Deutschland muss wieder Industrienation werden: Produktivkräfte, Souveränität und strategische Wirtschaftspolitik

_ Prof. Dr. Max Otte, Ökonom, Unternehmer, Fondsmanager und Publizist. Gastbeitrag für das Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Berlin, 13. September 2026.*

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Deutschland muss seine industrielle Basis als strategisches Gut begreifen. Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit entsteht nicht allein durch freien Handel, sondern durch ein funktionierendes „nationales System der Produktivkräfte“ aus Bildung, Infrastruktur, Technologie, Kapital, qualifizierter Arbeit und industrieller Wertschöpfung.
  • Unternehmerische Freiheit und strategische Wirtschaftspolitik sind keine Gegensätze. Der Staat sollte weder Unternehmer ersetzen noch einzelne Geschäftsmodelle dauerhaft subventionieren; bei Infrastruktur, Grundlagenforschung, Schlüsseltechnologien und wirtschaftlicher Souveränität hat er jedoch eine strategische Aufgabe.
  • Die Deindustrialisierung ist inzwischen messbar. Der Produktionsindex des Verarbeitenden Gewerbes lag im April 2026 saison- und kalenderbereinigt bei lediglich 91,6 Punkten auf Basis 2021 = 100. Gleichzeitig verschiebt sich das außenwirtschaftliche Kräfteverhältnis gegenüber China zunehmend zulasten Deutschlands. [1][2]
  • Deutschland braucht wieder ein dezentrales, mittelstandsorientiertes Finanzsystem. Die Zahl der Kreditinstitute sank von 2.277 im Jahr 2007 auf 1.329 im Jahr 2025, ein Rückgang um rund 42 Prozent. [3][4]
  • Bei Künstlicher Intelligenz entscheidet sich die nächste industrielle Epoche. Deutschland und Europa drohen gegenüber den USA und China den Anschluss an eine Schlüsseltechnologie von historischer Dimension zu verlieren. [5]

Nicht nur die Konjunktur, sondern das industrielle Betriebssystem ist beschädigt

Deutschlands gegenwärtige Wirtschaftsschwäche lässt sich nicht mehr allein mit einem konjunkturellen Abschwung erklären. Das eigentliche Problem liegt tiefer. In meinem Vortrag habe ich dafür ein bewusst drastisches Bild gewählt: Nach dem Zweiten Weltkrieg war vor allem die Hardware Deutschlands zerstört, während das wirtschaftliche Betriebssystem noch funktionierte. Heute steht vieles von der Hardware noch – aber Teile des Betriebssystems sind schwer beschädigt.

Die Aufgabe einer kommenden Reformpolitik besteht deshalb nicht darin, den Absturz noch ein wenig angenehmer zu gestalten. Wenn es gelingt, aus dem drohenden „Totalschaden“ wenigstens eine „Bruchlandung“ zu machen, wäre bereits viel erreicht. Die Spur, welche die Wirtschaftspolitik der Regierungen Merkel, Scholz und Merz hinterlassen hat, ist aus meiner Sicht tiefgreifend.

Im April 2026 lag der saison- und kalenderbereinigte Produktionsindex des Verarbeitenden Gewerbes bei 91,6 Punkten, wobei 2021 bereits den Basiswert 100 bildet. [1] Deutschland produziert damit deutlich unter dem Niveau der frühen 2020er Jahre.

Automobilindustrie, Maschinenbau, Chemie, Elektromechanik, Optik, Pharmazie und Verfahrenstechnik waren über Generationen die Säulen deutscher Wertschöpfung. Genau diese industriellen Kerne brechen heute weg. Gehen solche Strukturen verloren, lassen sie sich nicht auf Knopfdruck wiederherstellen.

Friedrich List und Hamilton sind wieder aktuell

Deutschland wurde nicht deshalb zur führenden Industrienation, weil es sich passiv dem Weltmarkt überließ. Die deutsche Tradition orientierte sich stärker an Friedrich List und dessen „nationalem System der politischen Ökonomie“ sowie an Alexander Hamilton als an einer rein abstrakten Freihandelslehre.

Freihandel ist wichtig. Entscheidend ist aber, ob ein Land über eigene Produktivkräfte verfügt: Arbeitsethik, Recht und Gesetz, innere und äußere Sicherheit, Bildung, Wissenschaft, Infrastruktur, Kapital und industrielle Kompetenz.

Das Kaiserreich entwickelte sich auf dieser Grundlage zu einer der dynamischsten Volkswirtschaften seiner Zeit. „Made in Germany“, ursprünglich als Warnhinweis gegen deutsche Produkte gedacht, wurde zum Qualitätssiegel. Deutschland wurde zum Innovations- und Industriestandort von Weltrang.

Auch heute gilt: Freiheit allein reicht nicht. Ein souveräner Staat muss in der Lage sein, seine wirtschaftlichen Grundlagen und Schlüsselindustrien zu schützen.

