Produktive Arbeit und industrielle Macht

_ Dr. Neema Parvini, Gastbeitrag für das Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 25. September 2026.*

Kernbotschaften und Handlungsempfehlungen

  • Die klassische Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit sollte für die moderne Wirtschaftspolitik wieder stärker berücksichtigt werden: Nicht jede monetär gemessene Wertschöpfung schafft im gleichen Maß reproduzierbares Kapital, technisches Wissen, industrielle Fähigkeiten oder strategische Handlungsoptionen.
  • Das Bruttoinlandsprodukt allein ist kein hinreichender Maßstab für die wirtschaftliche Macht und Widerstandsfähigkeit eines Landes, weil es qualitativ sehr unterschiedliche Formen der Wertschöpfung aggregiert. Eine zusätzliche Milliarde aus Finanz-, Unterhaltungs- oder personenbezogenen Dienstleistungen kann volkswirtschaftlich wertvoll sein, besitzt aber nicht dieselbe strategische Bedeutung wie zusätzliche Produktionskapazitäten für Maschinen, Energieanlagen, Fahrzeuge, Chemieprodukte oder andere kritische Güter.
  • Die zentrale Schwäche des neoliberalen Wirtschaftsmodells liegt in der Annahme, dass globale Verfügbarkeit eigene Produktionsfähigkeit weitgehend ersetzen könne. Diese Logik maximiert unter stabilen internationalen Bedingungen kurzfristige Effizienz, kann aber zugleich industrielle Abhängigkeiten erzeugen, die erst unter Sanktionen, Handelskonflikten, Energiekrisen oder geopolitischen Spannungen vollständig sichtbar werden.
  • Industrie ist nicht lediglich gegenwärtige Produktion, sondern gespeicherte Handlungsfähigkeit. Fabriken verkörpern Maschinen, Zulieferbeziehungen, technische Routinen, Facharbeiter, Ingenieure, Erfahrungswissen und über Jahrzehnte aufgebautes institutionelles Know-how. Der Verlust solcher Strukturen ist deshalb qualitativ etwas anderes als eine kurzfristige Verschiebung von Wertschöpfung zwischen Branchen.
  • Finanzkapital kann verlorene industrielle Fähigkeiten nicht kurzfristig und vollständig ersetzen. Einzelne standardisierte Fabriken können zwar teilweise innerhalb von ein bis drei Jahren errichtet werden, während komplexe Rohstoff-, Infrastruktur- und Wertschöpfungsketten mehr als zehn Jahre Aufbauzeit benötigen können. Wirtschaftspolitik muss daher die zeitliche Irreversibilität industrieller Strukturverluste stärker berücksichtigen.
  • Die Beispiele Iran, Russland und China zeigen, dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unter geopolitischem Druck nicht allein anhand nominaler Einkommen oder des BIP beurteilt werden kann. Iran produzierte trotz langjähriger Sanktionen 2024 noch mehr als 1,07 Millionen Kraftfahrzeuge und steigerte seine Erdgasförderung von 2013 bis 2023 um 64 Prozent; solche Kapazitäten verdeutlichen den strategischen Wert einer materiellen Produktionsbasis.
  • Umgekehrt zeigt Großbritannien, dass eine Volkswirtschaft trotz hoher Produktivität und entwickeltem Dienstleistungssektor erhebliche industrielle Tiefe verlieren kann: Die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe sank von 6,704 Millionen 1979 auf 2,482 Millionen im ersten Quartal 2026. Deindustrialisierung sollte deshalb nicht allein als Rückgang industrieller Produktion verstanden werden, sondern als Verlust von Standorten, Beschäftigten, Lieferketten und reproduzierbaren Fähigkeiten.
  • Eine Reindustrialisierungsstrategie muss daher Humankapital ebenso ernst nehmen wie Sachkapital. Der für Iran ausgewiesene Anteil von rund 30 Prozent der Hochschulabschlüsse in Ingenieurwesen, Fertigung und Bauwesen gegenüber 9 Prozent im Vereinigten Königreich verdeutlicht, dass industrielle Stärke langfristig von der Ausbildung technischer Fähigkeiten abhängt und nicht allein durch Investitionsprogramme geschaffen werden kann.
  • Wirtschaftspolitik sollte die traditionelle Effizienzperspektive deshalb um eine strategische Produktionsperspektive ergänzen. Neben BIP, Produktivität und Preisen sollten regelmäßig industrielle Kapazität, heimische Zulieferertiefe, technische Qualifikationen, Energie- und Rohstoffverfügbarkeit, Importabhängigkeiten sowie die Zeit zum Wiederaufbau kritischer Wertschöpfungsketten gemessen werden.
  • Die entscheidende wirtschaftspolitische Frage lautet damit nicht nur, wie viel Wertschöpfung eine Volkswirtschaft erzeugt, sondern auch, welche grundlegenden Güter und Technologien sie selbst herstellen kann, wie schnell sie ihre Produktion ausweiten kann und welche Fähigkeiten ihr verbleiben, wenn internationale Märkte nicht mehr reibungslos funktionieren.

