Grüne Transformation: Kurzfristige wirtschaftliche Vorteile für Osteuropa, mittelfristig katastrophale Risiken

_ Christopher Kofner, Geschäftsführer und Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 19.01.2026.

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Kurzfristiger Exodus westlicher Unternehmen in die V4-Staaten durch deutliche Kostenvorteile: Hohe Energie-, Gas- und Lohnkosten in Deutschland und Österreich (Strompreise für Haushalte +30% seit 2019) fördern Verlagerungen, etwa ZF mit bis zu 9.500 Stellenabbau in Saarbrücken zugunsten von Eger, sowie BMW-, Mercedes- und Bosch-Milliardeninvestitionen in Ungarn (Löhne ca. 30% niedriger) bei 9-%-Körperschaftsteuer; Batterie-Gigafactories in Debrecen (CATL, BYD, Samsung SDI), der Slowakei (InoBat, Gotion) und Polen (LG Energy Solution, Northvolt) festigen Nearshoring, Arbeitsplätze und die industrielle Basis – die V4-Staaten positionieren sich als klare Gewinner.
  • Explodierende Inflation in den V4-Staaten durch Dekarbonisierung und Sanktionen: Kumulierte Verbraucherpreisinflation 2019–2024: Ungarn ~51%, Tschechien und Polen jeweils >40%, Slowakei >33%; der Green Deal (CO₂-Steuern, ESG-Vorgaben) verteuert die Produktion EU-weit, während das russische Gas bis 2028 endgültig ausläuft (neue Verträge ab 2026 verboten, bestehende spätestens Januar 2028) und Versorgungsengpässe für Binnenländer wie Ungarn und Slowakei drohen.
  • Massenproteste und politischer Wandel gegen den Green Deal: In Prag 2022 demonstrierten rund 70.000 Menschen – viele SPD-Anhänger (rechtskonservative Freiheit und Direkte Demokratie) – unter dem Slogan „Die Tschechische Republik zuerst!“ gegen explodierende Energiepreise; die Energiekrise katapultierte die SPD in Umfragen und ebnete ihren Weg in die Mitte-rechts-Regierung seit November 2025. In Polen blockierten 2024 Tausende Bauern gegen Green-Deal-bedingte Produktions-, Energie- und Heizkostenerhöhungen und erhielten breiten Rückhalt von PiS sowie Konfederacja; Viktor Orbán attackiert CO₂-Zertifikate und Transformationskosten für Bauern sowie Haushalte, was die Fidesz-Zustimmung nachhaltig stärkt.
  • Mittelfristige Deindustrialisierungs-Falle für die V4-Region: Langfristig verringert der Green Deal Direktinvestitionen und Nachfrage aus dem Westen, fossile Kostenvorteile erodieren, Energiepreise explodieren – die Region droht in dieselbe Falle zu tappen wie Westeuropa, falls kein grundlegender Kurswechsel erfolgt.
  • Handlungsempfehlung: Die V4-Staaten sollten gemeinsam mit Verbündeten in Wien und Berlin Druck auf Brüssel ausüben, um den Green Deal abzuschaffen, Gaslieferung aus Russland zu sichern sowie regulatorische Restriktionen zu lockern – zur Sicherung der Kostenvorteile und Verhinderung einer EU-weiten Deindustrialisierung.

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Die ideologisch geprägte Klimapolitik in Deutschland und Österreich treibt Strom-, Gas- und Lohnkosten auf ein Niveau, das den internationalen Wettbewerb untergräbt und westliche Unternehmen dazu veranlasst, ihre Produktion in östliche Länder zu verlagern, wo Energie, Arbeit und Regulierungen ein Viertel bis ein Drittel günstiger sind. Kurzfristig profitieren die Visegrád-Staaten (V4: Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn) von diesem Produktions-Exodus: Der Automobilzulieferer ZF plant den Abbau von bis zu 9.500 Stellen in Saarbrücken und verlagert Teile der Getriebeproduktion stattdessen nach Eger in Ungarn. Gleichzeitig investieren BMW, Mercedes und Bosch Milliarden in ungarische Standorte, während sie in Deutschland Tausende Arbeitsplätze abbauen.

Attraktivität der Visegrád-Staaten durch Kostenvorteile

Niedrigere Strom- und Gaspreise, moderate Löhne, pragmatische Regulierung – oft weniger strikt als die Brüsseler Vorgaben – sowie Steuersätze wie die weltweit niedrigste Körperschaftsteuer von 9 Prozent in Ungarn machen die Region zu einem starken Magneten für Investitionen. Der erzwungene Wechsel zur E-Mobilität in Westeuropa begünstigt zudem die Ansiedlung kostengünstiger Batteriefertigung: Debrecen in Ungarn avanciert zum europäischen Zentrum mit Gigafactories von CATL, BYD und Samsung SDI; in der Slowakei entstehen Werke von InoBat und Gotion; Polen lockt LG Energy Solution und Northvolt. Nearshoring verkürzt Lieferketten, sichert Arbeitsplätze und stärkt die industrielle Basis – ein klares Plus in Zeiten globaler Unsicherheiten.

