Arbeitskräftemangel und AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt: Eine kritische Prüfung der neuen IWH-Szenariorechnung

_ Christopher Kofner, Geschäftsführer & Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). 02. September 2026

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Eine neue IWH-Studie untersucht, wie sich eine mögliche AfD-Regierung auf den Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt auswirken könnte. Das IWH kommt zu dem Ergebnis, dass bis 2031 rund 14.000 zusätzliche ausländische Beschäftigte fehlen und dadurch über fünf Jahre bis zu 3,2 Milliarden Euro Wertschöpfung verloren gehen könnten. Die IKW-Analyse zeigt jedoch: Diese Zahlen wurden nicht direkt für Sachsen-Anhalt empirisch gemessen, sondern entstehen aus einer Szenariorechnung mit mehreren fragwürdigen Annahmen.
  • Der wichtigste Baustein der IWH-Rechnung ist die Annahme, dass unter einer AfD-Regierung der Zuwachs ausländischer Beschäftigter um 48,2 Prozent zurückgehen würde. Dieser Wert wurde nicht in Sachsen-Anhalt ermittelt. Das IWH leitet ihn aus nur zwei und dabei sehr unterschiedlichen Vergleichsfällen ab: Gemeinden in Italien, in denen erstmals die Lega Nord den Bürgermeister stellte, und dem Landkreis Sonneberg nach der Wahl des ersten AfD-Landrats. Gerade beim Sonneberg-Vergleich fehlt ein belastbares kausales Kontrolldesign. Damit ist die zentrale Annahme der gesamten Milliardenrechnung wissenschaftlich äußerst schwach abgesichert.
  • Ein grundlegendes Problem der IWH-Rechnung besteht darin, dass Beschäftigungszuwachs und Zuwanderung nicht dasselbe sind. Das IWH geht davon aus, dass der Bestand ausländischer sozialversicherungspflichtig Beschäftigter in Sachsen-Anhalt zuletzt um durchschnittlich rund 5.900 Personen pro Jahr gewachsen ist, und schreibt diesen Anstieg für die Jahre 2027 bis 2031 fort. Daraus entstehen im Basisszenario 29.380 zusätzliche ausländische Beschäftigte. Die 5.900 Personen sind jedoch nicht 5.900 neu eingewanderte Arbeitnehmer pro Jahr, sondern lediglich der jährliche Zuwachs des Beschäftigtenbestands. Dieser kann auch dadurch steigen, dass bereits länger in Sachsen-Anhalt lebende Ausländer erstmals eine Arbeit aufnehmen. Das IWH überträgt anschließend trotzdem Forschungsergebnisse über Zuwanderung auf diesen Beschäftigungszuwachs. Damit werden zwei unterschiedliche statistische Größen miteinander vermischt.
  • Genau deshalb hätte das IWH stärker untersuchen müssen, wie viele bereits in Sachsen-Anhalt lebende Ausländer zusätzlich in Beschäftigung gebracht werden könnten. Allein bei Ukrainern und Staatsangehörigen der acht wichtigsten Asylherkunftsländer ergibt sich rechnerisch ein Potenzial von knapp 9.800 zusätzlichen Beschäftigten, wenn ihre Beschäftigungsquote lediglich auf den heutigen Durchschnitt aller Ausländer steigt. Die AfD setzt hier mit verpflichtenden Arbeitsgelegenheiten für Asylbewerber, Sachleistungen statt Geldleistungen und der Rückführung ukrainischer Kriegsvertriebener aus dem Bürgergeld in das Asylbewerberleistungsgesetz ausdrücklich auf stärkere Erwerbsanreize. Nach den eigenen Bewertungsmaßstäben des IWH könnte eine schrittweise Mobilisierung dieses Potenzials über fünf Jahre rund 1,1 bis 2,0 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung erzeugen – ohne zusätzliche Zuwanderung.
