Staatsausgaben, Nachfrage und Inflation: Was die Österreichische Schule übersieht
_ Konstantin Schink, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 21. September 2026.*
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Höhere private Ersparnisse führen nicht automatisch zu höheren Realinvestitionen: Bankkredite werden nicht lediglich aus zuvor gebildeten Spareinlagen weitergereicht, und der Kauf bereits bestehender Aktien finanziert ein Unternehmen nicht unmittelbar.
- Vollbeschäftigung folgt nicht allein aus Vertragsfreiheit. Unternehmen beschäftigen zusätzliche Arbeitskräfte nur, wenn sie erwarten, die zusätzliche Produktion auch absetzen zu können; fehlende gesamtwirtschaftliche Nachfrage kann deshalb Arbeitslosigkeit verursachen.
- Allgemeine Lohnsenkungen können die Beschäftigung nicht automatisch erhöhen, weil Löhne zugleich Einkommen sind und sinkende Einkommen die Konsumnachfrage schwächen können.
- Zusätzliche Nachfrage wirkt nicht zwangsläufig sofort inflationär. Bei ungenutzten Arbeitskräften und Produktionskapazitäten kann sie zunächst Produktion und Beschäftigung erhöhen; im Beispiel steigt die Produktion von 700 auf 800 Einheiten, obwohl eine Kapazität von 1.000 Einheiten besteht.
- Fiskal- und Konjunkturpolitik sollte deshalb daran ausgerichtet werden, ob tatsächlich ungenutzte Produktionskapazitäten und Arbeitskräfte vorhanden sind und ab welchem Punkt zusätzliche Nachfrage auf bindende Kapazitätsgrenzen trifft.
Sparparadoxon und Investitionen
Vor einiger Zeit kritisierte mein geschätzter IKW-Kollege Dr. Kristoffer Mousten Hansen meine Ausführungen zur Saldenmechanik und Konjunkturpolitik. [1] Darauf möchte ich im Folgenden ausführlich antworten.
Dr. Mousten Hansen beginnt seinen Artikel mit der Behauptung, die MMT sei grundsätzlich falsch und führe zu einer destruktiven und inflationären Politik. Zunächst richtet sich seine Kritik gegen das Sparparadoxon. Dieses besagt, dass zusätzliche Ersparnisse zu geringerem Konsum, damit zu geringerer Nachfrage und in der Folge zu sinkenden Unternehmensgewinnen führen können. Dadurch verlieren auch Ersparnisse, die in Anleihen und Aktien der Unternehmen angelegt sind, an Wert, sodass der Wert der Ersparnisse insgesamt sinken kann, obwohl mehr gespart wird.
„Wenn also gespart wird, wird die Geldnachfrage von der ersten Stufe auf die höheren Stufen verschoben. Die Produktionsfaktoren, die in der ersten Stufe tätig waren, werden nun in einer höheren Stufe eingesetzt. Die Produktion von Konsumgütern wird vermindert, aber dies ist genau der unmittelbare Zweck des Sparens: Es wird weniger verbraucht, und die Produktion wird auf eine fernere Zukunft ausgerichtet. Das Sparvolumen bestimmt die Höhe der neuen Investitionen, während ihre Position in der Produktionsstruktur vom Zinsfuß bestimmt wird.“
Diese theoretische Erklärung klingt zunächst schlüssig, hat jedoch ein entscheidendes Problem: Der beschriebene Mechanismus lässt sich auf das reale Geld- und Finanzsystem nicht ohne Weiteres übertragen.
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht dies. Angenommen, ein Haushalt spart 100 Euro und investiert davon 50 Euro in Aktien; weitere 50 Euro legt er bei einer Bank an. Die zusätzliche Nachfrage nach Aktien kann zunächst deren Kurse erhöhen. Führt dies automatisch zu höheren Investitionen? Nein. Unternehmen finanzieren Investitionen in erster Linie über Fremdkapital, also Kredite. Ein höherer Aktienkurs führt nur dann unmittelbar zu zusätzlichen Investitionen, wenn ein Unternehmen neues Eigenkapital aufnimmt, indem es zusätzliche Aktien ausgibt und die Mittel für Investitionen verwendet. Das ist keineswegs automatisch der Fall.
Führen wenigstens die 50 Euro Bankeinlage zu zusätzlichen Investitionen? Ebenfalls nicht automatisch. Banken vergeben Kredite in unserem Geldsystem nicht dadurch, dass sie vorhandene Ersparnisse lediglich weiterreichen, sondern schaffen bei der Kreditvergabe neues Giralgeld. Sie sind daher nicht in dem unterstellten mechanischen Sinne auf vorherige Spareinlagen angewiesen. Höhere Ersparnisse führen zudem nicht automatisch zu sinkenden Zinsen; das Zinsniveau wird wesentlich durch die Zentralbankpolitik bestimmt.
