Lenkungssteuern mit fiskalischen Fehlanreizen

_ Prof. Dr. Ulrich van Suntum, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). 9. August 2026.*

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Die geplante Tabaksteuererhöhung soll 2027 1,5 Milliarden Euro und 2030 4,4 Milliarden Euro zusätzlich einbringen, obwohl die gesundheitspolitisch gewünschte Lenkungswirkung gleichzeitig die steuerpflichtige Nachfrage reduzieren soll. Gesundheitslenkung und Einnahmemaximierung verfolgen damit gegenläufige Ziele.
  • Der Anteil der Raucher sank von 28 Prozent 1995 auf 19,1 Prozent 2025, während der versteuerte Zigarettenabsatz seit 1991 von 146,5 auf 66,4 Milliarden Stück zurückging. Einnahmeprognosen von annähernd 22 Milliarden Euro Tabaksteuer 2030 beruhen damit auf einer stark geschrumpften legalen Steuerbasis.
  • Industriell organisierte illegale Zigarettenproduktion ist in Deutschland bereits Realität. Weitere starke Preissteigerungen vergrößern den wirtschaftlichen Abstand zwischen legalem und illegalem Angebot und können dadurch bestehende Geschäftsmodelle der organisierten Tabaksteuerkriminalität stärken. Steuererhöhungen müssen deshalb zwingend auf ihre Schwarzmarkt- und Vollzugseffekte geprüft werden.
  • Die Zuckerabgabe soll rund 450 Millionen Euro jährlich einbringen, erfordert nach Einschätzung der Zoll-Fachgewerkschaft aber etwa 300 zusätzliche Stellen sowie einen Erfüllungsaufwand im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Neue Lenkungsabgaben stehen damit strukturell dem Ziel eines schlankeren Staates und eines substanziellen Bürokratieabbaus entgegen.
  • Die fiskalische Gesamtbilanz des Rauchens darf nicht auf Behandlungskosten reduziert werden. Empirische Lebenszeitstudien dokumentieren zugleich deutlich geringere Rentenbezugszeiten und niedrigere lebenszeitbezogene öffentliche Ausgaben. Gesundheitspolitische Ziele sollten deshalb nicht mit einer vermeintlich eindeutigen fiskalischen Belastungsrechnung begründet werden.
  • Statt immer neue Konsumsteuern, Kontrolltatbestände und Verwaltungsstrukturen aufzubauen, sollte der Staat Bürokratieabbau, Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit priorisieren und verbleibende Eingriffe auf klar begründbare Fälle beschränken.

Tabaksteuer zwischen Gesundheitslenkung und Einnahmeziel

Die von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil verantwortete Steuerpolitik verbindet gesundheitspolitische Lenkungsziele mit erheblichen zusätzlichen Einnahmeerwartungen des Bundes. Neben einer weiteren Anhebung der Tabaksteuer stehen höhere Belastungen von Alkohol sowie eine neue Abgabe auf zuckergesüßte Getränke im Raum. Für Zigaretten ist 2027 ein durchschnittlicher Packungspreis von 9,10 Euro vorgesehen; bis 2030 soll er auf durchschnittlich 11,78 Euro steigen. Bei Markenzigaretten werden Preise von 13 bis 14 Euro erwartet. Gleichzeitig kalkuliert der Bund für 2027 mit 1,5 Milliarden Euro und für 2030 mit 4,4 Milliarden Euro zusätzlichen Tabaksteuereinnahmen. Das Gesamtaufkommen würde damit 2030 auf fast 22 Milliarden Euro steigen. [1][2]

