Europas Elektrifizierungsplan scheitert an der Realität

_ Dipl.-Ing. Frank Hennig, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 30.07.2026.*

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Das Elektrifizierungsziel der EU von 32 Prozent bis 2030 und 46 Prozent bis 2040 ist technisch nicht belastbar, solange Netze, Speicher und gesicherte Kraftwerksleistung fehlen.
  • Der Ausbau wetterabhängiger Stromerzeugung muss gestoppt werden, solange Netze und regelbare Kraftwerkskapazitäten nicht im gleichen Umfang verfügbar sind.
  • Kernenergie, heimische Energierohstoffe, moderne fossile Kraftwerke und CO₂-Abscheidung dürfen nicht politisch ausgeschlossen werden.
  • Wasserstoff ist wegen hoher Umwandlungsverluste kein wirtschaftlicher Ersatz für regelbare Stromerzeugung und sollte auf unverzichtbare stoffliche Anwendungen begrenzt bleiben.
  • Sämtliche Subventionen, Reservekosten, Netzeingriffe und Entschädigungen müssen als vollständige Stromsystemkosten ausgewiesen werden.
  • Die EU muss von Quoten, Verboten und technologischer Zentralsteuerung abrücken. Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und industrielle Wettbewerbsfähigkeit müssen Vorrang erhalten.

Politische Zielzahlen ohne belastbare Grundlage

Die EU-Kommission will den Stromanteil am Endenergieverbrauch von derzeit etwa 23 Prozent auf 32 Prozent bis 2030 und 46 Prozent bis 2040 erhöhen. Zugleich stellt sie Einsparungen fossiler Energieimporte von jährlich 260 Milliarden Euro in Aussicht. Diese Zahlen sind keine Ergebnisse bereits nachgewiesener technischer und wirtschaftlicher Prozesse, sondern politische Zielprojektionen. Die eigentliche Folgenabschätzung soll erst nach der Verkündung des Zielwertes erfolgen. Die Reihenfolge ist damit verkehrt: Erst wird das politische Ergebnis festgelegt, anschließend soll geprüft werden, ob es technisch und wirtschaftlich erreichbar ist. [1–2]

Hinter dem Plan steht der Green Deal mit dem Ziel, Wärmeversorgung, Verkehr und Industrie weitgehend auf Strom umzustellen. In Deutschland wird dies seit Jahren als „Sektorenkopplung“ betrieben. Neu sind nicht die technischen Grundgedanken, sondern die Geschwindigkeit, der unionsweite Zwang und die Größenordnung der Vorgaben. Der Elektrifizierungsplan ist noch kein abschließend beschlossenes Gesetzespaket, soll aber durch neue Richtlinien, Gesetzesinitiativen, Förderprogramme und regulatorische Eingriffe umgesetzt werden.

Elektrifizierung ist mehr als zusätzliche Stromproduktion

Eine Steigerung des Elektrifizierungsanteils von 23 auf 32 Prozent innerhalb von vier Jahren ist kaum möglich. Strom muss im selben Augenblick erzeugt werden, in dem er verbraucht wird. Jede zusätzliche Wärmepumpe, jedes Elektrofahrzeug und jeder elektrifizierte Industrieprozess erhöht deshalb nicht nur den Jahresstromverbrauch, sondern auch den Bedarf an Netzen, gesicherter Leistung, Regelenergie und Speichern.

Erforderlich wären ein massiver Ausbau sämtlicher Spannungsebenen, wesentlich mehr grenzüberschreitende Leitungen und riesige Speicherkapazitäten. Bereits heute stecken weltweit Projekte mit mehr als 2.500 Gigawatt Leistung in Netzanschlusswarteschlangen fest. Neue Netzinfrastruktur benötigt regelmäßig fünf bis 15 Jahre, während Wind- und Solaranlagen häufig innerhalb von einem bis fünf Jahren errichtet werden. Der Netzausbau kann den politisch beschleunigten Zubau wetterabhängiger Erzeugung deshalb nicht einholen. [3]

Die Bedingungen innerhalb Europas unterscheiden sich fundamental. Schweden verfügt über Wasserkraft, Kernenergie, Biomasse und Windkraft. Frankreich besitzt einen großen Kernkraftwerkspark. Diese Länder können eine Elektrifizierung wesentlich leichter absichern. Kohlelastige Staaten wie Polen, Tschechien oder Griechenland können dasselbe Ziel kaum erreichen, solange neue Kernkraftwerke noch nicht verfügbar sind und die natürlichen Voraussetzungen begrenzt bleiben. Einheitliche EU-Zielquoten ignorieren Kraftwerksstruktur, Industrieanteil, Netzzustand, Geografie und Rohstoffbasis der Mitgliedstaaten.

