Kinderkriegen als anthropologische Grenze der Gleichheitsutopie

_ Dr. Thomas Hartung, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Stuttgart, 28.06.2026.

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Die Geburt eines Kindes wirkt als anthropologische Zäsur. Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit und frühe Bindung erzeugen keine symmetrische Ausgangslage zwischen Vater und Mutter. Die Vorstellung vollständig austauschbarer Elternrollen bleibt deshalb empirisch, entwicklungspsychologisch und biologisch fragwürdig.
  • Die deutsche Arbeitszeitrealität belegt die Retraditionalisierung nach der Geburt deutlich. 2024 arbeiteten bei Eltern mit Kindern unter sechs Jahren 91,3 Prozent der erwerbstätigen Väter Vollzeit, aber nur 25,6 Prozent der Mütter. Zugleich arbeiteten 74,4 Prozent der Mütter in Teilzeit, aber nur 8,7 Prozent der Väter.
  • Die unbezahlte Sorgearbeit bleibt deutlich ungleich verteilt. Frauen leisteten 2022 rund neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit pro Woche als Männer; der Gender Care Gap lag bei 44,3 Prozent. Damit ist Mutterschaft nicht bloß ein kulturelles Rollenbild, sondern eine reale Zeit-, Belastungs- und Verantwortungsstruktur.
  • Gleichwertigkeit darf nicht mit Gleichartigkeit verwechselt werden. Männer und Frauen besitzen gleiche Würde, aber daraus folgt keine identische biologische, psychologische und soziale Ausgangslage. Eine sachliche Familienpolitik muss Unterschiede anerkennen, statt sie ideologisch zu leugnen.
  • Die politische Antwort sollte weder starre Rollenbilder restaurieren noch biologische Realität bekämpfen. Erforderlich sind bessere Kinderbetreuung, stärkere familiäre Unterstützungsnetzwerke, flexible Arbeitsmodelle, echte Wahlfreiheit für Eltern und eine kulturelle Aufwertung von Mutterschaft, Vaterschaft und Sorgearbeit.
  • Eine ehrliche Gleichberechtigungsdebatte muss zwischen Zwang, Struktur und Disposition unterscheiden. Nicht jede Differenz ist Unterdrückung, nicht jede Asymmetrie ist Ungerechtigkeit, und nicht jedes traditionelle Muster ist bloß ein ideologischer Rückfall.
  • Die ökonomischen Folgen von Elternschaft müssen nüchtern betrachtet werden. Internationale Child-Penalty-Forschung zeigt langfristige Einkommenseffekte nach der Geburt von Kindern; daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jede familiäre Arbeitsteilung politisch erzwungen, patriarchal oder illegitim ist.

Einleitung: Die Geburt des Kindes als Realitätstest moderner Gleichheitsversprechen

„Kinderkriegen ist der Endgegner von Feminismus und Gleichberechtigung“, erklärte eine 27-jährige Sozialpädagogin, junge Mutter und in Partnerschaft lebende Frau in einem von Thomas Hartung aufgegriffenen Beitrag der Süddeutschen Zeitung. Der Satz ist bemerkenswert, weil er nicht nur eine individuelle Überforderungserfahrung benennt, sondern einen zentralen Widerspruch der modernen Gleichheitsutopie freilegt. Über Jahrzehnte hinweg versprach die spätmoderne Gesellschaft, traditionelle Geschlechterrollen endgültig überwunden zu haben. Männer und Frauen galten in dieser Erzählung nicht mehr primär als leibliche, geschlechtlich geprägte Wesen, sondern als soziale Konstruktionen. Unterschiede zwischen ihnen erschienen als Ergebnis von Erziehung, Normierung, institutionellen Machtverhältnissen und kultureller Zuschreibung. Mit der Geburt eines Kindes kehrt jedoch eine Realität zurück, die der moderne Mensch ideologisch hinter sich lassen wollte: die Biologie.