  • Die IWH-Rechnung berücksichtigt außerdem nur unzureichend, dass ein Arbeitsmarkt auf Arbeitskräftemangel reagiert. Unternehmen können höhere Löhne zahlen, Beschäftigte können mehr Stunden arbeiten, ältere Arbeitnehmer länger im Erwerbsleben bleiben, Arbeitslose qualifiziert werden und Unternehmen stärker automatisieren. Besonders unrealistisch ist die Annahme hinter der 3,2-Milliarden-Euro-Obergrenze: Das IWH unterstellt ausdrücklich, dass mit jedem ausbleibenden Beschäftigten auch der zugehörige Kapitaleinsatz vollständig entfällt. Das setzt faktisch voraus, dass Maschinen, Anlagen oder andere Produktionsmittel nicht anderweitig eingesetzt oder durch Automatisierung produktiver genutzt werden können – eine äußerst fragwürdige und ökonomisch wenig plausible Annahme. Eine realistische Folgenabschätzung müsste solche Anpassungsreaktionen ausdrücklich mitmodellieren.
  • Eine belastbare Folgenabschätzung sollte neben möglichen Rückgängen ausländischer Beschäftigung ausdrücklich auch die deutsche Zu- und Rückwanderung als positiven Szenariopfad modellieren. Sachsen-Anhalt gewann von 2020 bis 2024 netto 6.542 deutsche Staatsbürger im Alter von 20 bis unter 65 Jahren hinzu; das AfD-Regierungsprogramm will diesen Trend mit einem Rückkehrprogramm für ausgewanderte deutsche Fachkräfte und der Anwerbung deutscher Arbeitnehmer aus anderen Bundesländern gezielt verstärken. Würde dadurch der bisherige Nettozuzug deutscher Erwerbsfähiger gegenüber dem Basistrend verdoppelt, entspräche das bei der heutigen Beschäftigungsquote rechnerisch rund 871 zusätzlichen deutschen Beschäftigten pro Jahr und nach der eigenen IWH-Bewertungslogik etwa 0,54 bis 0,99 Milliarden Euro zusätzlicher Wertschöpfung über fünf Jahre. Eine seriöse Studie müsste deshalb auch diesen möglichen positiven Effekt quantifizieren.
  • Die öffentlich kommunizierten 14.000 zusätzlich fehlenden Beschäftigten und 1,8 bis 3,2 Milliarden Euro Wertschöpfungsverlust sind keine empirisch nachgewiesene Folge einer AfD-Regierung, sondern Ergebnis einer stark annahmeabhängigen IWH-Szenariorechnung: Der zentrale Rückgang ausländischer Beschäftigung um 48,2 Prozent wird aus kaum vergleichbaren Fällen abgeleitet, darunter Sonneberg ohne belastbares Kontrolldesign; zudem werden Beschäftigungsbestände faktisch wie Zuwanderungsströme behandelt und wichtige Anpassungsreaktionen ausgeblendet. Rechnet man dagegen zwei vom IWH nicht quantifizierte Gegenkanäle nach dessen eigener Bewertungslogik ein, verändert sich das Bild grundlegend: Eine stärkere Beschäftigungsintegration bereits in Sachsen-Anhalt lebender Ukrainer und Staatsangehöriger der wichtigsten Asylherkunftsländer könnte bei schrittweiser Annäherung an die durchschnittliche Ausländerbeschäftigungsquote rund 1,1 bis 2,0 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung erzeugen; eine Verdopplung des bisherigen Nettozuzugs deutscher Erwerbsfähiger durch Rückkehr- und Anwerbemaßnahmen nochmals etwa 0,54 bis einer Milliarden Euro. Zusammen ergäben sich damit rund 1,64 bis drei Milliarden Euro positive Wertschöpfungseffekte. Eine belastbare wirtschaftspolitische Bewertung müsste daher genau diese Alternativszenarien – Aktivierung bereits Ansässiger, deutsche Zu- und Rückwanderung, höhere Erwerbsbeteiligung sowie technologische und betriebliche Anpassungen – gleichberechtigt mitmodellieren.