Der verlorene Begriff produktiver Arbeit

Eine der grundlegenden Unterscheidungen der klassischen politischen Ökonomie, die in der modernen wirtschaftspolitischen Debatte weitgehend verschwunden ist, betrifft die Differenz zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit. Paul Cockshott greift diese Frage in How the World Works auf und knüpft damit an eine lange Tradition von Adam Smith über David Ricardo bis Karl Marx an. [1–3]

Bei Smith ist produktive Arbeit dadurch gekennzeichnet, dass sie Wert hervorbringt, der sich in einem verkäuflichen Gut fixiert und über den unmittelbaren Augenblick der Leistungserbringung hinaus fortbesteht. Als Gegenbeispiele nennt Smith unter anderem den Hausbediensteten und sogar den Opernsänger: Die Dienstleistung kann nützlich, wertvoll und gesellschaftlich geschätzt sein, ihr Resultat verschwindet jedoch im Moment des Konsums und hinterlässt keinen reproduzierbaren Kapitalbestand. [1]

Marx entwickelt diese Unterscheidung weiter, allerdings mit einer anderen begrifflichen Präzision. Produktiv ist für ihn unter kapitalistischen Bedingungen vor allem jene Arbeit, die unmittelbar Mehrwert erzeugt und Kapital verwertet. Deshalb ist die Grenze bei Marx nicht schlicht mit der Trennung zwischen materieller Produktion und Dienstleistungen identisch. Auch eine Dienstleistung kann produktive Arbeit sein, sofern sie im Rahmen eines kapitalistischen Produktionsprozesses Mehrwert erzeugt. [2]

Gerade diese Differenz ist entscheidend. Die klassische Kategorie „produktiv“ bedeutet nicht „moralisch wertvoll“, „gesellschaftlich notwendig“ oder „angenehm“. Sie fragt vielmehr danach, welche Art von Arbeit einen reproduzierbaren ökonomischen Überschuss, Kapitalstock oder Produktionszusammenhang hervorbringt. Diese analytische Unterscheidung ist für das Verständnis moderner Deindustrialisierungsprozesse von größerer Bedeutung, als es die gegenwärtige Volkswirtschaftslehre gewöhnlich zugesteht.

Das BIP und der neoliberale blinde Fleck

In der modernen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wurde diese klassische Unterscheidung weitgehend aufgegeben. Das Bruttoinlandsprodukt erfasst die innerhalb einer Volkswirtschaft geschaffene Wertschöpfung unabhängig davon, ob sie aus industrieller Fertigung, Finanzdienstleistungen, Unterhaltung, Gastronomie oder zahlreichen anderen Dienstleistungen stammt. Auch Glücksspielaktivitäten können Bestandteil der gemessenen Bruttowertschöpfung sein. [4–5]

Es wäre deshalb technisch ungenau zu behaupten, die heutige Volkswirtschaftslehre erkläre schlicht „alles Geldverdienen für produktiv“. Das eigentliche Problem liegt tiefer: Monetär gemessene Wertschöpfung wird in der politischen Praxis regelmäßig als zentraler Maßstab wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit verwendet, obwohl unterschiedliche Formen der Wertschöpfung hinsichtlich Kapitalbildung, technologischer Fähigkeiten, Versorgungssicherheit und geopolitischer Handlungsfähigkeit keineswegs gleichwertig sind.

Ein Casino kann Einkommen, Beschäftigung, Gewinne und Steuereinnahmen erzeugen und damit zur gemessenen Wirtschaftsleistung beitragen. Es erzeugt deshalb aber weder Werkzeugmaschinen noch Gasturbinen, Mikrochips, Kraftfahrzeuge, Chemieanlagen oder militärisch relevante Produktionskapazitäten. Ein Land kann folglich auf dem Papier reich bleiben und gleichzeitig Fähigkeiten verlieren, die sich im Krisenfall nicht durch Geld allein ersetzen lassen.

Genau hier liegt der blinde Fleck der neoliberalen Wirtschaftsordnung. Ihre politische Ökonomie behandelte über Jahrzehnte monetäre Wertschöpfung und reale Produktionsfähigkeit zunehmend als austauschbare Größen. Wenn eine Ware im Ausland billiger hergestellt werden konnte, erschien die Verlagerung ihrer Produktion als Effizienzgewinn. Wo die heimische Fabrik verschwand, sollte der internationale Markt ihre Funktion übernehmen. Entscheidend waren Preis, Kapitalrendite und aggregierte Wertschöpfung; weniger Beachtung fand die Frage, welche Fähigkeiten eine Volkswirtschaft physisch noch selbst besitzt.

Der damit verbundene Fehler besteht nicht darin, Dienstleistungen für wertlos zu erklären. Er besteht darin, unterschiedliche Arten wirtschaftlicher Aktivität hinsichtlich ihrer strategischen Bedeutung für austauschbar zu halten.