Zwischen gesundheitspolitischer Begründung und fiskalischer Zielsetzung besteht damit ein grundlegender Zielkonflikt. Eine Steuer, die den Tabakkonsum über höhere Preise reduzieren soll, verkleinert bei erfolgreicher Lenkungswirkung zugleich ihre eigene Bemessungsgrundlage. Stoller und Huber weisen mit Eurobarometer-Daten aus 27 EU-Staaten empirisch nach, dass deutliche Preis- und Steuererhöhungen die Quote monatlicher und täglicher Raucher senken, besonders bei den 15- bis 24-Jährigen. Je stärker diese beabsichtigte Lenkungswirkung eintritt, desto anspruchsvoller wird folglich die Realisierung dauerhaft steigender Steuereinnahmen. [3]

Schrumpfende Steuerbasis und Ausweichreaktionen

Die langfristige Entwicklung des deutschen Tabakmarktes verschärft dieses Problem. Im Jahr 1995 rauchten 28 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren; 2025 waren es noch 19,1 Prozent. Damit ist der Raucheranteil innerhalb von drei Jahrzehnten um knapp ein Drittel gesunken. [4] Gleichzeitig sank die Zahl der in Deutschland versteuerten Zigaretten von 146,5 Milliarden Stück 1991 auf 66,4 Milliarden Stück 2025, also um mehr als die Hälfte. Das Tabaksteueraufkommen belief sich 2025 dennoch auf rund 17,6 Milliarden Euro, weil die steuerliche Belastung je Einheit erheblich gestiegen ist. [5]

Der klassische Zigarettenkonsum wird zudem zunehmend durch andere Konsumformen ergänzt oder ersetzt. 2025 bevorzugten 9,2 Prozent der Raucher E-Zigaretten, während 78,5 Prozent überwiegend klassische Zigaretten konsumierten. [4] Für die fiskalische Planung bedeutet dies, dass immer höhere Steuersätze auf eine langfristig stark geschrumpfte legale Absatzmenge treffen und zugleich zusätzliche Ausweichmöglichkeiten bestehen. Eine lineare Fortschreibung zusätzlicher Einnahmen vernachlässigt deshalb gerade jene Nachfrage- und Substitutionseffekte, die eine Lenkungssteuer ausdrücklich hervorrufen soll.

Organisierte Tabaksteuerkriminalität

Besonders problematisch ist die Verlagerung vom legal versteuerten Markt in illegale Vertriebs- und Produktionsstrukturen. Die Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft warnt ausdrücklich davor, dass ein wachsender Preisunterschied zwischen legalen und illegalen Zigaretten den wirtschaftlichen Anreiz für Steuerbetrug erhöht und weitere Steuererhöhungen damit zu einem „Konjunkturprogramm für die organisierte Kriminalität“ werden können. Für kriminelle Anbieter steigen die möglichen Margen gerade dann, wenn die staatlich verursachten Endverkaufspreise legaler Produkte stark zunehmen. [2]

Diese Gefahr ist keineswegs hypothetisch. Der Zoll hat 2026 erneut professionell betriebene illegale Zigarettenfabriken und organisierte Lieferketten aufgedeckt. In Düsseldorf wurden Mitglieder einer kriminellen Vereinigung wegen des Betriebs einer illegalen Produktionsstätte verurteilt; der mutmaßliche Steuerschaden belief sich in diesem Komplex auf rund 54 Millionen Euro. Weitere Ermittlungen des Zollkriminalamtes dokumentieren industriell organisierte Produktion, Lagerung und Vertrieb unversteuerter Zigaretten. [6] Eine Steuerpolitik, die den legalen Preisabstand zum Schwarzmarkt weiter vergrößert, verbessert damit zugleich die ökonomischen Rahmenbedingungen bereits bestehender krimineller Geschäftsmodelle.

