Humankapital unter Druck: Was sinkende Kompetenzen für Europas Zukunft bedeuten
_ Dr. Ralph Schöllhammer, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Wien, 19. September 2026.
* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen Originalveröffentlichung; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.
Kernbotschaften und Handlungsempfehlungen
- Die jüngsten PISA-Daten zeigen einen strukturellen Kompetenzverlust: Österreich verlor seit 2015 18 Punkte im Lesen und 20 Punkte in Mathematik, während der OECD-Durchschnitt beim Lesen sogar um 28 Punkte zurückging.
- Besonders relevant ist die Entwicklung der Leistungsspitze: Bei österreichischen Jugendlichen sank im Lesen die Schwelle der stärksten 5 % seit 2015 um 16 Punkte, sodass Bildungsdebatten neben der Förderung Schwächerer auch die Entwicklung der Leistungsstarken berücksichtigen müssen.
- Der deutsche IQB-Bildungstrend und PISA bestätigen, dass es sich nicht um ein isoliertes österreichisches Phänomen handelt; in Deutschland verfehlen rund 34 % der Neuntklässler den Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss in Mathematik.
- Bildungsumwelten sind veränderbar: Quasiexperimentelle Forschung mit mehr als 600.000 Personen verbindet ein zusätzliches Bildungsjahr mit ungefähr 1 bis 5 IQ-Punkten höherer kognitiver Testleistung; Kompetenzverluste sind daher nicht als unabänderliches Schicksal zu behandeln.
- Für Migrationsanalysen sind individuelle Qualifikation, Kompetenzen und Integrationsmerkmale aussagekräftiger als nationale oder gruppenbezogene Durchschnittswerte; zugleich muss bei der Anwerbung Hochqualifizierter der dokumentierte Brain-Drain-Effekt auf Herkunftsländer berücksichtigt werden.
- Angesichts von KI und digitaler Automatisierung gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Lesen, Mathematik, Fremdsprachen, Konzentration und Problemlösen als kognitive Fähigkeiten erhalten werden können, auch wenn technische Systeme immer mehr Einzelaufgaben übernehmen.
Messen, was sich nicht unmittelbar messen lässt
Die zugespitzte Frage, ob europäische Gesellschaften „dümmer“ werden, verlangt zunächst begriffliche Präzision. PISA misst keine Intelligenz, sondern Kompetenzen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Intelligenztests wiederum erfassen standardisierte kognitive Leistungen, nicht „Intelligenz“ als unmittelbar beobachtbare physische Größe. Dennoch können wiederholte Messungen mit vergleichbaren Verfahren robuste Trends sichtbar machen.
Genau deshalb ist methodische Vergleichbarkeit entscheidend. Historische Versuche, langfristige Intelligenztrends aus Reaktionszeiten des späten 19. Jahrhunderts abzuleiten, illustrieren das Problem. Woodley, te Nijenhuis und Murphy interpretierten historische Reaktionszeitdaten als Hinweis auf einen langfristigen Rückgang; andere Forscher verwiesen auf unterschiedliche Geräte, Versuchsbedingungen und Stichproben und bestritten deshalb die Vergleichbarkeit. Der Befund bleibt umstritten und eignet sich nicht als tragende Evidenz für einen säkularen Intelligenzrückgang. [14–15]
Der messbare Befund: Kernkompetenzen gehen zurück
Wesentlich belastbarer sind aktuelle Bildungsdaten. Österreich erreichte bei PISA 2025 497 Punkte in Naturwissenschaften, 467 im Lesen und 477 in Mathematik. Gegenüber 2022 sank die Lesekompetenz signifikant um 13 Punkte, Mathematik um 10 Punkte; der Anstieg um 6 Punkte in Naturwissenschaften war statistisch nicht signifikant. Im Zehnjahresvergleich zu 2015 beträgt der Rückgang 18 Punkte im Lesen und 20 Punkte in Mathematik. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung am oberen Rand: Im Lesen sank der Wert der stärksten 5 % gegenüber 2015 um 16 Punkte, während der Wert der schwächsten 5 % weitgehend stabil blieb. Der Anteil leistungsschwacher Leser stieg zugleich von 23 auf 28 %. [2–3]