Damit verliert die vorgetragene Kritik am Sparparadoxon einen wesentlichen Teil ihrer Grundlage. Sie beruht auf Annahmen über Sparen, Kreditvergabe und Investitionen, die das tatsächliche Geldsystem nur unzureichend abbilden.
Ungenutzte Produktionsfaktoren
„Es ist auch richtig, dass der Unternehmer angesichts steigender Nachfrage und, davon müssen wir ausgehen, höherer Preise seiner Güter seine Produktion erweitern will. Dies kann er nur tun, indem er Produktionsfaktoren erwirbt, die vorher woanders in der Wirtschaft beschäftigt waren, und zwar indem er einen höheren Preis bietet. Er hat dadurch höhere Kosten, was ja unproblematisch ist, weil er auch höhere Einnahmen hat. Was passiert aber, wenn die Gesamtnachfrage steigt? Dann sieht jeder Unternehmer eine höhere Nachfrage und höhere Preise, aber wenn jeder versucht, seine Produktion zu erweitern, führt das nur zu höheren Kosten. Für die Gesamtwirtschaft sehen wir also keine Produktionssteigerung. Nur wenn wir annehmen würden, dass es ungenutzte Faktoren gibt, die durch die höhere Nachfrage nun beschäftigt werden, könnten wir sagen, dass Staatsausgaben eine höhere Produktion mit sich führten. Aber warum sollten wir diese Annahme machen?“
Diese Annahme ist deshalb naheliegend, weil sie der beobachtbaren Realität entspricht. Zumindest in der Bundesrepublik Deutschland besteht seit Anfang der 1970er-Jahre kein dauerhafter Zustand, den man als Vollbeschäftigung im engeren Sinne bezeichnen könnte, also eine Situation, in der die Zahl der offenen Stellen deutlich über der Zahl der Arbeitslosen liegt. Es gibt Millionen Menschen, die mehr arbeiten könnten oder wollten, dies aber nicht tun, weil entsprechende Beschäftigungsmöglichkeiten fehlen.
„Wiederum gilt Says Gesetz: Volle Beschäftigung verlangt nur Vertragsfreiheit. Wenn es wirklich Arbeitslosigkeit gäbe, dann hätte diese, wie oben erwähnt, eine andere Ursache als fehlende Nachfrage.“
Wie bereits gezeigt, existiert der behauptete automatische Mechanismus, nach dem höhere Ersparnisse unmittelbar zu zusätzlichen Investitionen und damit zu höherer Arbeitsnachfrage führen, in dieser Form nicht. Deshalb kann es auch bei weitgehender Vertragsfreiheit vorkommen, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nicht ausreicht, um allen verfügbaren Arbeitskräften Beschäftigung zu bieten.
Vertragsfreiheit und Beschäftigung
Die Behauptung, Vertragsfreiheit allein stelle Vollbeschäftigung her, übersieht einen entscheidenden Punkt: Ein Unternehmen stellt einen zusätzlichen Arbeitnehmer nicht allein deshalb ein, weil dieser bereit ist, zu einem niedrigeren Lohn zu arbeiten. Es stellt ihn ein, wenn es erwartet, die zusätzlich produzierten Güter oder Dienstleistungen profitabel verkaufen zu können. Fehlt die entsprechende Nachfrage, kann selbst ein vollständig flexibler Arbeitsmarkt nicht garantieren, dass zusätzliche Arbeitskräfte eingestellt werden. Vertragsfreiheit schafft keine zusätzliche Nachfrage nach den Produkten eines Unternehmens.
Auch eine allgemeine Senkung der Löhne löst dieses Problem nicht zwangsläufig. Was für ein einzelnes Unternehmen zunächst kostensenkend wirkt, lässt sich nicht ohne Weiteres auf die gesamte Volkswirtschaft übertragen. Löhne sind für Unternehmen Kosten, für Arbeitnehmer jedoch zugleich Einkommen. Sinken die Löhne gesamtwirtschaftlich, sinken zunächst auch die Arbeitnehmereinkommen und damit tendenziell die Konsumnachfrage. Die Vorstellung, eine hinreichend starke allgemeine Lohnsenkung müsse automatisch Vollbeschäftigung herstellen, ist daher keineswegs selbstverständlich.
Besonders deutlich wird dies in schweren Wirtschaftskrisen. Nach dieser Theorie müsste man etwa den massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre damit erklären, dass bestehende Arbeitsverhältnisse plötzlich nicht mehr zu markträumenden Bedingungen zustande kamen beziehungsweise Arbeitnehmer nicht bereit waren, zu entsprechend niedrigeren Löhnen zu arbeiten. Umgekehrt müsste die anschließende starke Ausweitung der Beschäftigung dadurch erklärt werden, dass dieses Problem plötzlich verschwand. Plausibler ist jedoch, dass der Einbruch von Produktion, Investitionen und gesamtwirtschaftlicher Nachfrage eine zentrale Rolle für den Anstieg der Arbeitslosigkeit spielte und dass die anschließende wirtschaftliche Erholung sowie massive staatliche Konjunktur- und Aufrüstungsprogramme die Nachfrage nach Arbeitskräften wieder erhöhten.
