Insolvenzwelle und strukturelle Stagnation

_ Dr. Daniel Hoffmann, Forschungsreferent, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Berlin, 20.08.2026.

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Die 900 Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 2026 sind nicht nur konjunkturell bedingt, sondern Ausdruck einer nachgeholten Marktbereinigung nach Jahren künstlich niedriger Finanzierungskosten.
  • Die Kombination aus geopolitischen Energiekrisen, steigender CO₂-Bepreisung, hohen Standortkosten und einer auf 0,4 Prozent gesenkten Wachstumsprognose begründet ein erhebliches Risiko dauerhafter Stagnation.
  • Bis 2040 scheiden rund 13,3 Millionen Erwerbspersonen altersbedingt aus dem Arbeitsmarkt aus; erforderlich sind deshalb qualifikationsorientierte Zuwanderung, schnellere Arbeitsmarktintegration und eine Begrenzung dauerhaft transferabhängiger Migration.
  • Staatsausgaben müssen konsequent von Konsum, Transfers und Subventionen in Infrastruktur, Bildung, Forschung, Digitalisierung und produktive Investitionen umgeschichtet werden; schuldenfinanzierte Aufrüstung ersetzt keine Wachstumspolitik.
  • Die Steuer- und Abgabenbelastung von 49,3 Prozent der Arbeitskosten muss deutlich sinken. Gleichzeitig sind wettbewerbsfähige Energiepreise und eine Begrenzung zusätzlicher CO₂-Kosten erforderlich.
  • Deutschland benötigt eine eigenständige KI-, Rechenzentrums- und Energieinfrastrukturstrategie, um gegenüber den USA und China technologisch und industriell nicht weiter zurückzufallen.
  • Auf die amerikanische Reindustrialisierungs- und Zollpolitik muss mit einer Stärkung des Binnenstandorts, neuen Exportmärkten und einer Wiederherstellung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit reagiert werden.

Nachgeholte Marktbereinigung

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 7,8 Prozent auf 12.900 Fälle gestiegen und hat damit den höchsten Stand seit 2013 erreicht. Rund 165.000 Arbeitsplätze waren betroffen; die Gläubigerschäden beliefen sich auf etwa 28,5 Milliarden Euro. Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform-Wirtschaftsforschung, erwartet eine Stabilisierung frühestens 2027 und stellt ausdrücklich fest, dass der Höhepunkt der Insolvenzentwicklung noch nicht erreicht ist. 1

Eine Hauptursache liegt in der über Jahre aufgeschobenen Marktbereinigung. Die Europäische Zentralbank führte im Juni 2014 erstmals einen negativen Einlagenzins ein. 2 Die langjährige Null- und Negativzinspolitik hielt die Finanzierungskosten künstlich niedrig und ermöglichte auch schwach produktiven, dauerhaft ertragsschwachen Unternehmen die weitere Kreditaufnahme. In einem normalen Zinsumfeld wären viele dieser Unternehmen früher aus dem Markt ausgeschieden.

Diese Entwicklung wird als Zombifizierung bezeichnet. Nach der Definition der einschlägigen Forschung handelt es sich um ältere Unternehmen, deren operative Erträge über längere Zeit nicht ausreichen, um ihre Zinslast zu decken. Untersuchungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zeigen einen engen Zusammenhang zwischen sinkenden Zinsen und dem wachsenden Anteil solcher Unternehmen. Zombieunternehmen sind im Durchschnitt weniger produktiv, stärker verschuldet und investieren weniger als wirtschaftlich gesunde Betriebe. 3 Die OECD weist zudem nach, dass ihr Fortbestand Kapital, Arbeitskräfte und Marktanteile bindet und dadurch Investitionen sowie Beschäftigungswachstum produktiver Unternehmen behindert. 4

