Kapitalgedeckte Rente und ein Staatsfonds für Deutschland

~ Zur Diskussion gestellt. ~

_ Florian Müller, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Erstveröffentlichung des Originaltextes in der Krautzone Ausgabe Nr. 38 „Remigration“. 28.01.2026.

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Die aktuelle Umlagerente in Deutschland ist unzureichend, da nur 81 Rentner mehr als 3.000 Euro erhalten und die Durchschnittsrente bei 1.543 Euro liegt, was angesichts steigender Lebenshaltungskosten und Pflegeausgaben zu Altersarmut führt; ein Wechsel zu einem kapitalgedeckten System könnte dies verhindern, indem individuelle Beiträge von 668 Euro monatlich über 45 Jahre in den DAX investiert werden und potenziell Vermögen von bis zu 4,4 Millionen Euro pro Person ergeben.
  • Das Umlageverfahren, eingeführt 1957 auf Basis des Schreiber-Plans, stellt eines der größten wirtschaftlichen „Verbrechen“ in Deutschlands Nachkriegsgeschichte dar, da es die Früchte der Arbeit enteignet und zu Diskrepanzen zwischen Einzahlungen und Auszahlungen führt; Länder wie Norwegen mit kapitalgedeckten Systemen zeigen, dass höhere Renditen und Stabilität möglich sind.
  • Ein deutscher Staatsfonds nach norwegischem Vorbild könnte mit 16 Euro  ein enormes Kapitalvolumen schaffen und Deutschland internationale Macht verschaffen, doch muss er so gestaltet werden, dass der Staat keinen Zugriff hat, um Missbrauch zu vermeiden, wie Schumpeter warnend andeutet.
  • Der Übergang zu einer kapitalgedeckten Rente ist teuer aufgrund jährlicher Auszahlungen von über 300 Milliarden Euro, doch eine schrittweise Einführung als zusätzliche Säule ist machbar; das Generationskapital mit 10 Milliarden Euro Startkapital ist ein erster Schritt, der jedoch durch Buchungstricks und fehlende langfristige Finanzierung unzureichend bleibt.
  • Deutschland muss Steuerüberschüsse in eine aktienbasierte Rente investieren und den Haushalt disziplinieren, um zukünftige Generationen zu schützen; Parteien wie die AfD sollten diesen Ansatz forcieren, während die CDU für die historische Fehlentscheidung kritisiert werden muss.

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Die aktuelle Rentensituation in Deutschland wirft erhebliche Fragen zur Nachhaltigkeit des Systems auf. Lediglich 81 Rentner in Deutschland erhalten eine Rente von mehr als 3.000 Euro und das sind ausschließlich Männer mit mindestens 50 Versicherungsjahren und einem durchschnittlichen Verdienst von mehr als 1,8-mal dem Durchschnitt. Die durchschnittliche staatliche Rente beträgt 1.543 Euro, die zudem besteuert wird. Angesichts der gegenwärtigen Lebenshaltungskosten und der oft anstehenden Pflege- und Unterstützungsaufwendungen muss man kein Experte sein, um zu erkennen, dass eine solche Rente für viele zu niedrig ausfällt. Die Boomer-Generation, die derzeit in Rente geht, besitzt glücklicherweise größtenteils Immobilien, die die Altersarmut etwas abfedern können. Dennoch wird ein großer Teil der zukünftigen Rentner mit einer neuen Armut konfrontiert sein oder bis zu einem Herzinfarkt weiterarbeiten müssen. Der Grund hierfür ist einfach: die Einführung des Umlageverfahrens in den 1950er Jahren, ergänzt durch den späteren Geburtenrückgang.

Berechnungsbeispiel

Renten in Deutschland werden auf Basis sogenannter Rentenpunkte berechnet. Der vorläufige Bruttodurchschnittsverdienst, den die Rentenversicherung zugrunde legt, betrug im Jahr 2023 43.142 Euro. Wer genau so viel verdient, erhält einen Rentenpunkt. Bei der Hälfte des Verdiensts erhält man einen halben Punkt, bei dem Doppelten maximal zwei Punkte. 45 Beitragsjahre mit zwei Punkten ergeben die genannte Rente von über 3.000 Euro. Es wird nun klar, dass diese Rentenhöhe fast unerreichbar ist: Ein Berufsanfänger müsste im ersten Arbeitsjahr mehr als 80.000 Euro brutto verdienen, um zwei Rentenpunkte zu erhalten. Dieses Punktesystem hat genau einen Zweck: zu verschleiern, wie viel Geld eine Person tatsächlich in das Sozialsystem eingezahlt hat und wie viel sie am Ende herausbekommt. Doch selbst ohne genaue Berechnung spüren die meisten Menschen instinktiv eine Diskrepanz: Wie kann ich so viele Jahre geschuftet haben und nun so wenig zurückbekommen? Die Menschen fühlen sich um die Früchte ihrer Arbeit gebracht – und dieses Gefühl täuscht nicht.