Ein neues Zeitalter der Großmachtrivalität

Wir leben wieder in einem Zeitalter wirtschaftlicher und geopolitischer Machtkonkurrenz. Die Vereinigten Staaten bereiten sich auf eine langfristige Konfrontation mit der aufsteigenden Wirtschaftsmacht China vor und spannen dabei ihre Verbündeten rücksichtslos für ihre eigenen strategischen Interessen ein. Sanktionen und die Beschlagnahmung ausländischer Staatsvermögen sind Ausdruck einer zunehmend machtpolitisch geprägten Weltwirtschaft. In der politischen Ökonomie lassen sich solche Entwicklungen als hegemoniale Zyklen verstehen.

Deutschland darf sich in dieser Auseinandersetzung nicht zur fremdbestimmten Werkbank anderer Länder degradieren lassen. Genau diese Gefahr besteht aber, wenn industrielle Wertschöpfung verschwindet, Technologie verkauft wird und ausländische Konzerne deutsche Unternehmen lediglich übernehmen, ohne neue Produktionskapazitäten aufzubauen.

Dass statistisch jede Unternehmensübernahme als „Investition“ erscheinen kann, ändert daran nichts. Wenn lediglich Eigentum übertragen und anschließend Wertschöpfung verlagert wird, ist das kein industrieller Wiederaufbau, sondern im schlechtesten Fall ein Ausverkauf.

Andere Staaten kennen diese Zurückhaltung nicht. Die USA betreiben strategische Industriepolitik, China selbstverständlich ebenfalls, ebenso Frankreich und Großbritannien. Nur Deutschland tut häufig so, als sei der Schutz eigener Schlüsselindustrien grundsätzlich anrüchig.

Mittelstand braucht dezentrale Finanzierung

Ein häufig unterschätzter Bestandteil des deutschen Erfolgsmodells war unser dezentrales Bankensystem: Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken sowie regionale Geschäftsbanken mit unmittelbarer Kenntnis ihrer Unternehmen und Regionen.

Diese Struktur wird immer dünner. Die Deutsche Bundesbank weist für Ende 2007 noch 2.277 Kreditinstitute aus. Ende 2025 waren es nur noch 1.329 – rund 42 Prozent weniger. [3][4]

Kredit ist ursprünglich ein Vertrauensverhältnis. Ein regional verankertes, kreditbasiertes Finanzsystem sorgte dafür, dass Ersparnisse wieder in regionale Unternehmen flossen. Die Börse ergänzte dieses System, dominierte es aber nicht.

Wir brauchen deshalb wieder stärkere regionale Banken, niedrigere Markteintrittsbarrieren für neue Institute und weniger regulatorische Konzentration. Viele kleine Banken fördern viele kleine und gesunde Betriebe; wenige dominante Finanzkonzerne begünstigen dagegen Monostrukturen.

Künstliche Intelligenz ist die nächste Industriefrage

Noch dramatischer ist die Lage bei der nächsten technologischen Revolution.

Nach dem Stanford AI Index 2026 erreichten die privaten KI-Investitionen in den Vereinigten Staaten 2025 rund 285,9 Milliarden US-Dollar. [5] Die Größenordnungen zeigen, dass sich die technologische Welt zunehmend zwischen den USA und China aufteilt.

Deutschland und Europa drohen diesen Anschluss zu verpassen. Das wäre historisch vergleichbar damit, wenn Deutschland im 19. Jahrhundert Eisenbahn, Elektrotechnik, Chemie und Automobilbau verpasst hätte.

Deutschland kann hervorragende Forschung hervorbringen. Das MP3-Verfahren des Fraunhofer IIS ist dafür ein prominentes Beispiel. [9] Doch zu oft entwickeln wir Technologien, während Patente, Unternehmen und schließlich die Wertschöpfung von ausländischem Kapital übernommen werden.

Die Vereinigten Staaten zeigen dabei besonders deutlich, wie eng Staat und technologische Großunternehmen kooperieren können. Viele amerikanische Technologiekonzerne profitierten von staatlich finanzierter Grundlagenforschung oder öffentlichen Aufträgen. In der zweiten Amtszeit Donald Trumps ist diese Verbindung zwischen politischer Macht und Big Tech noch enger geworden – ein Modell, das bereits als „Tech Hamiltonianism“ bezeichnet wird.

Deutschland muss nicht amerikanische Verhältnisse kopieren. Aber wir müssen endlich verstehen, dass technologische Souveränität eine Machtfrage ist.

Sparen – aber an den richtigen Stellen

Deutschland spart heute teilweise dort, wo investiert werden müsste, und gibt Milliarden dort aus, wo keine produktive Zukunft entsteht.

Wir sparen bei Infrastruktur, Bildung, Wissenschaft und innerer Sicherheit, während enorme Mittel in eine verfehlte Energiepolitik, einen falsch konstruierten Sozialstaat und politisch ausgewählte Subventionsindustrien fließen. Deutschland braucht deshalb nicht einfach mehr Staatsausgaben, sondern eine fundamentale Umschichtung der staatlichen Prioritäten.