Eine weitere Warnstudie unmittelbar vor der Wahl

Am 1. September 2026, fünf Tage vor der Landtagswahl, veröffentlichten IWH-Präsident Reint Gropp und Alexander Reifschneider ihre Policy Note über den Arbeitsmarkt Sachsen-Anhalts. Sie reiht sich in mehrere kurz vor der Wahl erschienene Analysen ein, die vor wirtschaftlichen Folgen einer AfD-Regierung warnen.

Die politische Wirkung dieser Publikationsfolge liegt auf der Hand: Wenige Tage vor einer Wahl, bei der die AfD in der letzten Infratest-dimap-Erhebung 42 Prozent erreicht, entstehen eingängige Schadenszahlen für die öffentliche Debatte. Gerade deshalb müssen Methode, Sprache und Annahmen besonders streng geprüft werden.

Das IWH wird als Leibniz-Institut institutionell je zur Hälfte von Bund und Ländern finanziert. 2025 stammten 9,16 Mio. Euro seines Gesamtbudgets von 11,85 Mio. Euro aus institutioneller Förderung. Das legt eine politische Einflussnahme durch die Regierungsparteien nahe und erhöht den Anspruch an eine methodisch korrekte nachvollziehbare Politikberatung.

Von „ausländerfeindlicher Politik“ zu 14.000 fehlenden Beschäftigten

Bereits das Framing der Untersuchung ist problematisch. Das IWH spricht nicht bloß von einer restriktiveren Einwanderungs- oder Asylpolitik, sondern von einer „ausländerfeindlichen Atmosphäre“ und führt in seinem Anhang eine eigene Liste vermeintlich „ausländerfeindlicher Aussagen“ des AfD-Programms.

Als wissenschaftliche Variable ist diese Pauschalisierung zurückzuweisen. Die AfD fordert zwar eine  restriktive Migrationspolitik, Abschiebung Ausreisepflichtiger, Begrenzung illegaler und bestimmter nicht-europäischer Zuwanderung sowie eine stärkere Auswahl der gewünschten Fachkräfte. Das mag zurzeit noch politisch umstritten sein, ist aber nicht dasselbe wie eine empirisch gemessene allgemeine Feindseligkeit gegenüber jedem Ausländer. Die Satzung des AfD-Landesverbandes erklärt ausdrücklich, eingebürgerte Deutsche dürften politisch nicht als Bürger zweiter Klasse behandelt werden, und Menschen, die sich integrieren und Deutsch lernen wollen, sollten unterstützt werden.

Hinzu kommt ein methodischer Zirkel: Wenn das IWH behauptet, ein politisches „Klima“ schrecke Migranten ab, müsste es auch untersuchen, wie dieses Klima überhaupt entsteht – durch konkrete Regierungsmaßnahmen, Parteiaussagen, Medienberichterstattung, Oppositionskampagnen oder bundespolitische Entwicklungen. Genau das geschieht nicht. Besonders problematisch ist, dass Medien, öffentlich-rechtliche Berichterstattung und auch öffentlich finanzierte Forschungsinstitute selbst zu diesem Wahrnehmungsklima beitragen können, wenn sie die AfD pauschal als „ausländerfeindlich“ charakterisieren. Wird eine solche Zuschreibung ständig wiederholt, kann sie bei ausländischen Staatsangehörigen Ängste und negative Erwartungen erzeugen oder verstärken – unabhängig davon, ob diese Wahrnehmung durch konkrete Politik tatsächlich gedeckt ist. Methodisch ist es deshalb unzulässig, einen möglichen Abschreckungseffekt anschließend einseitig der AfD zuzuschreiben, ohne zugleich zu prüfen, welchen Anteil mediale und institutionelle Rahmung an genau diesem Effekt hat.

Die Rechnung des IWH funktioniert vereinfacht so: Zunächst unterstellt das Institut, dass Sachsen-Anhalt bis 2031 durch Alterung und Renteneintritte rund 61.414 deutsche Beschäftigte verliert. Gleichzeitig nimmt es an, dass sich der bisherige Zuwachs ausländischer Beschäftigter fortsetzt und bis 2031 rund 29.380 zusätzliche ausländische Beschäftigte hinzukommen. Ohne besonderen politischen Effekt bliebe damit eine Beschäftigungslücke von rund 32.000 Personen.

Für das AfD-Szenario unterstellt das IWH dann, dass der Zuwachs ausländischer Beschäftigter um 48,2 Prozent geringer ausfallen würde. Statt 29.380 kämen demnach nur noch etwa 15.210 zusätzliche ausländische Beschäftigte hinzu. Dadurch vergrößert sich die Beschäftigungslücke von rund 32.000 auf rund 46.000 Personen. Die Differenz von 14.170 Beschäftigten bezeichnet das IWH als negativen Effekt einer AfD-Regierung.

