Kritik an der neoklassischen Ökonomik: Grundlagen einer relevanten Alternativtheorie

~ Zur Diskussion gestellt. ~

_ Konstantin Schink, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 05.04.2025.*

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Die neoklassische Ökonomik basiert auf einem unrealistischen Gleichgewichtsmodell, das Märkte als sich selbst regulierend und perfekt informierte, risiko- und gewinnfreie Akteure annimmt – diese Grundannahmen ignorieren zentrale reale ökonomische Prozesse wie Unsicherheit, Risiko und dynamische Marktbewegungen und machen die Theorie für die praktische Wirtschaftspolitik weitgehend irrelevant.

  • Ohne ein festes Preisniveau können zentrale Größen wie Reallöhne oder Realzinsen im neoklassischen Rahmen nicht sinnvoll bestimmt werden, weil das Preisniveau erst nach allen Anpassungsprozessen existiert – was die interne Konsistenz des Modells infrage stellt und zeigt, dass echte Marktbewegungen nicht im „allgemeinen Gleichgewicht“ stattfinden.

  • Dynamik, Innovation und unternehmerische Veränderung sind ökonomisch zentral, aber in der Neoklassik vernachlässigt, wie Joseph Schumpeter bereits hervorhob: Gewinne entstehen durch Produktivitätssteigerungen und Wettbewerb, nicht durch statische Ausgleichszustände – reale Wirtschaft zeigt Arbeitslosigkeit, Unternehmenssterben und Marktverschiebungen statt permanenter Balance.

  • Keynesianische Erkenntnisse über Sparen und Investieren widerlegen neoklassische Annahmen: Sparen führt nicht automatisch zu sinkenden Zinsen und mehr Investitionen; tatsächlich reduziert steigendes Sparen Gewinne und Investitionen und kann so Nachfrageschocks auslösen – was konjunkturelle Zyklen logisch erklärt.

  • Realwirtschaftliche Phänomene wie Arbeitsmarktreaktionen widersprechen neoklassischen Vorhersagen: Lohnsenkungen (z. B. um 20–25 %) führen nicht zu höherer Beschäftigung, sondern zu Nachfragerückgang und wirtschaftlicher Schwäche; Unternehmer investieren in Produktivitätsverbesserung statt in weniger produktive Arbeitskräfte.

  • Alternativen, wie eine theoriegeleitete Lohnpolitik nach der Goldenen Lohnregel, zeigen, dass Stabilität von Beschäftigung, Preisen und Wachstum möglich ist, wenn Nominallöhne im Einklang mit Produktivitätswachstum plus Zielinflation steigen; dies widerspricht dem dogmatischen Zusammenhang von Vollbeschäftigung und Inflation in neoklassischen Modellen.

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Die neoklassische Ökonomik, die in den 1870er Jahren aus der Verbindung klassischer Ökonomie und Marginalismus hervorging, ist in der Praxis weitgehend irrelevant, da sie die reale Dynamik wirtschaftlicher Prozesse systematisch ignoriert.

Léon Walras spielte dabei eine zentrale Rolle, indem er als Erster ein umfassendes Gleichgewichtssystem für alle Märkte entwickelte. Dieses Modell strebt ein allgemeines Gleichgewicht an, in dem Preise nach ökonomischen Schocks alle Märkte automatisch wieder ins Gleichgewicht bringen sollen.

Walras’ System, formal in einem umfangreichen Gleichungssystem dargestellt, beschreibt den vollkommenen Markt – das Standardmodell in der volkswirtschaftlichen Ausbildung. Es basiert auf unrealistischen Annahmen wie Gewinnfreiheit, Ausschluss von Risiko und vollständiger Information über die gesamte Zukunft. Diese Hypothesen eliminieren reale Probleme wie Unsicherheit und Risiko. Neoklassiker rechtfertigen dies damit, dass der Kern der Wahrheit dennoch getroffen werde – genau hierin liegt jedoch ein fundamentaler Fehler.

