Die Zukunftsperspektiven des Liberalismus
_ Dr. Hendrik Hagedorn, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Erstveröffentlichung im Magazin Krautzone. Berlin, 09.01.2025.
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
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Überleben des Liberalismus trotz Bewährungsprobe: Rolf Peter Sieferle sah 1994 den Liberalismus als einzigen Überlebenden unter den großen Ideologien der Neuzeit (neben Sozialismus und Nationalismus), doch er müsse noch seine entscheidende Prüfung bestehen; Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“ (1992) erwies sich als Illusion, da Chinas BIP-Wachstum 2024 mit 4,8% das der EU (0,8%) bei Weitem übersteigt und Europa wirtschaftlich schwächelt.
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Unterscheidung wahrer vs. falscher Liberalismus: Hayek und Simmel differenzierten „wahren“ Individualismus (voraufklärerisch bei Hume, Smith, Burke: Freiheit mit sozialen Bindungen) von rousseauistischem „falschem“ Liberalismus, der Individuen atomisiert, spontane Ordnungen zerstört und totalitäre Tendenzen fördert – wie historisch in postrevolutionärem Frankreich oder der Weimarer Republik beobachtet.
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Böckenfördes Wagnis und gesellschaftlicher Zerfall: Der freiheitliche Staat setzt auf innere Regulierung durch moralische Substanz und Homogenität (Böckenförde-Diktum 1967); fehlende Bindungen (Familie, Vereine) erfordern zunehmend staatlichen Zwang, führen zu Auflösung, niedriger Fertilitätsrate (EU: 1,46 Kinder/Frau 2024 vs. Erhaltungsgrenze 2,1) und Nettozuwanderung (Deutschland: 1,5 Mio. 2024), was ein Volk auslöschen könnte.
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Chinas Überlegenheit illusorisch, Europas Gefahr real: China bleibt trotz Wachstum illiberal (kein geistiges Erbe); Europa droht durch Überfremdung und liberale Exzesse ein neuer Faschismus unter anderen Vorzeichen, mit Fliehkräften mindestens so stark wie vor 100 Jahren.
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Handlungsempfehlung: Rückbesinnung auf voraufklärerischen „wahren“ Liberalismus (Hayek) als einzige Chance zur Regeneration sozialer Strukturen und Vermeidung totalitärer Abstürze, statt technokratischer Modelltransfers.
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Rolf Peter Sieferle formulierte 1994 in seinem Werk Epochenwechsel die These, dass von den drei großen ideologischen Konstrukten der Neuzeit – Liberalismus, Sozialismus und Nationalismus – der Liberalismus zwar als einziger Überlebender gelten könne, jedoch keineswegs als endgültiger Sieger betrachtet werden dürfe, da ihm seine entscheidende Bewährungsprobe noch bevorstehe. Diese Einschätzung erschien 1994 den meisten Beobachtern unverständlich. Zwei Jahre zuvor hatte der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama in seinem einflussreichen Essay The End of History and the Last Man (1992) die These vom „Ende der Geschichte“ postuliert, wonach der Zusammenbruch der Sowjetunion den globalen Durchbruch des Liberalismus in Gestalt von Demokratie und Marktwirtschaft markiere, ohne dass nennenswerte ideologische Rivalitäten verbleiben würden.
Mittlerweile hat sich diese Euphorie in ein diffuses Unbehagen gewandelt, ob nicht vielmehr das chinesische Modell dem westlichen überlegen sein könnte. Tatsächlich weist China seit Jahren signifikant höhere Wirtschaftswachstumsraten auf als Europa: Während das reale BIP-Wachstum der EU im Jahr 2024 auf lediglich 0,8 Prozent geschätzt wurde, lag es in der Volksrepublik China bei etwa 4,8 Prozent. Weltpolitische Entscheidungen werden zudem nicht mehr primär in europäischen Metropolen getroffen. Die europäische Wachstumsschwäche könnte einerseits auf eine zunehmende Annäherung an die ökonomische Freiheit des China der 1970er Jahre zurückzuführen sein, während China selbst den entgegengesetzten Kurs eingeschlagen hat, was unterschiedliche Dynamiken erzeugt. Alternativ lässt sich der europäische Abstieg auch als Konsequenz einer Übertreibung des Liberalismus interpretieren, die die darin verfassten Gesellschaften kaum noch lebensfähig macht. Nach Sieferles Diagnose sind die Europäer nicht Nutznießer, sondern die ersten Opfer der liberalen Moderne.
Konservative Kritik am zeitgenössischen Liberalismus
Konservative assoziieren mit Liberalismus vor allem Steuersenkungen, Bürokratieabbau und Bürgerrechten. Die Freie Demokratische Partei (FDP) hat jedoch demonstriert, dass Liberalismus ebenso Drogenfreigabe, Geschlechtsumwandlungen oder CO2-Zertifikatehandel umfassen kann – Irrwege einer politischen Formation, die zudem in unkontrollierter Zuwanderung, Abtreibung oder expansiven Ostpolitiken liberale Prinzipien zu erkennen glaubt. Friedrich August von Hayek unterschied daher grundlegend zwischen einem „wahren“ und einem „falschen“ Individualismus, ähnlich wie Georg Simmel bereits 1901 in seiner Abhandlung Über soziale Differenzierung. Der „wahre“ Liberalismus, der konservativen Idealen am nächsten kommt, räumt wirtschaftliche und bürgerliche Freiheiten ein, erkennt jedoch die Bindung des Individuums an soziale Strukturen an. Der „falsche“ Liberalismus rousseauistischen Typs löst das Individuum aus diesen Strukturen heraus, atomisiert es, unterzieht es einer Neuerziehung und strebt die Konstruktion einer neuen Gesellschaft nach rein rational-liberalen Prinzipien an.