Österreich steht damit international noch vergleichsweise günstig da, teilweise jedoch deshalb, weil der Rückgang anderswo stärker ausfällt. Im OECD-Durchschnitt sank die Lesekompetenz zwischen 2015 und 2025 von 489 auf 461 Punkte, die Mathematikleistung von 485 auf 463 Punkte. Die OECD spricht bei Lesen und Mathematik von den niedrigsten jemals gemessenen Durchschnittswerten. [3]
Gleichzeitig entwickeln sich formale Abschlüsse in die entgegengesetzte Richtung. In Österreich bestanden beim Haupttermin 2019 85,1 % die Matura, 12,7 % bestanden nicht. 2025 lag die Erfolgsquote bei 92,1 %, die Nichtbestehensquote bei 6,2 %; 20,1 % erzielten einen ausgezeichneten Erfolg. Diese Divergenz beweist für sich genommen noch keine reine Noteninflation, zumal sich Prüfungs- und Bewertungsbedingungen verändern können. Sie macht aber die Frage unvermeidlich, ob dokumentierter Bildungserfolg und extern gemessene Kompetenz zunehmend auseinanderfallen. [5]
Deutschland zeigt ein ähnliches Grundproblem. Im IQB-Bildungstrend 2024 wurden gegenüber 2018 erhebliche Kompetenzverluste festgestellt; in Mathematik verfehlten rund 34 % der Neuntklässler den Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss. Gleichzeitig bezeichneten bei PISA 2025 33 % der deutschen Jugendlichen Schule als Zeitverschwendung, gegenüber 24 % im OECD-Durchschnitt. [4, 6]
Bildung, Intelligenz und Humankapital
Die Trennung zwischen angeborenen und erworbenen Fähigkeiten ist weniger eindeutig, als die politische Debatte oft suggeriert. Eine Metaanalyse von Ritchie und Tucker-Drob mit 142 Effektschätzungen, 42 Datensätzen und mehr als 600.000 Personen kommt zu dem Ergebnis, dass ein zusätzliches Bildungsjahr je nach Untersuchungsdesign mit etwa 1 bis 5 IQ-Punkten höherer kognitiver Testleistung verbunden ist. Bildung ist damit selbst ein Faktor kognitiver Entwicklung. [7]
Besonders aussagekräftig sind die norwegischen Daten aus den jahrzehntelangen kognitiven Tests bei der Wehrpflicht. Bratsberg und Rogeberg zeigten 2018, dass sowohl der historische Flynn-Effekt als auch seine spätere Umkehr innerhalb von Familien reproduziert werden können. Das spricht für einen erheblichen Einfluss veränderlicher Umweltbedingungen. Eine neue PNAS-Studie von 2026 zeigt zudem, dass die Trendumkehr zunächst besonders unter Söhnen einkommensstarker Väter sichtbar wurde und sich erst später auf andere Gruppen ausweitete. [8–9]
Damit wird auch die wirtschaftliche Bedeutung des Themas sichtbar. Garett Jones untersucht kognitive Fähigkeiten als Bestandteil gesellschaftlichen Humankapitals und beschreibt mögliche Spillover-Effekte über Kooperation, Sparverhalten, komplexe Produktion und institutionelle Qualität. Die häufig genannte Größenordnung von rund 6 % höherem Pro-Kopf-Einkommen je zusätzlichem Punkt im nationalen IQ-Maß ist als ökonometrische Schätzung aus dieser Literatur zu verstehen, nicht als mechanisches Kausalgesetz. Entscheidend ist der Grundgedanke: Fähigkeiten entfalten gesellschaftliche Wirkungen, die über den individuellen Arbeitsmarktertrag hinausreichen. [10]
Migration: Individuen statt Gruppenmittelwerte
Für die Migrationsdebatte folgt daraus vor allem eine methodische Konsequenz. Durchschnittswerte von Staaten, Regionen oder Bevölkerungsgruppen erlauben keine zuverlässige Aussage über die Fähigkeiten eines konkreten Individuums. Eine humankapitalorientierte Auswahl kann deshalb nur auf individuellen Merkmalen wie Ausbildung, beruflicher Qualifikation, Sprachkenntnissen, nachgewiesenen Kompetenzen und Integrationsfähigkeit beruhen; die Übertragung statistischer Gruppenmittelwerte auf Einzelpersonen wäre ein ökologischer Fehlschluss.