Lega Nord und Sonneberg: Wie das IWH seinen zentralen „AfD-Effekt“ konstruiert

Für Sachsen-Anhalt existiert naturgemäß keine frühere AfD-Landesregierung, an der sich ein möglicher Regierungseffekt unmittelbar messen ließe. Das IWH greift deshalb auf wenige ausländische beziehungsweise regionale Vergleichsfälle zurück: Gemeinden in Norditalien unter Lega-Nord-Bürgermeistern, die Entwicklung nach dem Brexit und den Landkreis Sonneberg nach der Wahl des ersten AfD-Landrats. Methodisch handelt es sich damit um eine äußerst schmale und zudem hochgradig heterogene „Small-N“-Evidenzbasis. Eine italienische Gemeinde unter einem Bürgermeister, der britische EU-Austritt und ein thüringischer Landkreis sind institutionell, rechtlich, wirtschaftlich und migrationspolitisch kaum mit einer möglichen AfD-Landesregierung in Sachsen-Anhalt vergleichbar. Besonders problematisch ist deshalb, aus wenigen derart unterschiedlichen Fällen einen präzisen Effekt für Sachsen-Anhalt abzuleiten. Das ist weit entfernt von einer Meta-Analyse, bei der Ergebnisse mehrerer systematisch ausgewählter und hinreichend vergleichbarer Studien statistisch zusammengeführt werden. Die geringe Fallzahl allein macht einen Vergleich zwar noch nicht unwissenschaftlich; für eine verallgemeinerbare quantitative Aussage wie 48,2 Prozent weniger Zuwachs bräuchte es jedoch eine wesentlich überzeugendere Fallauswahl, Vergleichbarkeit und kausale Identifikation. Gerade diese externe Validität, also die Frage, ob Ergebnisse aus den untersuchten Fällen überhaupt auf Sachsen-Anhalt übertragbar sind, ist hier das Kernproblem.

Der wissenschaftlich stärkere Fall stammt aus Norditalien. Bracco et al. untersuchten Kommunalwahlen von 2002 bis 2014 und verglichen Gemeinden, in denen Kandidaten der migrationskritischen Lega Nord äußerst knapp gewonnen beziehungsweise verloren hatten. Dieses sogenannte Regression-Discontinuity-Design soll Gemeinden vergleichen, die sich abgesehen vom knappen Wahlausgang möglichst ähnlich sind. Die Studie findet im Hauptresultat ungefähr 10 bis 12 Prozent weniger jährlichen Nettozuzug von Migranten unter Lega-Nord-Bürgermeistern.

Das IWH verwendet jedoch für den Sonderfall der erstmaligen Machtübernahme einen deutlich höheren Wert von 31,8 Prozent.

Schon die Übertragbarkeit ist zweifelhaft: kleine norditalienische Kommunen der Jahre 2002 bis 2014, andere Sozial- und Migrationssysteme und ein Bürgermeisteramt sind nicht dasselbe wie ein deutsches Flächenland mit mehr als zwei Millionen Einwohnern.

Noch schwächer ist der zweite Eckwert. Der thüringische Landkreis Sonneberg wird herangezogen, weil dort seit Juli 2023 der erste AfD-Landrat Deutschlands amtiert. Das IWH vergleicht den durchschnittlichen Ausländerzuzug 2016 bis 2022 mit 2023 und 2024 und erhält einen Rückgang von 64,7 Prozent.

Das Institut räumt selbst ein: Es handelt sich um einen Vorher-Nachher-Vergleich ohne Kontrollgruppe im eigentlichen Kausaldesign. Zwar werden 57 andere ostdeutsche Kreise deskriptiv zum Vergleich genannt, doch sie werden nicht zu einem belastbaren kontrafaktischen Kontrollmodell verarbeitet. Genau ein solches Kontrafaktum – etwa über Difference-in-Differences, Matching oder Synthetic Control – wäre bei einem Vorher-Nachher-Ansatz empirisches Einmaleins.

Besonders schwer wiegt, dass das IWH selbst zugibt, der Wert hänge stark am Ukraine-Sonderjahr 2022 und könne je nach gewählter Vorperiode erheblich schwanken.

Trotzdem wird aus 31,8 und 64,7 Prozent einfach die Mitte von 48,2 Prozent gebildet. Das ist keine Metaanalyse und kein geschätzter Sachsen-Anhalt-Effekt, sondern ein politisch gesetzter Szenarioparameter.

Was bedeuten eigentlich die 5.900 Personen pro Jahr?

Dieser Punkt ist entscheidend, um die IWH-Rechnung richtig zu verstehen. Das Institut geht davon aus, dass Sachsen-Anhalt derzeit pro Jahr rund 5.900 zusätzliche ausländische sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gewinnt. Gemeint ist damit aber nicht, dass jedes Jahr 5.900 neue ausländische Arbeitnehmer nach Sachsen-Anhalt einwandern. Vielmehr hat das IWH berechnet, dass der Bestand der beschäftigten Ausländer in den vergangenen Jahren durchschnittlich um rund 5.900 Personen jährlich gestiegen ist. Diesen bisherigen Anstieg schreibt es anschließend bis 2031 fort: Fünf Jahre ergeben so insgesamt 29.380 zusätzliche ausländische Beschäftigte.