Die als Eurorettungspolitik betriebene Kombination aus extrem niedrigen Zinsen, umfangreichen Wertpapierkäufen und erleichterter Kreditversorgung hat deshalb nicht nur konjunkturelle Einbrüche gedämpft, sondern notwendige Insolvenzen verschoben. Mit der Rückkehr positiver Zinsen, schwacher Nachfrage und rezessiver Rahmenbedingungen wird diese Marktbereinigung nun nachgeholt. Creditreform stellte für 2024 bereits bei 7,5 Prozent der untersuchten Unternehmen eine unzureichende Zinsdeckung fest; 2015 waren es 6,5 Prozent gewesen. Bei Großunternehmen stieg der Anteil im selben Zeitraum von 7,0 auf 10,0 Prozent. 1

Zusammenwirkende Stagnationsfaktoren

Der Bundesverband der Deutschen Industrie senkte seine Wachstumsprognose für 2026 von 1,0 auf nur noch 0,4 Prozent. BDI-Präsident Peter Leibinger begründet die kritische Lage mit hohen Energiepreisen, Steuern, Lohnstückkosten, Lohnzusatzkosten und einer ausgeuferten Bürokratie. Seit 2022 ist die deutsche Industrieproduktion in jedem Jahr gesunken. 5 Die Gefahr einer erneuten oder verstetigten Stagnationsphase ist deshalb sehr groß, zumal mehrere belastende Megatrends gleichzeitig einsetzen.

Der Krieg in der Ukraine, die westlichen Sanktionen und Gegensanktionen haben Absatzmärkte, Energieversorgung und Lieferketten beeinträchtigt. Die Bundesbank beschreibt sowohl den Krieg selbst als auch Sanktionen und unterbrochene Lieferketten als erhebliche wirtschaftliche Belastungen. 6 Hinzu kommt der Iran-Krieg. Die zeitweise weitgehende Unterbrechung des Öltransports durch die Straße von Hormus ließ den Brent-Preis im März 2026 bis nahe 120 US-Dollar je Barrel steigen. Nach dem erneuten Aufflammen der Kämpfe erreichte er am 23. Juli nochmals 105 US-Dollar. 7 Die dadurch ausgelöste Öl- und Energiekrise erhöht Produktions- und Transportkosten, schwächt die Kaufkraft und treibt die Inflation. Die Bundesbank musste ihre Konjunkturerwartungen infolge dieses Energiepreisschocks erneut zurücknehmen. 8

Die hausgemachte Energiebelastung verschärft den externen Schock. Neben hohen Strom- und Gaspreisen verteuert die staatlich festgesetzte CO₂-Bepreisung fossile Brennstoffe. Nach 55 Euro je Tonne im Jahr 2025 gilt 2026 ein Preiskorridor von 55 bis 65 Euro. 9 Damit steigt die Belastung gerade in einer Phase, in der energieintensive Unternehmen bereits unter international kaum wettbewerbsfähigen Standortkosten leiden.

Demografie, Migration und Staatsausgaben

Parallel beginnt die große Verrentungs- und Pensionierungswelle. Bis 2040 erreichen rund 13,3 Millionen derzeitige Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter; das entspricht etwa 30 Prozent des gegenwärtigen Arbeitskräfteangebots. Die nachrückenden Jahrgänge können diesen Abgang nicht ersetzen. 10 Dadurch schrumpft insbesondere das Potenzial erfahrener und gut ausgebildeter Fachkräfte, während Renten-, Gesundheits- und Pflegeausgaben steigen.

Gleichzeitig vergrößert eine unkontrollierte, nicht an Qualifikation und Beschäftigung gekoppelte Masseneinwanderung die Belastung des Sozialstaates, solange die Arbeitsmarktintegration nicht gelingt. Selbst bei den bereits 2015 eingereisten Geflüchteten bezogen 2024 noch 34 Prozent staatliche Leistungen; ihre Medianverdienste lagen lediglich bei rund 70 Prozent des Medianlohns aller Vollzeitbeschäftigten. 11 Zuwanderung kann den demografischen Arbeitskräftemangel daher nur dann verringern, wenn sie rasch in produktive, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung führt. Ohne diese Voraussetzung wachsen Transferausgaben und Integrationskosten schneller als die zusätzliche Beitrags- und Steuerbasis.

