Industriekrise am Standort Deutschland
_ Dr. Daniel Hoffmann, Forschungsreferent, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Berlin, 31.07.2026.
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Der Abbau von rund 7.000 BASF-Stellen und die Insolvenz von Varta sind unterschiedlich verursacht, verdeutlichen aber gemeinsam die Verbindung aus Managementproblemen, hohen Standortkosten und einer strukturellen deutschen Industriekrise.
- Produktive Nettoinvestitionen von nur noch etwa 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zeigen, dass Deutschland seinen industriellen Kapitalstock zunehmend verbraucht, während China, Indien und die Vereinigten Staaten neue Produktionskapazitäten aufbauen.
- Der Verlust industrieller Arbeitsplätze löst regionale Kettenreaktionen aus: Kaufkraft, Einzelhandel, Immobiliennachfrage und kommunale Steuereinnahmen sinken, während junge Menschen und qualifizierte Beschäftigte wirtschaftlich geschwächte Regionen verlassen.
- Wettbewerbsfähige Energiepreise sind eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung der Reindustrialisierung. Erforderlich sind zugleich niedrigere Steuern und Abgaben, weniger Bürokratie, eine technologieoffene Energiepolitik und verlässliche Eigentums- und Investitionsbedingungen.
- Die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte gefährdet die Innovationsbasis unmittelbar. Angesichts des demographischen Niedergangs müssen qualifizierte Beschäftigte im Land gehalten und wenn überhaupt leistungsfähige Zuwanderer gewonnen begrenzt werden.
- Eine dauerhafte industrielle Erholung setzt eine friedensorientierte Außenwirtschaftspolitik, offene internationale Handelsbeziehungen, eine Neuordnung der Europäischen Union und die Abkehr von der Schulden- und Transferunion voraus.
- Deutschland und Europa benötigen eine strategische Industriepolitik, die den amerikanischen und chinesischen Reindustrialisierungsstrategien mit eigener Energie-, Rohstoff-, Technologie- und Investitionsfähigkeit begegnet.
BASF und Varta als Symptome einer strukturellen Standortkrise
Der weltweite Abbau von rund 7.000 Stellen bei BASF seit Januar 2024 und der Insolvenzantrag des Batterieherstellers Varta sind keine bloßen Einzelfälle. Sie sind vielmehr Ausdruck einer umfassenden Krise des Industriestandortes Deutschland, auch wenn die Ursachen in beiden Unternehmen unterschiedlich gelagert sind. BASF hat die Personalreduzierung ausdrücklich mit dem Ziel verbunden, Kosten zu senken, Investitionsausgaben zurückzufahren, die Anlagenauslastung zu erhöhen und die Organisation effizienter aufzustellen. Am Stammsitz Ludwigshafen sank die Zahl der Vollzeitstellen im Mai 2026 erstmals seit 1954 unter 30.000.
Bei Varta gingen der aktuellen Insolvenz dagegen eine langjährige Restrukturierung, Finanzierungsprobleme und unternehmerische Fehlentscheidungen voraus. Bereits 2024 leitete das Unternehmen ein Restrukturierungsvorhaben nach dem Unternehmensstabilisierungs- und -restrukturierungsgesetz ein. Im Juli 2026 folgte schließlich der Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Die Entwicklung deutet daher nicht ausschließlich auf eine allgemeine Krise der Batterieindustrie hin, sondern ebenso auf hausgemachte Management- und Finanzierungsprobleme.
Bei BASF treten dagegen die strukturellen Nachteile des deutschen und europäischen Industriestandortes besonders deutlich hervor. Hohe Energiepreise, geopolitische Blockbildung, zunehmender Protektionismus und der industriell-technologische Aufstieg Chinas belasten international tätige deutsche Großunternehmen. BASF kann einen Teil dieser Nachteile bislang durch die Verlagerung von Investitionen und Produktionskapazitäten in die Nähe wichtiger Absatzmärkte ausgleichen. Während am Standort Ludwigshafen Stellen und Anlagen abgebaut werden, hat der Konzern seinen neuen Verbundstandort im chinesischen Zhanjiang weiter ausgebaut. BASF selbst beschreibt die Bedingungen für die Chemieindustrie weltweit und insbesondere in Europa als ausgesprochen schwierig.
