Der Irrtum über Sanktionen: Wie Autokraten an Stärke gewinnen
_ Prof. Dr. Reiner Eichenberger; Prof. Dr. David Stadelmann. Gastbeitrag für das Institut für konsrvative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 4. August 2026.*
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Sanktionen schwächen zwar häufig die Volkswirtschaft eines autoritären Staates, treffen jedoch vor allem dessen Bevölkerung und können zugleich das Regime stabilisieren, weil Knappheit, wirtschaftliche Abhängigkeit und staatliche Kontrolle zunehmen. Sanktionen dürfen deshalb nicht allein danach bewertet werden, ob sie wirtschaftlichen Schaden verursachen, sondern danach, ob sie die politische Macht des Regimes tatsächlich verringern.
- Autokratische Regime profitieren von Sanktionen auf vielfältige Weise: Sie kontrollieren die Verteilung knapper Güter, verschaffen regimetreuen Unternehmen und Oligarchen zusätzliche Gewinne, monopolisieren Handelswege und schaffen lukrative Umgehungs- und Schmuggelgeschäfte für Sicherheitsapparate, Militärs und Parteieliten. Gleichzeitig können sie eigenes wirtschaftspolitisches Versagen dem Ausland anlasten und die Bevölkerung propagandistisch gegen einen äußeren Feind mobilisieren.
- Besonders problematisch ist, dass Sanktionen häufig die Zivilgesellschaft und oppositionelle Kräfte stärker belasten als das eigentliche Machtzentrum: Reisebeschränkungen, Finanzkontrollen und internationale Isolation erschweren den Zugang zu Informationen, Kapital und ausländischen Kontakten, während regimenahe Kreise aufgrund ihrer politischen Verbindungen weiterhin privilegierten Zugang zu knappen Ressourcen erhalten.
- Pauschale wirtschaftliche Abschottung sollte daher durch gezieltere Maßnahmen ersetzt werden. Sanktionen sind nur dann erfolgversprechend, wenn sie Staatsunternehmen, Sicherheitsapparate, politisch kontrollierte Holdings und führende Regimevertreter deutlich stärker treffen als die Bevölkerung; zugleich sollten private Unternehmen, Wissenschaft, unabhängige Medien, Reisen und zivilgesellschaftliche Kontakte möglichst offengehalten werden.
- Gegen besonders gewalttätige und mafiös organisierte Regime reichen klassische Handelssanktionen allein nicht aus, da sie deren illegale Geschäftsmodelle sogar begünstigen können. Ergänzend sollten Instrumente aus der Bekämpfung organisierter Kriminalität eingesetzt werden, insbesondere glaubwürdige Ausstiegsangebote für Insider, Schutzprogramme für kooperationsbereite Funktionsträger und eine konsequente internationale Strafverfolgung.
- Westliche Staaten sollten Sanktionen nicht als moralisches Symbol oder politisches Ersatzhandeln einsetzen, sondern sie einer nüchternen Kosten-Nutzen-Prüfung unterziehen. Entscheidend bleibt die eigene wirtschaftliche und militärische Stärke: Nur ein wirtschaftlich leistungsfähiger und militärisch überlegener Westen kann aggressive Autokratien dauerhaft abschrecken, begrenzen und zu politischen Zugeständnissen zwingen.
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Die EU und die USA belegen aggressive autoritäre Staaten regelmäßig mit Sanktionen, um sie wirtschaftlich zu schwächen und politischen Wandel zu erzwingen – seit vielen Jahren etwa den Iran und auch Russland. Auf den ersten Blick scheinen Sanktionen zu wirken. Die Volkswirtschaften sanktionierter Länder geraten unter Druck, ihre Regime klagen lautstark und fordern die Aufhebung der Sanktionen. Auf den zweiten Blick jedoch fällt die Bilanz für die EU und die USA ernüchternd aus. Häufig stärken Sanktionen gerade jene Regime, die sie schwächen sollen, weil sie den Autokraten mehr Kontrolle über Wirtschaft und Bevölkerung ermöglichen.