Dieser „wahre“ Individualismus existierte tatsächlich nur vor der Französischen Revolution, wie Hayek in The Confusion of Language in Political Thought (1964) sowie in Bezug auf die voraufklärerischen schottischen Moralphilosophen wie David Hume (A Treatise of Human Nature, 1739), Adam Smith (The Theory of Moral Sentiments, 1759) und Edmund Burke (Reflections on the Revolution in France, 1790) darlegt. Spätestens seit 1789 wurde Liberalismus als Programm verstanden, das die Freiheit der Individuen generell fordert, ohne Voraussetzungen zu prüfen oder zwischen wünschenswerteren und weniger wünschenswerten Freiheiten zu differenzieren. Dies erscheint somit als historischer Zufall: Die liberale Bewegung, geboren aus dem Widerstand gegen den Absolutismus, brachte Marktwirtschaft und Parlamentarismus hervor, die die Neuzeit prägen, setzte jedoch das konservative und geistige Erbe Europas stillschweigend voraus. Ihre Errungenschaften baute sie auf Voraussetzungen auf, die sie selbst nicht schuf und nicht schaffen kann.
Böckenfördes „großes Wagnis“ und die Notwendigkeit sozialer Bindungen
Ernst-Wolfgang Böckenförde beschrieb in seinem 1967 formulierten „Böckenförde-Diktum“ – erstmals publiziert in Die Entstehung des Staates als Vorgang – das „große Wagnis“ des freiheitlichen Staates: Er kann nur bestehen, wenn die ihm anvertraute Freiheit sich von innen, aus der moralischen Substanz des Individuums und der Homogenität der Gesellschaft, selbst reguliert. Gewachsene soziale Strukturen und Bindungen – sei es Familie, Gewerkschaft, Kirche oder Gartenverein – gewährleisten, dass Individuen sozial-adäquat handeln. Aus der Summe dieser Kräfte entsteht der innere Zusammenhalt einer Gesellschaft, der für das Funktionieren der Freiheit unerlässlich ist. Fehlen diese Bindungen, müssen Gesetze sie ersetzen, die jedoch die Zuverlässigkeit und Gleichförmigkeit des gesellschaftlichen Lebens bei Weitem nicht so effektiv sichern können.
Der „falsche“ Liberalismus, der diese spontanen Ordnungen ausmerzt, benötigt zunehmend Macht, um eine neue Ordnung zu erzwingen, und fördert damit totalitäre Strukturen, vergleichbar mit dem Sozialismus. Historisch belegt dies etwa das postrevolutionäre Frankreich, die Weimarer Republik, Italien, Spanien oder die meisten europäischen Staaten der Zwischenkriegszeit: Nach dem Verlust gewachsener Ordnungen wurden die gesellschaftlichen Fliehkräfte mit liberal-rechtsstaatlichen Mitteln nicht kontrollierbar und mündeten rasch in Diktaturen.
Gesellschaftliche Auflösung und demografischer Verfall
Dieser Liberalismus wirkt zudem zerstörend auf die innere Kraft einer Bevölkerung, da er gesellschaftliche Faserung, Orientierungsverlust und Selbstbezogenheit begünstigt. Eine paralysierte Gesellschaft, die sich primär mit sich selbst beschäftigt, leidet unter Entgrenzung, exzessiver Selbstverwirklichung und Visionverlust. Durch Durchmischung und Geburtenrückgang – die Fertilitätsrate in der EU lag 2024 bei 1,46 Kindern pro Frau, weit unter der Erhaltungsgrenze von 2,1 – droht ein solches Volk schlichtweg zu erlöschen.
China wird trotz ökonomischer Erfolge niemals ein wahrhaft liberales Land werden, da ihm das geistige Erbe fehlt; Gesellschaftsmodelle sind nicht transferierbar, und eine solche Annahme zeugt von technokratischer Naivität. Entscheidend bleibt Europas Lage: Soziale Strukturen können sich regenerieren, wenn Umstände es erlauben. Angesichts massiver Überfremdung – netto 1,5 Millionen Zuwanderer in Deutschland 2024 – und falscher liberaler „Errungenschaften“ sind die Fliehkräfte jedoch mindestens so stark wie vor hundert Jahren. Die Gefahr eines neuen Faschismus unter anderen Vorzeichen ist real, die Anzeichen sind lesbar. Um diesem Absturz den „wahren“ Liberalismus entgegenzusetzen, müsste man auf das voraufklärerische Erbe rekurrieren, wie Hayek es tat. Ob dieser Liberalismus überlebensfähig ist, bleibt offen; gesichert ist jedoch: Er stellt unsere einzige Chance dar.
Quellen
- Sieferle, R. P. (1994). Epochenwechsel. Propyläen.
- Fukuyama, F. (1992). The End of History and the Last Man. Free Press.
- Destatis (2025). Bruttoinlandsprodukt, Preisbereinigt, 2024. https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Volkswirtschaftliche-Gesamtrechnungen-Inlandsprodukt/_inhalt.html.
- Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln (2024). Wirtschaftsdynamik in Europa und Asien. https://www.iwkoeln.de/studien/.
- Simmel, G. (1901). Über soziale Differenzierung. Duncker & Humblot.
- Hayek, F. A. v. (1964). The Confusion of Language in Political Thought. In: Hayek, F. A. v., Studies in Philosophy, Politics and Economics. Routledge.
- Böckenförde, E.-W. (1967). Die Entstehung des Staates als Vorgang. In: Recht, Staat, Freiheit. Suhrkamp.
- Eurostat (2025). Fertilitätsrate EU, 2024. https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/tps00017/default/table.
- Destatis (2025). Wanderungsbilanz Deutschland 2024. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Wanderungen/_inhalt.html.
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