Genau darin liegt die eigentliche Sprengkraft des Satzes. Die Erfahrung vieler Eltern widerspricht der Grundannahme eines großen Teils gegenwärtiger Geschlechterideologie. Sobald Kinder geboren werden, entstehen selbst in hochgebildeten, progressiven Milieus häufig wieder klassische Rollenverteilungen. Die Mutter reduziert ihre Erwerbsarbeit, der Vater bleibt stärker im Berufsleben, und die emotionale wie körperliche Hauptbindung konzentriert sich in den ersten Lebensmonaten meist stärker auf die Mutter. Die Soziologie nennt diesen Vorgang Retraditionalisierung. Was der moderne Feminismus als Rückfall erlebt, ist zunächst eine empirisch beobachtbare Realität.

Die statistischen Befunde stützen diese Beobachtung deutlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2024 bei Eltern mit Kindern unter sechs Jahren 91,3 Prozent der erwerbstätigen Väter vollzeitbeschäftigt, während nur 8,7 Prozent in Teilzeit arbeiteten. Bei den Müttern war das Verhältnis nahezu umgekehrt: Nur 25,6 Prozent arbeiteten Vollzeit, 74,4 Prozent Teilzeit. Auch bei Eltern mit Kindern ab sechs Jahren blieben 92,9 Prozent der Väter vollzeitbeschäftigt, während bei den Müttern nur 37,2 Prozent Vollzeit arbeiteten. Die Geburt und Erziehung von Kindern führt somit nicht zu einer neutralen, geschlechtslosen Neuorganisation des Alltags, sondern zu einer massiven asymmetrischen Verschiebung von Erwerbsarbeit, Sorgearbeit und familiärer Verantwortung.

Die moderne Gleichheitsidee beruht auf einem tiefen Misstrauen gegenüber natürlichen Differenzen. Seit Simone de Beauvoirs berühmter Formel „On ne naît pas femme: on le devient“ – „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ – gilt Geschlecht im progressiven Denken primär als gesellschaftlich geformte Tatsache. Beauvoirs 1949 erschienenes Werk Le Deuxième Sexe wurde zu einem Grundlagentext des modernen Feminismus, weil es weibliche Existenz nicht als biologisches Schicksal, sondern als historisch, sozial und kulturell geprägte Lage analysierte. Diese Perspektive funktioniert relativ plausibel, solange Universitäten, Bürojobs, Freizeitkulturen oder politische Repräsentationsfragen betrachtet werden. Sie gerät jedoch an ihre Grenze, sobald Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit und frühe Kindheit ins Spiel kommen. Die biologische Realität ist asymmetrisch. Wenn ein Mann Vater wird, ändert sich sein Status; wenn eine Frau Mutter wird, ändert sich ihr Leben.

Die Rückkehr der Anthropologie

Der Körper der Frau verändert sich durch Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit fundamental. Sie trägt das Kind, bringt es zur Welt, stillt es gegebenenfalls und erlebt hormonelle, körperliche und emotionale Prozesse, die der Mann weder simulieren noch vollständig teilen kann. Im zitierten Ausgangstext schildert die Mutter genau diesen Einschnitt: Während sie „zu hundert Prozent Mutter“ geworden sei, sei ihr Partner „trotzdem Mann geblieben“. Der Satz ist soziologisch hochinteressant, weil er eine Erfahrung beschreibt, die moderne Gesellschaften zunehmend verdrängen möchten: Elternschaft betrifft Männer und Frauen nicht identisch.

Die spätmoderne Ideologie reagiert auf diese Tatsache mit wachsender Gereiztheit. Wenn sich bestimmte Rollenmuster selbst unter Menschen mit egalitärem Selbstbild immer wieder spontan reproduzieren, stellt sich zwangsläufig die unangenehme Frage, ob hinter den Geschlechterunterschieden mehr steckt als bloße Sozialisation. Der eigentliche Konflikt der Gegenwart ist daher nicht nur politisch, sondern anthropologisch. Die moderne Gesellschaft versucht, den Menschen radikal von seiner Natur zu emanzipieren. Familie, Geschlecht, Herkunft, Bindung und Verantwortung sollen flexibel, verhandelbar und individuell gestaltbar werden. Der Mensch erscheint als autonomes Projekt seiner selbst.