Iran: Sanktionen als erzwungene Industriepolitik

Iran bietet hierfür ein bemerkenswertes Gegenbeispiel. Die Vereinigten Staaten verhängten bereits im November 1979 mit Executive Order 12170 zentrale Vermögenssanktionen gegen Iran; Umfang, Zielrichtung und Intensität des Sanktionsregimes wurden anschließend mehrfach verändert und erheblich ausgeweitet. [6]

Die industrielle Entwicklung Irans verlief seit 1979 nicht, wie gelegentlich vereinfachend behauptet wird, in jedem einzelnen Jahr aufwärts. Die Daten der Weltbank zeigen vielmehr deutliche Schwankungen. Dennoch entstand und überlebte unter jahrzehntelangem außenwirtschaftlichem Druck eine breite industrielle Basis. [7] Besonders deutlich ist dies im Energiesektor. Nach Angaben der US Energy Information Administration stieg die iranische Förderung von trockenem Erdgas allein zwischen 2013 und 2023 um 64 Prozent auf 9,4 Billionen Kubikfuß. Iran gehörte damit zu den größten Erdgasproduzenten der Welt. [8]

Ähnliches gilt für die Automobilindustrie. Iran produzierte 2024 trotz eines leichten Rückgangs gegenüber dem Vorjahr noch 1.077.839 Kraftfahrzeuge. [9] Das ist keine marginale Manufaktur, sondern eine industrielle Größenordnung, die eine umfangreiche Zulieferer-, Ingenieur- und Fertigungsstruktur voraussetzt.

Die weitergehende These lautet, dass gerade Sanktionen und Importbeschränkungen diese Entwicklung mit erzwungen haben. Der kontrafaktische Satz, Iran hätte ohne Sanktionen überhaupt keine Autoindustrie entwickelt, lässt sich naturgemäß nicht beweisen. Der Mechanismus ist dennoch plausibel: Wenn wichtige Güter nicht zuverlässig importiert werden können, steigen die Anreize, Produktionsketten, Ersatzteile, technisches Wissen und Fertigungskapazitäten im Inland aufzubauen.

Sanktionen fungieren unter solchen Bedingungen unbeabsichtigt als eine brutale Form erzwungener Industriepolitik. Sie verursachen erhebliche Wohlstandsverluste und Ineffizienzen, können zugleich aber Importsubstitution und technologische Eigenständigkeit erzwingen. Eine Volkswirtschaft wird dadurch weniger effizient im engen Sinne kurzfristiger internationaler Arbeitsteilung, unter Umständen jedoch widerstandsfähiger im Sinne physischer Produktionsfähigkeit.

In einer machtpolitischen Lesart kommt hinzu, dass die weitgehende Übernahme amerikanischer Sanktionsregime durch enge Verbündete Washingtons den wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum dieser Staaten beschränkt. Die polemische Beschreibung solcher Beziehungen als „vasallenähnlich“ bezeichnet damit keine völkerrechtliche Kategorie, sondern eine Kritik an asymmetrischer außenwirtschaftlicher Abhängigkeit.

Ingenieure sind strategisches Kapital

Die industrielle Struktur spiegelt sich in der Humankapitalbildung wider. Der Global Engineering Capability Review der Royal Academy of Engineering weist für Iran einen außergewöhnlich hohen Anteil technischer Hochschulabschlüsse aus: Rund 30 Prozent der Hochschulabsolventen entfielen in der dort verwendeten Vergleichsperiode auf Ingenieurwesen, Fertigung und Bauwesen. [10]

Für das Vereinigte Königreich weist die OECD für 2023 dagegen einen Anteil von lediglich 9 Prozent der tertiären Absolventen in Ingenieurwesen, Fertigung und Bau aus; damit lag das Land in diesem Indikator auf Rang 38 von 44 erfassten Ländern. [11] Die Bezugsjahre der beiden Statistiken sind nicht identisch, weshalb aus ihnen kein punktgenauer Jahresvergleich konstruiert werden sollte. Die strukturelle Differenz ist dennoch erheblich.

Die zugespitzte Kritik, westliche Universitäten produzierten immer mehr Absolventen in Social-Media-, Feminismus-, geisteswissenschaftlichen und anderen „Soft-Skill“-Fächern, während industrielle Volkswirtschaften Ingenieure hervorbringen, ist als Polemik formuliert. Hinter ihr steht jedoch eine überprüfbare Ressourcenfrage: Welchen Anteil seiner jungen akademischen Elite qualifiziert ein Land für Maschinenbau, Fertigung, Energie, Elektrotechnik, Chemie und andere Felder, die unmittelbar mit seiner Fähigkeit zusammenhängen, komplexe Dinge herzustellen?

Diese Entwicklung besitzt auch eine historische Ironie. Großbritannien war jahrzehntelang selbst eines der wichtigsten internationalen Zentren technischer Ausbildung. Die britisch-iranischen Bildungsbeziehungen waren vor 1979 eng: Der British Council brachte zwischen 1942 und 1978 nahezu 10.000 iranische Studenten und Besucher nach Großbritannien und war in den 1970er-Jahren an umfangreichen iranischen Ausbildungsprojekten beteiligt. [12] Auch die persönliche Biographie eines iranischen Ingenieurs, der in den 1970er-Jahren nach Großbritannien kam, um dort Ingenieurwesen zu studieren, passt in dieses historische Muster. [13]

Damals reisten junge Iraner nach Großbritannien, weil britische technische Ausbildung internationales Prestige besaß und Großbritannien selbst eine bedeutende industrielle Macht war. Heute kann ein iranischer Ingenieur einen erheblich größeren Teil seiner Ausbildung innerhalb des eigenen Landes absolvieren. Der Wissenstransfer hat sich damit zumindest teilweise umgekehrt.

