Deutschlands anhaltende wirtschaftliche Stagnation: Konjunkturelle Schwäche oder strukturelle Krise?

_ Christopher Kofner, Geschäftsführer und Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 28.12.2025.

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Anhaltende Stagnation mit strukturellem Charakter — Das reale BIP stagnierte 2025 bei 0,0 %, eine Erholung auf nur 0,9–1,0 % wird für 2026 erwartet; seit 2019 liegt die industrielle Produktion ~25 % unter Trend, was auf tieferliegende Probleme jenseits konjunktureller Schwankungen hinweist.
  • Massiver Standortverlust — Deutschland rutschte im Länderindex der Stiftung Familienunternehmen auf Platz 17 von 21 ab; hohe Energie-, Steuer- und Regulierungsbelastungen sowie externe Schocks (US-Zölle) dämpfen Investitionen und Exporte nachhaltig.
  • Arbeitsmarkt in der Krise — Das ifo-Beschäftigungsbarometer fiel auf den Tiefststand seit 2020; Arbeitslosenquote bei 6,3 % mit knapp 3 Mio. Arbeitslosen (höchster Stand seit Finanzkrise) und Verlust von ~400.000 Industriearbeitsplätzen in sechs Jahren; weitere Abbaupläne (z. B. 70.000 im Verarbeitenden Gewerbe) drohen.
  • Erosion der Kaufkraft und Energiearmut — Reallöhne ~7 % unter Vorkrisentrend (2019); Energiepreise +30 % (Strom) bzw. Verdopplung (Gas); Anteil energiearmer Haushalte stieg auf 43 % (2023) — dies blockiert den privaten Konsum und verschärft soziale Spannungen.
  • Reformstau trotz hoher Staatsausgaben — Bundesausgaben steigen auf 524,5 Mrd. € (2026) mit Rekordinvestitionen von 126,7 Mrd. €, doch der Fiskalmultiplikator bleibt niedrig (~0,5) durch Bürokratie, Crowding-out und konsumptive Energiewende-Effekte; ohne tiefgreifenden Bürokratieabbau, Steuersenkungen und Deregulierung bleiben Impulse wirkungslos.

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Die deutsche Wirtschaft beendet das Jahr 2025 mit einer erneuten Enttäuschung. Laut der Winterprognose des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) stagnierte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2025 bei 0,0 %, während für 2026 ein moderates Wachstum von etwa 0,9–1,0 % erwartet wird. Diese Entwicklung wirft die Frage auf, ob es sich um einen vorübergehenden konjunkturellen Abschwung handelt oder ob tiefgreifende strukturelle Probleme vorliegen.

Strukturelle Dimension der Krise seit 2019

Deutschland befindet sich seit 2019 in einer anhaltenden Phase schwacher oder negativer Wachstumsraten, die als schwerste wirtschaftliche Belastung seit dem Zweiten Weltkrieg gilt. Das Statistische Bundesamt (Destatis) dokumentiert für die Jahre 2023 und 2024 rezessive Entwicklungen mit Rückgängen des realen BIP, gefolgt von Stagnation oder minimalem Wachstum in 2025. Der industrielle Produktionsindex liegt etwa 25 % unter dem Vorkrisentrend. Diese anhaltende Schwäche deutet auf strukturelle Faktoren hin, die über zyklische Schwankungen hinausgehen.

Der Standort Deutschland hat in internationalen Vergleichen deutlich an Attraktivität eingebüßt. Im Länderindex der Stiftung Familienunternehmen (erstellt vom ZEW Mannheim) rutschte Deutschland von Platz 9 (vor der Merkel-Ära) auf Platz 17 von 21 bewerteten Industrieländern ab (Stand 2025). Dies spiegelt eine Verschlechterung in Bereichen wie Steuern, Regulierung und Energiekosten wider.

