Klirrend kalt und heiß umstritten: Die Arktis als Ressourcenraum und geopolitische Arena
_ Dr. Isabel Kramer, Gastbeitrag für das Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 26.06.2026.
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Die Arktis umfasst rund 20 Millionen Quadratkilometer und ist damit ein geopolitischer Großraum, in dem Rohstoffe, Seewege, Militärpräsenz, indigene Lebensräume und internationale Rechtsansprüche unmittelbar aufeinandertreffen.
- Nach Schätzungen des USGS liegen in der Arktis rund 13 Prozent der weltweit unentdeckten konventionellen Erdölressourcen und rund 30 Prozent der unentdeckten konventionellen Erdgasressourcen; etwa 84 Prozent dieser Ressourcen befinden sich offshore. Damit bleibt die Arktis trotz Umwelt- und Klimadebatten ein zentraler Energie- und Rohstoffraum.
- Russland ist der stärkste arktische Machtakteur: Es kontrolliert den größten Teil der arktischen Küstenlinie, verfügt über die mit Abstand stärkste Eisbrecherflotte und gewinnt über 80 Prozent seines Erdgases sowie rund 20 Prozent seines Rohöls im arktischen Raum.
- China ist kein arktischer Staat, positioniert sich aber seit 2013 als Beobachter im Arktischen Rat und seit 2018 offiziell als „near-Arctic State“; die Polare Seidenstraße dient Peking als langfristiges Instrument zur Sicherung von Rohstoffen, Seewegen und strategischem Einfluss.
- Grönland entwickelt sich durch Seltene Erden, strategische Lage und Unabhängigkeitsbestrebungen zu einem Schlüsselraum westlicher Rohstoff- und Sicherheitspolitik. Die EU hat mit der Rohstoffpartnerschaft von 2023 und dem Büro in Nuuk 2024 reagiert, bleibt aber gegenüber den USA und China zu zögerlich.
- Europa muss arktische Politik als Sicherheits-, Industrie- und Rohstoffpolitik begreifen. Absichtserklärungen reichen nicht aus; nötig sind belastbare Investitionen, strategische Partnerschaften, Infrastruktur, Rohstoffverarbeitung, Forschung, maritime Fähigkeiten und eine dauerhafte Präsenz im nordatlantisch-arktischen Raum.
Die Arktis als geologischer, wirtschaftlicher und strategischer Raum
Die Arktis erstreckt sich über ein Gebiet von rund 20 Millionen Quadratkilometern zwischen dem Nordpol und dem Polarkreis bei 66°33’ nördlicher Breite. Ihre Fläche ist damit mehr als sechsmal so groß wie das Mittelmeer. Etwa die Hälfte dieses Raumes besteht aus Festland und vorgelagerten Inseln, die andere Hälfte aus dem Arktischen Ozean. Schon diese geografische Struktur macht die Arktis zu einem Sonderraum: Sie ist weder bloß Meer noch bloß Land, sondern ein Übergangsraum aus Küsten, Schelfmeeren, untermeerischen Rücken, Inseln, Rohstofflagerstätten, Seewegen und strategischen Engpässen.
Erdgeschichtliche und plattentektonische Prozesse sind in der Arktis nicht nur für Geologen von Bedeutung. Sie entscheiden darüber, wo Erdöl, Erdgas, metallische Rohstoffe, Seltene Erden, Phosphate, Diamanten und weitere Bodenschätze vermutet oder erschlossen werden können. Die arktischen Gebiete verteilen sich im Kern auf die Nordamerikanische und die Eurasische Platte. Unter dem Nordpolarmeer liegen ausgedehnte Schelfgebiete, also überflutete Kontinentalränder, die geologisch nicht zur Tiefsee gehören, sondern die Landmassen unter Wasser fortsetzen. Deshalb gelten Randmeere wie die Barentssee, Karasee, Laptewsee und Ostsibirische See als Schelfmeere. Gerade diese Schelfzonen sind für Rohstofffragen zentral.
Wer über die Arktis spricht, spricht meist zuerst über Öl und Gas. Die Schätzungen des United States Geological Survey verorten in der Arktis rund 13 Prozent der weltweit unentdeckten konventionellen Erdölressourcen und rund 30 Prozent der unentdeckten konventionellen Erdgasressourcen; zugleich liegen nach USGS-Schätzung rund 84 Prozent dieser arktischen Ressourcen offshore. Diese Zahlen erklären, warum die Region seit Jahren wirtschaftlich und geopolitisch aufgewertet wird. Die tatsächliche Förderbarkeit bleibt jedoch abhängig von Eisbedingungen, Technik, Preisen, Infrastruktur, Umweltauflagen und politischer Stabilität.