Großbritannien: Deindustrialisierung trotz Produktivitätsgewinnen

Die britische Entwicklung bildet den schärfsten Kontrast. Der Begriff Deindustrialisierung muss dabei präzise verwendet werden. Es wäre falsch zu behaupten, die reale britische Industrieproduktion sei seit Margaret Thatcher in jedem Jahr gefallen. Die verbliebene britische Industrie wurde zugleich erheblich produktiver: Der ONS-Index der Industrieproduktion je Arbeitsplatz stieg von 35,3 im Jahr 1997 auf 99,9 im Jahr 2025, bei einem Indexstand von 100 im Basisjahr 2023. [14]

Doch gerade deshalb verdeckt eine reine Betrachtung des Outputs den Strukturbruch. Die Zahl der Arbeitsplätze im britischen verarbeitenden Gewerbe sank von 6,704 Millionen im Jahr 1979 auf 2,482 Millionen im ersten Quartal 2026. Das entspricht einem Verlust von rund 63 Prozent. [15]

Deindustrialisierung bedeutet deshalb nicht zwingend, dass jedes Jahr weniger reale Güter hergestellt werden. Sie bedeutet den Verlust industrieller Tiefe: weniger Standorte, weniger Beschäftigte, dünnere Lieferketten, geringere inländische Zulieferfähigkeit und die Aufgabe ganzer Produktionszweige. Produktivitätssteigerungen können diesen Prozess in aggregierten Outputdaten lange überdecken.

Der Energiesektor zeigt eine ähnliche Entwicklung. Großbritannien verfügt über erhebliche Öl- und Gasvorkommen in der Nordsee, doch die Förderung befindet sich seit langer Zeit im strukturellen Rückgang. Die britische Erdgasproduktion sank von 108,4 Millionen Tonnen Öläquivalent im Jahr 2000 auf 28,6 Millionen Tonnen 2025 – ein Rückgang um rund 74 Prozent. Die gesamte britische Primärenergieproduktion lag 2025 etwa 68 Prozent unter ihrem Höchststand von 1999. [16]

Gleichzeitig sank der industrielle Endenergieverbrauch von 38,7 Millionen Tonnen Öläquivalent 1990 auf 17,3 Millionen Tonnen 2025. [16] Energieverbrauch ist nicht mit Industrieproduktion gleichzusetzen, doch ein derartiger Rückgang ist ein weiterer Hinweis auf die langfristige Veränderung der materiellen Produktionsbasis.

Konkrete Werksschließungen machen abstrakte Strukturveränderungen sichtbar. Das Ford-Motorenwerk im walisischen Bridgend stellte am 25. September 2020 endgültig die Produktion ein. [17] Auch die jüngsten Automobildaten unterstreichen den Druck: 2025 wurden in Großbritannien insgesamt 764.715 Fahrzeuge hergestellt, 15,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Pkw-Produktion sank um 8,0 Prozent, die Produktion leichter Nutzfahrzeuge sogar um 62,3 Prozent. [18]

Diese Entwicklung lässt sich nicht vollständig einem einzelnen politischen Programm zuschreiben. Wechselkurse, Technologie, Produktivitätsentwicklung, Energiepreise, internationale Konkurrenz und Unternehmensentscheidungen spielen ebenfalls eine Rolle. Der Neoliberalismus lieferte jedoch die intellektuelle Rechtfertigung dafür, den Verlust heimischer Produktionskapazitäten nicht als strategischen Verlust, sondern vielfach als Ausdruck effizienter Spezialisierung zu behandeln.

Genau darin liegt die entscheidende Kritik.

Geld ist keine Fabrik auf Knopfdruck

Die neoliberale Vorstellung, verlorene Produktionskapazität könne bei Bedarf einfach durch Kapital zurückgekauft werden, unterschätzt Zeit, Wissen und industrielle Komplementaritäten.

Einzelne moderne Fertigungsanlagen können schneller errichtet werden, als die pauschale Annahme von fünf bis zehn Jahren vermuten lässt. Die Internationale Energieagentur veranschlagt für zahlreiche standardisierte Produktionsstätten sauberer Energietechnik Bauzeiten von etwa einem bis drei Jahren. Doch genau dieselbe Analyse zeigt, dass vorgelagerte Infrastruktur, Genehmigungen, Netze und Rohstoffprojekte erheblich länger dauern können. Neue Bergbauprojekte und Teile der grundlegenden Infrastruktur benötigen häufig mehr als zehn Jahre. [19]

Die relevante Einheit ist deshalb nicht die einzelne Fabrikhalle. Entscheidend ist das industrielle Ökosystem: Grundstück, Genehmigung, Energieanschluss, Maschinenpark, Werkzeugbau, Zulieferer, Rohstoffe, Logistik, Ingenieure, Facharbeiter, betriebliche Erfahrung und über Jahrzehnte akkumuliertes stilles Wissen.

Für den Wiederaufbau komplexer Wertschöpfungsketten ist ein Horizont von fünf bis zehn Jahren daher keineswegs ungewöhnlich, auch wenn einzelne Werke schneller errichtet werden können.

Geld ist insofern keine Fabrik im Wartestand. Finanzkapital kann eine Fabrik finanzieren, aber es kann nicht rückwirkend dafür sorgen, dass sie bereits existiert. Es kann Ingenieure bezahlen, aber deren Ausbildung nicht überspringen. Es kann Maschinen bestellen, aber nicht garantieren, dass im Krisenfall ausländische Lieferanten sie liefern. Es kann Patente erwerben, aber nicht automatisch jahrzehntelang aufgebautes Produktionswissen reproduzieren.