Der Unterschied ist wichtig: Ein Mensch kann beispielsweise bereits 2022 aus der Ukraine nach Sachsen-Anhalt gekommen sein, zunächst einen Sprachkurs besuchen oder keine Arbeit aufnehmen wollen und erst 2025 eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufnehmen. In der Statistik steigt dann 2025 die Zahl der ausländischen Beschäftigten, obwohl diese Person 2025 überhaupt nicht neu zugewandert ist. Ebenso können bereits seit Jahren im Land lebende Ausländer aus Arbeitslosigkeit oder Sozialleistungsbezug in Beschäftigung wechseln.

Genau hier liegt das methodische Problem: Das IWH bezeichnet seinen weiteren Rechenweg als „Zuzugspfad“ und unterstellt für eine AfD-Regierung einen Rückgang um 48,2 Prozent. Tatsächlich ist die Ausgangszahl von 5.900 aber zunächst ein Beschäftigungsbestandszuwachs und kein gemessener Wanderungsstrom. Deshalb kann man einen Effekt auf Zuwanderung nicht ohne Weiteres eins zu eins auf diese 5.900 Beschäftigten übertragen. Mehr ausländische Beschäftigung kann auch durch eine bessere Arbeitsmarktintegration der bereits im Land lebenden Ausländer entstehen – ohne einen einzigen zusätzlichen Zuwanderer.

Das IWH quantifiziert das vorhandene ausländische Arbeitskräftepotenzial nicht – hätte es aber tun müssen

Genau aus der Unterscheidung zwischen Zuwanderung und Beschäftigungszuwachs folgt ein wichtiger Gegenkanal, den das IWH nicht quantifiziert: Der Bestand ausländischer Beschäftigter kann auch steigen, wenn bereits in Sachsen-Anhalt lebende Ausländer eine Arbeit aufnehmen.

Im Februar 2026 lebten in Sachsen-Anhalt 35.197 Menschen im Erwerbsalter aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern sowie 27.919 ukrainische Staatsangehörige. Ihre Beschäftigungsquoten liegen deutlich unter dem Durchschnitt aller Ausländer in Sachsen-Anhalt von 54,9 Prozent. Würden beide Gruppen lediglich dieses Durchschnittsniveau erreichen, ergäbe sich rechnerisch ein Potenzial von knapp 9.800 zusätzlichen Beschäftigten – ohne einen einzigen zusätzlichen Zuwanderer.

Gerade hier ist das Regierungsprogramm der AfD von unmittelbarer Bedeutung. Die Partei will ausdrücklich die sozialstaatlichen Anreize verändern, die sie als „Sozialmagnet“ für Migration kritisiert. Vorgesehen sind unter anderem die konsequente Anwendung des Sachleistungsprinzips anstelle von Geldleistungen für Asylbewerber, verpflichtende Arbeitsgelegenheiten nach § 5 Asylbewerberleistungsgesetz mit möglichen Leistungskürzungen bei unbegründeter Verweigerung sowie die Überführung ukrainischer Kriegsvertriebener aus dem Bürgergeld in das Asylbewerberleistungsgesetz. Bei letzterem bezeichnet das Programm die damit verbundene Verringerung der Geldleistungen ausdrücklich auch als Rückkehranreiz.

Damit verfolgt die AfD zwei mögliche Anpassungskanäle, die das IWH in seiner Szenariorechnung nicht berücksichtigt: Erwerbsfähige, die in Deutschland bleiben, sollen einen stärkeren Anreiz zur Arbeitsaufnahme erhalten; bei Personen ohne dauerhafte Bleibeperspektive sollen geringere Transferleistungen zugleich den Anreiz zur Rückkehr erhöhen. Beides kann den Arbeitsmarkt beeinflussen, ohne dass dafür zusätzliche Zuwanderung notwendig wäre.

Dass stärkere Erwerbsanreize tatsächlich die Arbeitsaufnahme beeinflussen können, ist auch empirisch belegt. Eine IAB-Studie von Markus Wolf zeigt, dass bereits die erwartete Möglichkeit einer Leistungsminderung das Verhalten von Grundsicherungsbeziehern verändert: Steigt bei ansonsten vergleichbaren Leistungsbeziehern die vorhergesagte Sanktionswahrscheinlichkeit von 1 auf 10 Prozent, erhöht sich die monatliche Übergangsrate in Beschäftigung um rund 0,5 Prozentpunkte. Das IAB stellt zudem fest, dass Sanktionen grundsätzlich die Beschäftigungsaufnahme beschleunigen können.

