Die strukturelle Schwäche der deutschen Wirtschaft: Eine Analyse offizieller Daten und politischer Eingriffe

_ Dr. Hendrik Hagedorn, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Erstveröffentlichung im Magazin Krautzone. Berlin, 22.12.2025.

Im Juli 2025 veröffentlichte das Statistische Bundesamt eine Revision der Bruttoinlandsprodukt-Zahlen, die einen stärkeren Rückgang der Wirtschaftsleistung in den Vorjahren offenbarte, als zuvor angenommen.

Zwar löste dies in Teilen der Medien und bei der Opposition erhebliche Diskussionen aus, doch Beobachter mit genauer Kenntnis der Datenlage hatten bereits früher Anzeichen einer tiefergehenden Rezession erkannt. Berichte aus der Automobilindustrie über Gewinneinbußen, Stellenabbau bei Zulieferern und steigende Insolvenzzahlen unterstrichen dies seit Jahren.

Die Revisionen der BIP-Zahlen bewegten sich zwar im Rahmen typischer statistischer Anpassungen, und es gibt keine Hinweise auf systematische Manipulationen. Dennoch offenbart sich ein problematischer Umgang mit ökonomischen Daten in der öffentlichen Debatte. Bereits im Februar 2025 hatte das Statistische Bundesamt in der Publikation „Der neue Produktionsindex für die Gesamtwirtschaft“ (WISTA – Wirtschaft und Statistik, 1/2025) ein detailliertes Bild der wirtschaftlichen Lage gezeichnet, das jedoch von Medien und Politik weitgehend unbeachtet blieb.

Der Produktionsindex als präziserer Indikator

Dieser neue Index erfasst im Gegensatz zum Bruttoinlandsprodukt, das die gesamtwirtschaftliche Entwicklung abbildet, ausschließlich die Sektoren Industrie, Bauwirtschaft, Handel und Dienstleistungen. Ausgeklammert bleiben der öffentliche Dienst, Landwirtschaft, Finanzdienstleistungen sowie Bereiche wie Kunst und Sozialarbeit, die nicht unmittelbar den Produktionsstandort betreffen. Durch diese Fokussierung zeigt der Index ein deutlich negativeres Bild der marktorientierten Wirtschaft.

Nach den revidierten Daten schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt 2023 um 0,9 Prozent und 2024 um 0,5 Prozent, während es 2025 stagnierte.

Der Produktionsindex für Industrie und Handwerk fiel hingegen 2023 um 4,4 Prozent, 2024 um 3,0 Prozent und 2025 um weitere 0,6 Prozent. Die Rezession im produzierenden Gewerbe erweist sich damit als erheblich tiefer als vom BIP suggeriert.

Was die Gesamtwirtschaft einigermaßen stabilisiert, sind vor allem der Dienstleistungssektor und insbesondere der öffentliche Bereich, der durch jährlich neu geschaffene Stellen wächst. Diese öffentlichen Ausgaben werden in den Statistiken als Wertschöpfung verbucht, obwohl sie primär Ressourcen verbrauchen. Dadurch entsteht der Eindruck eines moderaten Abschwungs, während die marktorientierte Wirtschaft erheblich an Boden verliert und inzwischen nahezu zehn Prozent unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie liegt.

Die Rolle von Subventionen in den Statistiken

Selbst diese Zahlen dürften die Realität noch zu günstig darstellen, da Subventionen in die offiziellen Berechnungen einfließen. In Deutschland haben diese in den letzten Jahren ein unerwartet hohes Niveau erreicht. Für 2024 belief sich das Volumen auf rund 285 Milliarden Euro, was etwa sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht.

Darin enthalten sind insbesondere Umweltprämien, Zuschüsse für energetische Sanierungen, Wärmepumpen, Solardächer, Agrarsubventionen und Industriehilfen. Durch diese Förderungen wird eine höhere Absatzmenge erzielt, als es der Markt ohne Zuschüsse hergeben würde. Eine bereinigte Betrachtung des produzierenden Gewerbes würde daher noch niedrigere Wachstumsraten ergeben.

Darüber hinaus erfassen die Statistiken nicht die strukturellen Verwerfungen, die durch solche Eingriffe in Produktionsketten entstehen – eine Aufgabe, die sie auch nicht leisten sollen.