Wer industrielle Kapazitäten aufgibt, verkauft deshalb nicht lediglich gegenwärtige Produktion. Er gibt zukünftige Handlungsoptionen auf.

Russland und die Rückkehr der materiellen Macht

Russland bietet ein weiteres Beispiel. Die Wirtschaftsreformen der frühen 1990er-Jahre unter Boris Jelzin folgten einer ausgesprochen marktradikalen Logik: schnelle Preisliberalisierung, außenwirtschaftliche Öffnung und umfangreiche Privatisierung. Der Begriff „Schocktherapie“ ist hierfür keine nachträgliche polemische Erfindung, sondern wurde auch in der internationalen wirtschaftspolitischen Literatur verwendet. [20]

Die Privatisierungsphase schuf zugleich erhebliche Konzentrationen privaten Vermögens und politischen Einflusses. Unter Wladimir Putin verschob sich das Verhältnis insbesondere in strategischen Rohstoffindustrien wieder stärker zugunsten staatlicher Kontrolle. [21]

Nach 2022 beschleunigten westliche Sanktionen, Handelsbeschränkungen und die geopolitische Konfrontation erneut den Druck auf Importsubstitution, alternative Lieferketten und eine stärker staatsgelenkte Kriegs- und Industrieproduktion.

Die überraschende Widerstandsfähigkeit der russischen Wirtschaft unmittelbar nach der ersten Sanktionswelle lässt sich teilweise aus diesen materiellen Kapazitäten erklären. Die EBRD verzeichnete für das erste Halbjahr 2024 ein russisches Wachstum von 4,7 Prozent nach 3,6 Prozent 2023. Als Ursachen nennt sie unter anderem höhere Öleinnahmen, Handel mit nicht sanktionierenden Volkswirtschaften und stark gestiegene Militärausgaben. [22]

Das Beispiel beweist allerdings nicht, dass industrielle Kapazität sämtliche ökonomischen Beschränkungen beseitigt. Der Arbeitskräftemangel und Kapazitätsengpässe wurden zunehmend bindend; für 2025 weist die Weltbank nur noch ein reales Wachstum von 1,0 Prozent aus. [23]

Gerade diese Kombination ist aufschlussreich: Physische Produktionskapazität kann einem Staat unter geopolitischem Druck eine Widerstandsfähigkeit verleihen, die sein nominales BIP allein unterschätzt. Sie hebt aber Ressourcenknappheit, Demographie und technologische Abhängigkeiten nicht auf.

Dasselbe Grundprinzip gilt in noch größerem Maßstab für China. Die geopolitische Bedeutung Chinas lässt sich nicht allein aus Einkommen, Finanzmarktgröße oder Dienstleistungssektor erklären. Sie beruht maßgeblich darauf, dass dort Fabriken, Häfen, Maschinen, chemische Vorprodukte, Elektronikfertigung, Metallurgie, Batterieketten und Millionen technisch qualifizierter Arbeitskräfte physisch vorhanden sind.

Der neoliberale Kategorienfehler

An diesem Punkt kehrt die klassische Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit zurück.

Der übliche neoliberale Einwand lautet, die Konzentration auf Industrie sei nichts weiter als „Manufacturing Fetishism“: Dienstleistungen seien ebenso notwendig, hochproduktive Finanz-, Software-, Forschungs- oder Beratungsunternehmen könnten enorme Wertschöpfung erzeugen, und eine moderne Volkswirtschaft müsse nicht möglichst viele Dinge selbst herstellen.

Der Einwand trifft einen realen Punkt, widerlegt die Kritik aber nicht.

Natürlich sind Dienstleistungen notwendig. Natürlich kann Software strategisch bedeutender sein als die Produktion eines einfachen Konsumgutes. Und natürlich wäre es ökonomisch unsinnig, jedes Produkt national autark herstellen zu wollen.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob jede Einheit monetärer Wertschöpfung dieselbe strategische Qualität besitzt. Darauf lautet die Antwort offensichtlich nein.

Ein Land, das eine zusätzliche Milliarde Euro aus Finanzvermittlung, Glücksspiel oder personenbezogenen Dienstleistungen erwirtschaftet, verfügt dadurch nicht automatisch über dieselben Fähigkeiten wie ein Land, das für eine Milliarde Euro zusätzliche Werkzeugmaschinen, Halbleiteranlagen, Turbinen, Fahrzeuge oder chemische Vorprodukte fertigt. Beide Aktivitäten können im BIP erscheinen. Ihre Bedeutung für die Fähigkeit einer Gesellschaft, Energie-, Industrie-, Verteidigungs- oder Versorgungssysteme selbst zu reproduzieren, unterscheidet sich dennoch fundamental.

Die neoliberale Epoche hat diesen Unterschied systematisch unterschätzt. Sie maximierte kurzfristige Effizienz durch globale Arbeitsteilung und behandelte industrielle Kapazität als jederzeit am Weltmarkt ersetzbar. Die Vorteile niedrigerer Produktionskosten wurden unmittelbar realisiert; die daraus entstehenden strategischen Abhängigkeiten wurden dagegen in die Zukunft verschoben und im Krisenfall sozialisiert.