Für die IWH-Analyse ist dieser Punkt entscheidend: Sie unterstellt, dass weniger Zuwanderung fast automatisch weniger ausländische Beschäftigte bedeutet. Tatsächlich könnte eine restriktivere und stärker aktivierende Sozialpolitik gleichzeitig den Beschäftigtenbestand unter den bereits im Land lebenden Ausländern erhöhen. Würde das errechnete Potenzial von knapp 9.800 zusätzlichen Beschäftigten schrittweise über fünf Jahre mobilisiert, entspräche dies nach den eigenen Bewertungsmaßstäben des IWH einer zusätzlichen Wertschöpfung von ungefähr 1,1 bis 2,0 Milliarden Euro.

Gerade weil das IWH nicht Einwanderer, sondern letztlich Beschäftigtenbestände bewertet, hätte dieser im AfD-Programm ausdrücklich angelegte Politikkanal zwingend in einer Sensitivitäts- oder Alternativrechnung berücksichtigt werden müssen.

Anpassungsreaktionen des Arbeitsmarktes fehlen

Auch höhere Löhne, mehr Arbeitsstunden, steigende Erwerbsbeteiligung, längere Lebensarbeitszeiten, Berufswechsel und Automatisierung werden in der IWH-Rechnung nur unzureichend berücksichtigt. Gerade bei Arbeitskräfteknappheit reagieren Unternehmen typischerweise, indem sie Arbeitsprozesse reorganisieren, stärker automatisieren oder Kapital intensiver einsetzen.

Besonders unrealistisch ist dabei die Annahme hinter der 3,2-Milliarden-Euro-Obergrenze: Das IWH unterstellt ausdrücklich, dass mit jedem ausbleibenden Beschäftigten auch der zugehörige Kapitaleinsatz vollständig entfällt. Das bedeutet faktisch, dass Maschinen, Anlagen oder andere Produktionsmittel nicht anderweitig genutzt, produktiver eingesetzt oder durch Automatisierung ergänzt werden könnten. Diese Annahme erscheint äußerst unplausibel und treibt die obere Schadensschätzung künstlich nach oben. Eine realistische Folgenabschätzung müsste deshalb ausdrücklich berücksichtigen, dass fehlende Arbeitskräfte teilweise durch Technologie, Kapital, organisatorische Anpassungen und Produktivitätssteigerungen ersetzt werden können.

Der übersehene politische Gegenkanal: Ausgewanderte deutsche Fachkräfte

Schließlich kommt der vielleicht auffälligste blinde Fleck.

Das IWH diskutiert zwar kurz, ob Deutsche aus dem Ausland oder aus anderen Bundesländern nach Sachsen-Anhalt zuziehen könnten, rechnet daraus aber kein positives Szenario. Dabei wäre gerade das konkrete AfD-Programm relevant gewesen.

Die Partei fordert ausdrücklich ein Rückkehrprogramm für ausgewanderte deutsche Fachkräfte: Unterstützung bei Wohnung und Kitaplatz sowie eine Rückkehrprämie nach zweijähriger sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Zugleich sollen deutsche Fachkräfte aus anderen Bundesländern gezielt für Sachsen-Anhalt gewonnen werden.

Auch andere Programmangebote könnten für bestimmte Familien Standortfaktoren darstellen. Dazu gehören die geplante Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht mit einer „Bildungspflicht statt Schulzwang“, eine stärker traditionelle Bildungspolitik sowie patriotische Elemente wie Bundesflaggen an Schulen.

Dass politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen Wanderungsentscheidungen beeinflussen können, ist keineswegs abwegig. Eine repräsentative KAS-Befragung nennt unter den Gründen für Auswanderungsüberlegungen ausdrücklich Unzufriedenheit mit Bildungssystem, Steuerbelastung, gesellschaftlicher Entwicklung, Migration, Kriminalität und Sicherheitsgefühl.

Hinzu kommt ein erhebliches politisches Potenzial: In Sachsen-Anhalt erreicht die AfD aktuell 42 Prozent, bundesweit im ARD-DeutschlandTREND 28 Prozent. Es wäre deshalb zumindest zu untersuchen, ob ein Teil politisch nahestehender deutscher Arbeitnehmer und Familien ein AfD-regiertes Sachsen-Anhalt als attraktiveren Wohn- und Arbeitsort ansehen würde.

Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen dem bereits bestehenden deutschen Zuwanderungstrend und einem zusätzlichen Effekt einer AfD-Regierung.