Jones argumentiert in The Culture Transplant, dass bestimmte kulturelle Einstellungen von Migranten über längere Zeiträume fortwirken können. Das macht Kultur und institutionelle Integration zu relevanten Forschungsgegenständen, ersetzt aber keine individuelle Beurteilung. [11]
Hinzu kommt der Zielkonflikt des Brain Drain. Die gezielte Anwerbung von Ärzten, Ingenieuren und anderen Hochqualifizierten kann dem Zielland nutzen, zugleich aber Herkunftsländer gerade jener Personen berauben, die dort für Modernisierung und institutionellen Aufbau benötigt werden. OECD und WHO dokumentieren diese Problematik besonders deutlich beim Gesundheitspersonal: In mehreren Herkunftsstaaten arbeiten inzwischen mehr Ärzte oder Pflegekräfte in OECD-Ländern als im Herkunftsland selbst. [12]
Kultur, Biologie und praktische Intelligenz
Auch die Gegenüberstellung von „Kultur“ und „Biologie“ ist zu schematisch. Laktasepersistenz gilt als klassisches Beispiel für Gen-Kultur-Koevolution: Tierhaltung und Milchkonsum schufen über sehr lange Zeiträume neue Selektionsbedingungen. Daraus lässt sich allerdings nicht unmittelbar auf Intelligenzunterschiede schließen. Für kognitive Fähigkeiten ist wesentlich direkter belegt, dass Bildung, Lernumgebung und Erfahrungen messbare Effekte haben. [7, 13]
Frühe Mehrsprachigkeit, anspruchsvolle Texte, Mathematik und konzentriertes Lernen sind deshalb nicht nur wegen ihres unmittelbaren Nutzens relevant. Ein Bildungssystem, das komplexe Anforderungen grundsätzlich vereinfacht, riskiert, leistungsstärkere Schüler nicht mehr auszuschöpfen. Die Alternative besteht analytisch nicht darin, Schwächere zurückzulassen, sondern Förderung nach unten mit Herausforderung nach oben zu verbinden. Die Diskussion um vereinfachte Fassungen klassischer Literatur wie Goethes Faust berührt genau diesen Zielkonflikt.
Ebenso wenig darf kognitive Leistungsfähigkeit mit Urteilskraft gleichgesetzt werden. Hohe Testwerte garantieren weder praktische Erfahrung noch politische, wirtschaftliche oder moralische Klugheit. Intellektuell anspruchsvolle Ideen können gesellschaftlich produktiv oder destruktiv sein. Theoretische und praktische Bildung, berufliche Ausbildung und die Fähigkeit, die Grenzen der eigenen Expertise zu erkennen, bleiben daher eigenständige Bestandteile von Humankapital.
Künstliche Intelligenz und kognitive Entlastung
Digitalisierung und künstliche Intelligenz verschärfen diese Frage. Übersetzungsprogramme reduzieren den unmittelbaren Bedarf an Fremdsprachen, Navigationssysteme ersetzen Orientierung, Taschenrechner und KI übernehmen Rechen- und Schreibarbeit. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass die zugrunde liegenden Fähigkeiten bedeutungslos werden. Die Analogie zum körperlichen Training liegt nahe: Nachdem körperliche Arbeit zurückging, verschwand nicht der Nutzen körperlicher Fitness. Entsprechend kann Lesen, Kopfrechnen, Sprachenlernen oder räumliche Orientierung auch dann kognitives Training bleiben, wenn Technik die konkrete Aufgabe übernehmen kann.
Ob technologische Auslagerung langfristig tatsächlich zu einem messbaren allgemeinen Kompetenzverlust führt, ist empirisch offen. Angesichts der bereits beobachteten Rückgänge wäre es jedoch verfehlt, diese Frage aus der Bildungsforschung auszuklammern.