Das walrasianische System ist inkonsistent: Weder Reallöhne noch Realzinsen können gebildet werden. Reallöhne ergeben sich erst durch Abzug der Inflation vom Nominallohn, doch das Preisniveau existiert erst am Ende der Anpassungsprozesse. Ohne ein bekanntes Preisniveau kann der Arbeitsmarkt kein Gleichgewicht erreichen; dasselbe gilt für Zinsen.

In der Realität existiert kein allgemeines Gleichgewicht, da Märkte ständig aus dem Gleichgewicht gerissen werden. Entscheidend ist nicht der bloße Tausch bestehender Güter, sondern Bewegung, Innovation und Neuschöpfung.

Alle modernen Modelle von Zentralbanken, IWF und OECD basieren auf Gleichgewichtsmodellen, einschließlich stochastischer Varianten. Trotz der Einbeziehung von Dynamik und Schocks bleiben diese Modelle unrealistisch und für die Praxis weitgehend irrelevant.

Die Rolle Joseph Schumpeters und die Dynamik der Wirtschaft

Joseph Schumpeter brachte Bewegung in das ökonomische System, indem er Unternehmer als treibende Innovatoren hervorhob. Durch Produktivitätssteigerungen – etwa durch Halbierung des Ressourceneinsatzes – erzielen sie Gewinne und stören bestehende Gleichgewichte.

Bei Schumpeter entstehen Gewinne vor allem durch sinkende Lohnstückkosten, wenn die Löhne stabil bleiben und die Produktivität steigt. Preissenkungen erweitern Marktanteile, während Konkurrenten vom Markt verdrängt werden. Dieses Szenario spiegelt die reale Wirtschaft wider, mit Arbeitslosigkeit, Unternehmenspleiten und dynamischem Wettbewerb – im Gegensatz zu einem theoretischen, gewinnlosen Gleichgewicht.

Schumpeters Ideen wurden abgelehnt, weil sie die elegante Klarheit des walrasianischen Gleichgewichtssystems infrage stellten. Schumpeter selbst zeigte sich enttäuscht darüber, dass seine Theorie im frühen 20. Jahrhundert kaum Beachtung fand.

In Deutschland verdrängte die Neoklassik Anfang des 20. Jahrhunderts die Historische Schule, die weitgehend theorielos blieb und keinen gesamtwirtschaftlichen Überbau bot. Die mathematische Eleganz der Neoklassik setzte sich schließlich durch.

Die keynesianische Revolution und das Sparparadoxon

John Maynard Keynes revolutionierte die Ökonomik mit der Einsicht, dass Sparen nicht automatisch zu mehr Investitionen führt. Die Gleichung I = S gilt lediglich ex post für die Vergangenheit, nicht ex ante.

Mehr Sparen – etwa 10 % des Einkommens auf der Bank – reduziert sofort die Unternehmensgewinne, da diese aus dem laufenden Einkommen stammen und nicht automatisch als Kredit zurückfließen. Dies löst einen Nachfrageschock aus.

Die Neoklassik unterstellt, dass höhere Sparquoten die Zinsen senken und dadurch Investitionen anregen. In der Realität führt jedoch der Gewinnrückgang durch Sparen meist zu geringeren Investitionen. Kalecki und Lautenbach zeigten formal, dass Sparen Gewinne mindert. Heute müssen Staaten, sofern Unternehmen keine ausreichende Verschuldung aufnehmen, selbst Defizite finanzieren, um das System stabil zu halten.

Konjunkturzyklen entstehen systematisch: Mehr Sparen senkt die Gewinne, verringert Investitionen, verursacht Entlassungen und führt zu weiter sinkender Nachfrage. Umgekehrt steigern höhere Ausgaben die Nachfrage, fördern Investitionen und Beschäftigung, bis Vollbeschäftigung erreicht ist.