Speicher ersetzen keine gesicherte Kraftwerksleistung

Wind- und Solaranlagen können fossile Erzeugung zeitweise verdrängen, aber keine jederzeit verfügbare Leistung garantieren. Auch bei hoher installierter Leistung bleiben Kernkraft, Wasserkraft, Biomasse oder fossile Kraftwerke notwendig. Batteriespeicher können Schwankungen über Stunden ausgleichen, nicht jedoch längere Dunkelflauten oder saisonale Engpässe.

Die grüne Wasserstoffstrategie löst dieses Problem ebenfalls nicht wirtschaftlich. Bei Elektrolyse, Verdichtung, Transport, Speicherung und Rückverstromung geht der größte Teil der ursprünglich erzeugten Energie verloren. Der Gesamtwirkungsgrad kann unter 25 Prozent fallen. Eine solche Prozesskette ist keine effiziente Stromspeicherung, sondern überwiegend Stromverschwendung. Grüner Wasserstoff kann für einzelne stoffliche Industrieanwendungen sinnvoll sein, nicht aber als Grundlage einer großflächigen saisonalen Stromversorgung.

Der geplante Import von Wasserstoff oder Ammoniak aus sogenannten Sonnenländern schafft neue Abhängigkeiten von politisch teilweise instabilen Staaten. Hinzu kommen Transportverluste, hohe Infrastrukturkosten, geopolitische Risiken und Konflikte mit europäischen Lieferkettenvorschriften. Auch Wasserstoffleckagen besitzen eine indirekte Klimawirkung. Eine Politik, die europäische Öl-, Gas- und Kohleressourcen vorschnell aufgibt und gleichzeitig auf schwer kalkulierbare Energieimporte setzt, schwächt die eigene Versorgungssicherheit.

Die gegenwärtigen Öl- und Gaskrisen zeigen, welche Folgen externe Abhängigkeiten haben. Europa muss seine eigene Energierohstoffbasis erhalten. Moderne fossile Kraftwerke arbeiten effizienter und emissionsärmer als alte Anlagen. Auch die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid ist technisch verfügbar und wird vom Weltklimarat als mögliche Minderungsoption behandelt. [4]

Deutschland elektrifiziert sich in neue Gasabhängigkeit

Deutschland hat die Kernkraftwerke abgeschaltet und will zugleich aus der Kohleverstromung aussteigen. Wird unter diesen Bedingungen zusätzlich der Wärme-, Verkehrs- und Industriesektor elektrifiziert, müssen aus Gründen der Versorgungssicherheit zahlreiche neue Gaskraftwerke gebaut werden.

Der Widerspruch ist offensichtlich: Gasheizungen sollen durch Wärmepumpen ersetzt werden, deren Strom im Winter bei geringem Solarstromaufkommen teilweise aus Gaskraftwerken kommt. Erdgas wird damit nicht beseitigt, sondern von der Heizungsanlage in das Kraftwerk verlagert. Gleichzeitig entstehen zusätzliche Umwandlungsverluste sowie neue Kosten für Kraftwerke und Netze.

Das deutsche Stromsystem ist bereits umfassend subventionsabhängig. Staatliche Stützungsmaßnahmen betragen in 2026 zwischen 28,9 bis 34,9 Milliarden Euro: 14 bis 20 Milliarden Euro EEG-Förderung, 6,5 Milliarden Euro Zuschuss zu den Netzentgelten, 3,9 Milliarden Euro Stromsteuersenkung, 3 Milliarden Euro Strompreiskompensation und 1,5 Milliarden Euro Industriestrompreis. Nicht enthalten sind die Förderung neuer Gaskraftwerke, Reservekraftwerke, Netzbooster, LNG-Terminals und eine staatliche Gasreserve.

Windkraftanlagen werden seit 1991 gefördert; neu in Betrieb gehende Anlagen erhalten weiterhin über lange Zeiträume staatlich garantierte Vergütungen. Zusätzlich müssen Ersatzkraftwerke, Reservekraftwerke, Batteriespeicher an Netzengpässen und Netzentgelte subventioniert werden. Ein Stromsystem, das ohne permanente staatliche Zahlungen nicht bestehen kann, ist nicht marktfähig. Würden ihm die Unterstützungsgelder entzogen, würde es zusammenbrechen.

Elektrifizierung beschleunigt die Deindustrialisierung

Die EU nennt Wettbewerbsfähigkeit als Ziel, bewirkt aber das Gegenteil. Die Verknappung und Verteuerung von Emissionszertifikaten, steigende Stromsystemkosten, Berichtspflichten und weitere Klimavorgaben vergrößern den Nachteil europäischer Unternehmen gegenüber globalen Konkurrenten. Besonders energieintensive Produktion wird aus der EU verdrängt.