Internationale Konzerne können von globalen Produktionsnetzwerken profitieren und Belastungen teilweise durch Standortverlagerungen kompensieren. Mittelständische Unternehmen, Zulieferer und regional gebundene Betriebe verfügen über diese Möglichkeit regelmäßig nicht. Für sie werden die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland unmittelbar zur Existenzfrage.
Die seit Jahren befürchtete Deindustrialisierung ist damit in Deutschland angekommen. Die Produktion der energieintensiven Industriezweige ist seit Anfang 2022 nahezu durchgehend rückläufig. Allein im August 2025 lag sie kalenderbereinigt 4,0 Prozent unter dem Vorjahresniveau.
Besonders alarmierend ist die Investitionsschwäche. Eine internationale McKinsey-Untersuchung beziffert die produktiven Nettoinvestitionen Deutschlands auf nur noch rund 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dem stehen etwa 23 Prozent in China, 14 Prozent in Indien, 4 Prozent in den Vereinigten Staaten und rund 2 Prozent im Durchschnitt der Europäischen Union gegenüber. Europa investiert insgesamt deutlich weniger in digitale Technologien als die Vereinigten Staaten und erheblich weniger in industrielle Produktionskapazitäten als China. Deutschland verbraucht damit zunehmend seinen vorhandenen Kapitalstock, anstatt neue industrielle Substanz aufzubauen.
Arbeitsmarkt, Kaufkraft und regionale Abwärtsspiralen
Die Folgen dieser Entwicklung werden auf dem Arbeitsmarkt zunächst teilweise verdeckt bleiben. Ältere, gutverdienende Industriearbeiter können durch Abfindungen, Vorruhestandsregelungen oder den Übergang in die reguläre Altersrente vorübergehend relativ weich aufgefangen werden. Deshalb wird sich der industrielle Niedergang zunächst als „Tod auf Raten“ vollziehen.
Für jüngere Arbeitnehmer, Berufseinsteiger und Beschäftigte nachgelagerter Branchen entstehen dagegen langfristige strukturelle Probleme. Der Verlust industrieller Arbeitsplätze betrifft nicht nur die unmittelbar beschäftigten Facharbeiter und Ingenieure. Er trifft ebenso Zulieferer, Handwerksbetriebe, Logistikunternehmen, Dienstleister, Einzelhandel, Gastronomie und den regionalen Immobilienmarkt. Sinkende Beschäftigung und geringere Einkommen reduzieren die örtliche Kaufkraft. Geschäfte schließen, Investitionen unterbleiben, Immobilien verlieren an Attraktivität und wirtschaftlich aktive Einwohner verlassen die betroffenen Regionen.
Gerade bislang wohlhabende Industriestandorte können dadurch in eine krisen- und altersbedingte Abwärtsspirale geraten. Wenn Unternehmen Gewerbesteuerzahlungen reduzieren, Beschäftigte fortziehen und gleichzeitig Sozialausgaben steigen, geraten auch die kommunalen Haushalte unter erheblichen Druck. Der Verlust eines großen Industriebetriebes ist daher nicht auf dessen Werkstore begrenzt, sondern verändert die wirtschaftliche und demographische Struktur ganzer Städte und Landkreise.
Diese Entwicklung trifft auf eine ohnehin ungünstige demographische Ausgangslage. Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft, während der Anteil älterer Menschen zunimmt. Gleichzeitig ersetzt eine quantitativ hohe, aber hinsichtlich Qualifikation und Arbeitsmarktintegration unzureichend gesteuerte Zuwanderung die ausscheidenden Facharbeiter, Techniker und Ingenieure nicht. Deutschland verzeichnet zudem seit Jahren einen negativen Wanderungssaldo seiner eigenen Staatsangehörigen. Im Jahr 2025 wanderten 96.689 deutsche Staatsangehörige mehr aus als ein, nach einem negativen Saldo von 80.879 Personen im Jahr 2024.
