Chinas digitaler Stack – Europas strategische Lücke

_ Prof. Dr. Patrick Glauner, Professor für KI an der TH Deggendorf. Gastbeitrag für das Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Deggendorf, 17. September 2026.*

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • China hat mit Xinchuang einen weitgehend eigenständigen digitalen Stack von Cloud und Datenbanken bis zu KI, Industrieanwendungen und zunehmend eigener Chiptechnologie aufgebaut und beginnt nun, dieses Ökosystem systematisch auf internationale Märkte zu skalieren.
  • In den strategisch umkämpften Märkten erzielen westliche Anbieter heute rund 540 Milliarden US-Dollar Umsatz; die Szenariorechnung ergibt bis 2035 einen möglichen jährlichen Umsatzverlust von 30 bis 100 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 6 bis 18 Prozent.
  • Für deutsche Unternehmen entsteht eine strategische Doppelklemme: In China müssen sie sich an heimische Plattformen anpassen, während sie auf Drittmärkten anschließend gegen genau diese Plattformen als integrierte und teilweise finanzierte Komplettangebote konkurrieren.
  • Europas Ausgangslage ist besonders problematisch, weil die EU bei zentralen digitalen Produkten, Dienstleistungen, Infrastruktur und geistigem Eigentum zu über 80 Prozent von Nicht-EU-Anbietern abhängt. Weitere Regulierung allein beseitigt diese industrielle Abhängigkeit nicht.
  • Europäische Technologiesouveränität erfordert deshalb offene und austauschbare Systeme, eigene Nachfrage und Finanzierung für europäische Anbieter, First-of-a-Kind-Investitionen in kommende Technologiegenerationen sowie ein deutlich vereinfachtes und harmonisiertes digitales Regelwerk. Das strategische Ziel darf nicht bloß Aufholen sein, sondern eigenständige technologische Führungsfähigkeit.

Chinas technologischer Systemaufbau

China hat innerhalb von rund einem Jahrzehnt ein weitgehend eigenständiges digitales Ökosystem aufgebaut, das von Betriebssystemen, Datenbanken und Cloud-Plattformen über KI-Modelle und Unternehmenssoftware bis zu industriellen Steuerungssystemen reicht. „Made in China 2025“ setzte hierfür früh den industriepolitischen Rahmen; Xinchuang, die Strategie zur „Innovation in der Anwendung von Informationstechnik“, treibt den Ersatz ausländischer IT durch heimische Lösungen voran.[1] Alibaba, Tencent und Huawei decken inzwischen wesentliche Teile dieses technologischen Stacks ab. Der zentrale Engpass liegt weiterhin bei Hochleistungschips, doch auch dort schreitet die Substitution voran. MERICS beschreibt Chinas KI-Ökosystem inzwischen als über weite Teile der Wertschöpfungskette eigenständig, wenn auch bei modernster Hardware weiterhin verwundbar.[2] Die künstliche Intelligenz hat die Reichweite des Programms zusätzlich vergrößert: Modell, Chip, Cloud, Anwendung und Energieversorgung werden zunehmend als zusammenhängende Architektur behandelt.

Das 2022 erlassene „Dokument 79“ steht exemplarisch für diese Entwicklung. Nach Berichten über seine nichtöffentliche Fassung sollen Staatsunternehmen in strategischen Sektoren ausländische Software bis 2027 ersetzen; die öffentlich zugängliche Fassung enthält diese Vorgabe allerdings nicht ausdrücklich.[3] Die amerikanischen Exportkontrollen haben diesen Kurs nicht beendet, sondern zusätzliche Anreize für den Ausbau heimischer Alternativen geschaffen.

Vom Heimatmarkt auf die Weltmärkte

Die entscheidende Wirkung entsteht durch die Verbindung von Marktzugang, Beschaffung und technologischer Eigenständigkeit. Sicherheits- und Zuverlässigkeitsprüfungen, Zertifizierungen und staatliche Beschaffungsregeln erzeugen in China Nachfrage nach heimischen Lösungen und zwingen ausländische Anbieter zur Kompatibilität mit chinesischen Plattformen. Gleichzeitig wird derselbe Stack exportiert. In Bangkok, Riad, Nairobi oder europäischen Märkten können chinesische Datenbanken, Cloud-Dienste, KI-Modelle und Infrastruktur als integrierte Pakete auftreten, häufig ergänzt um Finanzierung und Implementierung.

