Fragiler deutscher Mittelstand: Hohe Relevanz, große Herausforderungen

_ Christopher Kofner, Geschäftsführer und Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 27.01.2026.

Kernbotschaften

  • Dominanz kleiner Strukturen mit hoher Vulnerabilität: Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stellen 99,3 % aller Unternehmen in Deutschland mit 3,41 Mio. Betrieben und 16,2 Mio. Beschäftigten (2022), erzielen jedoch lediglich 26,5 % des Gesamtumsatzes. 81 % der KMU beschäftigen weniger als fünf Personen, 82 % erwirtschaften höchstens 1 Mio. € Umsatz. Dies führt zu Skalennachteilen und hoher Anfälligkeit gegenüber Kostensteigerungen und konjunkturellen Schwankungen.
  • Rückläufige Kreditfinanzierung und Investitionen: Der Anteil von Bankkrediten für Investitionen ist auf 23 % (von 40 % in 2004) gesunken, die Erfolgsquote von Kreditanträgen liegt bei lediglich 59 %. Der dynamische Verschuldungsgrad beträgt 368,3 %, das preisbereinigte Investitionsvolumen sank zwischen 2019 und 2024 um 10 % auf 200 Mrd. €. KMU mit weniger als zehn Mitarbeitern erreichen eine Umsatzrendite von nur 11 % (2023).
  • Bürokratie als zentrale Belastung: Über 80 % der Unternehmen betrachten Bürokratie als das größte Problem. Durchschnittlich entfallen 7 % der Arbeitszeit (1,5 Mrd. Std./Jahr; Kosten: 61 Mrd. €) auf administrative Tätigkeiten, im Gastgewerbe liegt der Anteil bei 1,2–6 % des Umsatzes. Seit 2019 stiegen die Preise um 25 % für Verbraucher und 33 % für Erzeuger.
  • Fachkräftemangel und Wettbewerbsdruck: 45,5 % der Unternehmen nennen Fachkräftemangel als größte Hürde (bereits zum vierten Mal in Folge). Der Mittelstand spürt einen Wettbewerbsdruck von 34 % (vs. 24,6 % bei Großunternehmen) und ist sensibler gegenüber Bürokratie (22,2 % vs. 18,6 %). Das Unternehmensbarometer liegt bei −13,1 (Aug. 2025), das Umsatzwachstum bei 1,6 % und die Beschäftigungsentwicklung bei 0,5 %.
  • Ungleichgewicht gegenüber Großkonzernen: KMU sind disproportional von Steuern und Auflagen betroffen und können Skalenvorteile nicht nutzen. Marktveränderungen (z. B. in der Automobilindustrie) treffen sie härter, während Großkonzerne international diversifizieren.

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Im Jahr 2022 belief sich die Anzahl der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland auf etwa 3,41 Millionen, die knapp 16,2 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte beschäftigten und einen Gesamtumsatz von rund 2,66 Billionen Euro erzielten, was ihre hohe gesamtwirtschaftliche Relevanz unterstreicht, jedoch zugleich einen fragilen Verteilungs- und Ertragsstatus im Vergleich zu Großunternehmen offenbart. Etwa 81 Prozent der mittelständischen Unternehmen verfügen über weniger als fünf Beschäftigte, was eine Dominanz sehr kleiner Betriebe mit eingeschränkten Skalenvorteilen dokumentiert. Ferner erzielen 82 Prozent der Mittelständler einen Jahresumsatz von bis zu einer Million Euro, was auf eine erhöhte Verwundbarkeit gegenüber Kostensteigerungen und konjunkturellen Schwankungen hindeutet.