Nehmen wir den durchschnittlichen jährlichen Bruttolohn von rund 43.000 Euro. Das ist der Bruttolohn des Arbeitnehmers – der Arbeitgeber muss in diesem Fall 53.535 Euro zahlen. Diese Summe entspricht dem Wert der Arbeit des Mitarbeiters, da der Arbeitgeber niemanden einstellen würde, der weniger einbringt als er kostet. 18,6 Prozent des Arbeitgeberbruttos fließen in die Rentenversicherung, was monatlich 668 Euro ergibt. Die „verdienten“ 45 Rentenpunkte entsprechen einer Bruttorente von 1.692 Euro. Ob sie „sicher“ ist, steht dahin.

Hätte Konrad Adenauer bei der Rentenreform von 1957 nicht auf den „Schreiber-Plan“ gehört, der das Umlageverfahren empfahl, hätte er das sogenannte kapitalgedeckte Modell weiter ausbauen können. Im Gegensatz zur gängigen Annahme ist das Umlageverfahren nicht „normal“ – vielmehr ist der „Generationenvertrag“ eine Erfindung des Ökonomen Wilfrid Schreiber. Historisch gesehen hatte Deutschland ein kapitalgedecktes Rentensystem, und viele andere Länder wie Chile, Norwegen, das Vereinigte Königreich, Schweden, die Niederlande oder China basieren heute teilweise oder vollständig auf dem kapitalgedeckten Rentensystem. Hier finanziert jeder seine eigene Rente – in der Zwischenzeit wird das Geld am Aktienmarkt angelegt.

Alternatives Szenario

Statt die Rentenbeiträge in einen imaginären Topf zu zahlen, der nichts anderes als ein Durchlaufkonto ist, hätte der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer einfach eine monatliche Sparrate von 668 Euro. Und das über 45 Arbeitsjahre. Das Ergebnis lässt sich mit zahlreichen Online-Aktienrechnern berechnen: Wäre das gesamte Geld in den DAX investiert worden, hätte sich nach 45 Sparjahren ein Vermögen von 4,4 Millionen Euro angesammelt. Bei einer etwas pessimistischeren durchschnittlichen Rendite von fünf Prozent würde man bei Rentenbeginn immerhin bei 1,32 Millionen Euro landen. Bei einer optimistischen Lebenserwartung von 85 Jahren muss sich der Rentner mit seinem Ersparten 20 Jahre oder 240 Monate über Wasser halten. Mit einem Anlagevermögen von 4,4 Millionen Euro – ohne weitere Zinseffekte – würde er monatlich 18.000 Euro erhalten. Selbst im Fünf-Prozent-Zinsszenario könnte er 5.500 Euro monatlich entnehmen. In Wirklichkeit würde sein Vermögen weiter wachsen. Bei einer durchschnittlichen DAX-Rendite von neun Prozent würde das letztlich einer jährlichen Vermögenszunahme von 400.000 Euro entsprechen. Das angesammelte Vermögen würde sogar bei einer monatlichen Auszahlung von 33.000 Euro weiter wachsen.

Die Pessimisten mögen nun einwenden: Unsicherheit. Wenn ein Wirtschaftscrash eintritt und die Aktienkurse einbrechen, gibt es kein Geld mehr. Die Chance eines Totalverlusts besteht sicherlich, ist aber fast ausgeschlossen, da in diesem Fall alle Unternehmen, in die investiert wurde, bankrottgehen müssten. Ein Staatsbankrott oder zumindest die inflationsbedingte Entwertung der Umlagerente ist weitaus wahrscheinlicher als ein totaler Markteinbruch. Dennoch weisen Kritiker auf die niedrigen Zinsen oder Renditen der letzten Jahre hin, um gegen die aktienbasierte Rente zu argumentieren. Nehmen wir an, dass über einen Zeitraum von 45 Jahren alles schiefgeht, was schiefgehen kann, und am Ende bleibt eine jährliche Rendite von nur einem Prozent. Selbst dann hätte der Rentensparer ein Rentenvermögen von über 450.000 Euro – bei einer Lebenserwartung von 85 Jahren würde er monatlich 1.875 Euro erhalten, immer noch mehr als im aktuellen Umlageverfahren.