Außerhalb Chinas lassen sich drei Wettbewerbsräume unterscheiden: der Globale Süden als strategisch wichtiger, regulatorisch vergleichsweise offener Markt; Europa als zunehmend abgeschirmter, aber weiterhin stark importabhängiger Markt; und die Vereinigten Staaten, die für viele chinesische Anbieter weitgehend verschlossen sind. Strategisch entscheidend sind vor allem die ersten beiden Räume. Die Szenariorechnung ergibt eine erhebliche Größenordnung: In den umkämpften Märkten erwirtschaften westliche Anbieter gegenwärtig rund 540 Milliarden US-Dollar jährlich; bis 2035 könnten ihnen davon 30 bis 100 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz entgehen. Dies entspricht bei heutigen Marktgrößen etwa 6 bis 18 Prozent. Es handelt sich um eine Szenariospanne, nicht um eine Punktprognose.[4] Der obere Wert entspricht ungefähr dem Jahresumsatz eines zusätzlichen Großkonzerns von der Größenordnung SAPs.

Die Telekommunikationsausrüstung zeigt, dass ein solcher Übergang vom geschützten Heimatmarkt zur internationalen Skalierung möglich ist. Huawei erreichte 2025 außerhalb Nordamerikas allein einen Anteil von 41 Prozent am von Dell’Oro erfassten Telekommunikationsausrüstungsmarkt.[5]

Die Doppelklemme für deutsche Unternehmen

Für deutsche Unternehmen entsteht damit eine Doppelklemme. Im chinesischen Markt müssen Produkte zunehmend auf chinesischen Betriebssystemen, Datenbanken und Cloud-Plattformen lauffähig sein und lokale Prüf- und Zulassungsanforderungen erfüllen. Partnerschaften mit chinesischen Anbietern verlagern Betrieb, Integration und Kundenzugang teilweise in deren Hände. Außerhalb Chinas tritt dasselbe Ökosystem als unmittelbarer Konkurrent auf. Wer in China Xinchuang-kompatibel werden musste, konkurriert auf Drittmärkten mit den Plattformen, an die er sich zuvor angepasst hat.

Der entscheidende Verlust ist daher nicht nur Umsatz, sondern industrielle Lernfähigkeit. Software und digitale Industrieanwendungen verbessern sich durch reale Nutzung, Rückkopplung mit Kunden und Einbindung in Produktionsprozesse. Wer Anwendungen in China und im Globalen Süden verliert, verliert zugleich Daten, Erfahrung, Schnittstellenwissen und Einfluss auf die nächste Produktgeneration. Kontrolle über Cloud, Rechenleistung, Entwicklungswerkzeuge und Standards bedeutet deshalb Kontrolle über technische Pfadabhängigkeiten.

Institutionelle Expansion und europäische Abhängigkeit

Mit dem technologischen Stack wächst Chinas institutioneller Einfluss. Am 16. Juli 2026 unterzeichneten zunächst 29 Staaten in Shanghai das Gründungsabkommen der World Artificial Intelligence Cooperation Organization; inzwischen wird ihre Mitgliedschaft mit 37 Staaten angegeben.[6][7] Damit verbindet China technische Angebote mit Ausbildung, Anwendungen, Standards und internationaler Kooperation.

Europa steht dieser Strategie aus einer Position struktureller Abhängigkeit gegenüber. Die Europäische Kommission beziffert die Abhängigkeit der EU von Nicht-EU-Anbietern bei zentralen digitalen Produkten, Dienstleistungen, Infrastruktur und geistigem Eigentum auf über 80 Prozent.[8] Zwar reagiert die EU mit NIS2, Cyber Resilience Act, KI-Verordnung sowie dem 2026 vorgelegten Technologiesouveränitätspaket. Der Cloud and AI Development Act sieht vier Souveränitätsstufen für Cloud-Dienste vor.[9] Doch Klassifizierung ersetzt keine eigene industrielle Basis. Vier Souveränitätsstufen schaffen noch keinen europäischen Hyperscaler.