Das Beispiel der Bauindustrie

Ein anschauliches Beispiel für die destruktiven Effekte staatlicher Interventionen bietet die deutsche Bauindustrie. Vor der Corona-Pandemie wurde dieser Sektor systematisch mit Subventionen versorgt, um ambitionierte klimapolitische Ziele zu erreichen: Der gesamte Gebäudebestand sollte klimaneutral werden, was umfangreiche Regulierungen von Dämmstandards bis zu Fahrradstellplätzen erforderte. Gleichzeitig zielte die Politik auf die Schaffung „bezahlbaren“ Wohnraums ab, was mit hohen Zuzugszahlen einherging. Die Regierung Scholz verkündete zu Beginn ihrer Amtszeit den Bau von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr.

Das Ergebnis fiel jedoch deutlich geringer aus, obwohl die Subventionen flossen. Solche Eingriffe lösen weitreichende Anpassungen aus: Investitionen in Maschinen, Schulungen, neue Dienstleistungsunternehmen, Umorganisationen, Materialbeschaffung und Personalaufstockung, um bürokratische Anforderungen zu erfüllen und Fördermittel zu sichern. Die damit verbundenen Kostensteigerungen bleiben zunächst verdeckt, da sie durch Zuschüsse abgedeckt werden. Als jedoch das Bundesverfassungsgericht Ende 2023 die Umwidmung von 60 Milliarden Euro in den Klimatransformationsfonds für verfassungswidrig erklärte, brachen die Kalkulationen vieler Akteure zusammen. Die Regulierungen blieben bestehen, die Investitionen ebenfalls – die Branche geriet in eine tiefe Krise.

Rent-Seeking und Abhängigkeit von staatlicher Förderung

Ökonomen bezeichnen dieses Verhalten als „Rent-Seeking“: Unternehmen richten ihre Aktivitäten zunehmend auf die Erlangung staatlicher Förderungen aus, die scheinbar planbarer sind als Markterlöse. Dadurch vernachlässigen sie Kundenwünsche und Marktanpassungen, was zu einem Verlust marktfähiger Produkte führt. Die Unternehmen werden abhängig von der Politik und verlieren Innovationskraft. Das kooperative Verhalten deutscher Unternehmensführer in den letzten Jahrzehnten gegenüber politischen Vorgaben illustriert dies eindrucksvoll; Widerstand gegen die Demontage etablierter Geschäftsmodelle blieb aus.

Die Subventionsfalle in der Energiewende

Da die Energiewende ein zentrales industriepolitisches Programm darstellt und Subventionen schwerpunktmäßig in Elektromobilität und erneuerbare Energien fließen, entsteht eine erhebliche Abhängigkeit im industriellen Kern der Volkswirtschaft. Die Erfahrungen der Bauindustrie könnten lediglich ein Vorläufer größerer Probleme sein. Um kurzfristige Einbrüche und politische Imageschäden zu vermeiden, sehen sich Regierungen gezwungen, weitere Mittel nachzuschießen, obwohl Steuereinnahmen schrumpfen. Dies führt zu schuldenfinanzierten Nebenhaushalten, die das Problem lediglich verzögern – inklusive Zinslasten.

Aktuelle Verschuldungspolitik

Der neue Kanzler Merz schuf kurz nach Amtsantritt eine Verschuldungsmöglichkeit von etwa einer Billion Euro, in einer Weise, die verfassungsrechtliche Bedenken aufwirft – ähnlich wie bei seinem Vorgänger Scholz. Neben Aufrüstung dient dies primär der Stützung einer zunehmend alimentationsbedürftigen Wirtschaft.

Offiziell wird diese Politik mit notwendigen Investitionen in Infrastruktur und Zukunftstechnologien begründet, die Wachstum generieren sollen. Bisherige Erfahrungen zeigen jedoch, dass dies nicht eintritt. Viele der geförderten Projekte – von grünem Stahl über klimaneutrales Fliegen bis zur Wasserstoffwirtschaft – erweisen sich als nicht wettbewerbsfähig oder wandern ab, wie die Solarindustrie nach China. Zudem handelt es sich oft um Ersatz- statt Zusatzinvestitionen: Der schrittweise Ausstieg aus Kernkraft, Kohle und russischem Gas schafft keinen Nettogewinn, sondern entkernt den Standort. Auch diese Effekte bleiben in den Statistiken unberücksichtigt und führen zu einer Überschätzung der Wirtschaftskraft.

