Eskalationslogik und strategische Selbsttäuschung des Westens

_ Prof. Dr. Glenn Diesen, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). 8. August 2026.*

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Europas Abkopplung von russischer Energie hat eine erhebliche strategische Verwundbarkeit geschaffen. Russland lieferte 2021 noch rund 45 Prozent der EU-Gasimporte; eine Eskalation im Nahen Osten gefährdet nun alternative Energie- und Handelswege zusätzlich.
  • Die amerikanische Iran-Strategie leidet unter wechselnden politischen Zielsetzungen. Regimewechsel, Nuklearprogramm, Raketenprogramm und Straße von Hormus wurden nacheinander als zentrale Kriegsziele behandelt. Eine dauerhaft tragfähige Strategie erfordert stattdessen eine realistische Bewertung iranischer Absichten, Fähigkeiten und existentieller Sicherheitsinteressen.
  • Die westliche Annahme, Russland könne durch fortgesetzte Eskalation zur Aufgabe gezwungen werden, ignoriert eine seit Jahrzehnten dokumentierte russische rote Linie. William Burns warnte bereits 2008 vor den möglichen Folgen einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine.
  • Die fortschreitende Beteiligung von NATO-Staaten an weitreichenden Angriffen gegen Russland erhöht den russischen Druck, Produktionsstätten, Logistikzentren oder andere militärisch relevante Einrichtungen auf NATO-Gebiet selbst als legitime Ziele zu behandeln. Damit droht die bisherige territoriale Begrenzung des Krieges zu zerfallen.
  • Die russische Nukleardoktrin wurde 2024 ausdrücklich angepasst. Ein direkter NATO-Russland-Konflikt besitzt deshalb keine sichere oder berechenbare Eskalationsobergrenze. Strategische Politik muss Abschreckung wiederherstellen, statt fortlaufend zu testen, welche weitere Eskalationsstufe der Gegner noch hinnimmt.
  • Eine nachhaltige Beendigung des Ukraine-Krieges setzt die Behandlung der NATO-Frage als zentrale sicherheitspolitische Konfliktursache voraus. Eine Strategie, die gleichzeitig Frieden verlangt und eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine zum unverzichtbaren Endzustand erklärt, verbindet miteinander unvereinbare Ziele.

Der Iran-Krieg und Europas strategische Verwundbarkeit

Die erneute amerikanische Bombardierung Irans verschärft einen Konflikt, dessen politische Zielsetzung zunehmend unklar erscheint. Die Vereinigten Staaten nahmen ihre Angriffe am 7. Juli 2026 wieder auf; die amerikanische Regierung bezeichnet militärische Ziele wie Raketenstellungen, Luftverteidigung, maritime Kräfte sowie Führungs- und Unterstützungsstrukturen ausdrücklich als Ziele der laufenden Operationen. Für die europäischen Regierungen entsteht daraus ein grundlegendes strategisches Dilemma. Einerseits bleibt die politische Präferenz für einen Machtwechsel in Teheran und die Installation einer westlich orientierten Regierung ausgeprägt. Andererseits wird immer deutlicher, dass dieses Ziel militärisch kaum erreichbar ist und eine weitere Eskalation erhebliche Rückwirkungen auf Europa entfalten würde.

Europa hat seine eigene Verwundbarkeit durch die weitgehende Abkopplung von russischer Energie erheblich erhöht. Noch 2021 entfielen 155 Milliarden Kubikmeter beziehungsweise rund 45 Prozent der EU-Gasimporte auf Russland. Die Verlagerung der europäischen Energieversorgung erhöht damit die Abhängigkeit von anderen Importkorridoren und macht Störungen im Nahen Osten wirtschaftlich besonders gefährlich. Die International Energy Agency erwartet für Europa infolge geringerer russischer Pipeline-Lieferungen bereits Rekordimporte von Flüssigerdgas. Eine Ausweitung des Iran-Krieges auf zentrale Seewege trifft Europa deshalb in einer Situation selbst geschaffener strategischer Verwundbarkeit.

Die wechselnden amerikanischen Kriegsziele offenbaren zugleich ein grundlegendes Problem. Regimewechsel, Zerstörung des iranischen Nuklearprogramms, Schwächung des ballistischen Raketenprogramms und schließlich die Kontrolle beziehungsweise Wiederöffnung der Straße von Hormus wurden nacheinander zu Erfolgsmaßstäben erklärt. Dabei bestand das Problem der geschlossenen Straße von Hormus vor Beginn der Angriffe gerade nicht. Die Zieldefinition passt sich damit fortlaufend dem militärisch Erreichbaren an, anstatt dass eine klare politische Zielsetzung das militärische Handeln bestimmt.

