Kritik am utilitaristischen Prinzip in den Wirtschaftswissenschaften

_ Dr. Hendrik Hagedorn, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Erstveröffentlichung im Magazin Krautzone. Berlin, 27.12.2025.

Die utilitaristische Grundlage der modernen Volkswirtschaftslehre

Jede Disziplin durchläuft eine kopernikanische Wende, die ihren Übergang in die Moderne kennzeichnet und häufig mit der Verdrängung religiöser Bezüge einhergeht. Für die Astronomie war dies das Werk von Nikolaus Kopernikus, für die Biologie das von Charles Darwin. In den Wirtschaftswissenschaften markiert Jeremy Bentham (1748–1832) diesen Wendepunkt mit seinem Prinzip des „größten Glücks der größten Zahl“.

Ein Gedankenexperiment verdeutlicht die Implikationen dieses Ansatzes: Ist es schwerwiegender, wenn hundert Personen einem Einzelnen Unrecht zufügen, oder wenn ein Einzelner hundert Personen Unrecht zufügt? Bentham würde eindeutig die zweite Variante als gravierender einstufen, da sie mehr Personen betrifft. Im mittelalterlichen Denken, das scholastisch-religiös geprägt war, hätte man hingegen argumentiert, dass es tragischer sei, wenn hundert Personen zu Sündern würden, als wenn nur einer sündigte.

Diese theoretische Frage mag agnostisch betrachtet werden, doch sie bildet heute den zentralen Bezugspunkt wirtschaftswissenschaftlicher Analysen. Vilfredo Pareto (1848–1923) erhob Benthams Prinzip – wobei Glück hier primär als Konsum verstanden wird – zum Kern der neoklassischen Schule der Volkswirtschaftslehre. Dieser Ansatz offenbart eine tief materialistische Weltanschauung, die jedoch selten in ihrem vollen Ausmaß auf die Lebenswirklichkeit reflektiert wird. Wird das Gute ausschließlich im maximalen Konsum verortet, fehlt eine Instanz, die dem Streben nach materieller Befriedigung, Vergnügungen, Urlaub, Karriere und Eigennutz entgegenwirkt. Die Orientierung am Glück – oder genauer: am utilitaristischen Optimierungskalkül – durchdringt alle Lebensbereiche, von der Partnerwahl, die zunehmend als temporäres Tauschgeschäft erscheint, bis hin zur Berufswahl, Geldanlage und Interessensausrichtung. Das gesamte Handlungsrahmenwerk und die damit verbundene Weltanschauung sind materialistisch geprägt. Rudolf Steiner widersprach diesem Ansatz entschieden und betonte, dass die Griechen in ihren bedeutendsten Vertretern die Begriffe Glück und das Gute strikt trennten, ebenso wie das Christentum. Er sah in dem Prinzip des größten Glücks der größten Zahl ein unerreichbares irdisches Paradies und bezeichnete es als teuflisch.

Die biografischen Wurzeln des utilitaristischen Denkens

Die materialistische Ausrichtung moderner Wirtschaftstheorie erscheint nicht als Zufall, sondern als konsequente Folge der Lebensläufe ihrer Protagonisten. Jeremy Bentham, auf den wir uns hier beschränken (obwohl das Muster erweiterbar wäre), war ein Jurist ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Im Alter von 19 Jahren wandte er sich statt einer beruflichen Laufbahn der Philosophie und Politik zu, blieb zunächst erfolglos und unbeachtet, bis er 1792 – im Jahr des Beginns der Terrorherrschaft in Frankreich – die französische Ehrenbürgerschaft erhielt. Als Führer der englischen Radikalen setzte er sich für Demokratie, sexuelle Freiheiten (einschließlich Homosexualität, Päderastie und Sodomie), Feminismus, Tierrechte, Pressefreiheit und Rechtspositivismus ein, wobei er das Naturrecht ablehnte. Bentham entwickelte zudem Konzepte staatlicher Überwachung, etwa durch Gefängnisse oder Fabriken, die eine Kontrolle vieler durch einen Einzelnen ermöglichen. In seinem Testament verfügte er die „Auto-Ikonisierung“ seines Körpers, sodass seine präparierte Leiche bis heute im University College London betrachtet werden kann.

Die moderne Volkswirtschaftslehre hat sich damit zu einem unkritischen Träger dieser radikal-materialistischen Weltsicht gemacht. Die Wahl solcher intellektuellen Vorläufer erklärt die Defizite in der aktuellen Disziplin. Es geht hierbei nicht um eine Ablehnung technologischen Fortschritts, bürgerlicher Freiheiten oder der Marktwirtschaft, sondern um eine angemessene Perspektive. Die Aufgabe des modernen Menschen liegt nicht in der vollständigen Verwerfung seiner Epoche, sondern darin, inmitten technologischer, persönlicher und gesellschaftlicher Verlockungen die eigene innere Balance zu wahren.