Angebotsseitig belasten hohe Steuern und Sozialabgaben, die künstliche Verteuerung von Energie sowie umfangreiche bürokratische Auflagen die Produktionskosten erheblich. Diese Faktoren dämpfen nicht nur die Investitionsneigung, sondern wirken sich auch negativ auf die verfügbaren Einkommen und damit auf die Nachfrageseite aus. Zusätzlich verschärfen externe Risiken wie die US-Zölle (in Höhe von bis zu 15 %) die außenwirtschaftliche Lage.

Arbeitsmarkt: Sinkendes Beschäftigungsbarometer und steigende Arbeitslosigkeit

Das ifo Beschäftigungsbarometer ist im Dezember 2025 auf den niedrigsten Stand seit Mai 2020 gefallen (91,9 Punkte). Der Index sinkt seit 2021 kontinuierlich und nähert sich dem Tiefpunkt der Corona-Krise an. Diese Entwicklung signalisiert eine zunehmende Zurückhaltung bei Neueinstellungen und einen schleichenden Stellenabbau, insbesondere in der Industrie.

Die Arbeitslosenquote liegt bei 6,3 %, mit knapp 3 Millionen registrierten Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2025 – der höchste Wert seit der globalen Finanzkrise. Innerhalb von sechs Jahren gingen rund 400.000 Arbeitsplätze in der Industrie verloren (Bundesagentur für Arbeit). Der Fachkräftemangel nimmt ab, während Branchenverbände wie der Industrieverband Kunststoffverarbeitung (IKW) für 2026 einen Abbau von 70.000 Stellen im Verarbeitenden Gewerbe prognostizieren. Die Vereinigung der bayerischen Metall- und Elektroindustrie erwartet allein in diesem wichtigen Sektor einen weiteren Rückgang um etwa 20.000 Arbeitsplätze.

Diese Trends deuten auf eine Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Lage hin, mit Risiken für Konsum, Steuereinnahmen und soziale Stabilität. Anzeichen für eine baldige Besserung sind derzeit kaum erkennbar.

Verbraucherstimmung und Reallohnentwicklung

Das Konsumklima befindet sich auf einem Tiefstand seit April 2024. Die anhaltende Zurückhaltung der Verbraucher resultiert aus der Erosion der Kaufkraft: Der durchschnittliche Reallohnindex für 2025 liegt nach Angaben von Destatis noch etwa 2 Prozentpunkte unter dem Niveau von 2019, wobei die Reallöhne rund 7 % unter dem Vorkrisentrend verharren.

Die Verbraucherpreise sind seit 2019 um etwa 25 % gestiegen, die Erzeugerpreise um rund ein Drittel. Besonders gravierend wirken sich die Energiepreise aus: Strompreise für Haushalte +30 %, Gaspreise haben sich verdoppelt. Der Anteil der Haushalte in Energiearmut (mehr als 10 % des Nettoeinkommens für Energie) schnellte von 14,5 % (2021) auf 43 % (2023) hoch (Sachverständigenrat für Verbraucherfragen). Die Erhöhung der CO₂-Abgabe um 30 % von 2025 auf 2026 verschärft die Belastung weiter.

Eine Verbesserung der Verbraucherstimmung erfordert spürbare Reallohnzuwächse, sinkende Energiepreise und eine Stabilisierung der Inflationserwartungen.

Diskrepanz zwischen politischer Rhetorik und wirtschaftlicher Realität

Der Geschäftsklimaindex ist erneut gesunken. Während Experten einen massiven Reformstau kritisieren, bewertet die Bundesregierung den „Herbst der Reformen“ positiv. Diese Diskrepanz erklärt sich durch das Ausbleiben substanzieller struktureller Veränderungen.

Zwar wurde eine schrittweise Senkung der Körperschaftsteuer von 15 % auf 10 % bis 2032 beschlossen, doch selbst bei einer Gesamtbelastung von 25 % bleibt Deutschland im internationalen Vergleich nur mittelmäßig attraktiv – im Gegensatz zu Ländern wie den USA (21 %, geplant 15 %), Irland (12,5 %) oder Ungarn (9 %). Weitere Belastungen bleiben bestehen: Das faktische Verbrenner-Aus (90 statt 100 %), das Heizungsverbot im Gebäudeenergiegesetz sowie das unveränderte Lieferkettengesetz. Zudem stiegen die Asylanträge 2025 auf 180.000 – höher als 2019 trotz stabiler Lage in Syrien.