Iran wiederum betrachtet den Konflikt nicht als begrenzte Auseinandersetzung, sondern als existentielle Bedrohung. Ein erzwungener Regimewechsel könnte keinen stabilen, westlich kontrollierbaren Staat hervorbringen, sondern eine Fragmentierung nach dem Muster Libyens oder Syriens verursachen. Unter diesen Bedingungen besteht für Teheran kein rationaler Anreiz zur Kapitulation. Die seit 47 Jahren bestehenden Sanktionen und die wiederkehrende Möglichkeit militärischer Angriffe verstärken vielmehr das Interesse, eigene Abschreckungsinstrumente auszubauen, amerikanische Stützpunkte in der Region unter Druck zu setzen und die Straße von Hormus als strategischen Hebel zu erhalten.

Die amerikanische Strategie unterschätzt dabei sowohl iranische Absichten als auch iranische Fähigkeiten. Iran verfügt über weitreichende Raketen, ein umfangreiches Drohnenprogramm und geschützte unterirdische militärische Infrastruktur. Gerade weil die Führung in Teheran ihre staatliche Existenz bedroht sieht, war eine massive Reaktion vorhersehbar. Eine Politik, die diesen Zusammenhang ignoriert, verwechselt militärische Überlegenheit mit politischer Kontrollfähigkeit.

Russland, NATO und der Zusammenbruch der Abschreckung

Eine ähnliche Fehlwahrnehmung prägt die westliche Russlandpolitik. Die russische Führung gelangt zunehmend zu dem Schluss, dass diplomatische Zurückhaltung und begrenzte militärische Reaktionen die eigene Abschreckungsfähigkeit geschwächt haben. Sergej Lawrow warnte im Juni 2026 ausdrücklich davor, dass eine direkte Konfrontation zwischen NATO und Russland rasch bis zu einem nuklearen Schlagabtausch eskalieren könne. Gleichzeitig beschrieb er die europäische Aufrüstung und die Vorbereitung auf eine mögliche militärische Auseinandersetzung mit Russland als Bestandteil einer langfristigen Konfrontationsstrategie.

Hinzu kommen zunehmend offene westliche Bestrebungen, mit weitreichenden Waffen Ziele tief im russischen Staatsgebiet anzugreifen. Aus russischer Perspektive besteht damit eine asymmetrische Situation: NATO-Staaten können Waffen, Finanzierung, Aufklärung, Planung und technische Unterstützung für Angriffe auf Russland bereitstellen, während Produktionsstätten und logistische Zentren auf NATO-Gebiet als unantastbare Rückzugsräume behandelt werden. Diese Konstruktion wird auf Dauer kaum Bestand haben. Im Interview wird deshalb die Möglichkeit hervorgehoben, dass Russland westliche Rüstungsbetriebe oder Logistikzentren künftig als legitime Ziele behandelt.

Maria Sacharowa verschärfte diese Logik im Juli 2026 zusätzlich, als sie auf eine estnische Erklärung verwies, wonach Estland die Ukraine bei Angriffen auf St. Petersburg unterstützt habe. Das russische Außenministerium wertete eine solche Beteiligung als unmittelbare sicherheitspolitische Verantwortlichkeit eines NATO-Staates. Werden derartige Erklärungen ohne Konsequenzen abgegeben, entsteht aus russischer Sicht ein weiteres Glaubwürdigkeitsproblem der eigenen Abschreckung.

Damit wächst der Druck auf Moskau, nicht mehr ausschließlich gegen den ukrainischen Stellvertreter, sondern gegen die dahinterliegenden militärischen Strukturen der NATO vorzugehen. Die bisherige Eskalationssequenz verlief schrittweise: Panzer, HIMARS-Systeme, F-16-Kampfflugzeuge und weitreichende Raketen wurden zunächst unter immer neuen Beschränkungen geliefert, bevor die geografischen und operativen Einsatzgrenzen schrittweise ausgeweitet wurden. Das Problem besteht darin, dass jede Stufe westlicher Eskalation auf der Annahme beruht, Russland werde letztlich zurückweichen. Genau diese Annahme wird zunehmend gefährlich.