Bereits heute gewinnt Sachsen-Anhalt netto deutsche Staatsbürger im Erwerbsalter hinzu: Von 2020 bis 2024 waren es insgesamt 6.542 Personen, also durchschnittlich 1.308 pro Jahr. Bei einer Beschäftigungsquote deutscher Staatsbürger von 66,6 Prozent entspricht das rechnerisch rund 871 zusätzlichen Beschäftigten jährlich.

Setzt sich dieser Trend unverändert fort, ergibt sich nach der IWH-Methode über fünf Jahre ein Wertschöpfungseffekt von rund 0,54 bis 0,99 Milliarden Euro. Das ist zunächst kein AfD-Effekt, sondern lediglich die Fortschreibung des bestehenden Trends.

Würde eine AfD-Regierung durch Rückkehrprogramm und andere Standortfaktoren diesen Nettozuzug verdoppeln, kämen zusätzlich nochmals rund 1.308 Deutsche im Erwerbsalter beziehungsweise 871 Beschäftigte pro Jahr hinzu. Der zusätzliche AfD-Effekt läge damit ebenfalls bei rund 0,54 bis 0,99 Milliarden Euro. Insgesamt ergäbe sich im Verdopplungsszenario somit ein Wertschöpfungseffekt von rund 1,08 bis 1,98 Milliarden Euro.

Dass das IWH einen möglichen negativen politischen Attraktivitätseffekt auf ausländische Beschäftigte detailliert quantifiziert, das im AfD-Programm ausdrücklich vorgesehene Rückkehr- und Anwerbeszenario für deutsche Fachkräfte jedoch nicht ebenso berechnet, ist daher eine erhebliche Asymmetrie der Analyse.

Fazit

Die demografische Herausforderung Sachsen-Anhalts ist real. Wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist dagegen die Schlagzeile, eine AfD-Regierung koste das Land 14.000 Beschäftigte und 1,8 bis 3,2 Milliarden Euro Wertschöpfung. Diese Zahlen beruhen auf einer stark annahmeabhängigen IWH-Szenariorechnung: Der zentrale Rückgang ausländischer Beschäftigung um 48,2 Prozent wird aus kaum vergleichbaren Fällen abgeleitet, darunter Sonneberg ohne belastbares Kontrolldesign; zudem werden Beschäftigungsbestände faktisch wie Zuwanderungsströme behandelt und wichtige Anpassungsreaktionen ausgeblendet.

Rechnet man zwei vom IWH nicht quantifizierte Gegenkanäle nach derselben Bewertungslogik ein, verändert sich das Bild erheblich: Eine stärkere Beschäftigungsintegration bereits in Sachsen-Anhalt lebender Ukrainer und Staatsangehöriger der wichtigsten Asylherkunftsländer könnte rund 1,1 bis 2,0 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung erzeugen; eine Verdopplung des bisherigen Nettozuzugs deutscher Erwerbsfähiger durch Rückkehr- und Anwerbemaßnahmen nochmals etwa 0,54 bis 0,99 Milliarden Euro. Zusammen ergäben sich damit positive Wertschöpfungseffekte von rund 1,64 bis 2,99 Milliarden Euro.

Die wichtigste Einschränkung formuliert letztlich das IWH selbst: Es handle sich um eine „Szenariorechnung, keine Prognose“; die größte Unsicherheit liege gerade in der Übertragbarkeit der angenommenen Werte auf Sachsen-Anhalt.

Die Milliarden-Schlagzeile ist daher kein empirisch nachgewiesener Preis einer AfD-Regierung, sondern das Resultat eines politisch aufgeladenen und methodisch stark annahmeabhängigen Szenarios.

Quellen & Literatur

[1] Gropp, R. E.; Reifschneider, A. (2026). Demografischer Wandel, ausländische Beschäftigte und der Arbeitsmarkt Sachsen-Anhalts vor der Landtagswahl am 6. September 2026. IWH Policy Notes 3/2026, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Halle (Saale). DOI: 10.18717/pnnac6-3f66. URL: https://www.iwh-halle.de/publikationen/detail/demografischer-wandel-auslaendische-beschaeftigte-und-der-arbeitsmarkt-sachsen-anhalts-vor-der-landtagswahl-am-6-september-2026

[2] Bracco, E.; De Paola, M.; Green, C. P.; Scoppa, V. (2018). The Effect of Far Right Parties on the Location Choice of Immigrants: Evidence from Lega Nord Mayors. Journal of Public Economics, Vol. 166, S. 12–26. DOI: 10.1016/j.jpubeco.2018.07.012. URL: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0047272718301373