Weshalb setzen westliche Länder Sanktionen trotz ihrer oft perversen Wirkungen so häufig ein? Wie stärken Sanktionen die Regime? Und weshalb verlangen diese dennoch oft ihre Aufhebung? Um das zu verstehen, muss man strikt zwischen einem Land, seiner Regierung und seiner Bevölkerung unterscheiden.
Für westliche Regierungen sind Sanktionen politisch attraktiv. Sie können rasch, sichtbar und ohne hohe unmittelbare Kosten handeln und politisch Härte demonstrieren. Militärische Reaktionen dagegen müssen sorgfältig vorbereitet werden und sind kostenintensiv. Misserfolge wären rasch erkennbar, besonders teuer und öffentlich kaum zu verbergen.
Bei Sanktionen entsteht daher leicht eine Erfolgsillusion: Erste Schäden an der sanktionierten Volkswirtschaft werden meist rasch sichtbar. Weniger sichtbar ist dagegen, dass diese Schäden später nachlassen, weil sich die Volkswirtschaft anpasst. Gleichzeitig gewinnt das Regime im sanktionierten Land an Einfluss, da die Bevölkerung stärker von ihm abhängig wird. Hinzu kommt, dass sanktionierte Regime den sanktionierenden Regierungen in die Hände spielen: Sie beklagen die Sanktionen und fordern deren Abbau. So nähren sie die Illusion, die Maßnahmen wirkten.
Tatsächlich haben autokratische Regime, wenn Sanktionen ihre Herrschaft erst einmal stabilisiert haben, gute Gründe, lediglich deren selektiven Abbau zu fordern. Sie können eigenes Versagen dem Ausland anlasten, Härten propagandistisch ausschlachten und den sanktionierenden Regierungen so bestätigen, dass deren Maßnahmen angeblich ins Schwarze treffen. So entsteht ein perverses Zusammenspiel der Interessen. Wer Sanktionen wirklich verstehen will, muss daher zunächst verstehen, warum autokratische Regime sie lieben und für sich nutzen.
Warum Autokraten Sanktionen lieben
Erstens erzeugen Sanktionen Knappheit. Importgüter fehlen, heimische Ersatzprodukte gewinnen an Wert. Davon profitieren die Produzenten dieser Güter im sanktionierten Land. In Autokratien sind dies häufig staatliche Unternehmen oder regimenahe Oligarchen. So wird äußerer Druck im Innern zum Profit für das Regime und seine Klientel.
Zweitens schafft Knappheit Rationierungsmacht. Wer in einer Mangelwirtschaft das Wenige verteilt, herrscht. Das Regime kann loyalen Gruppen Vorteile gewähren und Kritiker benachteiligen. Lebensmittel, Medikamente, Energie, Devisen oder Computerchips werden nach politischer Nützlichkeit verteilt. Sanktionen erhöhen so die Abhängigkeit der Bürger vom Staat.
Drittens erleichtern Sanktionen die Kontrolle strategischer Sektoren. Wird etwa der Export von Rohstoffen erschwert, sinken zwar die Erlöse. Zugleich kann das Regime die verbleibenden Handelskanäle leichter monopolisieren und politisch steuern.
Viertens laden Sanktionen zu Umgehungsgeschäften ein. Je schärfer die Restriktionen, desto größer sind die Margen im Schwarzhandel, den das Regime kontrollieren kann. Schmuggel, Scheinfirmen und Dreiecksgeschäfte schaffen Renten für gut vernetzte Kreise, wie sich in Russland und im Iran beobachten lässt.
Fünftens stärken Sanktionen die Sicherheitsapparate. Regime können konkurrierende Schmuggler kriminalisieren und eigene Netzwerke schützen. Sanktionen, die auf dem Papier Härte signalisieren, schaffen in der Praxis oft ein Geschäftsmodell für Geheimdienste, Militär und Parteieliten, wie die Revolutionsgarden im Iran eindrücklich zeigen.
Sechstens führt der Rückzug ausländischer Unternehmen häufig zum Verkauf ihrer Aktiva. Produktionsstätten, Beteiligungen und Vertriebsnetze wechseln zu Schleuderpreisen den Besitzer. Zugreifen können meist nur jene, die über politische Genehmigungen, Liquidität und Schutz verfügen, also regimenahe Kreise.