Vollbeschäftigung muss nicht zwangsläufig zu hoher Inflation führen. Entscheidend ist vielmehr die Goldene Lohnregel: Nominallöhne sollen im Gleichschritt mit dem Produktivitätswachstum plus der Zielinflationsrate steigen. Werden die Löhne nach dieser Regel angepasst, bleiben die Lohnstückkosten – definiert als Quotient aus Lohnkosten und Arbeitsproduktivität – stabil. Da die Lohnstückkosten den zentralen Kosten- und Preistreiber in modernen Volkswirtschaften darstellen, wirkt eine solche Lohnpolitik inflationsstabilisierend. Auf diese Weise lassen sich Vollbeschäftigung, Preisstabilität und nachhaltiges Wachstum miteinander vereinbaren.

Die USA erreichen seit 3–4 Jahren nach der Corona-Pandemie Vollbeschäftigung bei moderater Inflation, hoher Investitionstätigkeit, Produktivitätsgewinnen und steigenden Reallöhnen – eine echte Win-Win-Situation.

Inflation entsteht nicht zwangsläufig bei Vollbeschäftigung, sondern durch externe Schocks – wie in den 1970er Jahren oder 2023 – oder durch unvernünftige Lohnpolitik. Deutsche Gewerkschaften haben über 50 Jahre gelernt, verantwortungsvoll zu handeln. Aktuelle Lohnsteigerungen von rund 2 % pro Jahr sind daher völlig unproblematisch. Vollbeschäftigung führt nicht automatisch zu Inflation, sondern erfordert kompetente Politiker, die ökonomische Zusammenhänge erklären und rationale Tarifabschlüsse fördern, um langfristige Stabilität zu sichern.

Kritik am neoklassischen Arbeitsmarktmodell

Der Arbeitsmarkt ist kein Markt im neoklassischen Sinn. Sinkende Reallöhne – etwa um 20–25 %, wie sie politisch verordnet in Griechenland umgesetzt wurden – führen nicht zu höherer Beschäftigung, sondern reduzieren die Nachfrage in etwa gleichem Ausmaß und bringen Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten.

Nach neoklassischer Logik würden Unternehmen bei Lohnsenkungen – zum Beispiel von 15 € auf 10 € pro Stunde – sofort Kapital abbauen, die Produktivität senken und arbeitsintensiver produzieren, um 20 % mehr Beschäftigte einzustellen. In der Realität geschieht dies jedoch nie.

Tatsächlich führt eine Lohnsenkung von 25 % zu einem massiven Nachfragerückgang, Maschinen bleiben ungenutzt, und Unternehmen suchen Wege aus der Krise, ohne die Produktivität freiwillig zu reduzieren. Ein Rückbau würde Jahre dauern und ist für Unternehmer uninteressant.

Schumpeter erklärt dies: Unternehmer streben immer nach Fortschritt, niemals Rückschritt. Technologische Verbesserungen werden nicht aufgegeben, Lohnsignale werden oft nur teilweise interpretiert, und eine Reduktion der Produktion ist riskant, da sonst Konkurrenten Marktanteile gewinnen und Insolvenzen drohen.

Unternehmen verlagern ihre produktivsten Produktionsstufen in Niedriglohnländer wie China. Dort errichten sie keine primitiven, arbeitsintensiven Fabriken, sondern nutzen ein hohes Produktivitätsniveau bei gleichzeitig niedrigen Löhnen – etwa 20 % des deutschen Niveaus. So lassen sich die Lohnstückkosten um rund 80 % senken, was entweder deutlich höhere Gewinne oder aggressive Marktanteilsgewinne ermöglicht.

Der zentrale Denkfehler der Neoklassik liegt in der Annahme einer beliebigen Substituierbarkeit von Arbeit und Kapital, wie sie etwa im Heckscher-Ohlin-Modell unterstellt wird. Demnach sollten niedrige Löhne in China zu arbeitsintensiver Produktion führen, während in Deutschland kapitalintensiv produziert werde. In der Realität maximieren Unternehmen jedoch stets die Produktivität – unabhängig vom Lohnniveau.