Strukturelle Herausforderungen

Privatwirtschaftliche Dynamik entsteht selten durch staatliche Infrastrukturvorleistungen. Das traditionelle deutsche Modell – günstige Importe, hohe Wertschöpfung, teure Exporte – basierte auf preiswerter Energie und qualifiziertem Personal, beides derzeit nicht mehr gegeben. Energieversorgung ist eingeschränkt, Fachkräfte wandern ab oder gehen in Rente, nachfolgende Generationen weisen oft Defizite in Ausbildung und Sprachkenntnissen auf. Der Arbeitsmarkt leidet unter Personalmangel, während die Politik auf KI und Robotik setzt. Dies mag teilweise helfen, doch es schwächt die traditionelle Stärke selbstständigen Denkens.

Die Abwärtsspirale und notwendige Reformen

Diese Entwicklungen erzeugen eine Spirale: Kurzfristige Maßnahmen schaffen langfristige Belastungen. Höhere Steuern und Abgaben drücken Unternehmen, expansive Sozialleistungen überfordern die Finanzierbarkeit. Der Staat steht vor der Wahl, Produktivität weiter zu mindern oder Leistungen zu kürzen – beides erodiert Vertrauen.

Aktuelle Umfragen bestätigen dies: Laut ifo-Umfrage vom August 2025 melden immer mehr Unternehmen sinkende Wettbewerbsfähigkeit, viele reduzieren Präsenz in Deutschland.

 Fluggesellschaften kürzen Verbindungen aufgrund höherer Steuern, Regulierungen und Nachfragerückgangs. Die Arbeitslosenzahl überschritt erstmals seit über zehn Jahren die Marke von drei Millionen.

Ein Ausbruch erfordert tiefgreifende Reformen: Subventionsabbau, Bürokratieabbau, Qualifizierungsprogramme und eine marktorientierte Energiepolitik. Der letzte vergleichbare Reformschub stammt von Gerhard Schröder vor über zwanzig Jahren, der politisch teuer bezahlt wurde. Derzeit fehlt eine Regierung mit entsprechender Durchsetzungskraft. Deutschland bleibt in einer prekären Lage gefangen – zwischen steigenden Ausgaben, sinkenden Einnahmen und einer wachsenden Diskrepanz zwischen Statistik und Realität. Ohne Anerkennung unbequemer Fakten und grundlegende Reformen droht ein weiterer Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Freiheit zugunsten eines überregulierten Staates.

Literatur und Quellen

  1. Bolz, Maria (2025). Der neue Produktionsindex für die Gesamtwirtschaft. In: WISTA – Wirtschaft und Statistik, 1/2025. https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2025/01/produktionsindex-gesamtwirtschaft-012025.html
  2. Bundesagentur für Arbeit (2025). Arbeitslosenzahl steigt über Marke von drei Millionen. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/arbeitsmarkt/arbeitsmarkt-arbeitslosenzahlen-august-100.html
  3. ifo Institut (2025). Industrie verliert weiter an Wettbewerbsfähigkeit. https://www.ifo.de/fakten/2025-08-12/industrie-verliert-weiter-wettbewerbsfaehigkeit
  4. Institut für Weltwirtschaft Kiel (IfW Kiel) (2025). Staat gewährte 285 Milliarden Euro an Subventionen. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/staat-subventionen-finanzhilfen-100.html
  1. Laaser, C.-F.; Rosenschon, A.; Schrader, K. (IfW Kiel) (2025). Kieler Subventionsbericht 2024: Hohe Subventionen trotz Haushaltsengpässen. URL: https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/kieler-subventionsbericht-2024-hohe-subventionen-trotz-haushaltsengpaessen-18010/
  1. Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025). Bruttoinlandsprodukt: Ausführliche Ergebnisse zur Wirtschaftsleistung im 2. Quartal 2025. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/08/PD25_310_811.html

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