Das Kind zerstört diese Illusion. Ein Säugling akzeptiert keine Karriereplanung, keine Selbstverwirklichungsseminare, keine ideologische Gleichheitsformel und keinen abstrakten Anspruch auf vollständige Austauschbarkeit der Elternrollen. Er schreit nachts um drei Uhr. Er braucht Nähe, Körperkontakt, Versorgung, Wiederholung, Verlässlichkeit und emotionale Bindung. Gerade in den ersten Lebensmonaten entsteht diese Bindung biologisch und psychologisch häufig intensiver zur Mutter. Die Bindungsforschung, insbesondere John Bowlbys Werk Attachment and Loss und Mary Ainsworths Patterns of Attachment, hat die Bedeutung früher Bindungsbeziehungen für die psychische Entwicklung des Kindes grundlegend herausgearbeitet. Diese Forschung bedeutet nicht, dass Väter unwichtig wären. Sie zeigt jedoch, dass frühe Bindung keine rein administrative Betreuungsfunktion ist, die sich beliebig zwischen identischen Rollen verschieben ließe.

Die Vorstellung vollständig austauschbarer Elternrollen widerspricht damit zahlreichen Befunden der Entwicklungspsychologie, Bindungsforschung und Evolutionsbiologie. Robert Trivers definierte elterliche Investition in seinem Aufsatz Parental Investment and Sexual Selection als jene Investition eines Elternteils in einen einzelnen Nachkommen, die dessen Überlebens- und Fortpflanzungschancen erhöht, zugleich aber die Möglichkeit des Elternteils reduziert, in andere Nachkommen zu investieren. Diese Theorie verweist auf einen elementaren biologischen Befund: Reproduktion ist für Männer und Frauen nicht symmetrisch. Frauen investieren biologisch durch Schwangerschaft, Geburt und frühe Versorgung erheblich stärker in die erste Phase der Fortpflanzung. Moderne Gesellschaften können diese Muster kulturell, technisch und institutionell abschwächen, aber sie können sie offenbar nicht vollständig auflösen.

Warum selbst progressive Paare traditionelle Muster entwickeln

Besonders aufschlussreich ist, dass Retraditionalisierung gerade in progressiven Milieus häufig auftritt. Menschen mit akademischem Hintergrund, feministischen Überzeugungen und egalitärem Selbstverständnis landen nach der Geburt eines Kindes oft dennoch bei klassischen Arrangements, weil soziale Theorie und gelebte Wirklichkeit auseinanderfallen. Mit der Geburt entsteht ein massiver organisatorischer und emotionaler Druck. Schlafmangel, Stillen, Haushalt, Erwerbsarbeit, Betreuung, finanzielle Planung und die dauerhafte Verfügbarkeit für ein abhängiges Kind müssen gleichzeitig bewältigt werden. Unter diesem Druck greifen Menschen häufig nicht auf abstrakte Ideale zurück, sondern auf funktionale Muster.

Die Mutter übernimmt in vielen Familien den größeren Teil der Kümmernis, neudeutsch „Care-Arbeit“, weil sie stillt, körperlich stärker eingebunden ist und häufig enger an das Kind gebunden bleibt. Der Vater konzentriert sich stärker auf Einkommen, berufliche Kontinuität und äußere Stabilität. Diese Muster sind nicht bloß ideologische Relikte, sondern zeigen sich empirisch in der Arbeitszeitverteilung. Der Väterreport 2023 des Bundesfamilienministeriums dokumentiert, dass jeder zweite Vater gern die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen möchte, dies tatsächlich aber nur jedem fünften Vater gelingt. Zwischen normativem Anspruch und gelebter Realität liegt somit eine erhebliche Lücke.

Die Soziologie versucht diese Entwicklung häufig ausschließlich strukturell zu erklären, etwa mit Lohnunterschieden, Ehegattensplitting, steuerlichen Fehlanreizen, fehlenden Kinderbetreuungsangeboten oder familienpolitischen Rahmenbedingungen. Diese Faktoren spielen zweifellos eine Rolle. Die Stabilität ähnlicher Muster über Kulturen, Epochen und Milieus hinweg deutet jedoch auf tiefere Ursachen hin. Das Institut der deutschen Wirtschaft weist darauf hin, dass in Deutschland zwar mehr Mütter erwerbstätig sind als früher, aber zwei von drei Müttern in Teilzeit arbeiten; zugleich werden fehlende Betreuungsangebote als wesentlicher Faktor der Teilzeitfalle genannt. Die institutionelle Erklärung erklärt also einen Teil der Wirklichkeit, beseitigt aber nicht die anthropologische Grundspannung.