So konnte eine Volkswirtschaft auf dem Papier wohlhabender und effizienter werden, während sie zugleich Fähigkeiten verlor, von denen ihre langfristige Souveränität abhängt.

Die USA und die schwierige Rückkehr der Industrie

Auch in den Vereinigten Staaten ist dieses Problem inzwischen politisch erkannt worden. Das republikanische Wahlprogramm von 2024 stellte ausdrücklich das Zurückholen kritischer Lieferketten und industrieller Produktion ins Zentrum seiner Wirtschaftspolitik. [24]

Ob daraus bereits eine nachhaltige Reindustrialisierung entstanden ist, bleibt eine andere Frage. Genau die Skepsis, die gegenüber groß angekündigten „Reshoring“-Programmen angebracht ist, wird durch die Daten gestützt.

Die OECD kommt in einer 2026 veröffentlichten Untersuchung globaler Wertschöpfungsketten zu dem Ergebnis, dass für 2023 und 2024 nur begrenzte Hinweise auf ein breit angelegtes Reshoring bestehen. Über 41 untersuchte Volkswirtschaften stieg der exportgewichtete inländische Wertschöpfungsanteil lediglich von 77,0 Prozent 2022 auf 77,6 Prozent 2024. Unternehmen diversifizieren Lieferanten und verlagern Produktionsketten, doch eine massive Rückverlagerung sämtlicher Produktion lässt sich daraus nicht ableiten. [25]

Auch die amerikanische Beschäftigungsentwicklung zeigt bislang keine einfache industrielle Renaissance. Im August 2026 lag die Zahl der Produktions- und nichtleitenden Beschäftigten im US-Verarbeitenden Gewerbe bei rund 8,749 Millionen, gegenüber 8,781 Millionen ein Jahr zuvor. [26]

Industriepolitik kann den Trend verändern. Sie kann aber verlorene industrielle Ökosysteme nicht per Dekret zurückholen. Genau dies bestätigt die zentrale These: Fabriken, Facharbeiter, Zulieferer und technisches Wissen reagieren wesentlich langsamer als Kapitalmärkte und politische Ankündigungen.

Brain Drain, IQ-Rankings und die Zusammensetzung von Eliten

Ein weiterer, wesentlich spekulativerer Teil der Argumentation betrifft die verbreitete Vorstellung des „Brain Drain“ aus Iran, Russland und China.

In internationalen Online-IQ-Ranglisten erscheinen diese Länder teilweise weit oben. Eine 2025 veröffentlichte Auswertung des International IQ Test führte China mit 107,19 Punkten, Iran mit 106,3 und Russland mit 103,16 Punkten; Großbritannien lag mit etwa 99,68 Punkten lediglich auf Rang 33. Bereits die Folgeauswertung veränderte das Bild erheblich: Großbritannien erreichte 101,57 Punkte und Rang 14, während China, Iran und Russland weiterhin vergleichsweise weit oben lagen. [27]

Gerade diese erheblichen Verschiebungen zeigen, warum solche Statistiken mit großer Vorsicht behandelt werden müssen. Es handelt sich um selbstselektierte Teilnehmer eines Online-Tests, nicht um repräsentative nationale Stichproben. Methodische Forschung zu internationalen IQ-Vergleichen weist zudem darauf hin, dass derartige nationale Schätzungen stark mit Entwicklungsbedingungen, Stichprobenauswahl und Messmethoden konfundiert sein können. [28]

Die Rangliste kann deshalb eine Frage anregen, sie kann aber keinen Beweis für die durchschnittliche „Intelligenz“ nationaler Bevölkerungen liefern.

Ebenso wäre es falsch, daraus zu schließen, der iranische Brain Drain habe nicht stattgefunden. Die Weltbank beschreibt die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte aus Iran ausdrücklich als lang anhaltendes und zuletzt verschärftes Problem; betroffen sind unter anderem technische Spezialisten aus Energie und Informationstechnologie sowie medizinisches Personal. [29]

Die interessantere Frage lautet jedoch, ob Brain Drain und Aufbau heimischer technischer Kapazität gleichzeitig stattfinden können. Die iranischen Daten zu Ingenieurausbildung, Energieproduktion und Automobilindustrie sprechen dafür.

Damit entsteht eine unbequeme Hypothese: Die Abwanderung urbaner, akademisch ausgebildeter Mittelschichten darf nicht automatisch mit der proportionalen Abwanderung sämtlicher für industrielle Leistungsfähigkeit entscheidender Fähigkeiten gleichgesetzt werden. Die soziale und politische Zusammensetzung einer Diaspora kann sich von den im Land verbleibenden technischen und industriellen Milieus erheblich unterscheiden.

Die zugespitzte Vorstellung, mit der Emigration verschwinde jeweils automatisch „die Intelligenz“ eines Landes, greift daher zu kurz. Gerade die iranische Diaspora besitzt eine politisch sehr sichtbare oppositionelle und teilweise monarchistische Komponente. Ihre politische Mobilisierung gegen die Islamische Republik beweist jedoch weder einen Verlust noch einen Gewinn an industrieller Kompetenz im Herkunftsland.