Die wirtschaftlichen Aktivitäten der Arktis gehen allerdings weit über Öl, Gas und Bergbau hinaus. Jagd, Fischerei und Rentierzucht besitzen eine lange Tradition. Auch der Tourismus gewinnt an Bedeutung. Dennoch verschiebt sich das Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit zunehmend auf Rohstoffe, neue Seewege und militärisch-strategische Präsenz. Das schwindende Meereis, technologische Fortschritte und die globale Nachfrage nach kritischen Rohstoffen machen Exploration und Nutzung attraktiver. Genau daraus entsteht der moderne arktische Zielkonflikt: wirtschaftliche Erschließung, ökologische Verwundbarkeit, indigene Lebensweisen, nationale Souveränität und Großmachtpolitik treffen in einem räumlich begrenzten Gebiet unmittelbar aufeinander.
Seerecht, Festlandsockel und der Kampf um Zuständigkeiten
Die rechtliche Ordnung der Arktis beruht wesentlich auf dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Küstenstaaten verfügen zunächst über ein Küstenmeer von bis zu 12 Seemeilen. Darüber hinaus können sie eine Ausschließliche Wirtschaftszone von bis zu 200 Seemeilen beanspruchen. In dieser Zone besitzt der Küstenstaat wirtschaftliche Rechte an Fischbeständen, Energiequellen und Rohstoffen auf und unter dem Meeresboden, ohne dass diese Zone vollständig zum Staatsgebiet würde. Andere Staaten behalten dort etwa Durchfahrts- und Überflugrechte.
Noch komplexer wird die Lage beim erweiterten Festlandsockel. Staaten können bei der Festlandsockelgrenzkommission der Vereinten Nationen beantragen, dass sich ihr Festlandsockel jenseits von 200 Seemeilen fortsetzt. Wird eine solche geologische und geophysikalische Fortsetzung bestätigt, kann der betreffende Staat souveräne Rechte zur Erforschung und Ausbeutung der natürlichen Ressourcen des Meeresbodens und Untergrunds erhalten. Diese Rechte beziehen sich jedoch nicht auf die darüberliegende Wassersäule und nicht auf den Luftraum. Die Kommission bewertet wissenschaftliche Unterlagen und gibt Empfehlungen ab; politische oder territoriale Streitigkeiten löst sie nicht selbst.
Die Landgebiete der Arktis sind weitgehend unstrittig. Die Konflikte liegen vor allem in Seegebieten, beim Festlandsockel und bei überlappenden Ansprüchen. Russland, Kanada und Dänemark beziehungsweise Grönland machen Ansprüche geltend, die sich teilweise überschneiden. Die lange umstrittene russisch-norwegische Grenze in der Barentssee und im Arktischen Ozean wurde dagegen durch ein bilaterales Abkommen geregelt. Der entsprechende Vertrag verpflichtet beide Seiten, die festgelegte Abgrenzungslinie zu beachten und jenseits dieser Linie keine Hoheitsrechte oder Küstenstaatenbefugnisse auszuüben.
Das Centre for Borders Research der Universität Durham dokumentiert die arktischen Seegrenzen, Ausschließlichen Wirtschaftszonen und Ansprüche auf erweiterte Festlandsockel kartografisch. Gerade diese Karten zeigen, dass die Arktis nicht einfach ein unregulierter Raum ist. Sie ist vielmehr ein hochgradig verrechtlichter Raum, in dem sich juristische Verfahren, geologische Gutachten, nationale Machtpolitik und strategische Infrastruktur überlagern.
Multilaterale Kooperation unter Druck
Der Arktische Rat wurde 1996 durch die Ottawa-Erklärung als zentrales zwischenstaatliches Forum der Arktis gegründet. Ihm gehören die acht arktischen Staaten Kanada, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Russland, Schweden und die USA an. Ziel ist die Zusammenarbeit, Koordinierung und Abstimmung in arktischen Fragen, unter Einbeziehung indigener Gemeinschaften und anderer Bewohner der Region. Der Rat behandelt vor allem Umwelt-, Entwicklungs- und Governancefragen; klassische militärische Sicherheit ist nicht sein Kernmandat.