Die staatliche Ausgabenstruktur verschärft das Problem. Im Jahr 2025 stiegen die monetären Sozialleistungen um 5,9 Prozent beziehungsweise 41,7 Milliarden Euro auf 751,2 Milliarden Euro. 12 Bereits im ersten Halbjahr 2025 waren die monetären Sozialleistungen um 5,8 Prozent und die sozialen Sachleistungen um 7,1 Prozent gewachsen, während die staatlichen Bruttoinvestitionen lediglich um 3,7 Prozent zunahmen. Gleichzeitig stiegen die Zinsausgaben um 5,8 Prozent auf 24,3 Milliarden Euro. 13 Der Staat verwendet damit einen immer größeren Teil seiner Mittel für laufenden Konsum, Transfers und Schuldendienst, anstatt die produktive Infrastruktur zu erneuern.

Aufrüstung und technologischer Rückstand

Auch die schuldenfinanzierte Aufrüstung erzeugt nur begrenzte Wachstumsimpulse. Modellrechnungen der EZB ergeben für eine dauerhafte Erhöhung der Verteidigungsausgaben um ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts einen durchschnittlichen Zweijahresmultiplikator von 0,93; die Modellspanne reicht von 0,42 bis 1,13. Zusätzliche Steuern, höhere Zinsen, Importabflüsse und die Verdrängung privater Investitionen reduzieren den Effekt. 14 Verteidigungsausgaben können sicherheitspolitisch begründet sein, ersetzen aber keine produktivitätssteigernde Wirtschafts-, Infrastruktur- und Bildungspolitik.

Während Deutschland Kapital in Transfers, Schuldendienst und konsumtive Staatsausgaben lenkt, konzentriert sich die technologische Zukunft auf die USA und China. Der Stanford AI Index verzeichnete für die USA 2025 private KI-Investitionen von 285,9 Milliarden US-Dollar – das 23-Fache des chinesischen privaten Investitionsvolumens. Zugleich führt China bei Publikationen, Zitationen und Patenterteilungen, während die USA 59 und China 35 bedeutende KI-Modelle hervorbrachten. 15 Auch die Rechenzentrumsinfrastruktur konzentriert sich dort: 2024 entfielen 45 Prozent des weltweiten Rechenzentrumsstromverbrauchs auf die USA und 25 Prozent auf China, aber nur 15 Prozent auf Europa. 16 Ohne verlässlich verfügbare und international wettbewerbsfähige Energie droht Deutschland, bei KI und energieintensiven Datencentern dauerhaft zurückzufallen.

Unzureichende Entlastung und neuer Handelsdruck

Die bisher umgesetzten Entlastungsmaßnahmen helfen den Unternehmen nur in sehr geringem Umfang. Die grundlegende Steuer- und Abgabenbelastung bleibt bestehen. Für einen kinderlosen Durchschnittsverdiener erreichte der deutsche Steuer- und Abgabenkeil 2025 nach OECD-Berechnung 49,3 Prozent der Arbeitskosten und stieg gegenüber 2024 um 1,34 Prozentpunkte. Deutschland belegte damit unter den OECD-Staaten den zweiten Platz. 17 Einzelne Förderprogramme und Abschreibungserleichterungen können diese strukturelle Belastung nicht ausgleichen.

Zusätzlicher Druck entsteht durch die amerikanische Handels- und Reindustrialisierungsstrategie. Stephen Miran legte mit A User’s Guide to Restructuring the Global Trading System das konzeptionelle Fundament der als „Mar-a-Lago-Strategie“ bezeichneten Neuordnung vor: Zölle, Währungsanpassungen und sicherheitspolitischer Druck sollen das amerikanische Handelsdefizit verringern und industrielle Produktion in die USA zurückholen. 18 Ein förmliches Abkommen unter diesem Namen besteht zwar nicht; zentrale Elemente werden unter Präsident Donald Trump jedoch bereits durch reziproke Zölle und eine ausdrücklich auf Reindustrialisierung ausgerichtete Handelspolitik umgesetzt. 19