Mittelfristige Rückschläge durch EU-weite Dekarbonisierung

Mittelfristig drohen jedoch schwere Rückschläge durch die grüne Deindustrialisierung in Westeuropa, die nicht nur die Nachfrage nach Vorleistungen, v.a. aus Deutschland reduziert, sondern auch die Direktinvestitionen, die bisher das Wachstum der V4 antrieben. Der European Green Deal mit seinen CO₂-Steuern, ESG-Vorschriften und bürokratischen Hürden verteuert Energie und Produktion nicht nur im Westen, sondern zwingt auch die Visegrád-Staaten, diese Vorgaben schrittweise umzusetzen – widerwillig, doch unausweichlich. Zwischen 2019 und 2024 explodierte die Verbraucherpreisinflation durch Dekarbonisierung, Corona-Einschränkungen und Russland-Sanktionen: in Ungarn um rund 51 Prozent, in Tschechien und Polen um über 40 Prozent, in der Slowakei um mehr als ein Drittel.

Energieabhängigkeit und drohende Versorgungsengpässe

Bis spätestens 2028 soll russisches Erdgas vollständig aus der EU verschwinden – neue Verträge sind ab 2026 verboten, bestehende müssen spätestens zum Januar 2028 auslaufen. Ungarn und die Slowakei warnen vor dramatischen Versorgungsengpässen und fordern Ausnahmen für Binnenländer mit hoher Transitabhängigkeit.

Politische Reaktionen und Proteste in der Bevölkerung

Die Bevölkerung spürt die Belastung unmittelbar – und reagiert darauf. Im Herbst 2022 versammelten sich in Prag rund 70.000 Menschen, darunter viele Unterstützer der rechtskonservativen Freiheit und Direkte Demokratie (SPD), um unter dem Slogan „Die Tschechische Republik zuerst!“ gegen explodierende Strom- und Gaspreise zu protestieren. Die Energiekrise katapultierte die SPD lokal in die Höhe und trug maßgeblich dazu bei, dass die Partei seit November 2025 Teil der neuen mitte-rechts Regierung ist. In Polen zogen 2024 Tausende Bauern auf die Straßen, um gegen steigende Produktions-, Energie- und Heizkosten infolge des European Green Deal zu demonstrieren; sie forderten ein Ende der Zusatzbelastungen für normale Bürger und erhielten breite Rückendeckung durch PiS und Konfederacja. Viktor Orbán positionierte sich entschieden gegen CO₂-Zertifikate und „Kosten für Klima- und Transformationsmaßnahmen“ für Bauern und Haushalte – ein Aktionsrahmen, der die Zustimmung zur regierenden Fidesz-Partei nachhaltig stärkt.

Verlust der Wettbewerbsvorteile und drohende Falle

Dekarbonisierung lässt fossile Kostenvorteile schwinden, während Energiepreise explodieren und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der V4 bedrohen. Was kurzfristig wie ein Segen wirkt, birgt mittelfristig das Risiko, dass die Region in die gleiche Falle tappt wie der Westen – es sei denn, sie schaffen zusammen mit politischen Verbündeten in Wien und Berlin einen dramatischen Kurswechsel in Brüssel.

Quellen & Literatur

  1. Statistisches Bundesamt. (2025). Arbeitskosten je geleisteter Arbeitsstunde in der Privatwirtschaft der Mitgliedstaaten¹ der Europäischen Union im Zeitraum 2022 bis 2024. Statista. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/180729/umfrage/arbeitskosten-in-der-privatwirtschaft-in-europa/
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  3. (2025). Strompreise für Industriekunden in der EU nach Verbrauchsmenge im ersten Halbjahr 2025 (in Euro-Cent pro Kilowattstunde). URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/151260/umfrage/strompreise-fuer-industriekunden-in-europa/
  4. (2025). Strompreise¹ für Haushalte in ausgewählten europäischen Ländern im Jahr 2025 (in Euro-Cent pro Kilowattstunde). URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/197196/umfrage/elektrizitaetspreise-ausgewaehlter-europaeischer-laender/
  5. (2025). Länder mit den höchsten Gaspreisen für die Industrie in Europa im ersten Halbjahr 2025 (in Euro pro Gigajoule). URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/7092/umfrage/gaspreise-pro-gj-in-europa-in-2007/
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    URL: https://www.ifo.de/publikationen/2022/aufsatz-zeitschrift/langfristige-effekte-von-deglobalisierung-und-handelskriegen
  7. Bontadini F. et al. (2022). Nearshoring and Farsharing in Europe within the Global Economy. ifo Institut.
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  8. Europäische Kommission. (2025). Europäische Union: Prognose zu den Inflationsraten in den Mitgliedstaaten von 2014 bis 2026 (gegenüber dem Vorjahr). URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/370942/umfrage/prognose-zu-den-inflationsraten-in-den-eu-laendern/
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  10. ZEIT (2022). Tschechien: Zehntausende demonstrieren in Prag gegen hohe Energiepreise und Inflation.
    URL: https://www.zeit.de/politik/2022-10/tschechien-prag-demonstration-energiepreise-inflation (Abrufdatum nicht im Dokument angegeben) (DIE ZEIT)
  11. Ungarn Heute (2025). ZF-Pläne schockieren Saarbrücken: Teil der Produktion soll nach Eger verlagert werden. Ungarn Heute.
    URL: https://ungarnheute.hu/news/zf-plaene-schockieren-saarbruecken-teil-der-produktion-soll-nach-eger-verlagert-werden-78314/ (Ungarn Heute)
  12. Resnik D. & Chodownik M. (2024). „Weg mit dem Green Deal“: Polnische Bauern machen mobil.
    URL: https://de.euronews.com/my-europe/2024/05/10/weg-mit-dem-green-deal-polnische-bauern-machen-mobil (de.euronews.com)
  13. About Hungary (2024). PM Orbán calls for a climate policy guided by common sense. URL: https://abouthungary.hu/news-in-brief/pm-orban-calls-for-a-climate-policy-guided-by-common-sense

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