Finanzierungsherausforderungen und zunehmende Verschuldung

Der Anteil der KMU, die Bankkredite für Investitionen nutzen, ist von 40 Prozent im Jahr 2004 auf 23 Prozent im Jahr 2023 gesunken – nahezu halbiert in knapp zwei Jahrzehnten –, was darauf hindeutet, dass selbst günstige Kredite und niedrige Zinsen keine Investitionen anregen, solange hohe Steuern, Bürokratie, Fachkräftemangel, regulatorische Unsicherheit und unattraktive Standortbedingungen persistieren. Der dynamische Verschuldungsgrad des deutschen Mittelstands stieg 2023 auf rund 368,3 Prozent (im Vergleich zu 321,1 Prozent im Jahr 2013), was rechnerisch einer Tilgungsdauer von etwa 3,68 Jahren bei konstantem Cashflow entspricht und zunehmende Verschuldung sowie Zinsbelastungen signalisiert. Die Erfolgsquote von Kreditverhandlungen fiel 2023 auf nur noch 59 Prozent aller Verhandlungen, was einem Rückgang um sieben Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr entspricht und die zunehmende Erschwernis der Fremdfinanzierung für Mittelständler illustriert.

Sinkende Rentabilität und schwaches Wachstum

Die durchschnittliche Umsatzrendite mittelständischer Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern ist von 15 Prozent im Jahr 2018 auf lediglich 11 Prozent im Jahr 2023 gesunken. Das KfW-ifo-Mittelstandsbarometer weist ein negatives Geschäftsklima auf, etwa mit −13,1 Punkten im August 2025, und dokumentiert lange Phasen negativer Stimmung seit 2023, was anhaltende Unsicherheit und abgeschwächte Erwartungen widerspiegelt. Die Wachstumsraten im Jahr 2023 waren niedrig mit einem Umsatzwachstum von etwa 1,6 Prozent und einem Beschäftigungswachstum von rund 0,5 Prozent, was trotz Inflations- und Kostendruck eine marginale Erholung statt eines kräftigen Aufschwungs anzeigt. Zudem ist das preisbereinigte Investitionsvolumen des Mittelstands von 222 auf 200 Milliarden Euro gesunken.

Bürokratische Belastungen als zentrales Hemmnis

Über 80 Prozent des deutschen Mittelstands bewerten Bürokratie als größtes Problem. Die jährlichen Bürokratiekosten pro mittelständischem Betrieb belaufen sich auf 12.500 bis 28.300 Euro. Mittelständische Unternehmen mussten 2023 im Schnitt rund sieben Prozent ihrer gesamten Arbeitszeit für die Erfüllung bürokratischer Vorgaben aufwenden, was durchschnittlich 32 Arbeitsstunden pro Monat und Unternehmen entspricht; insgesamt resultierten daraus im gesamten Mittelstand etwa 124 Millionen Arbeitsstunden pro Monat bzw. 1,5 Milliarden Stunden pro Jahr allein für Bürokratie, was Personalkosten von etwa 61 Milliarden Euro verursachte und rund 3,9 Prozent aller Personalkosten der Unternehmen ausmachte. Im Gastgewerbe beträgt der durchschnittliche Aufwand für Dokumentationspflichten 14 Stunden pro Woche, mit bis zu 125 Verpflichtungen je nach Betriebsgröße, wobei die Bürokratiebelastung zwischen 1,2 und sechs Prozent des Umsatzes liegt. Die Verbraucherpreise sind seit 2019 bis 2025 um etwa 25 Prozent gestiegen, die Erzeugerpreise im Zwischenhandel sogar um etwa ein Drittel.

KMU im Vergleich zu Großunternehmen

KMU stellen 99,3 Prozent aller Unternehmen, erwirtschaften jedoch nur 26,5 Prozent des gesamten Unternehmensumsatzes, während Großunternehmen 73,5 Prozent des Umsatzes generieren, was die Wettbewerbs- und Ertragsnachteile des Mittelstands gegenüber größeren Firmen hervorhebt.