Historische Entwicklung und Aufstieg des Monetarismus

Von den 1950er Jahren bis 1973 war die Wirtschaftspolitik im Westen – insbesondere in den USA und Westeuropa – klar keynesianisch geprägt. An den Universitäten gab es zwar Unterschiede, doch in Deutschland wurde Keynes nie wirklich rezipiert und frühzeitig als bloße Krisentheorie missverstanden und abgetan.

Das sogenannte Wirtschaftswunder war kein deutsches Sonderphänomen, sondern Teil eines globalen Aufschwungs im Rahmen des Bretton-Woods-Systems. Keynes selbst war dessen zentraler Architekt; das System trug über rund 30 Jahre zu weltweitem Wachstum bei. Ludwig Erhard hatte daran faktisch keinen Anteil. Deutschland verabschiedete sich dennoch früh vom Keynesianismus und wandte sich der Ordnungs- bzw. Freiburger Schule zu – einer neoklassischen Denktradition, allerdings ohne tiefgehende theoretische Auseinandersetzung.

In Deutschland ignorierte man grundlegende gesamtwirtschaftliche Fragestellungen und setzte stattdessen einseitig auf „Rahmenbedingungen“ und Marktmechanismen. Nach dem Zusammenbruch von Bretton Woods in den 1970er Jahren setzte sich der Monetarismus nach Milton Friedman durch. Dessen Kernaussage: Die Geldmenge steuere die Inflation – eine vereinfachende, seit Jahrhunderten bekannte Vorstellung, formalisiert in der Quantitätsgleichung MV = PY.

Mit dem Übergang zu flexiblen Wechselkursen musste die Bundesbank aktiv Geldpolitik betreiben und klammerte sich dabei an monetaristische Konzepte. Rund 90 % der geldpolitischen Debatten der 1970er und 1980er Jahre kreisten um Geldmengenaggregate wie M1 oder M3 – ein letztlich irrelevanter Fokus.

Die monetaristische Annahme einer konstanten Umlaufgeschwindigkeit ist empirisch nicht haltbar. Fünfzig Jahre Praxis zeigen starke, chaotische Schwankungen. Keine Zentralbank hat jemals erfolgreich das Geldangebot gesteuert, da eine fixe Geldmenge extreme Zinsschwankungen erzwingen würde – theoretisch von 0 auf 20 % und zurück, teils mehrmals täglich.

Friedmans eigentliche Stärke lag im Verkauf seiner Ideen: Ein regelgebundenes Geldmengenwachstum von etwa 5 % sollte Zinsen dem Markt überlassen und Zentralbanken politisch unabhängig machen. In der Realität steuern Zentralbanken jedoch stets die Zinsen und passen das Geldangebot entsprechend an – niemals umgekehrt.

Über mehr als 30 Jahre wurde der Eindruck erweckt, der Monetarismus funktioniere. Die EZB übernahm 1999 von der Bundesbank den sogenannten „zweiten Pfeiler“ der Geldmengenorientierung, nimmt ihn faktisch jedoch nicht ernst. Deutschland bleibt damit ein trauriger Sonderfall: weitgehend unfähig zu konsistentem gesamtwirtschaftlichem Denken.

Die EU-Kommission war bis Ende der 1970er Jahre – ähnlich wie die OECD – fortschrittlich keynesianisch ausgerichtet. Unter maßgeblichem Einfluss deutscher Akteure wie Hans Tietmeyer wurde sie jedoch in Richtung Neoklassik und Ordnungspolitik gedrängt. Die USA hingegen ignorieren IWF-Dogmen weitgehend und betreiben eine pragmatische Geldpolitik, die sich an Beschäftigung und Preisstabilität orientiert.

Der Monetarismus ist tot und empirisch widerlegt, doch an Universitäten wird keine alternative Theorie vermittelt. Geldpolitik folgt keiner einfachen Regel, sondern ist eine pragmatische Kunst: sie erfordert sorgfältige Beobachtung der Wirtschaft, Dialog mit Gewerkschaften und fundierte, erfahrungsbasierte Entscheidungen frei von Dogmen.