Die Staatsausgaben des Bundes steigen von etwa 502,5 Mrd. € (2025) auf 524,5 Mrd. € (2026), ein Plus von 4,4 % (Bundesfinanzministerium). Die investiven Ausgaben erreichen Rekordniveau mit 126,7 Mrd. € (2026), davon rund 33,7–34,4 Mrd. € für Verkehrsinfrastruktur. Dennoch bleibt der Fiskalmultiplikator niedrig (ca. 0,5), da bürokratische Hemmnisse, Verzögerungen bei Genehmigungen und der Zwang zur Ersatzinvestition in der Energiewende (ohne Nettoerweiterung des Kapitalstocks) die Wirksamkeit einschränken. Hohe Steuern und Abgaben führen zu Crowding-out privater Investitionen, während die Klimapolitik überwiegend konsumptiv wirkt (IfW Kiel, Deutsche Bundesbank).

Quellen & Literatur:

  1. BDEW (2025). BDEW-Gaspreisanalyse Oktober 2025. URL: https://www.bdew.de/service/daten-und-grafiken/bdew-gaspreisanalyse/
  1. Bundesfinanzministerium (2025). Bundeshaushalt 2026. URL: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/bundeshaushalt-2026-2374030
  1. Bundesfinanzministerium (2025). Regierungsentwurf Bundeshaushalt 2026. URL: https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Pressemitteilungen/Finanzpolitik/2025/07/2025-07-30-regierungsentwurf-bundeshaushalt-2026.html
  2. Bundesregierung (2025). Bundeshaushalt 2026. URL: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/bundeshaushalt-2026-2374030
  3. Bundestag (2025). Bundestag beschließt Ausgaben von 524,54 Milliarden Euro für 2026. URL: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2025/kw48-de-haushaltsgesetz-2026-dritte-lesung-1126152
  4. Destatis (2025). Reallöhne steigen kräftig – stärkster Zuwachs im Jahr 2025. URL: https://www.rechtundpolitik.com/wirtschaft/realloehne-steigen-kraeftig-staerkster-zuwachs-im-jahr-2025/
  5. Destatis (2026). Produktion im November 0,8 Prozent höher. URL: https://www.klamm.de/news/produktion-im-november-08-prozent-hoeher-21N1767943193438.html
  6. EY (2025). Deutsche Industrie: Umsatzrückgang und Stellenabbau. URL: https://www.ey.com/de_de/newsroom/2025/08/ey-industriebarometer-q2-2025
  7. IAB (2025). IAB-Prognose 2025/2026. URL: https://doku.iab.de/kurzber/2025/kb2025-19.pdf
  8. ifo Institut (2025). Ifo-Beschäftigungsbarometer sinkt im Dezember. URL: https://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2025-12/67274594-ifo-beschaeftigungsbarometer-sinkt-im-dezember-015.htm
  9. IfW Kiel (2025). Winterprognose 2025/2026. URL: https://www.kielinstitut.de/publications/news/kiel-institute-winter-forecast-german-economy-likely-to-stagnate-in-2025/
  10. IW Köln (2022). Gefahr der Energiearmut wächst. URL: https://www.iwkoeln.de/studien/ralph-henger-maximilian-stockhausen-gefahr-der-energiearmut-waechst.html
  11. OECD (2024). Corporate Income Tax Rates Database. URL: https://www.oecd.org/en/data/datasets/corporate-income-tax-rates-database.html
  12. Stiftung Familienunternehmen (2025). Länderindex Familienunternehmen. URL: https://www.familienunternehmen.de/de/publikationen/laenderindex-familienunternehmen

Haftungsausschluss

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