Klimapolitik ohne Kostenwahrheit

_ David Stadelmann, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 24. Oktober 2026.

* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen Originalveröffentlichung; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit teilweise überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.

Kernbotschaften und Handlungsempfehlungen

  • Die Europäische Union verursachte 2025 etwa 5,8 % der weltweiten Treibhausgasemissionen, China 29,5 %. Wirksamer globaler Klimaschutz erfordert internationale Zusammenarbeit statt kostspieliger europäischer Alleingänge. Die weltweiten Treibhausgasemissionen steigen.
  • Das Klimamodell der Ökonomen Barrage und Nordhaus verdeutlicht die hohen wirtschaftlichen Kosten starrer Temperaturziele: Im theoretischen 1,5-Grad-Szenario beträgt der rechnerische CO₂-Wert für 2025 rund 4.185 US-Dollar je Tonne, gegenüber 59 US-Dollar bei einer Abwägung von Klimaschäden und Vermeidungskosten. Die Autoren halten den strikten 1,5-Grad-Pfad unter realistischen Annahmen für nicht umsetzbar.
  • Die Bundesregierung will von ihrem schuldenfinanzierten 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen insgesamt 100 Milliarden Euro über zehn Jahre in den Klima- und Transformationsfonds lenken. Für diese milliardenschweren Klima- und Energieprogramme muss nachvollziehbar sein, welchen messbaren Nutzen sie erzielen und ob dieselben Ziele kostengünstiger erreichbar wären.
  • Ein einheitlicher CO₂-Preis könnte Verbote, Subventionen und Doppelregulierungen ersetzen. Technologieoffenheit, Bürokratieabbau und wirksame Klimaanpassung können wirtschaftlichen Wohlstand und Umweltschutz miteinander verbinden.

Wachstumsschwäche und Klimapolitik

Deutschlands reale Wirtschaftsleistung je Einwohner stagniert seit 2019 weitgehend. Demografie, geopolitische Krisen und Energiepreisschocks erklären diese Schwäche nicht vollständig. Auch die europäische Klima- und Energiepolitik belastet Investitionen und industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Statt marktwirtschaftlicher Anreize dominieren Detailvorschriften, Technologievorgaben und Subventionen. Die Regulierung fest verbundener Plastikflaschendeckel illustriert den europäischen Hang zur Detailsteuerung, während andernorts Raumfahrttechnologien und künstliche Intelligenz voranschreiten oder Autos fliegen können.

Kosten und Klimanutzen

Klimawandel ist real. Gerade deshalb müssen Klimamaßnahmen einer gesamtwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Prüfung standhalten. Selbst wenn hohe Klimaschäden von 5 Prozent der Wirtschaftsleistung um 2100 unterstellt würden, entspräche das etwa 0,07 Prozentpunkten weniger Wachstum pro Jahr bis 2100.

Wie kostspielig starre Klimaziele werden können, verdeutlicht das DICE-Klimamodell der Ökonomen Lint Barrage und William Nordhaus. Es berechnet, welche wirtschaftlichen Belastungen unterschiedliche Klimastrategien verursachen. Für 2025 ergibt sich bei einer Klimapolitik, die vermiedene Klimaschäden gegen die Kosten der Emissionsvermeidung abwägt, ein rechnerischer CO₂-Wert von 59 US-Dollar je Tonne. Wird dagegen die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zwingend vorgegeben, steigt dieser theoretische Wert auf 4.185 US-Dollar je Tonne, also rund als das 70-Fache [1].

Diese Beträge sind keine tatsächlich erhobenen CO₂-Steuern. Sie verdeutlichen, welche wirtschaftliche Bedeutung einer zusätzlichen Tonne CO₂ unter den jeweiligen Modellannahmen zukommt. Die Autoren bewerten den strikten 1,5-Grad-Pfad als praktisch nicht realisierbar, weil er unter den untersuchten Bedingungen einen extrem schnellen Emissionsabbau und massive wirtschaftliche Einbußen voraussetzen würde.

Ein hypothetischer CO2-Preis von 3.700 Euro je Tonne ergäbe bei einem unveränderten deutschen Strommix mit durchschnittlich 344 Gramm CO₂/kWh [2] rund 1,27 Euro zusätzliche CO2-Kosten je Kilowattstunde. Für einen Vierpersonenhaushalt würde das etwa 4.200 bis 4.800 Euro jährliche Zusatzkosten bedeuten – allein für die rechnerische CO2-Komponente beim Strom. Insofern kann das 1,5-Grad-Ziel unter realistischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beschränkungen tatsächlich als nicht erreichbar gelten. Wer dieses Ziel immer noch vertritt, schädigt die Wohlfahrt der Bürger.