Kurzfristig müssen Energieversorgung, Infrastruktur und Investitionsbedingungen stabilisiert werden. Langfristig stehen Generationenaufgaben bevor: die Sanierung des Bildungswesens und der Wissenschaftslandschaft, die Stärkung regionaler Banken, eine mittelstandsfreundlichere Finanzverwaltung und ein massiver Abbau von Gesetzen und Verordnungen.

Freiheit braucht Souveränität

Unternehmerische Freiheit bleibt unverzichtbar. Aber Freiheit ohne wirtschaftliche Substanz kann in Abhängigkeit enden.

Deutschland braucht eine Verbindung von Marktwirtschaft und strategischer Souveränität. Der Bund muss seine noch vorhandene wertschöpfende Industrie schützen, Forschung in heimische Wertschöpfung übersetzen und verhindern, dass Schlüsseltechnologien und Patente systematisch ins Ausland abwandern.

Dazu gehört auch eine grundsätzliche Neuordnung unserer europäischen Politik. Gesetzgebungskompetenzen müssen teilweise nach Deutschland zurückverlagert werden. Die gegenwärtige Form europäischer Regulierung führt gerade für Deutschland häufig zu asymmetrischen Belastungen, weil wir Vorgaben besonders streng umsetzen. Eine wirkliche Reform der Eurozone und der Europäischen Union wird Konflikte hervorrufen. Aber eine Politik, die jeden Schritt zunächst mit allen Partnern abstimmen will, wird notwendige Reformen niemals durchsetzen.

In letzter Konsequenz muss deshalb auch ein Dexit möglich bleiben, wenn eine grundlegende Reform Europas dauerhaft verhindert wird. Eine echte Reform des Euro würde politisch kaum weniger Widerstände auslösen. Deutschland muss den Mut zurückgewinnen, notfalls auch eigene Entscheidungen zu treffen und diese anschließend diplomatisch zu vertreten.

Deutschland kann seinen industriellen Abstieg stoppen. Aber dazu braucht es mehr als ein weiteres Konjunkturprogramm. Es braucht eine strategische Vision, Rückgrat, einen langen Atem und außenpolitisches Geschick.

Unsere Aufgabe lautet nicht, den wirtschaftlichen Niedergang möglichst effizient zu verwalten. Unsere Aufgabe lautet, Deutschland wieder zu einer selbstbewussten, innovativen und souveränen Industrienation zu machen.

Quellen und Literatur

[1] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026): Produktionsindex, Verarbeitendes Gewerbe. Basis 2021 = 100.
https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Konjunkturindikatoren/Produktion/kpi112.html

[2] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026): Importe aus China im Zeitraum Januar bis Mai 2026 um 6,2 % gestiegen, Pressemitteilung Nr. 255 vom 20. Juli 2026.
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/07/PD26_255_51.html

[3] Deutsche Bundesbank (2008): Bankstellenbericht 2007 – Entwicklung des Bankstellennetzes im Jahr 2007.
https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/finanzaufsicht/dokumentation/bankstellenbericht-2007-598142

[4] Deutsche Bundesbank (2026): Bankstellenentwicklung im Jahr 2025.
https://www.bundesbank.de/de/presse/pressemitteilungen/bankstellenentwicklung-im-jahr-2025-951792

[5] Stanford Institute for Human-Centered Artificial Intelligence (2026): AI Index Report 2026.
https://hai.stanford.edu/assets/files/ai_index_report_2026.pdf

[6] List, Friedrich (1841): Das nationale System der politischen Ökonomie.
https://oll.libertyfund.org/titles/eheberg-das-national-system-der-politischen-oekonomie

[7] Hamilton, Alexander (1791): Report on the Subject of Manufactures.
https://founders.archives.gov/documents/Hamilton/01-10-02-0001-0007

[8] Porter, Michael E. (1990): The Competitive Advantage of Nations. Harvard Business Review.
https://hbr.org/1990/03/the-competitive-advantage-of-nations

[9] Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS: The mp3 History – A Look into the Lab.
https://www.iis.fraunhofer.de/en/ff/amm/mp3history.html

[10] Otte, Max (2026): Impulsvortrag beim 2. Wirtschaftsgipfel und Unternehmertag der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Berlin, 10. September 2026. Grundlage des vorliegenden Gastbeitrags.

* Dieser Beitrag basiert auf dem Impulsvortrag des Autors beim 2. Wirtschaftsgipfel und Unternehmertag der AfD-Fraktion im Deutschen Bundestag am 10. September 2026 im Paul-Löbe-Haus in Berlin. Der Vortrag wurde für die vorliegende Veröffentlichung zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit, Verständlichkeit und Datenlesbarkeit redaktionell überarbeitet und um aktuelle Quellenbelege ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.

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