Demokratie braucht kognitive Voraussetzungen
Lesekompetenz, Konzentrationsfähigkeit und die Fähigkeit, komplexe Argumente zu verstehen, besitzen schließlich eine demokratische Dimension. Wer längere Texte nicht mehr sinnerfassend lesen und konkurrierende Informationen schwerer bewerten kann, trägt höhere Kosten politischer Information. Aus den vorhandenen Kompetenzdaten folgt dabei kein empirischer Grund für Beschränkungen politischer Teilhabe. Sie zeigen vielmehr, warum die kognitiven Voraussetzungen selbst Gegenstand ernsthafter Forschung bleiben müssen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger, ob Europa pauschal „dümmer“ wird. Belastbar festzustellen ist, dass zentrale schulische Kompetenzen in zahlreichen europäischen Staaten zurückgehen und dass dieser Rückgang teilweise gerade leistungsstarke Gruppen erreicht. Für Gesellschaften, deren Wohlstand auf Ingenieurswissen, Unternehmertum, Forschung, Innovation und komplexer Kooperation beruht, ist die Qualität des Humankapitals eine ebenso reale Ressource wie Energie, Kapital oder Rohstoffe.
Quellen & Literatur
- Schöllhammer R. (2026). Wird Europa dümmer? Auch Österreich fällt bei PISA. Schoellhammers Welt, 9. September 2026. URL: https://podcasts.apple.com/at/podcast/wird-europa-d%C3%BCmmer-auch-%C3%B6sterreich-f%C3%A4llt-bei-pisa/id1842705150?i=1000788666361
- IQS (2026). PISA 2025 – Ergebnisse Österreich. Institut des Bundes für Qualitätssicherung im österreichischen Schulwesen. URL: https://www.iqs.gv.at/pisa-2025
- OECD (2026). PISA 2025 Results, Volume I. OECD Publishing. URL: https://www.oecd.org/en/publications/pisa-2025-results-volume-i_73451bc5-en/full-report.html
- IQB (2025). IQB-Bildungstrend 2024. Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. URL: https://www.iqb.hu-berlin.de/de/schule/sekundarstufe-i/bildungstrend/2024/
- Statistik Austria (2026). Matura-Erfolgsquote im Sommer 2025 deutlich höher als im Vorjahr. URL: https://www.statistik.at/fileadmin/announcement/2026/01/20260122sRDP_Haupttermin2025.pdf
- OECD (2026). PISA 2025 Ergebnisse, Band I: Deutschland. URL: https://www.oecd.org/de/publications/pisa-2025-ergebnisse-band-i_eade94cd-de/deutschland_8a1ce578-de.html
- Ritchie S. J.; Tucker-Drob E. M. (2018). How Much Does Education Improve Intelligence? A Meta-Analysis. Psychological Science, 29(8), 1358–1369. URL: https://doi.org/10.1177/0956797618774253
- Bratsberg B.; Rogeberg O. (2018). Flynn effect and its reversal are both environmentally caused. Proceedings of the National Academy of Sciences, 115(26), 6674–6678. URL: https://doi.org/10.1073/pnas.1718793115
- Bratsberg B.; Fjell A. M.; Rogeberg O. J.; Walhovd K. B. (2026). Educational expansion and the hidden reversal of the Flynn effect—Differential trends across socioeconomic strata. Proceedings of the National Academy of Sciences, 123(28). URL: https://doi.org/10.1073/pnas.2536089123
- Jones G. (2011). National IQ and National Productivity: The Hive Mind Across Asia. Asian Development Review, 28(1), 51–71. URL: https://doi.org/10.1142/S011611051150003X
- Jones G. (2022). The Culture Transplant: How Migrants Make the Economies They Move To a Lot Like the Ones They Left. Stanford University Press. URL: https://doi.org/10.1515/9781503633643
- OECD (2025). International migration of health professionals to OECD countries. International Migration Outlook 2025. URL: https://www.oecd.org/en/publications/international-migration-outlook-2025_ae26c893-en/full-report/international-migration-of-health-professionals-to-oecd-countries_fea88ae4.html
- Beja-Pereira A. et al. (2003). Gene-culture coevolution between cattle milk protein genes and human lactase genes. Nature Genetics, 35, 311–313. URL: https://doi.org/10.1038/ng1263
- Woodley M. A.; te Nijenhuis J.; Murphy R. (2013). Were the Victorians cleverer than us? The decline in general intelligence estimated from a meta-analysis of the slowing of simple reaction time. Intelligence, 41(6), 843–850. URL: https://doi.org/10.1016/j.intell.2013.04.006
- Dodonova Y. A.; Dodonov Y. S. (2013). Is there any evidence of historical slowing of reaction time? No, unless we compare apples and oranges. Intelligence, 41, 674–687. URL: https://doi.org/10.1016/j.intell.2013.09.001
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