat (2026). GDP and main components. Datensatz nama_10_gdp. URL: https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/nama_10_gdp/default/table; Eurostat (2026). Financial balance sheets. Datensatz nasa_10_f_bs. URL: https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/nasa_10_f_bs/default/table; Eurostat (2026). Capital stocks by sector and detailed asset type. Datensatz nama_10_nfa_bs. URL: https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/nama_10_nfa_bs/default/table; Eurostat (2026). Government revenue, expenditure and main aggregates. Datensatz gov_10a_main. URL: https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/gov_10a_main/default/table

[10] European Commission (2024). Commission Staff Working Document: 2024 Country Report – Hungary. European Commission. URL: https://economy-finance.ec.europa.eu/document/download/8f27dc34-96c1-48b4-a2bb-222c0b68b5b5_en?filename=SWD_2024_617_1_EN_Hungary.pdf

[11] European Commission (2024). Commission Staff Working Document: 2024 Country Report – Greece. European Commission. URL: https://economy-finance.ec.europa.eu/document/download/a1f9c5fd-e785-4284-a727-1ff83e0d52cd_en?filename=SWD_2024_608_1_EN_Greece.pdf

[12] Minsky H.P. (1992). The Financial Instability Hypothesis. Levy Economics Institute. URL: https://www.levyinstitute.org/publications/the-financial-instability-hypothesis/

[13] Schasfoort J.; Iribas De La Puerta A. (2026). Why Japan isn’t broke yet. Money & Macro / YouTube. URL: https://www.youtube.com/watch?v=hLwSSGM6tzc

[14] Chien Y. et al. (2025). Japan’s Debt Puzzle: Sovereign Wealth Fund from Borrowed Money. Journal of Economic Perspectives. URL: https://pubs.aeaweb.org/doi/pdfplus/10.1257/jep.20251452

[15] Eurostat (2026). EMU convergence criterion series – annual data. URL: https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/irt_lt_mcby_a/default/table

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