Energiepreise sind zentral, aber nicht die einzige Ursache
Die Energiepreise gehören zu den wichtigsten Ursachen der abnehmenden internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Sie sind jedoch Bestandteil eines größeren strukturellen Problemkomplexes. Nach dem Energiewende-Barometer der Deutschen Industrie- und Handelskammer beeinträchtigt die gegenwärtige Energiepolitik die Wettbewerbsfähigkeit eines erheblichen Teils der deutschen Unternehmen. Industriebetriebe verlagern Produktion ins Ausland, reduzieren Investitionen in ihre Kernprozesse oder verschieben Modernisierungsvorhaben. Eine von Frontier Economics im Auftrag der DIHK erstellte Untersuchung beziffert die langfristigen Gesamtkosten der derzeitigen Energiewendepolitik auf bis zu 5,4 Billionen Euro.
Die grüne Transformation ersetzt eine vergleichsweise verlässliche Energieversorgung aus fossilen Energieträgern und Kernenergie durch ein stärker subventions-, netz- und speicherabhängiges System. Die Kosten werden über Steuern, Umlagen, Netzentgelte, staatliche Förderprogramme und höhere Endkundenpreise getragen. Die damit verbundene Degrowth-Ideologie behandelt den Rückgang industrieller Produktion nicht mehr als wirtschaftspolitisches Versagen, sondern teilweise als erwünschten Beitrag zur ökologischen Transformation.
Hinzu kommen der amerikanische Reindustrialisierungskurs und der planmäßige Aufstieg Chinas in Hochtechnologiebranchen. Beide Wirtschaftsräume verbinden Industrie-, Handels-, Energie- und Sicherheitspolitik zu einer strategischen Standortpolitik. Deutschland und die Europäische Union reagieren darauf mit kleinteiligen Subventionsprogrammen, einer wachsenden Regulierungsdichte und zusätzlichen Berichtspflichten.
Die seit der Finanzkrise von 2008 betriebene Nullzins- und Geldmengenexpansionspolitik hat außerdem Fehlallokationen begünstigt. Kapital floss nicht hinreichend in nachhaltige Produktivitätssteigerungen, sondern vielfach in Vermögenswerte, spekulative Geschäftsmodelle und politisch privilegierte Transformationsprojekte. Die Europäische Zentralbank stellt selbst einen Zusammenhang zwischen dem langjährigen Niedrigzinsumfeld, schwachen Banken und einer wachsenden Zahl wirtschaftlich nicht tragfähiger „Zombieunternehmen“ fest. Diese Unternehmen binden Kapital und Arbeitskräfte, obwohl sie unter wettbewerblichen Bedingungen aus dem Markt ausscheiden müssten.
Zusätzlich belasten Nachhaltigkeitsberichterstattung, Lieferkettenregulierung, Dokumentationspflichten und weitere politische Markteingriffe die Unternehmen. Der Nationale Normenkontrollrat ermittelte allein für neue bundesrechtliche Regelungen zeitweise einen Anstieg der jährlichen Folgekosten um 9,3 Milliarden Euro sowie zusätzliche einmalige Erfüllungskosten von 23,7 Milliarden Euro.
Überlegungen zu Vermögensteuern und staatlichen Vermögensregistern verstärken die Unsicherheit deutscher und ausländischer Investoren. In Verbindung mit einer international besonders hohen Steuer- und Abgabenbelastung des Faktors Arbeit entsteht ein unternehmerfeindliches, halbsozialistisches Wirtschaftsklima. Die OECD zählt Deutschland weiterhin zu den Staaten mit einer besonders hohen Belastung von Arbeitseinkommen und empfiehlt selbst eine Senkung der Arbeitsbesteuerung.
Die Flüchtlings-, Corona-, Ukraine- und Irankrise haben den Staatskonsum weiter erhöht. Finanziert wird dieser durch neue Schulden, steigende Steuern und Abgaben sowie die Verdrängung produktiver Investitionen. Gleichzeitig nehmen die fiskalischen Risiken hoch verschuldeter europäischer Staaten zu. Der Internationale Währungsfonds warnt vor wachsenden Ausgabenverpflichtungen, steigenden Zinslasten und zusätzlichen Belastungen infolge des Nahostkonflikts. Die Verschuldungsprobleme Frankreichs und Italiens schweben damit wie ein Damoklesschwert über dem europäischen Bankensystem, der Zukunft des Euro und mittelbar auch den deutschen Staatsfinanzen.