Siebtens schwächen Sanktionen die Zivilgesellschaft. Reisebeschränkungen, Finanzkontrollen und Isolation erschweren die internationale Vernetzung und den Zugang zu unabhängigen Informationen. Oppositionelle, Journalisten, Wissenschaftler und Unternehmer verlieren Kontakte ins Ausland.
Achtens leiden oppositionelle Gruppen überproportional unter den Nebenwirkungen. Sie haben meist schlechteren Zugang zu knappen Gütern, weniger Schutz vor Repression und schlechtere Finanzierungsmöglichkeiten. Der Westen spricht zwar gern von „gezielten“ Sanktionen. Tatsächlich sind oppositionelle Akteure oft verletzlicher als das Herrschaftszentrum.
Neuntens verdecken Sanktionen das wirtschaftspolitische Versagen des Regimes. Schrumpft die Wirtschaft, kann die Führung die Verantwortung nach außen verlagern. Der Verweis auf äußere Feinde, Belagerung und nationale Demütigung wirkt gerade dann, wenn die Härten spürbar sind.
Zehntens sinken die Anreize zu riskantem Widerstand. Die Bürger wissen, dass der Sturz eines autokratischen Regimes keineswegs automatisch Freiheit und Wohlstand bringt. Oft drohen Machtkämpfe, Bürgerkrieg oder neue Unterdrückung. Sanktionen können so genau jene Revolte unwahrscheinlicher machen, die sie angeblich unterstützen sollen.
Warum Autokraten gegen Sanktionen ankämpfen
Sanktionen schädigen also in der Regel Wirtschaft und Bevölkerung des Ziellandes, stabilisieren aber die sanktionierten Regime. Das widerspricht auf den ersten Blick dem lautstark vorgetragenen Verlangen dieser Regime – auch der Mullahs im Iran und Putins – nach Aufhebung der Sanktionen. Natürlich ist dieses Verlangen zum Teil strategisch: Es soll die Schuld am Leid der Bevölkerung von der eigenen Politik auf die internationalen Sanktionen abwälzen. Doch es hat auch einen wahren Kern. Für Regime sind Sanktionen vor allem so lange dienlich, wie ihre Kontrolle über Bevölkerung und Wirtschaft noch nicht gefestigt ist. Sobald sie sich jedoch die wichtigsten Ressourcen angeeignet und Wirtschaft wie Gesellschaft unter Kontrolle gebracht haben, werden zumindest Teile der Sanktionen für sie störend. Denn nun wollen sie die angeeigneten Ressourcen möglichst rentabel nutzen. Dafür sind selektiver Handel, der Zugang zu internationalen Finanzmärkten für regimetreue Kreise und Reisefreiheit für Eliten attraktiv.
Ideal für autokratische Regime ist daher weder vollständige Offenheit noch vollständige Isolation, sondern eine selektive Mischung aus Schließung und Öffnung. Die Bevölkerung soll weiter ausgebeutet werden können, ohne zur Gefahr zu werden. Das Regime wünscht sich genug äußere Bedrohung, um die Bürger zu unterdrücken und private Konkurrenz im Inland kleinzuhalten, zugleich aber genug Offenheit, um angeeignete Vermögen international nutzbar zu machen und die Früchte der von der Bevölkerung gestohlenen Ressourcen genießen zu können.
Diese Logik lässt sich auch auf Kriege und andere Konflikte übertragen. Krieg und die damit verbundenen Sanktionen helfen Regimen, ihre Macht im Innern auszubauen. Doch sobald sie fest im Sattel sitzen, nimmt der Nutzen eines Krieges hoher Intensität ab. Nützlicher sind dann eine dauerhafte Kriegsgefahr oder Konflikte geringer Intensität: Sie reichen aus, um politische Kontrolle und Repression im Inland aufrechtzuerhalten. Dies ließ sich bis zum aktuellen Krieg am Beispiel der Mullahs gut beobachten. Aus dieser Logik folgt für das Putin-Regime, dass es bald einen Konflikt geringerer Intensität anstreben dürfte.