Diese kooperative Ordnung ist jedoch schwer beschädigt. Bereits 2014 wurde die Kooperation mit Russland in sicherheitspolitischen Formaten wie dem Arctic Security Forces Roundtable infolge der Annexion der Krim eingeschränkt. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 ist auch die politische Arbeit im Arktischen Rat zeitweise ausgesetzt oder nur eingeschränkt fortgeführt worden. Das Arctic Coast Guard Forum, 2015 gegründet, um maritime Sicherheit auch unter schwierigen Bedingungen kooperativ zu organisieren, wurde ebenfalls blockiert. Damit verliert die Arktis ausgerechnet in einer Phase wachsender Rohstoff-, Energie-, Schifffahrts- und Sicherheitsinteressen an institutioneller Stabilität.
Ohne Russland bleibt arktische Kooperation aber nur begrenzt vollständig, weil Russland geografisch, militärisch, demografisch und ressourcenpolitisch der größte arktische Akteur ist. Die Wiederaufnahme normaler Kooperation ist unter den gegenwärtigen Umständen kaum vorstellbar; ein dauerhaftes arktisches Ordnungsmodell ohne Russland wäre jedoch ebenfalls unvollständig. Diese Lage ist der Kern des arktischen Dilemmas: Die Region braucht Zusammenarbeit, aber die politische Realität produziert Blockade.
Rohstoffe: Öl, Gas, Metalle, Seltene Erden und Phosphate
Die Arktis verfügt über erhebliche Rohstoffpotentiale. Viele Lagerstätten sind noch nicht vollständig exploriert oder werden wegen hoher logistischer, technischer und finanzieller Hürden nicht aktiv abgebaut. Neben fossilen Energieträgern besitzt die Region Vorkommen an Metallen, Edelsteinen, Industriemineralen, Seltenen Erden, Phosphaten, Nickel, Palladium, Platin, Blei, Zink, Kupfer, Gold, Diamanten und weiteren Rohstoffen.
In den skandinavischen Ländern finden sich Gold, Eisenerz, Blei, Zink, Kupfer, Mineralien und Naturwerksteine. Grönland verfügt über erhebliche Vorkommen an Seltenen Erden und weiteren strategischen Rohstoffen, darunter Niob, Tantal, Gold, Eisen, Platingruppenmetalle, Blei, Zink und Molybdän. In Kanada und Sibirien gibt es Diamantvorkommen. Alaska besitzt unter anderem Gold, Kupfer, Blei-Zink-Vorkommen und weitere metallische Rohstoffe. In der russischen Arktis befinden sich Lagerstätten von Palladium, Platin, Nickel, Diamanten, Seltenen Erden und Phosphat. Die Kola-Halbinsel zählt zu den rohstoffreichsten arktischen Teilräumen; dort befinden sich große Nickel- und magmatische Phosphatvorkommen.
Die Rohstofffrage ist deshalb keine Randfrage der Arktis, sondern ihr ökonomischer und geopolitischer Kern. Kritische Rohstoffe sind die materielle Grundlage von Energie-, Rüstungs-, Digital- und Industrietechnologien. Wer Zugriff auf Lagerstätten, Transportwege, Häfen, Eisbrecher, Geodaten, Explorationslizenzen und Verarbeitungskapazitäten besitzt, verfügt nicht nur über wirtschaftliche Chancen, sondern über politische Hebel.
Norwegen: Ressourcenstaat mit Vorsicht und Tiefseeambitionen
Norwegen ist einer der wichtigsten arktischen Akteure. Etwa 35 Prozent des norwegischen Festlands liegen nördlich des Polarkreises; dort leben rund 9 Prozent der Bevölkerung. Norwegens arktische Interessen sind stark wirtschaftlich geprägt, insbesondere durch Öl, Gas, Fischerei und maritime Industrie. Die norwegische Ölgesellschaft Equinor fördert in der arktischen Barentssee Erdöl und Erdgas. Norwegen verfolgt dabei traditionell eine Doppelstrategie: wirtschaftliche Nutzung und Selbstinszenierung als verantwortungsbewusster, stabilitätsorientierter Akteur.
Im Januar 2024 beschloss das norwegische Parlament, rund 280.000 Quadratkilometer Meeresboden zwischen Spitzbergen und Jan Mayen für Tiefseebergbau zu öffnen. Norwegen wäre damit das erste Land in Europa geworden, das in diesem Umfang kommerzielle Tiefseeexploration in eigenen Hoheitsgewässern ermöglicht. Die Entscheidung stieß auf massive Kritik von Umweltorganisationen und Wissenschaftlern, weil Tiefseeökosysteme wenig erforscht sind und Eingriffe am Meeresboden irreversible Schäden verursachen könnten.