Deutschland hat mit dem Atomausstieg zugleich eine CO₂-arme Erzeugungsoption aufgegeben. Das Umweltbundesamt kalkuliert für 2026 Klimaschäden von 350 beziehungsweise 1.000 Euro je Tonne CO₂, abhängig von der gewählten Zeitpräferenzrate [3]. Umso interessanter ist es, dass das Umweltbundesamt keineswegs argumentiert hat, dass derart hohe Kostensätze die Beibehaltung von Kernkraftwerken im Austausch für die Abschaltung fossiler Kraftwerke rechtfertigen würden.

Globale Grenzen der Klimapolitik

Die EU verursachte 2025 rund 5,8 % der weltweiten Treibhausgasemissionen, China 29,5 %. Entwickelt sich die globale Wirtschaft in den nächsten 30 Jahren gut, dürften die absoluten Emissionen von Indien und dem afrikanischen Kontinent bald auch das Gesamtniveau der chinesischen.  Global stiegen die Emissionen um 0,7 % auf 54,1 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalente [4]. Die USA verließen das Pariser Klimaabkommen am 27. Januar 2026 [5]. Insofern stellt sich die Frage, was die deutsche und europäische Klimapolitik tatsächlich an Nutzen für die Wohlfahrt der hiesigen Bürger und der Weltbürger erreicht hat und was die Kosten sind. Es darf spekuliert werden, dass die Nutzen-Kosten-Bilanz höchst negativ ausfällt.

Sicher ist hingegen, dass sich globale Temperaturziele ohne internationale Kooperation nicht durch europäische Alleingänge erreichen lassen. Zugleich zeigt die langfristig um mehr als 90 % gesunkene Sterberate durch Naturkatastrophen, welche Bedeutung technischer Fortschritt, Infrastruktur und wirksame Vorsorge besitzen [6].

Politische Anreize und Subventionen

Nun stellt sich die Frage, warum die deutsche Klimapolitk nicht revidiert und angepasst wird. Die politische Ökonomik erklärt die Fortsetzung kostspieliger Klimapolitik durch moralische Symbolpolitik, zusätzliche staatliche Steuerungsmacht, wirtschaftliche Vorteile für subventionierte Branchen und wachsende Behördenzuständigkeiten. Auch dient der Klimawandel als guter Sündenbock: Schäden wegen unzureichendem Hochwasserschutz oder mangelhafter Infrastruktur werden politisch allzu gerne dem Klimawandel zuzuschreiben.

Die finanziellen Dimensionen sind erheblich: Die Bundesregierung hat ein schuldenfinanziertes Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität geschaffen. Davon sollen 100 Milliarden Euro, verteilt auf zehn Jahre von 2025 bis 2034, in den Klima- und Transformationsfonds fließen. Der Fonds soll unter anderem Gebäudesanierungen, den klimafreundlichen Umbau der Industrie, Elektromobilität, Wasserstoffprojekte und Energiepreisvergünstigungen finanzieren [7].

Entscheidend ist nicht die Höhe der bereitgestellten Mittel, sondern deren tatsächlicher Nutzen mit Blick auf den Klimaschutz. Jede staatlich geförderte Maßnahme muss daran gemessen werden, wie viele zusätzliche Emissionen sie nachweislich vermeidet, welcher Nutzen daraus für entsteht, welche Kosten je eingesparter Tonne CO₂ anfallen und ob kostengünstigere Alternativen verfügbar sind. Andernfalls drohen milliardenschwere Mitnahmeeffekte, Fehlallokationen und dauerhafte Subventionsabhängigkeiten.

Kostenwahrheit statt Doppelregulierung

Wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, muss sie ökologisch, ökonomisch und gesellschaftlich verstehen. Klimapolitik ist nur ein Teil der Umweltpolitik, also des ökologischen Aspekts. Überzogene Klimaziele schädigen ökonomische und gesellschaftliche Nachhaltigkeit. Wer Wirtschaftswachstum zu stark einschränkt, stiehlt der jungen Generation eine großartige Zukunft.