Die deutsche Romantik als Gegenentwurf

Genau diese Haltung zur inneren Mitte spiegelt sich in der deutschen Romantik wider. Kein anderes Volk hat im 19. Jahrhundert so entschieden dem Nützlichkeitsdenken, Fortschrittsglauben und Materialismus widerstanden wie die Deutschen. Sie stellten der Formel der Nutzenmaximierung als Funktion des Konsums alternative Konzepte der Glücksfindung entgegen, in Literatur, Musik und Geisteswissenschaften. Als Volk der „Dichter und Denker“ setzten sie sich den Errungenschaften der Französischen Revolution entgegen, akzeptierten sie teilweise, verabsolutierten sie jedoch nie. Die Entstehung der Österreichischen Schule und des Ordoliberalismus im deutschsprachigen Raum ist daher kein Zufall, sondern Ausdruck dieser Geisteshaltung. Zwar weist auch die Österreichische Schule utilitaristische Elemente auf, etwa in der Wertskalenbildung bei Eugen von Böhm-Bawerk, Murray Rothbard oder Ludwig von Mises, doch liegen gerade hier ihre Schwächen. Friedrich August von Hayek erkannte dies am klarsten. Ein Rückgriff auf Utilitarismus ist zudem unnötig; die Kernbotschaften der Österreichischen Schule lassen sich ohne dieses Element formulieren, wie es ihre Vorläufer und sie selbst teilweise taten.

Die praxeologische Alternative der Österreichischen Schule

Die zentrale Aussage der Österreichischen Schule – der Mensch handelt – enthält mehr als eine methodische Grundlage; sie stellt eine explizite Ablehnung utilitaristischen Nutzenkalküls dar. Der handelnde Mensch definiert seine Ziele durch sein Handeln selbst und entzieht sich damit einem Optimierungszwang. Er muss nicht nach einer „optimalen“ Glückslösung suchen, da er sie selbst setzt. An die Stelle der Suche nach dem besten Verhalten tritt Klarheit über die eigenen Verhältnisse – und damit Freiheit. Diese Freiheit befreit von Dogmen der Zeit: vom Karrierezwang, vom Konsumdenken und von erzwungener Wohltätigkeit. Die Implikationen dieser Perspektivenverschiebung sind weitreichend und reichen bis in religiöse Dimensionen der Barmherzigkeit. Ökonomische Theorien, die das „größte Glück der größten Zahl“ erzwingen wollen – wie Keynesianismus oder Sozialismus – scheitern empirisch. Wohlstand und Wachstum entstehen nicht durch Zwang, sondern als Nebenprodukt von Freiheit und einer Ordnungspolitik, die einen minimalstaatlichen Rahmen schafft, ohne auf spezifische Ergebnisse abzuzielen. Die Wirtschaftswissenschaften müssten sich nicht selbst aufgeben, um den Utilitarismus zu überwinden; sie bräuchten lediglich ihre innere Mitte zu bewahren.

Literatur:

  1. Bentham, J. (1789). An Introduction to the Principles of Morals and Legislation. London. URL: https://www.econlib.org/library/Bentham/bnthPML.html
  2. Böhm‑Bawerk, E. v. (1886). Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güterwerts. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Berlin: De Gruyter. URL: https://www.econbiz.de/10001921005
  3. Böhm‑Bawerk, E. v. (1892). Wert, Kosten und Grenznutzen. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Berlin: De Gruyter. URL: https://www.econbiz.de/10001920997
  4. Eucken, W. (1952). Grundsätze der Wirtschaftspolitik.
  1. Fichte, J. G. (1800). Der geschlossene Handelsstaat. Tübingen. URL: https://archive.org/details/fichte-der-geschlossene-handelsstaat
  2. Hayek, F. A. (1945). The Use of Knowledge in Society. American Economic Review, 35(4), 519–530. URL: https://www.jstor.org/stable/1809376
  3. Mises, L. von (1949). Human Action: A Treatise on Economics. https://mises.org/library/human-action-0
  4. Pareto, V. (1906). Manuale di economia politica. Mailand. URL: https://oll.libertyfund.org/title/pareto-manual-of-political-economy
  5. Rothbard, M. N. (2003). Praxeology, Value Judgments, and Public Policy. Auburn, AL: Ludwig von Mises Institute. URL: https://www.rothbard.it/essays/praxeology-value-judgment.pdf
  6. Safranski, R. (2007). Romantik: Eine deutsche Affäre. Carl Hanser Verlag, München. URL: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ruediger-safranski-romantik-9783446209442-t-831
  7. Stanford Encyclopedia of Philosophy (2015). Jeremy Bentham. URL: https://plato.stanford.edu/entries/bentham/
  8. Steiner, R. (1915-1917). Kosmische und menschliche Geschichte. Vorträge vor Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft. URL: https://rundum-sozial.de/gesamtausgabe/GA_171.pdf

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