Hinzu kommt, dass die Väterbeteiligung zwar deutlich gestiegen ist, aber ebenfalls nicht zu vollständiger Symmetrie geführt hat. Nach Daten des Statistikportals bezogen in Deutschland für 46,3 Prozent der im Jahr 2022 geborenen Kinder die Väter Elterngeld; 2008 lag dieser Anteil noch bei 21,2 Prozent. Der Anstieg ist erheblich und zeigt eine tatsächliche Veränderung väterlicher Rollen. Gleichzeitig bleibt die praktische Alltagsverantwortung ungleich verteilt. Mehr Beteiligung bedeutet nicht automatisch vollständige Austauschbarkeit.

Evolutionär betrachtet ergibt die asymmetrische Rollenbildung durchaus Sinn. Frauen investieren biologisch erheblich stärker in Schwangerschaft und frühe Versorgung des Kindes. Männer orientierten sich historisch stärker an äußerer Absicherung, Ressourcengewinnung und Schutzfunktionen. Moderne Gesellschaften können diese Muster abschwächen, institutionell umlenken und individuell flexibilisieren. Sie können sie jedoch nicht einfach durch moralische Appelle oder sprachpolitische Dekonstruktion beseitigen.

Die Erschöpfung der modernen Frau

Genau diese Realität irritiert den modernen Feminismus. Die Unterschiede verschwinden trotz jahrzehntelanger Umerziehung, institutioneller Gleichstellungspolitik und kultureller Dekonstruktion nicht. Das eigentliche Drama liegt jedoch nicht darin, dass Frauen Kinder bekommen. Es liegt darin, dass die moderne Gesellschaft ihnen gleichzeitig zwei widersprüchliche Ideale auferlegt. Sie sollen sich vollständig beruflich verwirklichen und zugleich perfekte Mütter sein. Die traditionelle Gesellschaft kannte wenigstens klare Rollenerwartungen. Die moderne Gesellschaft verlangt totale Selbstoptimierung in allen Bereichen gleichzeitig.

Die Frau soll Karriere machen wie ein Mann, fürsorglich sein wie die klassische Mutter, zugleich körperlich attraktiv, emotional ausgeglichen, partnerschaftlich verfügbar, ökonomisch unabhängig und permanent selbstbestimmt bleiben. Das Ergebnis ist chronische Überforderung. Die Mutter im zitierten SZ-Kontext beschreibt ihr Leben als Mischung aus „Bore-out und Burn-out“. Diese Formulierung trifft den psychologischen Kern der spätmodernen Familienkrise: Mutterschaft wird zugleich entwertet und überhöht. Einerseits zählt Sorgearbeit ökonomisch wenig; andererseits wird von Müttern totale Hingabe erwartet.

Auch die Zeitverwendungsdaten des Statistischen Bundesamtes zeigen diese Asymmetrie. Frauen in Deutschland leisteten 2022 pro Woche durchschnittlich rund neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Der Gender Care Gap lag nach korrigierter Destatis-Angabe bei 44,3 Prozent. Frauen verbrachten knapp 30 Stunden pro Woche mit unbezahlter Arbeit, Männer knapp 21 Stunden. Gleichzeitig arbeiteten Frauen unter Einrechnung bezahlter und unbezahlter Arbeit insgesamt knapp 1,5 Stunden pro Woche mehr als Männer. Diese Zahlen widerlegen die Vorstellung, Mutterschaft sei bloß ein ideologisches Konstrukt oder eine frei disponierbare Rollenoption. Sie zeigen eine reale Belastungsstruktur, die sich aus Erwerbsarbeit, Hausarbeit, Kinderbetreuung, emotionaler Verantwortung und sozialer Erwartung zusammensetzt.

