Demografischer Kollaps in Europa und Ostasien: Die Bo/Bn-Ratio als Maß der Nachhaltigkeit
_ Daniel Hess, Gastbeitrag für das Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Washington, D.C. (USA), 9. August 2026.*
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
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Die Bo/Bn-Ratio misst das Verhältnis der tatsächlich beobachteten Geburten (Bo) zu den unter den aktuellen Sterblichkeitsverhältnissen und der Lebenserwartung bei Geburt (e₀) benötigten Geburten (Bn = Gesamtbevölkerung ÷ e₀), um die erwarteten Sterbefälle in einer stationären Bevölkerung exakt auszugleichen, und signalisiert bei einem Wert unter 1, dass die Geburten für den natürlichen Bevölkerungsersatz nicht ausreichen.
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Die Bo/Bn-Ratio von unter 0,5 in Ostasien und von rund 0,6 in Süd- und Osteuropa belegt einen bereits eingetretenen und sich beschleunigenden natürlichen Bevölkerungsrückgang, der weit über das hinausgeht, was die TFR allein anzeigt, und der die wirtschaftlichen Tragfähigkeitsgrenzen dieser Regionen massiv unter Druck setzt.
- In Südasien (1,29) und Westasien (1,86) sowie in Zentralasien (1,63) und Mittelafrica (2,40) erzeugt die junge Altersstruktur trotz teilweise unter dem Erhaltungsniveau liegender TFR weiterhin klare Geburtenüberschüsse und damit demographische Dynamik.
- Global sinkt der Geburtenüberschuss von 18 Prozent (2025) auf ein Defizit von 12 Prozent (2100); ab 2060 übersteigen die Sterbefälle die Geburten erstmals in der modernen Geschichte, und 75 Prozent der Weltbevölkerung leben dann in Ländern mit unzureichenden Geburten.
- Die Kombination aus ultra-niedriger Fertilität und bereits alter Bevölkerung in den fortgeschrittenen Ländern verschärft die wirtschaftlichen Folgen (Arbeitskräftemangel, Renten- und Gesundheitssysteme) weit stärker als in jüngeren Regionen und macht die Depopulation dort zur akuten systemischen Herausforderung.
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Eine soeben erschienene Studie führt eine neue demographische Kennzahl ein: das Verhältnis der beobachteten Geburten (Bo) zu den Geburten, die benötigt werden (Bn), um die erwarteten Sterbefälle auszugleichen. Liegt Bo/Bn unter 1, steht eine Bevölkerung vor natürlichem Rückgang. Mit diesem Maß wird die dramatische Lage Europas und Ostasiens in scharfer Klarheit sichtbar.
Grenzen der Total Fertility Rate und die Rolle der Altersstruktur
Herkömmlich stützt man sich auf die Total Fertility Rate (TFR), also die Geburtenzahl je Frau im gebärfähigen Alter. Dieses Maß ignoriert jedoch die Altersstruktur einer Bevölkerung. Japan ist ein altes Land mit wenigen Frauen im gebärfähigen Alter; die Sterbefälle übersteigen dort die Geburten bei weitem. Indien ist ein junges Land, und die Geburten übertreffen die Sterbefälle weiterhin deutlich. Die Bo/Bn-Ratio leitet sich aus der Theorie der stationären Bevölkerung ab. In einer stationären Bevölkerung gilt, dass die rohe Geburtenziffer dem Kehrwert der Lebenserwartung bei Geburt entspricht. Die benötigte Geburtenzahl Bn ergibt sich daher als Gesamtbevölkerung geteilt durch die Lebenserwartung bei Geburt. Bo/Bn zeigt unmittelbar, ob die beobachteten Geburten die erwarteten Sterbefälle ersetzen. Übersteigt der Wert 1, reichen die Geburten für Wachstum; liegt er unter 1, folgt Bevölkerungsrückgang.
Ostasien und Süd- sowie Osteuropa im raschen demografischen Zusammenbruch
Ostasien verfügt über weniger als die Hälfte der Geburten, die jährlich benötigt werden, um die Sterbefälle auszugleichen. Dies signalisiert einen rapiden demografischen Kollaps. Die Lage hat sich seit 2000 massiv verschlechtert, als diese Länder von jung zu alt übergingen: Die Ratio fiel von 0,98 auf 0,49. Süd- und Osteuropa stehen kaum besser da. In Osteuropa bewegt sich der Wert um 0,60 bis 0,61, in Südeuropa von 0,59 auf 0,73. Die europäischen Regionen und Ostasien weisen damit weit unter 1 liegende Werte auf und vollziehen einen klaren Übergang in den natürlichen Rückgang.

