Deutschlands wirtschaftspolitische Herausforderungen in der multipolaren Welt: Innovationsdefizite, Sanktionsfolgen und Realpolitik
_ Dr. Oliver Kempkens Gastforscher am Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 22.05.2026.*
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Deutschland ist kein führender IT- und Innovationsstandort: SAP bleibt der einzige nennenswerte DAX-Neuzugang aus dem Tech-Bereich seit der Wiedervereinigung; private KI-Investitionen liegen dramatisch hinter den USA (285,9 Mrd. USD) und China zurück – ein strukturelles Defizit, das die Abhängigkeit von traditioneller Ingenieursindustrie verstärkt.
- Die Sanktionspolitik und wertegeleitete Außenpolitik schaden der eigenen Wirtschaft: Sie haben zu hohen Nettoabflüssen bei Direktinvestitionen, zum Verlust strategischer Märkte und zu einem opportunistischen Schweigen des Mittelstands geführt, obwohl viele Unternehmen den Russland-Ausstieg bedauern.
- Kapital- und Talentabfluss ist Realität: Rund 400 Millionäre verließen 2025 netto das Land (vor allem in Richtung Schweiz, Frankreich, Italien); ausländische Direktinvestitionen befinden sich auf historisch niedrigem Niveau – ein Warnsignal für Standortattraktivität.
- Moralpolitik ist nur tragfähig, wenn die Wirtschaft stark bleibt: Ohne realpolitische, interessengeleitete Kurskorrektur (wie sie Schröder und Herrhausen verkörperten) können wir weder Innovation Leadership noch soziale Stabilität sichern.
- Dringende Handlungsempfehlung: Radikale Deregulierung im Innovationsbereich, Abbau bürokratischer Hemmnisse, Wiederaufnahme pragmatischer Wirtschaftsbeziehungen und eine klare Priorisierung deutscher Interessen gegenüber ideologischer Außenpolitik – nur so bleibt Deutschland ein souveräner, leistungsfähiger Wirtschaftsstandort.
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Deutschland kann sich moralische Positionen nur leisten, solange es sie sich ökonomisch leisten kann. Wer die eigene Wirtschaft weiter herunterfährt, über Energielockdowns nachdenkt oder ideologische Experimente priorisiert, riskiert nicht nur Wohlstand, sondern die Grundlage jeder wertebasierten Außen- und Wirtschaftspolitik. Wir sind kein IT-Standort. Die SAP ist der einzige große DAX-Konzern, der in der Nachwendezeit aus dem technischen und IT-Bereich hinzugekommen ist. Darüber hinaus gibt es wenig Vergleichbares. Unsere Startups sind vielfach bloße Abklatsche großer US-Vorbilder – keine eigenständigen Innovationen, die globale Märkte neu definieren. Institutionelle Investoren hierzulande tun sich schwer, die Erfolgswahrscheinlichkeiten moderner, computergestützter Technologien einzuschätzen. In der Künstlichen Intelligenz spielen wir faktisch keine Rolle im Vergleich zu den USA und China.
Diese strukturellen Schwächen werden durch die aktuelle geopolitische Konstellation noch verstärkt. Viele deutsche Unternehmen und Manager verhalten sich opportunistisch gegenüber der Unterstützung der Ukraine: Man investiert plötzlich in bekannte Industriegüter, deren Käufer der Staat ist – ein Modell, das Hochtief einst im Irak praktizierte. Gleichzeitig hält der deutsche Mittelstand weitgehend still. Viele Unternehmen sind weiterhin oder waren bis vor kurzem in Russland aktiv, bedauern den erzwungenen Ausstieg und sehen den gefühlten politischen und medialen Druck. Die Gründe liegen in einer einseitigen Berichterstattung, moralischen Narrativen, die wenig Diskurs zulassen, sowie in komfortablen Bilanzen, hohen Eigenkapitalquoten und Nachfolgeproblemen. Viele Senior-Chefs aus den 1980er-Jahren wollen übergeben, die nächste Generation zeigt oft geringeres Interesse oder scheut das Minenfeld öffentlicher Kontroverse. Die Interessenvertretung ist schwach: Ein US-Unternehmen mit 5.000 Mitarbeitern beschäftigte rund 300 Lobbyisten, ein vergleichbares deutsches mit 10.000 Mitarbeitern nur drei. Die Angst vor Steuerprüfungen, Kreditrestriktionen oder einem medialen Shitstorm dominiert – eine abstrakte, aber wirksame Hemmschwelle.