Hinzu kommt die soziale Isolation der modernen Kernfamilie. Großfamilien, stabile Nachbarschaften und generationsübergreifende Unterstützungssysteme verlieren an Bedeutung. Eltern stehen unter einem Druck, den frühere Gesellschaften stärker kollektiv abgefedert haben. Die Folge ist eine paradoxe Situation: Noch nie waren Menschen materiell so abgesichert, und gleichzeitig sind sie emotional vom Familienleben so erschöpft. Die moderne Gesellschaft hat die Familie privatisiert, die Mutterrolle moralisch aufgeladen und die ökonomische Bedeutung von Sorgearbeit systematisch unterschätzt.

Der Irrtum der völligen Gleichheit

Das Kernproblem liegt in der Verwechslung von Gleichwertigkeit und Gleichartigkeit. Männer und Frauen besitzen die gleiche Würde. Daraus folgt jedoch nicht, dass sie identische Neigungen, Prioritäten, körperliche Voraussetzungen oder Verhaltensmuster haben. Die liberale Moderne konnte diese Spannung lange verdrängen, weil Wohlstand, Konsum, Individualisierung und technische Entlastung viele traditionelle Bindungen überdeckten. In der Familie kehrt die anthropologische Realität jedoch zurück. Dort zeigt sich, dass Menschen keine vollständig formbaren Wesen sind.

Das bedeutet nicht, alte Rollenbilder dogmatisch zu restaurieren. Es bedeutet, biologische und psychologische Unterschiede ernst zu nehmen, statt sie moralisch wegzudefinieren. Gerade darin liegt die intellektuelle Schwäche eines radikalen Gleichheitsfeminismus. Er interpretiert jede statistische Differenz sofort als Ausdruck von Unterdrückung. Damit wird aus Unterschied automatisch Ungleichheit, aus Ungleichheit automatisch Ungerechtigkeit und aus Ungerechtigkeit automatisch ein politischer Auftrag zur realitätsverzerrenden Überwindung. Dieser propagandistische Kurzschluss prägt nicht nur feministische, sondern übergreifend linke Denkformen. Der Trick ist simpel, aber wirksam: Jede Differenz wird skandalisiert, jede Asymmetrie moralisiert, jede natürliche oder funktionale Ordnung als Herrschaftsverhältnis denunziert.

Dass Menschen unterschiedliche Prioritäten haben könnten, erscheint innerhalb dieses Denkens fast unmöglich. Vielleicht wollen viele Frauen tatsächlich mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Vielleicht erleben viele Männer Verantwortung über Arbeit, Einkommen und äußere Absicherung stärker identitätsstiftend. Vielleicht entstehen bestimmte Muster nicht nur durch Zwang, sondern auch durch Dispositionen. Allein diese Möglichkeit gilt heute bereits als verdächtig.

Die arbeitsmarktökonomische Forschung zeigt gleichwohl, dass Kinder langfristig erhebliche geschlechtsspezifische Erwerbseffekte auslösen. Henrik Kleven, Camille Landais und Jakob Egholt Søgaard fanden für Dänemark, dass die Geburt von Kindern eine langfristige geschlechtsspezifische Einkommenslücke von rund 20 Prozent erzeugt, die durch Arbeitsstunden, Erwerbsbeteiligung und Lohnsätze getrieben wird. ZEW-Forschung zu Deutschland zeigt, dass konventionelle Methoden die Einkommensverluste nach der Geburt eines Kindes unterschätzen können; eine neuere Schätzung auf Basis deutscher administrativer Daten kommt zu deutlich höheren postnatalen Einkommensverlusten als der konventionelle Ansatz. Diese Befunde belegen die reale ökonomische Wirkung von Mutterschaft. Sie beweisen aber nicht, dass jede Differenz ausschließlich Unterdrückung ist. Sie zeigen vielmehr, dass Elternschaft ein massiver biografischer, ökonomischer und anthropologischer Einschnitt ist.