Die bloße Feststellung, bei vollkommen flexiblen Verträgen könne jeder Arbeitnehmer einen ausreichend niedrigen Lohn akzeptieren, beantwortet daher die entscheidende makroökonomische Frage nicht: Warum sollte ein Unternehmen zusätzliche Arbeitskräfte beschäftigen und zusätzliche Güter produzieren, wenn es keine Käufer für diese zusätzliche Produktion erwartet? Genau deshalb folgt aus Vertragsfreiheit allein noch keine Vollbeschäftigung.
Nachfrage und Inflation
„Zweitens ist eine solche Erweiterung der Geldmenge inflationär, da sie zu höheren Preisen führt, als dies sonst der Fall wäre. Wenn die Nachfrage steigt, steigen auch die Preise, weil man die Produktion nicht wie quasi per Diktat unendlich erweitern kann. Die Folge ist eine allgemeine Preissteigerung und eine Verschiebung der Einkommen und der Produktion in die staatlich gewollte Richtung.“
Diese Schlussfolgerung folgt aus der vorherigen Aussage nicht zwingend. Daraus, dass sich Produktion nicht unbegrenzt steigern lässt, folgt nicht, dass jede Erhöhung der Nachfrage unmittelbar zu einer allgemeinen Preissteigerung führen muss. Entscheidend ist vielmehr, ob und in welchem Umfang noch ungenutzte Produktionskapazitäten vorhanden sind.
Genau solche Kapazitäten wurden zuvor vorausgesetzt. Wenn Unternehmen ihre Produktionsanlagen nicht vollständig auslasten und zugleich Arbeitskräfte verfügbar sind, können sie auf steigende Nachfrage zunächst mit einer Ausweitung ihrer Produktion reagieren. Kann ein Unternehmen mit seinen vorhandenen Maschinen beispielsweise 1.000 Einheiten produzieren, stellt wegen mangelnder Nachfrage aber nur 700 her, muss es bei einem Nachfrageanstieg auf 800 Einheiten nicht zwangsläufig die Preise erhöhen. Es kann schlicht mehr produzieren und gegebenenfalls zusätzliche Arbeitskräfte beschäftigen.
Erst wenn die Nachfrage auf tatsächlich bindende Kapazitätsgrenzen trifft, verändert sich die Situation. Können Unternehmen ihre Produktion nicht weiter ausweiten, kann zusätzliche Nachfrage zu Preissteigerungen führen. Daraus folgt jedoch gerade nicht, dass jede Nachfrageerhöhung von Beginn an ausschließlich oder überwiegend die Preise erhöht. Je nach Auslastung der vorhandenen Produktionskapazitäten kann zusätzliche Nachfrage sowohl die reale Produktion als auch die Preise beeinflussen.
Selbst wenn eine Nachfrageausweitung teilweise zu höheren Preisen führt, widerlegt dies daher nicht die Möglichkeit, durch zusätzliche Nachfrage Produktion und Beschäftigung zu erhöhen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Produktion „unendlich“ ausgeweitet werden kann, sondern ob sie beim gegenwärtigen Produktionsniveau noch ausgeweitet werden kann. Solange ungenutzte Arbeitskräfte und Produktionskapazitäten vorhanden sind, besteht dafür grundsätzlich Spielraum. Hansens Argument setzt dagegen implizit voraus, dass dieser Spielraum entweder nicht existiert oder für die Wirkung zusätzlicher Nachfrage unerheblich ist. Genau diese Annahme müsste begründet werden.
Fazit
Die Auseinandersetzung zeigt aus meiner Sicht ein grundlegendes Problem, das bei Debatten mit Vertretern der Österreichischen Schule über Makroökonomie immer wieder auftritt: Theoretische Modelle werden teilweise stärker gewichtet als die institutionellen und empirisch beobachtbaren Mechanismen der realen Wirtschaft. Wo die zugrunde gelegten Annahmen über Kreditvergabe, Investitionen, Beschäftigung und Kapazitätsauslastung nicht mit diesen Mechanismen übereinstimmen, sind die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen zur Erklärung realer wirtschaftlicher Phänomene weitgehend ungeeignet.
Quellen & Literatur
[1] Hansen K. M. (2026). Sparparadoxon, Staatsverschuldung und Kapitalstruktur: Argumente gegen eine expansive Fiskalpolitik. Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). URL: https://institutkw.de/sparparadoxon-staatsverschuldung-und-kapitalstruktur-argumente-gegen-eine-expansive-fiskalpolitik/
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