Im Dezember 2024 wurde das Vorhaben jedoch vorerst gestoppt beziehungsweise verschoben. Die Regierung setzte die Lizenzvergabe im Zusammenhang mit dem Haushalt 2025 aus. Damit wurde die politische Ambivalenz sichtbar: Norwegen will sich als technologisch führender Rohstoffstaat positionieren, kann sich aber den ökologischen und internationalen Reputationskosten eines voreiligen Tiefseebergbaus nicht entziehen.
Gerade Norwegen zeigt damit die zentrale Spannung arktischer Rohstoffpolitik: Der Zugriff auf strategische Mineralien ist wirtschaftlich und geopolitisch attraktiv, aber die Tiefsee ist kein gewöhnlicher Industriestandort. Wer sie erschließt, übernimmt Risiken in einem ökologischen System, das in weiten Teilen noch nicht verstanden ist.
Kanada: Rohstoffpotential unter Moratorium
Kanada besitzt in seinen arktischen Offshore-Gebieten bedeutende vermutete fossile Rohstoffvorkommen. Bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren fanden Bohrungen statt. Dennoch verfolgt Kanada seit 2016 zusammen mit den USA ein Moratorium für Offshore-Aktivitäten in arktischen Gewässern, das regelmäßig überprüft wird. Explorationslizenzen wurden eingefroren, und die kanadische Regierung hält an der Aussetzung von Öl- und Gasaktivitäten in arktischen Gewässern fest.
Damit unterscheidet sich Kanada deutlich von Norwegen. Während Norwegen kartiert, vorbereitet und phasenweise öffnet, setzt Kanada stärker auf Schutz, Vorsicht und regulatorische Zurückhaltung. Diese Haltung ist nicht nur ökologisch motiviert. Sie reflektiert auch die enorme technische Komplexität der arktischen Offshore-Förderung und die politische Sensibilität indigener Gebiete.
Russland: die arktische Supermacht
Russland ist der zentrale Machtfaktor der Arktis. Das Land verfügt über rund 53 Prozent der Küstenlinie des Arktischen Ozeans und fast die Hälfte der arktischen Bevölkerung. Rund 2,5 Millionen Menschen leben im russischen arktischen Raum. Für Russland ist die Arktis keine ferne Peripherie, sondern ein geostrategischer, wirtschaftlicher und militärischer Kernraum.
Die wirtschaftliche Bedeutung ist enorm. Die Internationale Energieagentur beziffert den Anteil der Arktis an Russlands Erdgasproduktion auf über 80 Prozent und an der Rohölproduktion auf rund 20 Prozent. Die Stiftung Wissenschaft und Politik nennt sogar mehr als 90 Prozent der russischen Erdgasproduktion und 17 Prozent der Ölproduktion als arktisch geprägt. Die Zahlen unterscheiden sich je nach Abgrenzung, zeigen aber eindeutig: Russlands Energieökonomie ist ohne die Arktis nicht zu verstehen.
Russland hat seine militärische und infrastrukturelle Präsenz seit Jahren ausgebaut. Ehemalige sowjetische Stützpunkte wurden reaktiviert, die Marine modernisiert, neue Waffensysteme entwickelt und arktische Infrastruktur gestärkt. Die russischen Stützpunkte innerhalb des Polarkreises übertreffen nach einschlägigen Analysen die NATO-Präsenz deutlich; zugleich wird der Westen als in Teilen mindestens zehn Jahre im Rückstand beschrieben.
Besonders sichtbar ist die Dominanz bei Eisbrechern. Russland verfügt über die weltweit einzige Flotte nuklear angetriebener Eisbrecher und insgesamt über eine deutlich größere Eisbrecherkapazität als die USA. Während die USA nur über sehr begrenzte schwere polare Eisbrecherkapazitäten verfügen, wird Russlands Flotte häufig auf nahezu 40 Eisbrecher beziffert; einzelne Analysen nennen sieben nuklear angetriebene und rund 30 dieselbetriebene Eisbrecher.
Diese Fähigkeiten sind nicht bloß symbolische Machtprojektion. Sie sichern Öl- und Gasterminals, Häfen, Militärstützpunkte und den Nördlichen Seeweg. Diese Route führt von der Beringstraße bis zur Barentssee und könnte gegenüber der klassischen Route zwischen Asien und Europa über den Suezkanal Fahrzeit und Kosten erheblich reduzieren. Der russische Entwicklungsplan für den Nördlichen Seeweg verfolgt genau dieses Ziel: internationale Polartransite anziehen, Rohstoffexporte absichern und Moskaus Kontrolle über eine strategische Route festigen.