Das Kind als letzte Realität

Das Kind ist der „Endgegner“ moderner Gleichheitsutopien, weil es den Menschen auf seine Grundbedingungen zurückwirft. Plötzlich zählen nicht mehr nur Selbstentwürfe, Karrierepläne, Identitätsdiskurse oder politische Wunschbilder, sondern Bindung, Verantwortung, Körperlichkeit, Schlaf, Zeit und Opfer. Elternschaft konfrontiert Menschen mit Endlichkeit und Abhängigkeit, also mit genau jenen Erfahrungen, die die spätmoderne Kultur möglichst ausblenden möchte.

Deshalb reagieren viele Ideologien so aggressiv auf Familie und Mutterschaft. Familie und Mutterschaft erinnern daran, dass der Mensch kein völlig autonomes Individuum ist, sondern ein leibliches, soziales und generationell eingebettetes Wesen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, wie Biologie vollständig besiegt werden kann. Die eigentliche Frage lautet, wie eine Gesellschaft aussehen müsste, die biologische Realität anerkennt, ohne in starre Rollenzwänge zurückzufallen.

Eine ehrlichere Debatte müsste damit beginnen, Unterschiede nicht reflexhaft zu pathologisieren. Freiheit bedeutet nicht, die menschliche Natur abzuschaffen. Freiheit bedeutet, innerhalb realer anthropologischer Bedingungen verantwortliche Lebensformen zu entwickeln. Die Gleichheitsutopie scheitert nicht an mangelnder Moral. Sie scheitert daran, dass Menschen keine abstrakten Wesen sind. Jedes Neugeborene erinnert daran.

Quellen & Literatur

[0] Hartung, T. (2026). Kinderkriegen als „Endgegner der Gleichberechtigung“. Bereitgestellter Ausgangstext, 14. Mai 2026.

[1] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026). Eltern, die Teilzeit arbeiten. Mikrozensus 2024. URL: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/eltern-teilzeitarbeit.html

[2] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2024). KORREKTUR: Gender Care Gap 2022: Frauen leisten 44,3 % mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Zeitverwendungserhebung 2022. URL: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/02/PD24_073_63991.html

[3] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2023). Väterreport 2023. Entwicklungen und Daten zur Vielfalt der Väter in Deutschland. URL: https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/vaeterreport-2023-230376

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[5] Geis-Thöne, W. (2025). Muttertag: Warum Mütter in Deutschland immer noch in der Teilzeitfalle stecken. Institut der deutschen Wirtschaft Köln. URL: https://www.iwkoeln.de

[6] Beauvoir, S. de (1949). Le Deuxième Sexe. Paris: Gallimard. Deutsche Ausgabe: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek: Rowohlt.

[7] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (2019). Zur Ethik bei Simone de Beauvoir. Aus Politik und Zeitgeschichte. URL: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/302121/zur-ethik-bei-simone-de-beauvoir-essay/

[8] Bowlby, J. (1969–1980). Attachment and Loss. Vol. 1–3. London: Hogarth Press / Institute of Psycho-Analysis.

[9] Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E. und Wall, S. (1978). Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation. Hillsdale, NJ: Erlbaum.

[10] Trivers, R. L. (1972). Parental Investment and Sexual Selection. In: Campbell, B. (Hrsg.). Sexual Selection and the Descent of Man, 1871–1971. Chicago: Aldine, S. 136–179.

[11] Kleven, H., Landais, C. und Søgaard, J. E. (2019). Children and Gender Inequality: Evidence from Denmark. American Economic Journal: Applied Economics, 11(4), S. 181–209. DOI: 10.1257/app.20180010. URL: https://www.aeaweb.org/articles?id=10.1257/app.20180010

[12] Kleven, H., Landais, C. und Søgaard, J. E. (2018). Children and Gender Inequality: Evidence from Denmark. NBER Working Paper No. 24219. National Bureau of Economic Research. URL: https://www.nber.org/papers/w24219

[13] Melentyeva, V. und Riedel, L. (2025). Child Penalty Estimation and Mothers’ Age at First Birth. ZEW Discussion Paper Nr. 25-033. Mannheim: ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. URL: https://www.zew.de/publikationen/child-penalty-estimation-and-mothers-age-at-first-birth-2

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