Die Sanktionspolitik der letzten Jahre hat diese Dynamik weiter verschärft. Die 20 Sanktionspakete der EU waren populistisch motiviert und wenig durchdacht. Das ursprüngliche Versprechen, Putin damit „in die Knie zu zwingen“ und den Krieg zu beenden, hat sich nicht erfüllt. Es gab nie eine seriöse Evaluierung der wirtschaftlichen Folgen – weder für Russland noch für uns selbst. Stattdessen wurden Ausnahmen für Öl- und Gasimporte gemacht und Schlupflöcher geschaffen. Die Sanktionen wirken als schleichendes Gift, ähnlich wie Energieunsicherheit oder Zölle. Sie haben Foreign Direct Investments erschwert, die Kapitalbeschaffung verteuert und die strategische Partnerschaft mit Russland – einem wichtigen Markt für deutsche Industrieerzeugnisse – aufgekündigt. Viele Unternehmen aus dem Mittelstand, die dort aktiv waren, bedauern den Rückzug zutiefst. Gleichzeitig wird die deutsche Wirtschaft durch die eigene Politik geschwächt: Wir leben von Ingenieursbetrieben wie Siemens, BMW, Audi, KraussMaffei oder Knorr-Bremse. Wir produzieren keine Commodities und sind seit der Verlagerung vieler Produktionen nach China auf Innovation Leadership angewiesen. Ohne starke Partner und stabile Lieferketten ist diese Position gefährdet.
Die Folgen sind bereits messbar. Die ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland befinden sich auf historisch niedrigem Niveau, während Nettoabflüsse deutscher Investitionen ins Ausland seit Jahren hoch sind. Vermögen werden abgezogen, Millionäre und Milliardäre wandern ab – vor allem in die Schweiz, nach Frankreich und Italien, wo es teilweise Sonderwirtschaftszonen gibt. Dies ist kein isoliertes Russland-Problem, sondern Symptom einer breiteren Entwicklung: Compliance- und ESG-Bürokratie, ideologische Außenpolitik und fehlende realpolitische Orientierung treiben Kapital und Talente fort. Ein Junior-Software-Entwickler verdient in Russland umgerechnet mehr und verfügt über höhere Kaufkraft – ein deutliches Signal für den Standort Deutschland.
Die politische Kaste handelt opportunistisch. Karrierewege führen weniger in die Industrie als in regierungsnahe Stiftungen und Organisationen, die von parteinahen Stiftungen finanziert werden – nicht von BMW oder Audi. Die Nähe zu transatlantischen Netzwerken und moralischen Narrativen erscheint karrieresicherer als die Perspektivübernahme realpolitischer Interessen. Wir betreiben Moralpolitik statt Realpolitik. Beispiele wie die Reisen von Außenministerin Baerbock oder die Bedingungen Berlins, Londons und Paris’ zur Verlängerung des Ukraine-Konflikts illustrieren dies. Gleichzeitig halten wir an einer unipolaren Welt unter US-Führung fest, obwohl die multipolare Realität längst gelebt wird. Wir exportieren feministische Außenpolitik und kehren mit leeren Taschen zurück, während andere Länder realpolitisch agieren. Die strategische Partnerschaft mit Russland wurde leichtfertig aufgekündigt, obwohl wir wissen, dass wir nicht nur mit lupenreinen Demokratien Geschäfte machen können. Unternehmen wie Hochtief haben in Libyen, Irak und Iran gebaut; die deutsche Außenhandelskammer im Iran zählte lange zu den größten.
Wir Deutschen haben uns historisch durch die Fähigkeit ausgezeichnet, mit jedem zu können – von der Ostpolitik Willy Brandts und Helmut Schmidts über Alfred Herrhausens Engagement für wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Sowjetunion bis hin zu Gerhard Schröders pragmatischer Energiepolitik. Heute fehlt genau diese interessengeleitete Souveränität. Wir werden uns Moralen nur leisten können, wenn wir sie uns leisten können. Dafür brauchen wir eine starke, innovative Wirtschaft, die von Ingenieurskompetenz, stabilen Partnern und einer realpolitischen Außenpolitik getragen wird. Sonst droht die schleichende Deindustrialisierung zur sozialen und wirtschaftlichen Zeitbombe zu werden.
Quellen & Literatur
- Statista (2025). Private Investitionen in Künstliche Intelligenz nach Ländern 2025. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1321674/umfrage/private-investitionen-in-ki-nach-laendern/
- OECD (2024). Künstliche Intelligenz in Deutschland. Paris: OECD Publishing. https://www.ki-strategie-deutschland.de/files/downloads/OECD-Bericht_K%C3%BCnstlicher_Intelligenz_in_Deutschland.pdf
- Deutsche Bundesbank (2024). Direktinvestitionsstatistiken 2023. Frankfurt a.M. https://www.bundesbank.de/de/statistiken/aussenwirtschaft/direktinvestitionen/direktinvestitionsstatistiken-804078
- Henley & Partners (2025). Private Wealth Migration Report 2025.
- Herrhausen, A. (1988/1989). Reden und Positionen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und Osteuropa (zitiert in zeitgenössischen Berichten der Deutschen Bank und des Bundeskanzleramts).
- Schröder, G. (diverse Regierungserklärungen und Interviews zur Ost- und Energiepolitik, 1998–2005).
- Lafontaine, O. (2023). Ami, it’s time to go: Plädoyer für die Selbstbehauptung Europas.
* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen Video-Interview für Patrick Baab; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.
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