Die russische Arktis besitzt zudem große Lagerstätten von Kohle, Erdöl, Erdgas, Diamanten, Gold, Nickel, Kobalt, Kupfer, Palladium, Platin, Zink und Seltenen Erden. Schon heute wird ein erheblicher Teil der russischen Rohstoffexporte in Sibirien gewonnen. Weitere Lagerstätten werden unter anderem auf dem Lomonossow-Rücken vermutet. Russland ist daher nicht einfach ein arktischer Akteur, sondern die arktische Landmacht schlechthin.
China: „Near-Arctic State“, Polare Seidenstraße und strategische Geduld
China liegt mehr als 4.000 Kilometer vom Nordpol entfernt und rund 1.400 Kilometer südlich des Polarkreises. Trotzdem bezeichnet sich die Volksrepublik in ihrem Arktis-Weißbuch von 2018 als „near-Arctic State“. Seit 2013 besitzt China Beobachterstatus im Arktischen Rat. Rechtlich begründet dieser Status keine arktische Mitsprache auf Augenhöhe mit den acht arktischen Staaten, politisch aber verschafft er China Sichtbarkeit, Zugang zu Debatten und langfristige Positionierung.
Pekings Interessen sind vielfältig: Rohstoffe, Energieversorgung, Forschung, Schifffahrt, militärisch relevante Geodaten, Infrastruktur, Einfluss in internationalen Gremien und die Umgehung maritimer Engpässe. Die Polare Seidenstraße bildet im Rahmen der Belt and Road Initiative den arktischen Korridor neben Landrouten durch Zentralasien und Seewegen im Indopazifik. China sieht in arktischen Routen eine Möglichkeit, die Abhängigkeit von verwundbaren Nadelöhren wie der Straße von Malakka zu verringern.
Die chinesisch-russische Kooperation ist in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Russland besitzt Raum, Rohstoffe, Arktiserfahrung, Häfen und Eisbrecher; China besitzt Kapital, Nachfrage, industrielle Kapazität und strategischen Atem. Gemeinsame oder miteinander verflochtene Projekte wie Yamal LNG, die Pipeline Power of Siberia und Infrastrukturpläne im nordrussischen Archangelsk zeigen, dass sich eine arktische Interessenachse bildet. Diese Verbindung einer aufsteigenden Weltmacht mit dem größten arktischen Akteur ist aus westlicher Sicht die entscheidende strategische Herausforderung.
China baut zudem seine polare Forschung aus. Nachweisbar sind unter anderem die Yellow River Station auf Spitzbergen und das China-Iceland Arctic Science Observatory in Island; außerdem betreibt China Eisbrecher wie Xuelong und Xuelong 2. Die im Ausgangstext genannte Zahl von fünf chinesischen Forschungsbasen in der Arktis lässt sich in dieser Form anhand der geprüften Quellen nicht eindeutig bestätigen; gut belegt ist jedoch der deutliche Ausbau chinesischer Polarforschung, die von westlichen Sicherheitsanalysten auch wegen möglicher Dual-Use-Bezüge kritisch beobachtet wird.
Grönland: Rohstoffe, Souveränität und das neue arktische Selbstbewusstsein
Grönland ist formal Teil des Königreichs Dänemark, verfügt aber über weitreichende Selbstverwaltung, ein eigenes Parlament und eine eigene Regierung. Außen- und Verteidigungspolitik bleiben im Rahmen des Reichsverbands stark mit Dänemark verbunden. Die Insel besitzt ein riesiges Territorium, eine sehr kleine Bevölkerung von rund 57.000 Einwohnern und bedeutende Vorkommen an Mineralien und Seltenen Erden.
Die neue grönländische Außen-, Sicherheits- und Verteidigungsstrategie 2024–2033 trägt den programmatischen Titel „Greenland in the World – Nothing about us without us“. Dieser Titel ist mehr als ein Slogan. Er markiert den Anspruch Nuuks, nicht länger Objekt fremder Arktispolitik zu sein, sondern selbst in den Mittelpunkt der Entscheidungen über Außenpolitik, Sicherheit, Rohstoffe und internationale Partnerschaften zu rücken.
Grönlands Rohstoffpotential ist seit Jahren Gegenstand internationaler Aufmerksamkeit. Die Erschließung könnte eine Diversifizierung der Wirtschaft ermöglichen und damit langfristig die finanzielle Grundlage für mehr politische Unabhängigkeit schaffen. Zugleich erschweren hohe Kosten, mangelhafte Infrastruktur, extreme klimatische Bedingungen, Umweltauflagen und teilweise radioaktive Begleitmineralien die konkrete Entwicklung. Grönland beendete 2021 die Öl- und Gasexploration und erließ ein Uranverbot, das unter anderem Projekte mit Seltenen Erden beeinflusste.