Südasiens und die arabische Welt: Demographische Stärke trotz TFR unter dem Erhaltungsniveau
Südasien und die arabische Welt (Westasien) erweisen sich demographisch deutlich stärker, als die TFR allein vermuten lässt. Obwohl die TFR leicht unter das Erhaltungsniveau gesunken ist, übertreffen die Geburten die Sterbefälle weiterhin erheblich, weil diese Bevölkerungen jung sind. In Südasien stieg die Ratio von 1,25 auf 1,29, in Westasien von 1,44 auf 1,86. Die junge Altersstruktur erzeugt hier weiterhin einen klaren Geburtenüberschuss.

Zentralafrika und Zentralasien: Beschleunigtes Wachstum
Zentralafrika (Mittelafrica) und Zentralasien wachsen sogar schneller als vor 25 Jahren. In Mittelafrica ist die Fertilität nur leicht zurückgegangen, während die Sterblichkeit steil gesunken ist; die Ratio stieg von 2,28 auf 2,40. In Zentralasien ist die Fertilität stark gestiegen, während die Sterblichkeit fiel; die Ratio erhöhte sich von 1,36 auf 1,63. Zusammen mit Ostafrika (2,23) und Westafrika (1,89) gehören diese Regionen zu den demographisch dynamischsten.

Akute Depopulation in den fortgeschrittenen Ländern und ihre wirtschaftlichen Folgen
Obwohl von einer globalen Fertilitätskrise die Rede ist, ist die Depopulation in den fortgeschrittenen Ländern am schärfsten ausgeprägt. Diese verfügen sowohl über niedrige Fertilität als auch über eine alte Bevölkerung. Dadurch werden die wirtschaftlichen Folgen weitaus gravierender. Global lag die Ratio 2025 noch bei 1,18 (18 Prozent Überschuss), nachdem sie von 1,46 im Jahr 2000 gesunken war. Nach der mittleren Variante der World Population Prospects 2024 werden die globalen Geburten ab 2060 erstmals in der modernen Geschichte nicht mehr ausreichen, um die erwarteten Sterbefälle zu ersetzen; bis 2100 fehlen 12 Prozent. Derzeit leben 43 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern mit unzureichenden Geburten; bis 2100 steigt dieser Anteil auf 75 Prozent. Nur Mittelafrica und Ostafrika bleiben voraussichtlich oberhalb von 1. Die Bo/Bn-Ratio macht den Geburtendefizit-Charakter der Krise in den entwickelten Regionen unmissverständlich und zeigt, dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Belastungen durch Alterung und Arbeitskräftemangel dort am heftigsten ausfallen.
Quellen & Literatur
- Spoorenberg, T. und Skirbekk, V. (2026). The ratio of births observed to births needed: An indicator to assess demographic sustainability. Demographic Research, 54(30), S. 973–986. DOI: 10.4054/DemRes.2026.54.30. URL: https://www.demographic-research.org/articles/volume/54/30/
- United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division (2024). World Population Prospects 2024. New York: United Nations.
- Preston, S.H., Heuveline, P. und Guillot, M. (2001). Demography: Measuring and Modeling Population Processes. Oxford: Blackwell.
* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen englischen Originalveröffentlichung; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.
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