Die Produktion der energieintensiven Industriezweige in Deutschland sank von Februar 2022 bis März 2026 um 15,2 Prozent. In der gesamten Industrie betrug der Rückgang 9,5 Prozent. Die betroffenen Branchen verloren 53.200 Beschäftigte beziehungsweise 6,3 Prozent ihrer Belegschaften. Dabei entfallen 75,6 Prozent des industriellen Energieverbrauchs auf diese Wirtschaftszweige. [5]

Diese Entwicklung ist das Ergebnis einer Politik, die Energie künstlich verteuert und anschließend versucht, die Folgen mit Subventionen zu mildern. Kostenlose Zertifikate, Strompreiskompensation und Industriestrompreise beseitigen das Problem nicht, sondern verschieben und verschleiern es. Unternehmen verlagern Produktion und Investitionen in Staaten mit niedrigeren Energiepreisen und geringerer Regulierung. Die Emissionen verschwinden dadurch nicht; sie entstehen lediglich außerhalb Europas.

Deutschland hat EU-Vorgaben zusätzlich verschärft. Auch wenn diese Praxis des Gold-Plating künftig teilweise unterbleiben sollte, bleiben die unionsrechtlichen Belastungen bestehen. Weitere Elektrifizierung bedeutet zusätzliche Bürokratie, neue Berichtspflichten und staatliche Kontrolle.

Zentralsteuerung statt technischer Vernunft

Der Ansatz der EU-Kommission, die Gemeinschaft wie einen Zentralstaat zu führen, war nicht erfolgreich und wird es auch künftig nicht sein. Solange der Green Deal und die vermeintliche globale Klimarettung über Versorgungssicherheit, Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit gestellt werden, fällt Europa wirtschaftlich weiter zurück.

Technischer Fortschritt wird nicht mehr dem Wettbewerb überlassen, sondern durch Beamte und Kommissare gelenkt. Investitionen entstehen zunehmend nicht aufgrund wirtschaftlicher Nachfrage, sondern aufgrund von Verboten, Quoten und Subventionen. Das Ergebnis ist ein unions- und staatswirtschaftliches System, in dem politische Stellen Technologien auswählen, Preisrelationen verändern und die erzeugten Fehlentwicklungen mit weiteren Eingriffen korrigieren.

Die Dekarbonisierung des Energiesystems schafft zunächst keinen zusätzlichen Nutzen. Ein funktionierendes System wird mit immensem Aufwand durch ein anderes ersetzt, das dieselben Aufgaben erfüllen soll. Dafür werden Wind- und Solaranlagen, Netze, Speicher, Reservekraftwerke und Steuerungssysteme parallel errichtet. Die Kosten steigen, ohne dass Versorgungssicherheit oder Produktqualität zunehmen.

Das europäische Stromnetz ist über etwa 120 Jahre gewachsen. Eine neue 110-Kilovolt-Leitung benötigt heute häufig acht bis zwölf Jahre, Windkraft- und große Photovoltaikanlagen etwa drei bis fünf Jahre. Wird der Ausbau wetterabhängiger Erzeugung weiterhin vor den Netzausbau gestellt, nehmen Engpässe, Abregelungen, Redispatch und Systemkosten zwangsläufig zu.

Für Bürger bedeutet der Elektrifizierungsplan dauerhaft steigende Energiepreise. Preiswerte Energie ist Voraussetzung für Produktion, Wohlstand und einen hohen Lebensstandard. Internationale Krisen treffen viele Staaten; die zusätzlichen Belastungen des Green Deal treffen nur die EU. Bei der gegenwärtigen Organisationsform der Union, den Ambitionen der Brüsseler Zentralbürokratie und einer devot folgenden Bundesregierung in Berlin ist kein Licht am Horizont erkennbar.

Quellen & Literatur

[1] Europäische Kommission (2026). Electrification Action Plan. COM(2026) 595 final. Generaldirektion Energie, Brüssel.

[2] Europäische Kommission (2026). New Electrification Action Plan and Review of the EU Emissions Trading System. Brüssel.

[3] IEA (2026). Electricity 2026: Grids. International Energy Agency, Paris.

[4] IPCC (2022). Climate Change 2022: Mitigation of Climate Change. Cambridge University Press, Cambridge/New York.

[5] Destatis (2026). Energieintensive Industriezweige mit Produktionsrückgang um 15,2 Prozent von Februar 2022 bis März 2026. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden.

[6] Hennig, F.; Forgeng, M. (2026). „Das ist kaum möglich“: Energiefachmann sieht wenig Erfolgschancen für EU-Elektrifizierungsplan. Epoch Times Deutschland, 29. Juli 2026.

* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen Originalveröffentlichung auf der Epoch Times vom 29.07.2026; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.

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