Die Unabhängigkeitsfrage ist politisch zentral. Das dänische Selbstverwaltungsgesetz von 2009 legt fest, dass Entscheidungen über eine Unabhängigkeit von den Menschen in Grönland getroffen werden müssen. Ein solcher Prozess müsste anschließend politisch und rechtlich mit Dänemark verhandelt und bestätigt werden.
Donald Trumps wiederholte Äußerungen, Grönland erwerben zu wollen, wurden in diplomatischen und journalistischen Kreisen vielfach verspottet. Eine nüchterne machtpolitische Analyse zeigt jedoch, warum Grönland für Washington strategisch relevant ist: Seltene Erden, Lage am Nordatlantik, Nähe zur Arktis, Zugang zu Seewegen, Kontrolle über militärische Frühwarnsysteme und die Einbindung in die US-Verteidigungsarchitektur. Grönlands damalige Außenministerin Ane Lone Bagger brachte die grönländische Gegenposition bereits 2019 auf die Formel: „open for business, but not for sale“.
Die USA: Alaska, Pituffik und Realpolitik im Norden
Für die USA ist die Arktis über Alaska und Grönland relevant. Alaska ist reich an Erdöl, Gas, Gold, Zink, Fisch, Wildnisflächen und strategischer Lage. Die USGS beschreibt Alaska als führend in der Zinkproduktion der USA und als bedeutenden Goldproduzenten; Metalle machen mehr als 90 Prozent des Wertes der im Bundesstaat geförderten Mineralien aus.
Bereits am ersten Tag seiner Amtszeit im Januar 2025 unterzeichnete Donald Trump die Executive Order „Unleashing Alaska’s Extraordinary Resource Potential“. Darin wird die Erschließung natürlicher Ressourcen ausdrücklich mit Wohlstand, wirtschaftlicher Sicherheit und nationaler Sicherheit verbunden. Diese Sprache ist klassische Rohstoff-Realpolitik: Ressourcen sind nicht nur Produktionsfaktoren, sondern Instrumente nationaler Macht.
Die USA haben der Arktis in der Vergangenheit dennoch nicht dieselbe Priorität eingeräumt wie Russland. Besonders sichtbar ist dies bei Eisbrechern, Infrastruktur und dauerhafter Präsenz. Washington bleibt zwar globale Supermacht, ist aber im arktischen Operationsraum weniger dominant als Russland. Genau deshalb gewinnen Alaska, Grönland und Pituffik an Bedeutung.
Die Pituffik Space Base, früher Thule Air Base, ist die nördlichste Installation des US-Verteidigungsministeriums. Ihre Aufgabe liegt in Raketenfrühwarnung, Raketenabwehr und Weltraumüberwachung. Sie ist damit nicht nur eine regionale Basis, sondern ein Bestandteil der strategischen Frühwarnarchitektur der USA und der NATO.
Aus dieser Perspektive ist das amerikanische Interesse an Grönland nicht bloß exzentrische Symbolpolitik. Es folgt der Logik, kritische Rohstoffe, Frühwarnsysteme, Seewege und nördliche Operationsräume in einer Phase wachsender Rivalität mit Russland und China stärker abzusichern. Die Form der Kommunikation mag grob, provozierend oder diplomatisch ungeschickt sein. Der strategische Kern ist jedoch real.
Die EU: spät erwachtes Interesse und schwache Hebel
Die Europäische Union hat Grönland inzwischen als strategischen Partner für kritische Rohstoffe erkannt. Im November 2023 unterzeichneten die EU und die Regierung Grönlands eine Absichtserklärung für eine strategische Partnerschaft zur Entwicklung nachhaltiger Rohstoff-Wertschöpfungsketten. Die Europäische Kommission betont dabei das hohe Rohstoffpotential Grönlands und das europäische Interesse an Versorgungssicherheit.
Im März 2024 eröffnete die EU-Kommission ein Büro in Nuuk und kündigte Programme im Rahmen von Global Gateway an. Dazu gehörten 71,25 Millionen Euro für Bildung und Kompetenzen sowie 22,5 Millionen Euro für grünes Wachstum, einschließlich erneuerbarer Energien, kritischer Rohstoffe und Biodiversitätsschutz. Das ist politisch ein Signal, strategisch aber bescheiden.