Auch die schleichende Umstellung Europas auf eine Kriegswirtschaft löst diese grundlegenden Probleme nicht. Sie verschiebt Kapital und Arbeitskräfte in politisch priorisierte Bereiche, ohne Energiepreise, Bürokratie, Steuerbelastung, demographischen Niedergang oder die strukturelle Investitionsschwäche zu beheben.
Fachkräfteabwanderung gefährdet Innovation und Kapitalstock
Die Abwanderung qualifizierter Fachkräfte stellt eine unmittelbare Gefahr für Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit dar. Ohne den Produktionsfaktor Arbeit bleiben selbst moderne Maschinen, umfangreiches Finanzkapital und hoch entwickelte Forschungsinfrastrukturen ungenutzt. Bereits der allgemeine demographische Abwärtstrend ist bedrohlich. Kommt zusätzlich die Abwanderung hochqualifizierter Beschäftigter hinzu, verliert Deutschland nicht nur gegenwärtige Wertschöpfung, sondern auch zukünftige Patente, Unternehmensgründungen und technologische Entwicklungsmöglichkeiten.
Die Bedeutung qualifizierter Arbeitskräfte zeigt sich daran, dass inzwischen mindestens 14 Prozent der in Deutschland entwickelten Patentanmeldungen auf Erfinder mit ausländischen Wurzeln zurückgehen. Besonders stark profitieren die Software-, Elektro- und Hochschulbereiche.
Eine Wirtschaftspolitik, die qualifizierte Einheimische und integrierte Fachkräfte zur Abwanderung veranlasst, während sie gleichzeitig überwiegend geringqualifizierte Zuwanderung alimentiert, schwächt deshalb systematisch die Innovationsbasis des Landes.
Voraussetzungen einer industriellen Trendumkehr
Eine Stabilisierung des Industriestandortes bleibt möglich, erfordert jedoch eine grundlegende wirtschafts-, energie-, außen- und europapolitische Neuorientierung. Zunächst müssen die Steuer- und Abgabenlasten deutlich gesenkt und bürokratische Belastungen konsequent zurückgeführt werden. Unternehmen benötigen langfristig verlässliche Investitionsbedingungen, wettbewerbsfähige Energiepreise und eine technologieoffene Energieversorgung.
Notwendig ist außerdem eine Friedens- statt Kriegspolitik. Deutschland darf sich nicht dauerhaft auf eine Spaltung der Welt in eine amerikanische und eine chinesische Hemisphäre festlegen. Die deutsche Industrie benötigt Zugang zu Rohstoffen, Energie, Absatzmärkten und internationalen Lieferketten. Neue Handelsblöcke, Sanktionen und geopolitische Konfrontationen zerstören jene weltwirtschaftlichen Beziehungen, auf denen das deutsche Industriemodell beruht.
Auch die Europäische Union muss neu aufgestellt werden. Die seit 2008 verschleppte Staatsschulden-, Banken- und Eurokrise ist zu lösen, ohne Deutschland überproportional für die Verbindlichkeiten anderer Staaten haften zu lassen. Erforderlich ist die Abkehr von der Transferunion und die Rückbesinnung auf einen leistungsfähigen Binnenmarkt, offene Handelsbeziehungen, Währungsstabilität und nationale Eigenverantwortung.
Schließlich benötigt Deutschland gemeinsam mit seinen europäischen Partnern, zu denen auch Russland gehören sollte, eine strategische Industriepolitik. Nur ein wirtschaftlich, technologisch und energiepolitisch handlungsfähiges Europa kann den geopolitischen Neuordnungsplänen der Vereinigten Staaten und Chinas auf Augenhöhe begegnen. Die Trendumkehr ist eine Mammutaufgabe. Sie bleibt jedoch möglich, sofern die politische Priorität wieder auf Produktion, Investitionen, Innovation, günstige Energie und unternehmerische Freiheit gelegt wird.
Quellen & Literatur
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