Regulierung ohne Aufbau reicht nicht

Damit liegt die zentrale Schwäche Europas offen: China verbindet Abschirmung mit dem Aufbau eigener Kapazitäten; Europa konzentriert sich zu stark auf Regulierung und Ausschlussmechanismen, ohne in vergleichbarer Größenordnung eigene Anbieter hervorzubringen. Die Kommission selbst hat inzwischen Vereinfachungen des digitalen Regelwerks eingeleitet, um Überschneidungen, Rechtsunsicherheit und administrative Belastungen zu reduzieren.[10] Patrick Glauner hatte bereits in seiner Analyse des europäischen KI-Regulierungsansatzes vor Überregulierung und einer weiteren Stärkung amerikanischer und chinesischer Technologieführer gewarnt.[11] Thorsten Jelinek beschreibt in „The Digital Sovereignty Trap“ die Gefahr neuer technologischer Silos und struktureller Abhängigkeiten.[12]

Für Europa folgen daraus vier Prioritäten. Erstens müssen für alle Anbieter offene Schnittstellen, praktisch getestete Wechselpfade und ein nachweisbarer Weiterbetrieb bei Lieferantenausfall verlangt werden; entscheidend ist Ersetzbarkeit statt Herkunft. Zweitens muss europäische Industriepolitik Nachfrage, Kapital und Anwendungen für eigene Anbieter organisieren, statt technologische Souveränität auf Regulierung zu reduzieren. Drittens braucht Europa Kapital für First-of-a-Kind-Projekte, mit denen die nächste Technologiegeneration selbst geprägt wird, statt lediglich bestehende ausländische Technologien nachzubauen. Viertens müssen die europäischen Digitalregeln verständlicher, praxisnäher und stärker harmonisiert werden. Digitale Reindustrialisierung darf nicht beim Aufholen enden. Strategische Souveränität entsteht erst, wenn Europa in zentralen Schichten des digitalen Stacks selbst technologische Führungsfähigkeit entwickelt.

Quellen & Literatur

[1] State Council of the People’s Republic of China (2015). Made in China 2025. State Council, Beijing. URL: https://www.cac.gov.cn/2015-05/19/c_1115334962.htm

[2] MERICS (2025). China’s drive toward self-reliance in artificial intelligence: from chips to large language models. Mercator Institute for China Studies, Berlin. URL: https://merics.org/en/report/chinas-drive-toward-self-reliance-artificial-intelligence-chips-large-language-models

[3] Center for Security and Emerging Technology (CSET) (2024). Notice on the Initiative to Launch Value Creation Benchmarking Against World-Class Enterprises – China Document 79 (2022). Georgetown University, Washington, D.C. URL: https://cset.georgetown.edu/publication/china-document-79-2022/

[4] Glauner, P.; Jelinek, T. (2026). Kampfansage: Wie China seinen digitalen Stack exportiert. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.09.2026. URL: https://www.faz.net/digitalwirtschaft

[5] Dell’Oro Group (2026). Cloud Providers Boost Total Telecom in 2025. Redwood City. URL: https://www.delloro.com/cloud-providers-boost-total-telecom-in-2025/

[6] Ministry of Foreign Affairs of the People’s Republic of China (2026). Signing Ceremony of the Agreement on the Establishment of the World Artificial Intelligence Cooperation Organization Held in Shanghai. 16.07.2026. URL: https://www.fmprc.gov.cn/eng/wjbzhd/202607/t20260717_11984747.html

[7] The Diplomat (2026). Pax Silica vs WAICO: Will Central Asia Have to Pick a Side? September 2026. URL: https://thediplomat.com/2026/09/pax-silica-vs-waico-will-central-asia-have-to-pick-a-side/

[8] Europäische Kommission (2026). Communication on European Tech Sovereignty, accompanied by an EU Open Source Strategy, COM(2026) 503 final. Brüssel, 03.06.2026. URL: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX:52026DC0503

[9] Europäische Kommission (2026). Cloud and AI Development Act. Brüssel. URL: https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/cloud-and-ai-development-act

[10] Europäische Kommission (2026). Proposal for a Directive as regards simplification measures and alignment with the Cybersecurity Act. Brüssel, 20.01.2026. URL: https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/library/proposal-directive-regards-simplification-measures-and-alignment-cybersecurity-act

[11] Glauner, P. (2021). An Assessment of the AI Regulation Proposed by the European Commission. arXiv:2105.15133. URL: https://arxiv.org/abs/2105.15133

[12] Jelinek, T. (2023). The Digital Sovereignty Trap: Avoiding the Return of Silos and a Divided World. Springer Nature, Singapore. DOI: 10.1007/978-981-19-8414-3. URL: https://link.springer.com/book/10.1007/978-981-19-8414-3

* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf seinem Beitrag in der FAZ vom 16.09.2026; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.

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