Europa läuft in Grönland Gefahr, eine geopolitische Katastrophe weitgehend selbst verschuldet zu erleben. Die EU hätte früher und entschlossener auf Grönland und Island zugehen können, um in einer der strategisch wichtigsten Regionen der Welt stabilen Einfluss zu sichern. Grönland war über Dänemark bereits einmal Teil der Europäischen Gemeinschaft, verließ diese jedoch 1985. Mit dem Austritt Grönlands und später des Vereinigten Königreichs verlor Europa wichtige nördliche atlantische Verankerungen. Finnland und Schweden stärken zwar die arktische Dimension Europas, besitzen aber keinen Zugang zur arktischen Küste des Nordpolarmeeres.
Die EU möchte Rohstoff-Wertschöpfungsketten aufbauen, ihre Abhängigkeit von China reduzieren und Grönland stärker an Europa binden. Doch andere Akteure handeln oft schneller, härter und kapitalstärker. In der arktischen Realpolitik zählen nicht Absichtserklärungen allein, sondern Häfen, Förderlizenzen, Sicherheitsgarantien, Investitionen, Eisbrecher, Geodaten und politische Entschlossenheit.
Schluss: Das arktische Rennen läuft
Die Arktis ist kein leerer Raum, sondern ein dicht regulierter, rohstoffreicher, ökologisch verwundbarer und strategisch aufgeladener Großraum. Ihre Bedeutung wächst durch Klimawandel, Rohstoffhunger, Energiepolitik, neue Seewege und die Rivalität zwischen Russland, China, den USA und Europa. Die bestehenden Abkommen, Räte und Absichtserklärungen reichen nur begrenzt aus, weil die Interessen der Akteure divergieren und sich auf einem geografisch begrenzten Raum nicht beliebig ausgleichen lassen.
Der Westen darf die Arktis nicht romantisieren. Dort entscheidet sich nicht nur Umweltpolitik, sondern auch Rohstoffsicherheit, militärische Präsenz, maritime Kontrolle, industrielle Souveränität und geopolitischer Einfluss. Russland ist in der Arktis militärisch und infrastrukturell stark. China denkt langfristig, sucht Zugang und baut Einfluss über Forschung, Handel, Investitionen und Kooperation mit Russland aus. Die USA versuchen, Versäumnisse aufzuholen und ihre Position über Alaska, Grönland und Pituffik zu sichern. Norwegen agiert vorsichtig, aber technologisch ambitioniert. Kanada schützt und bremst. Grönland nutzt seine neue Aufmerksamkeit zur Stärkung eigener Souveränitätsansprüche. Die EU kommt spät und mit vergleichsweise schwachen Mitteln.
Die Arktis ist klirrend kalt, aber politisch heiß umstritten. Wer sie nur als Naturraum betrachtet, versteht sie nicht. Sie ist Ressourcenraum, Seeraum, Rechtsraum, Militärraum und Machtprojekt zugleich.
Quellen & Literatur
[1] United States Geological Survey (USGS) (2008). Circum-Arctic Resource Appraisal: Estimates of Undiscovered Oil and Gas North of the Arctic Circle. USGS Fact Sheet 2008–3049. URL: https://pubs.usgs.gov/fs/2008/3049/fs2008-3049.pdf
[2] U.S. Energy Information Administration (EIA) (2012). Arctic oil and natural gas resources. URL: https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=4650
[3] United Nations (1982). United Nations Convention on the Law of the Sea. URL: https://www.un.org/depts/los/convention_agreements/texts/unclos/unclos_e.pdf
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[8] Arctic Council (2026). Arctic States. URL: https://arctic-council.org/about/states/
[9] Arctic Council (2026). People’s Republic of China: Observer Profile. URL: https://arctic-council.org/about/observers/peoples-republic-of-china/
[10] Norwegian Government/Storting (2024). Decision to open parts of the Norwegian continental shelf for seabed mineral activities. Vgl. parlamentarische Entscheidung vom 9. Januar 2024; ergänzend: European Parliament/NGO-Dokumentation. URL: https://seas-at-risk.org/press-releases/european-parliament-responds-to-norways-decision-to-open-the-arctic-to-deep-sea-mining-by-calling-for-a-global-moratorium-on-the-industry/
[11] Le Monde (2024). Norway stops planned seabed mining for a year. URL: https://www.lemonde.fr/en/environment/article/2024/12/03/norway-stops-planned-seabed-mining-for-a-year_6734966_114.html
[12] The Guardian (2024). Norway forced to pause plans to mine deep sea in Arctic. URL: https://www.theguardian.com/environment/2024/dec/02/norway-deep-sea-mining-mine-arctic
[13] International Energy Agency (IEA) (2022). Energy Fact Sheet: Why does Russian oil and gas matter?. URL: https://www.iea.org/articles/energy-fact-sheet-why-does-russian-oil-and-gas-matter