Die weitergehende, bewusst provokante These lautet somit: Was aus der Perspektive westlicher Aufnahmeländer als „Brain Drain“ beschrieben wird, kann teilweise auch eine soziale und politische Selektion darstellen. Teile einer kosmopolitischen Bourgeoisie verlassen das Land, während andere Bevölkerungsgruppen und Institutionen technische Fähigkeiten weiterentwickeln. Dies ist keine hinreichend belegte allgemeine Gesetzmäßigkeit, aber eine legitime Forschungsfrage.

Die historische Paradoxie von China und Russland

China und Russland verschärfen diese Frage zusätzlich. Beide Gesellschaften erlitten im 20. Jahrhundert massive politische Verfolgungen, die gerade auch gebildete und technisch qualifizierte Schichten trafen.

Während der chinesischen Kulturrevolution wurden Schulen und Hochschulen zeitweise geschlossen, Lehrer, Professoren und andere Angehörige der Intelligenz verfolgt und Studenten aufs Land geschickt. [30] In der Sowjetunion trafen Stalins Repressionen während des Großen Terrors ebenfalls Wissenschaftler, Künstler, technische Eliten und andere gesellschaftliche Führungsschichten. [31]

Aus diesen historischen Katastrophen folgt selbstverständlich nicht, dass Säuberungen Humankapital schaffen. Sie vernichteten Humankapital.

Bemerkenswert ist vielmehr, dass Staaten selbst nach derartigen Verlusten erneut umfangreiche technische und industrielle Systeme aufbauen konnten. Die sowjetische Industrialisierung brachte trotz ihrer außerordentlich hohen menschlichen Kosten eine riesige, stark auf Schwerindustrie und militärische Produktion konzentrierte industrielle Basis hervor. [31]

Damit wird eine verbreitete lineare Vorstellung fragwürdig: Die gesellschaftliche Gruppe, die emigriert oder politisch ausgeschaltet wird, ist nicht notwendig identisch mit der Gesamtheit jener Fähigkeiten, die langfristig den technischen Kapitalstock einer Volkswirtschaft bestimmen. Institutionen können technisches Wissen reproduzieren; neue Ingenieurgenerationen können ausgebildet werden; industrielle Lernprozesse können auch unter äußerst ungünstigen politischen Bedingungen stattfinden.

Ist ein Barista produktiv?

Die klassische Unterscheidung führt schließlich zu scheinbar banalen, aber analytisch aufschlussreichen Grenzfällen.

Ist ein Barista produktiver oder unproduktiver Arbeiter?

Nach einer vulgär vereinfachten materiellen Definition wäre die Antwort unklar: Der Kaffee wird unmittelbar konsumiert und hinterlässt keinen dauerhaften Kapitalstock. Nach Marx ist der Fall dagegen wesentlich eindeutiger. Ein Barista, der von einem kapitalistischen Unternehmen beschäftigt wird und durch seine Arbeit zur Verwertung des eingesetzten Kapitals beiträgt, kann im marxistischen Sinne sehr wohl produktive Arbeit leisten. [2]

Dasselbe gilt für viele Dienstleistungen. Der entscheidende Unterschied besteht deshalb nicht schlicht zwischen Fabrik und Café.

Auch das bewusst zugespitzte Beispiel der türkischen Barbiere in Großbritannien führt zum Kern des Problems. Würden sämtliche Barbiere verschwinden, wäre die Gesellschaft eindeutig schlechter mit diesen Dienstleistungen versorgt; Wertschöpfung, Einkommen und Konsumentenwohlfahrt würden sinken. Daraus folgt aber nicht, dass ihr Wegfall dieselben strategischen Konsequenzen hätte wie der Verlust eines Motorenwerks, einer Raffinerie, eines Halbleiterzulieferers oder einer Werkzeugmaschinenindustrie.

Die Kategorie produktiver Arbeit ist deshalb dann analytisch nützlich, wenn sie nicht als moralische Hierarchie von Berufen verstanden wird, sondern als Frage nach Reproduktionsfähigkeit, Kapitalbildung und strategischer Option.

Industrie ist gespeicherte Handlungsfähigkeit

Die alte Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit ist somit keineswegs bloß ein theoretisches Relikt.

Sie verweist auf eine Schwäche moderner wirtschaftspolitischer Kennzahlen: Das Bruttoinlandsprodukt misst ökonomische Aktivität und Wertschöpfung, aber nicht unmittelbar die physische Fähigkeit eines Staates, komplexe Produktionssysteme aufrechtzuerhalten oder im Krisenfall zu mobilisieren. Selbst die OECD weist darauf hin, dass das BIP kein umfassendes Maß gesellschaftlichen Wohlergehens ist. [4]

Für Geopolitik und strategische Wirtschaftspolitik reicht die BIP-Perspektive noch weniger aus.

Relevant sind auch die Menge und Qualität des industriellen Kapitalstocks, die Tiefe heimischer Lieferketten, verfügbare Energie und Rohstoffe, die Zahl technisch ausgebildeter Arbeitskräfte, Werkzeug- und Maschinenbestände, Ersatzteilversorgung, industrielle Forschungsfähigkeit sowie die Zeit, die benötigt wird, verlorene Kapazitäten wiederherzustellen.

Darin liegt letztlich die härteste Kritik am neoliberalen Modell der vergangenen Jahrzehnte. Es hat reale Produktionskapazität zu häufig so behandelt, als könne sie jederzeit gegen Geld zurückgekauft werden. Es hat Kostenminimierung mit Resilienz, globale Verfügbarkeit mit eigener Fähigkeit und nominelle Wertschöpfung mit strategischem Kapital verwechselt.