Dieses perverse Spiel dient nicht nur dem sanktionierten Regime, sondern auch anderen autokratischen Regierungen. Denn Sanktionen lenken den Handel um und fördern neue Allianzen. Im Fall Russlands haben westliche Sanktionen nicht nur die inneren Machtstrukturen zugunsten des Regimes verschoben, sondern auch Moskaus Abhängigkeit von Peking vertieft. Relativ freier Handel zwischen privaten russischen und westlichen Firmen wurde durch stärker staatlich kontrollierten Handel zwischen russischen und chinesischen Firmen ersetzt. Davon profitieren Putin und Xi zugleich.
Eigene Stärke statt moralische Selbstvergewisserung
Was folgt daraus für die Politik? Erstens sollten westliche Politiker aufhören, moralische Selbstvergewisserung mit einer wirksamen Strategie zu verwechseln.
Erstens können Sanktionen sinnvoll sein, wenn sie die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit und damit langfristig das militärische Potenzial eines Regimes verringern. Doch die Verarmung der Bevölkerung kann zugleich die Macht des Regimes erhöhen und ihm ermöglichen, das Militär noch stärker für eigene Zwecke einzusetzen.
Zweitens kommt es auf die relative Belastung von Regime und Bevölkerung an. Wirksam sind nur Sanktionen, die das Regime deutlich stärker treffen als die Bürger und diese nicht noch stärker vom Staat abhängig machen. In eher instabilen Autokratien kann das eine selektive Öffnung statt pauschaler Abschottung bedeuten: möglichst viel Raum für private Unternehmen, Wissenschaft, Medien, Reisen und zivilgesellschaftliche Kontakte – bei gleichzeitiger Härte gegen Staatsunternehmen, Sicherheitsapparate und politisch kontrollierte Holdings sowie gegen die Reisefreiheit von Regimepolitikern.
Drittens braucht es bei mafiösen Regimen, die vor massiver Gewalt gegen die eigene Bevölkerung nicht zurückschrecken, mehr Nüchternheit. Gegen derartige Verbrecherorganisationen helfen weder wohlmeinende Appelle noch Handelssanktionen, die gerade deren Geschäfte beflügeln. Eher kommen Instrumente aus dem Kampf gegen die organisierte Kriminalität infrage: glaubwürdige Ausstiegsangebote für Insider und Schutz bei einer Kooperation mit der internationalen Justiz. Wo Regime nur durch Gewalt an der Macht bleiben, ist auch eine militärische Intervention eine denkbare, wenngleich riskante Option – wie derzeit im Verhältnis zwischen den USA und dem Iran besonders deutlich sichtbar.
Aus dieser politökonomischen Analyse folgt: Gegen aggressive Autokratien gibt es kein Wundermittel. Sanktionen lösen das Problem nicht. Sie können es sogar verschlimmern, weil sie Regime oft stabilisieren. Entscheidend ist vielmehr die eigene wirtschaftliche und militärische Stärke des Westens. Nur wer klar überlegen ist, kann solche Regime glaubwürdig abschrecken und begrenzen. Der Westen muss deshalb zu wirtschaftlicher und militärischer Überlegenheit zurückfinden.
* Eine leicht modifizierte Version dieses Aufsatzes erschien in der Schweizer Zeitschrift «Die Weltwoche» am 23. Juli 2026. Der Artikel basiert unter anderem auf dem wissenschaftlichen Aufsatz: Eichenberger, R., & Stadelmann, D. (2022). Sanctions are costly for citizens but beneficial for autocrats: A political-economic perspective. The Economists’ Voice, 19(2), 109-123.
Zu den Autoren
Prof. Dr. Reiner Eichenberger ist Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Uni Fribourg (Schweiz) und Forschungsdirektor von CREMA – Center of Research in Economics, Management and the Arts.
Prof. Dr. David Stadelmann ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth (Deutschland); Fellow bei CREMA und Senior Fellow am IWP – Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik der Universität Luzern (Schweiz). david.stadelmann@uni-bayreuth.de
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