Ein Staatsfonds

Es gibt einen weiteren interessanten Nebeneffekt: Wenn man das „norwegische Modell“ der aktienbasierten Rente wählt, nämlich einen Staatsfonds, der hauptsächlich am Aktienmarkt investiert, hätte man eine kolossale Kapitalmenge. Der norwegische Staatsfonds, der in seiner aktuellen Form 2006 eingerichtet wurde, weist eine durchschnittliche jährliche Rendite von etwa fünf Prozent auf und hat nun ein Fondsvolumen von einer Billionen Euro – bei nur 5,5 Millionen Einwohnern. Ein deutsches Pendant, bezogen auf die Bevölkerungsgröße, würde einem Fondsvolumen von 16 Billionen Euro entsprechen und wäre damit etwa doppelt so groß wie „Blackrock“, der weltgrößte Vermögensverwalter. Das würde Deutschland – dem deutschen Staat – eine extreme Machtposition auf dem internationalen Kapitalmarkt verschaffen und könnte beispielsweise gezielte Investitionen in Märkten anderer Länder ermöglichen oder heimische Unternehmen vor ausländischen Investoren schützen. Insbesondere aus Sicht national orientierter Kapitalisten wäre es ein erheblicher Vorteil, einheimische Unternehmen vor ausländischen Investoren abzuschirmen.

Natürlich wird der Libertäre mit der Lösung des Staatsfonds nicht ganz zufrieden sein, da es immer noch der Staat ist, der die Rentenvermögen der Bürger kontrolliert. Ein berechtigter Einwand, der durch ein Bonmot des Ökonomen Joseph Schumpeter illustriert wird: „Eher legt sich ein Hund einen Wurstvorrat an als eine demokratische Regierung eine Budgetreserve.“ Die wichtigste Aufgabe wäre nicht einmal, die Rendite des Staatsfonds zu maximieren, sondern den Staatsfonds politisch und rechtlich so zu gestalten, dass der Staat letztlich keinen Zugriff darauf hat und auch in einer Krise kein Kapital entnehmen kann. Die ideale Lösung aus libertärer Sicht, die echte Privatisierung der Renten, hat dieses Problem sicher nicht, ist aber aus realpolitischer Sicht kaum machbar, vor allem weil der durchschnittliche Deutsche und insbesondere die staatlich abhängige Unterschicht in den letzten Jahrzehnten der selbstständigen und verantwortungsvollen Handlung entwöhnt wurde.

Die Realität

Deutschland ist kein reiches Land (mehr), und viele Bürger beginnen das zu spüren. Immer mehr Rentner müssen in Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen, auf Tafeln angewiesen sein und von Verwandten unterstützt werden. Die Einführung des Umlageverfahrens war wohl das mitunter größte wirtschaftliche Verbrechen in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands – verursacht durch die CDU. Sogar das Ende des goldgedeckten Währungssystems wiegt in der Realität nicht so schwer – zumal die Bundesrepublik darauf kaum Einfluss hatte. Das Rentensystem jedoch konnte sie selbst bestimmen – und traf die falsche Entscheidung.

Ein Rückwechsel zu einem kapitalgedeckten Rentensystem ist wirtschaftlich extrem teuer, da jährliche Rentenauszahlungen von über 300 Milliarden Euro kompensiert werden müssten. Dennoch könnte eine schrittweise Einführung der Kapitaldeckung als zusätzliche Säule der Renten über mehrere Jahrzehnte umgesetzt werden. Leider hat die AfD diesen Ansatz weitgehend aufgegeben. Die FDP – die einzige Partei, die im Bundestagswahlkampf 2021 für eine aktienbasierte Rente eintrat – konnte sich hier teilweise durchsetzen. Im Jahr 2024 wurde von der Bundesregierung ein kapitalgedeckter Ergänzungsfonds eingeführt, das sogenannte „Generationskapital“, in Form einer Stiftung des öffentlichen Rechts mit einem Startbetrag von 10 Milliarden Euro. Wer jedoch glaubt, dass damit der Boden für eine „aktienbasierte Rente“ bereitet ist, irrt gewaltig. Auf der Website des Bundesfinanzministeriums heißt es: „Wir bilden einen Kapitalstock, um die Rentenbeiträge zu stabilisieren und den Anstieg der Bundeszuschüsse ab Mitte der 2030er Jahre abzufedern.“ Die stetig wachsenden Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt an den Rentenfonds – über 100 Milliarden Euro – sollen durch die Erträge dieses Fonds abgefedert werden. Es scheint derzeit so, als hätte Bundesfinanzminister Lindner lediglich einen Buchungstrick vollführt: Statt in Zukunft Schulden aufnehmen zu müssen, um der wachsenden Rentenlast zu begegnen, wird mittelfristig Geld in Aktien investiert, in der Hoffnung, die Rentenlücke mit Dividenden zu füllen. Statt den Zinseszinseffekt zu nutzen, werden die Erträge also abgeschöpft. Zudem ist fraglich, ob ein größerer Fonds tatsächlich aufgebaut werden kann, wenn die Finanzierung aus Bundesmitteln jährlich neu verhandelt werden muss.