Zukunftsherausforderungen

Der Fachkräftemangel bleibt die größte Herausforderung für den deutschen Mittelstand, wobei 45,5 Prozent der befragten 426 Unternehmen dies als zentrale Zukunftshürde nennen – bereits das vierte Mal in Folge –, was die anhaltende Schwierigkeit unterstreicht, qualifizierte Kräfte zu finden, zu halten und deren steigende Personalkosten zu stemmen, insbesondere angesichts sinkender Qualifikationsniveaus der Bewerber und dem demografischen Regression. Kleine mittelständische Unternehmen mit bis zu 49 Beschäftigten leiden besonders unter erhöhtem Wettbewerbsdruck, da sie auf Überlebensstrategien fokussieren müssen, während größere Firmen mit 50 bis 249 Beschäftigten eher auf Digitalisierung umschwenken, was die begrenzten Ressourcen des Kleinen und Mittleren Unternehmertums im Vergleich zu Konzernen betont. Im Vergleich zum Nicht-Mittelstand (managergeführten Großunternehmen) spürt der Mittelstand stärkeren Wettbewerbsdruck mit 34,0 Prozent gegenüber 24,6 Prozent, was seine höhere Sensibilität für Rahmenbedingungen wie Bürokratie und Wirtschaftslage illustriert und die Benachteiligung im Inland zeigt, während Konzerne international diversifizieren können. Für den Mittelstand spielen Rahmenbedingungen in Deutschland eine größere Rolle als für den Nicht-Mittelstand, mit 22,2 Prozent, die Bürokratie betonen (vs. 18,6 Prozent), was die ungleiche Belastung durch nationale Regulierungen unterstreicht und erklärt, warum der Mittelstand gegenüber ausländischen Wettbewerbern Wettbewerbsfähigkeit verliert. Der Mittelstand leidet unter veränderten Märkten durch Abwanderung von Unternehmen ins Ausland oder Insolvenzen (z. B. in der Autoindustrie), was die Nachfrage nach deutschen Produkten nachhaltig mindert und strategische Anpassungen erzwingt, die kleine Strukturen überfordern, im Kontrast zu stabileren Bedingungen vor der aktuellen Krise. Die Steuer- und Auflagenbelastung wirkt sich im Mittelstand so hart aus wie bei Großfirmen, jedoch ohne Skaleneffekte, was kleine Unternehmen disproportional belastet und ihre Innovationsfähigkeit hemmt, im Vergleich zu lockeren Regulierungen in anderen Ländern.

Quellen & Literatur

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  5. DZ Bank (2024). Mittelstand: Bürokratiebelastung klettert auf Allzeithoch. URL: https://www.dzbank.de/content/dzbank/de/home/die-dz-bank/presse/pressemitteilungen/2024/mittelstand–buerokratiebelastung-klettert-auf-allzeit-hoch-.html
  6. IfM Bonn (2024). Chartbook Zukunftspanel 2024. IfM Bonn. URL: https://www.ifm-bonn.org/fileadmin/data/redaktion/publikationen/chartbooks/chartbook_zukunftspanel_2024.pdf
  7. IfM Bonn / Statistisches Bundesamt (2022). Anzahl der kleinen- und mittleren Unternehmen in Deutschland. URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/321958/umfrage/anzahl-der-kleinen-und-mittleren-unternehmen-in-deutschland
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  11. KfW (2023). Umsatzwachstum und Beschäftigungswachstum im deutschen Mittelstand. URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/261427/umfrage/umsatzwachstum-und-beschaeftigungswachstum-im-deutschen-mittelstand-nach-ausgewaehlten-merkmalen[insm]​
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  13. KfW (2025). Immer mehr Unternehmen im Mittelstand verzichten auf Bankkredite zur Investitionsfinanzierung. KfW. URL: https://www.kfw.de/%C3%9Cber-die-KfW/Newsroom/Aktuelles/News-Details_840768.html
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  16. Statistisches Bundesamt / IfM (2022). Verteilung des Umsatzes der Unternehmen in Deutschland nach Unternehmensgröße. URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/731913/umfrage/verteilung-des-umsatzes-der-unternehmen-in-deutschland-nach-unternehmensgroesse
  17. Statistisches Bundesamt / KfW (2023). Mittelständische Unternehmen in Deutschland nach Anzahl der Beschäftigten. URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/261433/umfrage/mittelstaendische-unternehmen-in-deutschland-nach-anzahl-der-beschaeftigten

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