Ökonomisch ist Kostenwahrheit das zentrale Instrument für wirksamen Klimaschutz [8]. Dazu dient ein einheitlicher, umfassender CO₂-Preis, wie ihn auch William Nordhaus, der für seine Arbeiten zur Klimapolitik den Nobelpreis erhielt, und über 3.600 amerikanische Ökonomen, darunter 28 Nobelpreisträger, im Economists’ Statement on Carbon Dividends fordern [9]. Ein solcher Preis setzt effiziente Anreize, Emissionen dort zu reduzieren, wo es am günstigsten ist. Er ersetzt im Grunde sämtliche Regulierungen im Klimabereich, vermeidet teure Subventionen und eröffnet riesige Deregulierungsspielräume. Wer CO₂ bepreist, kann im Grunde alles streichen, was heute als Klimaschutz etikettiert wird, aber vor allem Bürokratie erzeugt und Wachstum hemmt.

Die EU-Länder verfügen über einen CO2-Preis durch das europäische Emissionshandelssystem und somit das prinzipiell richtige Instrument für Klimaschutz [10]. Deutschland hat auch einen nationalen CO2-Preis. Auch wenn das Emissionshandelssystem bislang nicht alle Sektoren abdeckt, ist der Punkt entscheidend: Jede zusätzliche Klimaregulierung, die durch Bepreisung ersetzt werden könnte, ist ökonomisch betrachtet bereits jetzt überflüssig. Derzeit werden hierzulande hingegen kostspielige Doppelregulierungen betrieben. Ein CO2-Preis existiert oder kommt absehbar, aber daneben wachsen Verbote, Gebote und Subventionen weiter.

Doch auch mit einem CO ist intellektuelle Ehrlichkeit wichtig. Sie fehlt bislang eher. Erstens taugt Kostenwahrheit nicht als Hebel, um politische Ziele wie „1,5 Grad“ durchzusetzen. Ihr Zweck ist ein anderer, nämlich die Wohlfahrt der Bürger umfassend in den Blick zu nehmen. Zweitens wirkt auch Kostenwahrheit nur dann gegen die Erderwärmung, wenn sie global umgesetzt wird, was jedoch unwahrscheinlich ist. Doch gerade das macht den Abbau hiesiger Klimaschutzregulierungen und die Abkehr vom bisherigen Klimapolitikversagen nur noch viel wichtiger.

Quellen und Literatur

[1] Barrage L., Nordhaus W. (2024). Policies, projections, and the social cost of carbon: Results from the DICE-2023 model. PNAS. URL: https://doi.org/10.1073/pnas.2312030121

[2] Icha P., Lauf T. (2026). Entwicklung der spezifischen Treibhausgas-Emissionen des deutschen Strommix in den Jahren 1990–2025. Umweltbundesamt. URL: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/entwicklung-der-spezifischen-treibhausgas-0

[3] Eser N., Matthey A., Bünger B. (2026). Handbuch Umweltkosten – Methodenkonvention 4.0. Umweltbundesamt. URL: https://openumwelt.de/handle/123456789/11415

[4] Europäische Kommission, JRC (2026). GHG emissions of all world countries: 2026 report. URL: https://edgar.jrc.ec.europa.eu/report_2026

[5] Vereinte Nationen (2026). Paris Agreement: Depositary Status. URL: https://treaties-prod.un.org/Pages/ViewDetails.aspx?chapter=27&clang=_en&mtdsg_no=XXVII-7-d&src=TREATY

[6] Ritchie H., Rosado P., Roser M. (2026). Natural Disasters. Our World in Data. URL: https://ourworldindata.org/natural-disasters

[7] Bundesministerium der Finanzen (2026). Klima- und Transformationsfonds. URL: https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/DE/Themen/Oeffentliche_Finanzen/SVIK/KTF/klima-und-transformationsfonds.html

[8] Eichenberger R., Stadelmann D. (2020). Die politische Ökonomik der Klimapolitik, GAIA. URL: https://www.oekom.de/_files_media/zeitschriften/artikel/GAIA_2020_03_148.pdf

[9] Climate Leadership Council (2019): Economists’ Statement on Carbon Dividends. URL: https://clcouncil.org/economists-statement/

[10] Europäische Kommission (2026). Revised 2027 EU ETS1 and initial 2027 EU ETS2 auction calendars published. URL: https://climate.ec.europa.eu/news-other-reads/news/revised-2027-eu-ets1-and-initial-2027-eu-ets2-auction-calendars-published-2026-10-01_en

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