Die USA importierten 2025 Waren im Wert von rund 3,50 Billionen US-Dollar und blieben damit der zentrale globale Absatzmarkt. 20 Wenn der weltweit größte Importeur seine Einfuhren politisch begrenzt und Wertschöpfung ins Inland zurückholt, geraten große exportorientierte Volkswirtschaften wie China, Deutschland und Japan unmittelbar unter Druck. Für Deutschland trifft dieser Strategiewechsel auf eine bereits geschwächte Industrie, hohe Standortkosten und einen unzureichenden technologischen Kapitalstock. Ohne eine grundlegende wirtschaftspolitische Kurskorrektur droht aus der gegenwärtigen Insolvenzwelle eine dauerhafte Erosion industrieller Wertschöpfung zu werden.

Quellen & Literatur

  1. Creditreform (2026). Insolvenzen in Deutschland, 1. Halbjahr 2026. URL: Creditreform.
  2. EZB (2014). ECB introduces a negative deposit facility interest rate. Europäische Zentralbank. URL: EZB.
  3. Banerjee R. und Hofmann B. (2018). The Rise of Zombie Firms: Causes and Consequences. BIS Quarterly Review. URL: BIS.
  4. Adalet McGowan M., Andrews D. und Millot V. (2017). The Walking Dead? Zombie Firms and Productivity Performance in OECD Countries. OECD Economics Department Working Papers, Nr. 1372. URL: OECD.
  5. BDI/Leibinger P. (2026). Lage der Industrie kritisch – Aufbruch braucht klares Zielbild und Reformpaket. URL: BDI.
  6. Deutsche Bundesbank (2022). Ukraine und Inflation: aktuelle geldpolitische Herausforderungen. URL: Bundesbank.
  7. IEA (2026). Oil Market Report – August 2026. International Energy Agency. URL: IEA.
  8. Deutsche Bundesbank (2026). Deutschland-Prognose: Energiepreis-Schock bremst Konjunkturerholung. URL: Bundesbank.
  9. Bundesregierung (2026). Gesetzliche Neuregelungen Januar 2026. URL: Bundesregierung.
  10. Destatis (2026). 13,3 Millionen Erwerbspersonen erreichen bis 2040 das gesetzliche Rentenalter. Statistisches Bundesamt. URL: Destatis.
  11. Brücker H. et al. (2025). 10 Jahre Fluchtmigration: Beschäftigungsquote von Geflüchteten nähert sich dem Durchschnitt in Deutschland an. IAB-Kurzbericht 17/2025. URL: IAB.
  12. Destatis (2026). Monetäre Sozialleistungen des Staates im Jahr 2025 um 5,9 Prozent gestiegen. Statistisches Bundesamt. URL: Destatis.
  13. Destatis (2025). Öffentliches Finanzierungsdefizit im ersten Halbjahr 2025. Statistisches Bundesamt. URL: Destatis.
  14. Bokan N., Jacquinot P., Lalik M., Müller G., Priftis R. und Rigato R. (2025). Macroeconomic Impacts of Higher Defence Spending: A Model-Based Assessment. ECB Economic Bulletin, 6/2025. URL: EZB.
  15. Stanford HAI (2026). The 2026 AI Index Report: Economy; Research and Development. Stanford University. URL: Stanford HAI.
  16. IEA (2025). Energy and AI. International Energy Agency, Paris. URL: IEA.
  17. OECD (2026). Taxing Wages 2026. OECD Publishing, Paris. URL: OECD.
  18. Miran S. (2024). A User’s Guide to Restructuring the Global Trading System. Hudson Bay Capital. URL: Originalarbeit.
  19. Trump D. J. (2025). Regulating Imports with a Reciprocal Tariff to Rectify Trade Practices that Contribute to Large and Persistent Annual United States Goods Trade Deficits. The White House. URL: Präsidialverfügung.
  20. WTO (2026). WTO Tariff & Trade Data: United States of America – Member Profile. World Trade Organization. URL: WTO.

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