Diese Annahme funktioniert, solange internationale Lieferketten offen bleiben, Energie verfügbar ist, geopolitische Rivalen liefern wollen und militärische oder politische Konflikte den Handel nicht unterbrechen. Sobald diese Voraussetzungen entfallen, wird sichtbar, was verlorengegangen ist.

Fabriken sind nicht nur Gebäude. In ihnen stecken Maschinen, Zulieferer, Ingenieure, Facharbeiter, Betriebsroutinen, Patente, Materialwissen und Generationen kumulierter Erfahrung. Industrie ist deshalb gespeicherte Handlungsfähigkeit.

Iran konnte einen Teil dieser Fähigkeit gerade unter äußerem Druck erhalten und ausbauen. Russland konnte nach 2022 auf erhebliche materielle Kapazitäten zurückgreifen. China verfügt über ein industrielles Ökosystem von einer Breite, die seine geopolitische Stellung wesentlich mitbestimmt. Großbritannien und andere westliche Volkswirtschaften haben dagegen über Jahrzehnte Teile ihrer industriellen Tiefe preisgegeben und die dadurch entstehenden Abhängigkeiten lange als normalen Strukturwandel behandelt.

Die Verteidigung dieses Modells mit dem Vorwurf des „Manufacturing Fetishism“ greift deshalb zu kurz. Es geht nicht darum, jeden Friseur durch einen Stahlwerker zu ersetzen oder jede Dienstleistung für nutzlos zu erklären. Es geht darum anzuerkennen, dass eine Volkswirtschaft nicht allein aus Geldströmen besteht und dass nicht jede Million Euro Wertschöpfung dieselbe Fähigkeit erzeugt, auf eine Energiekrise, einen Handelskrieg, Sanktionen oder einen militärischen Konflikt zu reagieren.

Der entscheidende wirtschaftspolitische Maßstab des 21. Jahrhunderts darf daher nicht ausschließlich lauten: Wie viel Einkommen erzeugt eine Volkswirtschaft? Er muss ebenso lauten: Was kann sie noch selbst herstellen, wie schnell kann sie Produktionskapazität erweitern und über welches Wissen verfügt sie, wenn der Weltmarkt einmal nicht liefert?

Quellen und Literatur

  1. Smith A. (1776). An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, Book II, Chapter III. URL: https://en.wikisource.org/wiki/The_Wealth_of_Nations/Book_II/Chapter_3
  2. Marx K. (1864). Results of the Direct Production Process: Productive and Unproductive Labour. URL: https://www.marxists.org/archive/marx/works/1864/economic/ch02a.htm
  3. Cockshott P. (2020). How the World Works: The Story of Human Labor from Prehistory to the Modern Day. Monthly Review Press. URL: https://monthlyreview.org/9781583677780/
  4. OECD (o. J.). Nominal gross domestic product (GDP). OECD Data. URL: https://www.oecd.org/en/data/indicators/nominal-gross-domestic-product-gdp.html
  5. Office for National Statistics (2017). Double deflation: methods and application to UK National Accounts experimental statistics. URL: https://www.ons.gov.uk/economy/nationalaccounts/uksectoraccounts/articles/doubledeflation/methodsandapplicationtouknationalaccountsexperimentalstatistics
  6. U.S. Department of the Treasury, Office of Foreign Assets Control (2026). Iran Sanctions. URL: https://ofac.treasury.gov/sanctions-programs-and-country-information/iran-sanctions
  7. World Bank (2026). Manufacturing, value added – Iran, Islamic Rep. World Development Indicators. URL: https://data.worldbank.org/indicator/NV.IND.MANF.KN?locations=IR
  8. U.S. Energy Information Administration (2024). Iran – Country Analysis Brief. URL: https://www.eia.gov/international/content/analysis/countries_long/Iran/
  9. Japan External Trade Organization (2025). Iran automobile production statistics based on OICA data. URL: https://www.jetro.go.jp/biz/areareports/2025/12940875b2aa9f23.html
  10. Royal Academy of Engineering (o. J.). Global Engineering Capability Review – Labour Force. URL: https://reports.raeng.org.uk/global-engineering-capability-review/labour-force.html
  11. OECD (2025). Education GPS – United Kingdom: Fields of study among tertiary graduates. URL: https://gpseducation.oecd.org/CountryProfile?primaryCountry=GBR&topic=EO&treshold=10
  12. Pendred P. (1989). British Council: Activities in Iran, 1942–79. Encyclopaedia Iranica. URL: https://www.iranicaonline.org/articles/british-council-activities-in-iran-1942-79/
  13. Parvini N. (2022). Am I White? Forbidden Texts. URL: https://forbiddentexts.substack.com/p/am-i-white
  14. Office for National Statistics (2026). Output per job: Manufacturing. URL: https://www.ons.gov.uk/employmentandlabourmarket/peopleinwork/labourproductivity/timeseries/dj4p/prdy/previous/v47
  15. Office for National Statistics (2026). Workforce jobs: Manufacturing. URL: https://www.ons.gov.uk/employmentandlabourmarket/peopleinwork/employmentandemployeetypes/timeseries/jwr7/lms
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* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen Originalveröffentlichung vom 03.11.2025; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.

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