Die Große Depression als empirische Widerlegung des neoklassischen Arbeitsmarktmodells

~ Zur Diskussion gestellt. ~

_ Konstantin Schink, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). 30.01.2026. *

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Die Große Depression widerlegt das neoklassische Arbeitsmarktmodell empirisch: Trotz massiver Nominallohnsenkungen (in Deutschland bis 38 %, in den USA bei Bauarbeitern 32 %) stieg die Arbeitslosigkeit dramatisch (Deutschland von unter 2 auf über 5 Millionen; USA von 0 % auf 25 %), anstatt zu sinken. Weder die Arbeitsnachfrage- noch die Arbeitsangebotskurve verhielten sich wie theoretisch vorhergesagt.
  • Sinkende Nominallöhne führen nicht zu mehr Beschäftigung, sondern zu einem Nachfrageschock durch reduzierten privaten Konsum, sinkender Produktion und weiter steigender Arbeitslosigkeit. Das Modell übersieht die Abhängigkeit der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage vom Einkommen.
  • Starke Lohnsenkungen erzeugen Deflation und hochpositive Realzinsen, wodurch die Geldpolitik weitgehend handlungsunfähig wird und Unternehmen durch unveränderte nominale Schulden zusätzlich belastet werden. Steigende Löhne ab 1933 gingen hingegen mit sinkender Arbeitslosigkeit einher.
  • Austeritätspolitik und protektionistische Maßnahmen (Zollerhöhungen) verschärften die Krise zusätzlich, anstatt sie abzumildern. Eine aktive Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage durch angemessene Fiskal- und Lohnpolitik ist daher entscheidend.

***

Die Große Depression stellte zwischen 1929 und 1932 einen der schwersten Einbrüche der Wirtschaftsleistung in vielen Volkswirtschaften dar. In Deutschland schrumpfte die Industrieproduktion um etwa 40 Prozent und die gesamtwirtschaftliche Leistung um rund 30 Prozent. Ähnlich starke Rückgänge waren in zahlreichen anderen Ländern zu beobachten, wenngleich in unterschiedlicher Intensität.

Das neoklassische Arbeitsmarktmodell und seine wirtschaftspolitischen Empfehlungen

Zum Zeitpunkt der Großen Depression dominierte unter Ökonomen und Wirtschaftspolitikern das neoklassische Arbeitsmarktmodell. Dieses Modell ging davon aus, dass Unternehmen zwischen Kapital und Arbeit wählen und stets die günstigere Faktorkombination bevorzugen. Sinkende Löhne sollten demnach zu einer höheren Nachfrage nach Arbeitskräften führen, da Arbeit relativ zu Kapital billiger würde. Folglich wurde die wirtschaftspolitische Empfehlung abgeleitet, fallende Nominallöhne aktiv zu unterstützen, um die Beschäftigung zu steigern und die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Diese Sichtweise beeinflusste auch Gewerkschaften und politische Entscheidungsträger.

Empirische Entwicklung der Nominallöhne während der Großen Depression

Historische Daten zur Lohnentwicklung, die von Heiner Flassbeck, Frederike Spieker und weiteren Autoren für verschiedene westliche Länder zusammengetragen wurden, zeigen deutliche Rückgänge der Nominallöhne. Im Vereinigten Königreich sanken die Nominallöhne zwischen 1928 und 1933 um etwa 7 Prozent. In Deutschland, wo umfassende Daten zur gesamtwirtschaftlichen Lohnentwicklung fehlen, gingen die Tarifstundenlöhne verschiedener Arbeitergruppen zwischen 17 und 38 Prozent zurück. Besonders stark betroffen waren Maurer und Zimmerer mit einem Lohnrückgang von 38 Prozent.

Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit und die Widerlegung des neoklassischen Modells

Entgegen den Vorhersagen des neoklassischen Arbeitsmarktmodells stieg die Arbeitslosigkeit trotz der erheblichen Lohnsenkungen dramatisch an. In Deutschland erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen von knapp unter 2 Millionen auf über 5 Millionen zwischen 1929 und 1932 – nahezu eine Verdreifachung. In den USA, wo Flassbeck für seine Analyse die Stundenlöhne gelernter Bauarbeiter heranzog, sanken diese Löhne zwischen 1929 und 1932 um 32 Prozent. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit von praktisch null auf 25 Prozent.

Damit wurden sowohl die Arbeitsnachfragekurve als auch die Arbeitsangebotskurve des neoklassischen Modells empirisch widerlegt. Die Unternehmen reduzierten ihre Nachfrage nach Arbeit massiv, anstatt sie bei niedrigeren Löhnen auszuweiten. Auf der Angebotsseite blieben die Arbeitskräfte weiterhin arbeitsuchend; es kam nicht zu einem nennenswerten Rückgang des Arbeitsangebots, wie das Modell es bei sinkenden Löhnen erwartet hätte.