[14] Staalesen, A. / Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) (2020). Russia’s Arctic Strategy through 2035: Grand Plans and Pragmatic Constraints. SWP Comment. URL: https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/comments/2020C57_RussiaArcticStrategy.pdf
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[16] Responsible Statecraft (2024). What will NATO do with its giant Arctic footprint?. URL: https://responsiblestatecraft.org/arctic-nato-russia/
[17] National Defense Magazine (2025). The Icebreaker Numbers Game. URL: https://www.nationaldefensemagazine.org/articles/2025/1/13/the-icebreaker-numbers-game
[18] The FAI (2024). Confronting America’s Polar Icebreaker Gap. URL: https://www.thefai.org/posts/confronting-america-s-polar-icebreaker-gap
[19] State Council Information Office of the People’s Republic of China (2018). China’s Arctic Policy. URL: https://english.www.gov.cn/archive/white_paper/2018/01/26/content_281476026660336.htm
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[21] Center for Strategic and International Studies (CSIS) (2023). Frozen Frontiers: China’s Great Power Ambitions in the Polar Regions. URL: https://features.csis.org/hiddenreach/china-polar-research-facility/
[22] Government of Greenland (2024). Greenland in the World: Nothing about us without us. Greenland’s Foreign, Security and Defence Policy 2024–2033. URL: https://paartoq.gl/wp-content/uploads/2024/03/Greenlands_Foreign_-Security_and_Defense_Policy_2024_2033.pdf
[23] Government of Denmark (2009). Act on Greenland Self-Government. URL: https://english.stm.dk/media/pgwbvkfq/notifikation-af-7-oktober-2009-til-fn-s-generalsekretaer-om-selvstyreloven.pdf
[24] Government of Greenland (2021). Greenland Parliament Act No. 20 of 1 December 2021 to ban uranium prospecting, exploration and exploitation. URL: https://govmin.gl/wp-content/uploads/2022/01/Uranlov-ENG.pdf
[25] Voice of America (2019). Greenland Tells Trump it is Open For Business, Not for Sale. URL: https://www.voanews.com/a/europe_greenland-tells-trump-it-open-business-not-sale/6173945.html
[26] European Commission (2023). EU and Greenland sign strategic partnership on sustainable raw materials value chains. URL: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/api/files/document/print/en/ip_23_6166/IP_23_6166_EN.pdf
[27] European Commission (2023). Memorandum of Understanding between the European Union and the Government of Greenland on a Strategic Partnership on Sustainable Raw Materials Value Chains. URL: https://single-market-economy.ec.europa.eu/system/files/2023-12/MoU%20EU-GREENLAND%20FINAL%20EN.pdf
[28] European Commission (2024). President von der Leyen inaugurates the EU Office in Nuuk and signs cooperation agreements. URL: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/api/files/document/print/en/ip_24_1425/IP_24_1425_EN.pdf
[29] European Commission (2024). EU-Greenland Partnership Factsheet. URL: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/api/files/attachment/877811/Factsheet%20EU-Greenland%20Partnership%20EN.pdf
[30] U.S. Geological Survey (USGS) (o. J.). The Mineral Industry of Alaska. URL: https://www.usgs.gov/centers/national-minerals-information-center/mineral-industry-alaska
[31] The White House (2025). Executive Order: Unleashing Alaska’s Extraordinary Resource Potential. URL: https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/01/unleashing-alaskas-extraordinary-resource-potential/
[32] Federal Register (2025). Unleashing Alaska’s Extraordinary Resource Potential. URL: https://www.federalregister.gov/documents/2025/01/29/2025-01955/unleashing-alaskas-extraordinary-resource-potential
[33] U.S. Space Force / Peterson & Schriever Space Force Base (2026). Pituffik Space Base, Greenland. URL: https://www.petersonschriever.spaceforce.mil/Pituffik-SB-Greenland/
[34] Associated Press (2025). What to know about the US military’s Pituffik Space Base in Greenland. URL: https://apnews.com/article/746d67b1bc8e6681328a809787412495
[35] Sachs, J. D. und Warner, A. M. (1995). Natural Resource Abundance and Economic Growth. NBER Working Paper No. 5398. Cambridge, MA: National Bureau of Economic Research. URL: https://www.nber.org/papers/w5398
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