[3] Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt (2025). Wanderungen und Wanderungsströme – Jahr 2024, Korrekturausgabe. Halle (Saale). Datengrundlage insbesondere für die Wanderungssalden deutscher Staatsangehöriger nach Altersgruppen. URL: https://statistik.sachsen-anhalt.de/fileadmin/Bibliothek/Landesaemter/StaLa/startseite/Themen/Bevoelkerung/Berichte/Wanderungen/6A301_2024-A-Korrekturausgabe.pdf

[4] Bundesagentur für Arbeit (BA) (2026). Beschäftigungsquoten in Sachsen-Anhalt: Deutlich stärkerer Anstieg bei ausländischen Beschäftigten. Presseinformation Nr. 18 vom 23.03.2026. Beschäftigungsquote deutsche Staatsangehörige: 66,6 Prozent; ausländische Staatsangehörige: 54,9 Prozent. URL: https://www.arbeitsagentur.de/vor-ort/rd-sat/presse/2026-18-beschaftigungsquoten-in-sachsen-anhalt

[5] Bundesagentur für Arbeit (BA) (2026). Faktenblatt Arbeitsmarktintegration von Staatsangehörigen aus den acht Asylherkunftsländern und der Ukraine – Sachsen-Anhalt. Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Datengrundlage für Bevölkerung im Erwerbsalter, Beschäftigung und Leistungsbezug von Ukrainern und Staatsangehörigen der Asylherkunftsländer. URL: https://statistik.arbeitsagentur.de/Statistikdaten/Detail/Aktuell/arbeitsmarktberichte/faktenblatt-asyl8-ukr/faktenblatt-asyl8-ukr-15-0-pdf.pdf?__blob=publicationFile&v=1

[6] Wolf, M. (2024). Ex-ante-Effekte von Sanktionen in der Grundsicherung: Bereits die Möglichkeit einer Sanktionierung zeigt Wirkung. IAB-Kurzbericht 15/2024, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Nürnberg. DOI: 10.48720/IAB.KB.2415. URL: https://iab.de/publikationen/publikation/?id=14149077

[7] Infratest dimap (2026). Sachsen-AnhaltTREND August 2026. Repräsentative Studie für die ARD, Erhebungszeitraum 24.–25.08.2026, n = 1.511. AfD: 42 Prozent; 42 Prozent der Befragten favorisieren eine AfD-geführte Landesregierung. URL: https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundeslaender/sachsen-anhalt/laendertrend/2026/august/

[8] AfD Sachsen-Anhalt (2026). Regierungsprogramm der Alternative für Deutschland Sachsen-Anhalt für die Wahl zum 9. Landtag von Sachsen-Anhalt. Insbesondere Vorschläge zur Migrationspolitik, zur Rückgewinnung ausgewanderter deutscher Fachkräfte, zur Bildungs- und Familienpolitik sowie zur Fachkräftestrategie. Öffentlich zugängliche PDF-Fassung: https://table.media/assets/berlin/26-01-23_entwurf_afd-regierungsprogramm-2026-sachsen-anhalt.pdf

[9] Landtag von Sachsen-Anhalt (2022). Remigrationsprogramm für ausgewanderte deutsche Fachkräfte nach japanischem Vorbild statt kulturfremder Massenzuwanderung, Antrag der AfD-Fraktion, Drs. 8/731; parlamentarische Beratung. URL zur Sitzungsdokumentation: https://www.landtag.sachsen-anhalt.de/7-sitzungsperiode

[10] Pokorny, S. (2026). Desire to Emigrate among the Population – Representative Survey on Emigration Wishes and Motives of People with and without a Migration Background. Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), Monitor Election and Social Research, 04.05.2026. URL: https://www.kas.de/en/election-and-social-research-monitor/detail/-/content/desire-to-emigrate-among-the-population

[11] Statistisches Landesamt Baden-Württemberg (2025). Wanderungen ausländischer Staatsangehöriger über die Landesgrenze Baden-Württembergs. Stuttgart. Datengrundlage für den Rückgang des ausländischen Wanderungssaldos zwischen 2022 und 2024. URL: https://www.statistik-bw.de/BevoelkGebiet/MigrNation/MN-Auslaender-WA.jsp

[12] Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) (2026). Kurzportrait – Zahlen und Fakten. Halle (Saale). Für 2025 weist das IWH ein Gesamtbudget von 11,85 Mio. Euro, davon 9,16 Mio. Euro institutionelle Förderung, aus.
URL: https://www.iwh-halle.de/ueber-das-iwh/das-institut/kurzportrait

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