Erklärung des Widerspruchs: Nachfrageschock durch sinkende Löhne und steigende Arbeitslosigkeit

Der zentrale Fehler des neoklassischen Modells liegt in der impliziten Annahme einer konstanten gesamtwirtschaftlichen Produktion. In der Realität führte der private Sektor zu einem massiven Nachfragerückgang. Mit steigender Arbeitslosigkeit und sinkenden Löhnen verloren Haushalte Einkommen und reduzierten ihren Konsum. Geringerer privater Konsum wiederum führte zu sinkender Produktion, freien Kapazitäten und weiterem Abbau von Arbeitsplätzen. Sinkende Löhne steigerten die Beschäftigung nicht, sondern verstärkten den Nachfragerückgang und damit die Krise. Flassbeck (2024) betont in diesem Zusammenhang, dass die Neoklassik fälschlich davon ausging, fallende Löhne würden bei gleichbleibendem Gesamteinkommen mehr Einstellungen ermöglichen – eine Annahme, die sich als grundlegend falsch erwies.

Lohnentwicklung nach 1933 und weitere empirische Evidenz

Ab 1933, als eine veränderte Fiskal- und Geldpolitik einsetzte, begannen die Löhne wieder zu steigen. In den USA sank die Arbeitslosigkeit daraufhin von 25 Prozent auf etwas über 10 Prozent im Jahr 1938 – trotz steigender Löhne. Dieses Muster – fallende Löhne bei steigender Arbeitslosigkeit und später steigende Löhne bei sinkender Arbeitslosigkeit – widerspricht fundamental den Annahmen des neoklassischen Arbeitsmarktmodells.

Deflationäre Effekte und Beschränkung der Geldpolitik

Die starken Rückgänge der Nominallöhne führten zu deutlichen Preisrückgängen und damit zu Deflation. Langfristig entspricht die Inflationsrate der Veränderung der Lohnstückkosten; rasche und massive Lohnsenkungen erzeugen daher deflationäre Tendenzen. Deflation wiederum bewirkt hochpositive Realzinsen, selbst bei nominal sehr niedrigen oder null Prozent liegenden Zinsen. Die Federal Reserve senkte die Zinsen im Verlauf der Depression deutlich, doch der realwirtschaftliche Effekt blieb gering, da die Realzinsen aufgrund der Deflation hoch blieben. Die Geldpolitik verlor dadurch weitgehend ihre Handlungsfähigkeit. Zudem belastete Deflation den Unternehmenssektor zusätzlich: Nominale Schulden blieben unverändert, während Preise und Erlöse fielen, was den Schuldendienst erschwerte.

Verschärfende Faktoren: Austerität und Handelskrieg

Die Fiskalpolitik reagierte ebenfalls kontraproduktiv. Statt den Nachfragerückgang des privaten Sektors durch höhere Staatsausgaben auszugleichen, betrieben die großen Volkswirtschaften Austeritätspolitik und versuchten, die öffentlichen Ausgaben weiter zu reduzieren. Dies verschärfte den gesamtwirtschaftlichen Nachfragerückgang zusätzlich. Ein weiterer negativer Faktor war der einsetzende Handelskrieg: Die meisten Industriestaaten erhöhten die Zölle auf zahlreiche Waren, was zu einem starken Einbruch des Welthandels führte.

Schlussfolgerung aus der Großen Depression

Die Große Depression zeigt, dass eine Kumulation negativer Effekte – massiver Lohnrückgang, Nachfrageschock, Deflation, positive Realzinsen, Austerität und Protektionismus – zu einem dramatischen Einbruch der Wirtschaftsleistung führen kann. Der starke Rückgang der Nominallöhne erwies sich als zentraler Treiber, der die Nachfrage einbrechen ließ und die Krise verstärkte. Ähnliche Muster negativer Lohnentwicklung waren später beispielsweise in der Eurokrise in Griechenland zu beobachten.

Literatur

  1. Flassbeck, H. (2024). Grundlagen einer relevanten Ökonomik. Westend Verlag. URL: https://westendverlag.de/Grundlagen-einer-relevanten-OEkonomik/1627

Haftungsausschluss

* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen Originalvideo; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.

Die in dieser Veröffentlichung vertretenen Ansichten geben ausschließlich die Auffassung des Autors wieder und spiegeln nicht notwendigerweise die Positionen des Instituts für konservative Wirtschaftspolitik (IKW) wider. Das Titelbild dieser Veröffentlichung wurde KI-generiert (Art. 50 EU AI Act).