Schlussfolgerung und Ausblick

Das Rentenproblem ist das größte wirtschaftliche Problem unserer Zeit, vor allem weil Generationen gegeneinander ausgespielt werden, was klare Mehrheiten fast unmöglich macht. Die Schwierigkeit eines Übergangs wurde treffend vom Hagedorn H. (2025) beschrieben.[1] Dennoch: Zu jedem wirtschaftlichen Problem gibt es auch eine Lösung. Der Staatshaushalt müsste über mehrere Jahrzehnte auf Sparflamme laufen, um Steuerüberschüsse langfristig in eine aktienbasierte Rente für künftige Generationen zu investieren. Das ist unwahrscheinlich, aber möglich, insbesondere angesichts der Bereiche, in denen Geld zum Fenster hinausgeworfen wird. Deutschland hat immer noch seinen Trumpf: eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt zu sein. Geld war und wird immer da sein – die Frage ist nur, ob es intelligent und zum Nutzen des eigenen Volkes eingesetzt wird.

Quellen & Literatur

  1. DAI Deutsches Aktieninstitut (2022). DAX‑Rendite‑Dreieck: 50 Jahre. DAI. URL: https://www.dai.de/fileadmin/user_upload/211231_DAX-Rendite-Dreieck_50_Jahre_Web.pdf
  2. Deutsche Rentenversicherung (DRV) (2024). Rentenatlas 2023. URL: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/SharedDocs/Downloads/DE/Statistiken-und-Berichte/Rentenatlas/2023/rentenatlas-2023-download.pdf
  3. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) (2024). Der Streit um die Rentenreform wird falsch geführt. URL: https://www.diw.de/de/diw_01.c.902815.de/nachrichten/der_streit_um_die_rentenreform_wird_falsch_gefuehrt.html
  4. ifo Institut (2024). 75 Jahre ifo – Rentenreform von 1957. URL: https://www.ifo.de/DocDL/sd-2024-09-jubilaeum-rentenreform-1957.pdf
  5. Norges Bank Investment Management (2023). Annual Report 2023. Norges Bank Investment Management. URL: https://www.nbim.no/en/news-and-insights/reports/2023/annual-report-2023
  6. Norges Bank Investment Management (NBIM) (2024). Annual Report 2023. Oslo: NBIM. URL: https://www.nbim.no/en/news-and-insights/reports/2023/annual-report-2023
  7. OECD (2025). Pensions at a Glance 2025: OECD and G20 Indicators. OECD Publishing. URL: https://www.oecd.org/en/publications/pensions-at-a-glance-2025_e40274c1-en.html
  8. Pimpertz J. & Schüler R. (2024). Politische Ökonomie der Rentenreform. Institut der deutschen Wirtschaft Köln. URL: https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/IW-Analysen/PDF/2024/Analysen_156_Politische-%C3%96konomie-der-Rentenreform.pdf
  9. Schreiber W. (1955). Existenzsicherheit in der Industriellen Gesellschaft. Bachem, Köln.
  10. Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025). Arbeitskosten und Lohnnebenkosten. URL: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitskosten-Lohnnebenkosten/_inhalt.html

[1] Hagedorn H. (2025). Die Rentenversicherung in Deutschland: Historische Entwicklung, aktuelle Herausforderungen und Reformbedarf. IKW. URL: https://institutkw.de/die-rentenversicherung-in-deutschland-historische-entwicklung-aktuelle-herausforderungen-und-reformbedarf/
Link: https://institutkw.de/die-rentenversicherung-in-deutschland-historische-entwicklung-aktuelle-herausforderungen-und-reformbedarf/

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