Zuckerabgabe und zusätzlicher Verwaltungsapparat

Auch die geplante Abgabe auf zuckergesüßte Getränke verbindet gesundheitspolitische Lenkung mit fiskalischer Einnahmeerzielung. Die Bundesregierung plant ihre Einführung ab 2028. Die Finanzkommission Gesundheit kalkuliert mit jährlich rund 450 Millionen Euro Einnahmen und mit mittel- bis langfristigen Einsparungen der gesetzlichen Krankenversicherung von 20 bis 170 Millionen Euro pro Jahr. [7]

Dem steht ein neuer Erhebungs-, Kontroll- und Vollzugsapparat gegenüber. Die Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft beziffert allein den zusätzlichen Personalbedarf für Erhebung und Kontrolle auf rund 300 Stellen und den Erfüllungsaufwand auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Die notwendige IT-Infrastruktur erfordert ebenfalls erhebliche Vorlaufzeiten. [2] Die neue Abgabe schafft damit gerade jene zusätzlichen Vorschriften, Abgrenzungsfragen, Meldepflichten, Kontrollen und Verwaltungsstrukturen, deren Reduzierung gleichzeitig unter dem politischen Ziel des Bürokratieabbaus gefordert wird. Vergleichbare Zielkonflikte entstehen bei einer weiteren steuerlichen Belastung alkoholischer Getränke.

Fiskalische Gesamtbilanz des Rauchens

Auch die Behauptung, Raucher belasteten die öffentlichen Haushalte zwangsläufig stärker als Nichtraucher, greift fiskalisch zu kurz. Der gesundheitliche Schaden des Rauchens ist erheblich; für die staatliche Finanzrechnung sind jedoch nicht nur jährliche Behandlungskosten, sondern sämtliche lebenszeitbezogenen Einnahmen und Ausgaben relevant. Die deutsche EPIC-Heidelberg-Kohortenstudie von Li, Hüsing und Kaaks zeigt, dass starkes Rauchen die verbleibende Lebenserwartung eines 40-jährigen Mannes um 9,4 Jahre, die einer Frau um 7,3 Jahre vermindert. Selbst bei höchstens zehn Zigaretten täglich beträgt der Verlust rund fünf Jahre. [8]

Die fiskalischen Folgen dieser verkürzten Lebenszeit sind beträchtlich. Eine 27-jährige prospektive Kohortenstudie von Tiihonen, Ronkainen, Kangasharju und Kauhanen ermittelte bei Rauchern zwar jährlich 1.600 Euro höhere Gesundheitskosten, wegen einer im Durchschnitt 8,6 Jahre kürzeren Lebensdauer lagen ihre gesamten Gesundheitsausgaben im Beobachtungszeitraum jedoch 4.700 Euro niedriger. Gleichzeitig bezogen sie durchschnittlich 7,3 Jahre weniger Rente, entsprechend 126.850 Euro geringeren Pensionsausgaben. Unter Einbeziehung von Steuern und Sozialausgaben ergab sich innerhalb der untersuchten Kohorte ein um 133.800 Euro höherer Nettofinanzbeitrag je Raucher gegenüber Nichtrauchern, sofern verlorene Lebensjahre nicht monetarisiert werden. [9]

Damit ist das rein fiskalische Argument für immer höhere Tabaksteuern keineswegs tragfähig: Höhere medizinische Kosten während des Lebens stehen niedrigeren Renten-, Pflege- und altersbezogenen Ausgaben, einer kürzeren Leistungsbezugsdauer sowie erheblichen Tabaksteuerzahlungen gegenüber. Gerade deshalb dürfen gesundheitsökonomische Schäden und staatliche Haushaltswirkungen nicht begrifflich vermischt werden.

Regulierung, Bürokratie und Selbstverantwortung

Lenkungssteuern greifen gezielt über Preise in individuelle Konsumentscheidungen ein. Wird dieses Instrument auf Tabak, Alkohol und Zucker ausgedehnt, entsteht grundsätzlich die Frage, nach welchen Kriterien weitere gesundheitlich riskante Lebensweisen steuerlich oder regulatorisch erfasst werden sollen. Risiken entstehen ebenso durch bestimmte Ernährungsweisen, Sport, Freizeitverhalten oder Straßenverkehr. Eine konsistente Grenze staatlicher Verhaltenslenkung lässt sich deshalb nicht allein aus dem Vorhandensein eines gesundheitlichen Risikos ableiten.