Russland änderte bereits am 19. November 2024 seine offizielle Nukleardoktrin. Das Präsidialdekret ersetzte die Grundsätze von 2020 und erweiterte die Bedingungen und strategischen Rahmenbedingungen der nuklearen Abschreckung. Eine direkte militärische Konfrontation mit der NATO hätte deshalb keine verlässlich kontrollierbare Eskalationsgrenze.

Die NATO-Frage als Kern des Ukraine-Konflikts

Der Kern des Ukraine-Konflikts liegt in der NATO-Erweiterung. Die Behauptung, Russland müsse lediglich davon überzeugt werden, eine westliche Einbindung der Ukraine zu akzeptieren, ignoriert eine seit Jahrzehnten dokumentierte russische Sicherheitsposition. Bereits auf dem NATO-Gipfel von Bukarest 2008 beschlossen die Mitgliedstaaten ausdrücklich, dass die Ukraine und Georgien künftig Mitglieder des Bündnisses werden sollen.

William Burns, damals amerikanischer Botschafter in Moskau und später CIA-Direktor, dokumentierte diese Problematik bereits Anfang 2008 in der Depesche „Nyet Means Nyet: Russia’s NATO Enlargement Redlines“. Darin bezeichnete er die mögliche NATO-Mitgliedschaft der Ukraine als besonders neuralgische Frage für Russland und verwies auf Befürchtungen, dass sie schwerwiegende innere Konflikte in der Ukraine auslösen und Russland zu einer Intervention zwingen könnte. Die spätere Entwicklung kann deshalb nicht als unvorhersehbare Reaktion behandelt werden.

Die Vorstellung Boris Johnsons, Russland könne durch weitere Eskalation zur Anerkennung einer NATO-dominierten Ukraine gezwungen werden, verkennt diese strategische Realität grundlegend. Johnson vertrat bereits 2022 öffentlich eine Politik langfristiger militärischer Unterstützung und erklärte, die westliche Unterstützung müsse auf Dauer angelegt sein. Seine gegenwärtige Forderung nach einer klaren westlichen Perspektive einschließlich NATO-Mitgliedschaft läuft folgerichtig nicht auf eine Friedensstrategie, sondern auf die Fortsetzung des Krieges hinaus.

Eine existentielle Bedrohung lässt sich nicht durch immer höhere Kosten in eine gewöhnliche Kosten-Nutzen-Kalkulation verwandeln. Wenn Russland eine NATO-integrierte Ukraine als existentielle Sicherheitsgefahr betrachtet, erzeugt zusätzliche westliche Eskalation keine Kapitulation, sondern russische Gegeneskalation. Die Behauptung, Russland verfüge über keine weiteren Eskalationsmöglichkeiten, ist deshalb besonders gefährlich. Russland besitzt zahlreiche konventionelle und nukleare Eskalationsoptionen. Das eigentliche Risiko liegt nicht in russischer Alternativlosigkeit, sondern darin, dass der Westen diese Optionen systematisch unterschätzt.

Strategische Konsequenz

Die gegenwärtigen Kriege gegen Iran und Russland folgen damit demselben grundlegenden Muster. Westliche Regierungen interpretieren die eigene militärische Überlegenheit als Fähigkeit, politische Ergebnisse erzwingen zu können, während die Sicherheitsinteressen, Eskalationsmöglichkeiten und politischen Überlebensinteressen des Gegners ausgeblendet werden. Die Folge ist kein kontrollierter Sieg, sondern eine schrittweise Ausweitung der Konflikte.

Im Falle Irans bedroht diese Strategie die amerikanische Position im Nahen Osten und zugleich die europäische Energieversorgung. Im Falle Russlands führt sie zur fortschreitenden Auflösung jener geografischen und politischen Grenzen, die einen direkten Krieg zwischen NATO und Russland bislang verhindert haben. Werden existentielle Sicherheitsinteressen nicht als analytische Realität anerkannt, sondern aus ideologischen Gründen ausgeblendet, wird das Verhalten des Gegners zwangsläufig falsch prognostiziert. Genau darin liegt die zentrale Gefahr der gegenwärtigen westlichen Strategie.

Quellen & Literatur

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  15. Diesen, G. (2026). Interview mit Andrew Napolitano, Judging Freedom, 23 July 2026. Transkript.

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