Jede neue Abgabe benötigt Steuergegenstände, Bemessungsgrundlagen, Ausnahmetatbestände, Meldeverfahren, Kontrollen und Sanktionen. Der Anspruch, Bürokratie abzubauen, steht deshalb in unmittelbarem Widerspruch zu einer fortgesetzten Ausweitung kleinteiliger Lenkungssteuern. Ordnungspolitisch ist eine stärkere Orientierung an Eigenverantwortung, transparenten Informationen und individueller Entscheidungsfreiheit die konsequentere Alternative zu einem immer dichter werdenden Geflecht fiskalischer Verhaltenssteuerung. Dieser Ansatz entspricht auch der von Ulrich van Suntum herausgearbeiteten Bedeutung dezentraler Entscheidungen, von Marktprozessen und den Grenzen staatlicher Steuerung. [10]

Quellen & Literatur

[1] Bundesministerium der Finanzen (BMF) (2026). Pressekonferenz: Regierungsentwurf des Bundeshaushalts 2027 vorgestellt. Berlin. https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Video-Textfassungen/2026/textfassung-2026-07-06-bundeshaushalt-2027.html

[2] Seibel K. (2026). „Die Tabaksteuererhöhung wird zum Konjunkturprogramm für die organisierte Kriminalität“. WELT, 17.07.2026. https://www.welt.de/wirtschaft/article6a55e00bbd016e39ef4268fb/zigaretten-die-tabaksteuererhoehung-wird-zum-konjunkturprogramm-fuer-die-organisierte-kriminalitaet.html

[3] Stoller A., Huber M. (2026). Effect of Cigarette Price and Tax Increases on Smoking in Europe: A Difference-in-Differences Study with Double Machine Learning. arXiv:2604.05841. https://arxiv.org/abs/2604.05841

[4] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026). 19,1 % der Menschen ab 15 Jahren rauchen. Wiesbaden; ergänzend: Nachhaltige Entwicklung – Indikatoren. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2026/PD26_22_p002.html

[5] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026). 0,2 % mehr versteuerte Zigaretten im Jahr 2025; Datenangebot zu aktuellen Reformvorschlägen für das Gesundheitssystem. Wiesbaden. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/01/PD26_026_73.html

[6] Generalzolldirektion/Zoll (2026). Zoll deckt illegale Zigarettenproduktion auf; Illegale Zigarettenfabrik in Düsseldorf. Bonn. https://www.zoll.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/Zigaretten/2026/z57_zigarettenproduktion_zfah.html

[7] Deutscher Bundestag (2026). Bundesregierung nennt Details zu Plänen einer Zuckersteuer. hib 491/2026, 16.06.2026; Grundlage: BT-Drs. 21/6290. https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1185020

[8] Li K., Hüsing A., Kaaks R. (2014). Lifestyle risk factors and residual life expectancy at age 40: a German cohort study. BMC Medicine, 12, 59. DOI: 10.1186/1741-7015-12-59. https://link.springer.com/article/10.1186/1741-7015-12-59

[9] Tiihonen J., Ronkainen K., Kangasharju A., Kauhanen J. (2012). The net effect of smoking on healthcare and welfare costs. A cohort study. BMJ Open, 2:e001678. DOI: 10.1136/bmjopen-2012-001678. https://bmjopen.bmj.com/content/2/6/e001678

[10] Suntum U. von (2005). Die unsichtbare Hand. Ökonomisches Denken gestern und heute. 3. Aufl., Springer, Berlin/Heidelberg. DOI: 10.1007/3-540-27688-2. https://link.springer.com/book/10.1007/3-540-27688-2

* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen Originalveröffentlichung in der Jungen Freiheit (26.07.2026); er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.

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