Konzepte wie der neutrale Zins (r*) sind theoretisch, aber praktisch nicht berechenbar. Erfolgreiche Geldpolitik setzt 20–30 Jahre Erfahrung, Ruhe und Urteilsvermögen voraus; akademische Modelle hingegen versagen in der Realität regelmäßig.

Die Lucas-Kritik mit rationalen, modellkonsistenten Erwartungen führte zur Rückkehr neoklassischer Modelle: Bürger sollen dabei ein theoretisches Modell perfekt kennen und hypothetische Steuererhöhungen von 10 % oder Inflationsraten von 2 % über zehn Jahre antizipieren – ein theoretischer Unsinn, für den Lucas den Nobelpreis (formal eigentlich Preis der Schwedischen Reichsbank) erhielt.

Dieser ideologische Wettstreit begünstigt Marktgläubige; 99,9 % der Preisträger sind irrelevant, das Komitee konservativ, und der Preis kein echter Nobelpreis.

Das neoklassische Arbeitsmarktmodell bleibt trotz empirischer Widerlegung Standard, etwa beim Rat der Wirtschaftsweisen oder in der EU-Kommission. Die angeblich rationalen Erwartungen wischten die Kritik von Keynes und Schumpeter beiseite. Selbst nach der Griechenland- und Eurokrise – Löhne sanken um 30 %, die Arbeitslosigkeit stieg dennoch um 30 % – zog lediglich der IWF leichte Lehren, während Europa die Erkenntnisse ignorierte.

In den letzten 10–15 Jahren ist die EU-Kommission zunehmend antiintellektuell geworden: Diskussionen fehlen, Kommissare wirken schwach, Generaldirektoren bleiben weitgehend unbekannt. Früher existierten offene, kritische universitäre Zirkel; heute dominieren geschlossene Strukturen ohne echte intellektuelle Auseinandersetzung.

Leistungsbilanzungleichgewichte und Merkantilismus

Die Eurozone – insbesondere Deutschland – erzielt enorme Leistungsbilanzüberschüsse, begünstigt durch einen schwachen Euro, geringes Wachstum und einen geschwächten Binnenmarkt. Diese Überschüsse werden weitgehend ignoriert, obwohl sie gegen globale Handelsregeln, EU-Vorgaben und das deutsche Stabilitätsgesetz verstoßen. Handelspartner, wie die USA unter Trump, reagieren verständlicherweise verärgert.

In Deutschland herrscht ein Schweigekartell: Kritik an den Überschüssen führt zum Ausschluss aus öffentlichen Diskursen, etwa im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Etwa 90 % der Ökonomen schweigen, und die Medien berichten kaum über die deutschen Überschüsse. Trump traf mit seiner Kritik den Kern: Lohndruck in Deutschland – Löhne unter der Produktivität – erzeugt die Überschüsse. Die USA haben seit 30 Jahren ein Defizit von über 1.000 Milliarden Dollar (rund 4 % des BIP). Anfang der 1980er Jahre wurde Deutschland für ein kleines Defizit kritisiert; heute zeigt sich eklatante Doppelmoral.

Effektiver als Strafzölle wäre eine Dollarabwertung um 20–30 % durch koordinierte Interventionen. Zölle sind zwar ungeschickt, aber grundsätzlich korrekt: Kein Land kann dauerhaft globale Defizite tragen, während andere – wie Deutschland als größter Merkantilist – Überschüsse anhäufen.

Historisch war Merkantilismus – Überschüsse als Erfolg – im 17. Jahrhundert unter dem Goldstandard nachvollziehbar; Adam Smith und David Ricardo überwanden dieses System. Heute ist es primitiv, da nicht alle Länder gleichzeitig Überschüsse erzielen können. Dauerhafte Ungleichgewichte führen zu Wirtschaftskriegen und im Extremfall zu realen Konflikten.

Kooperative Lösungen sind unerlässlich: Verhandlungen in der WTO statt automatische Maßnahmen. Freihandel ist nicht per se gut, sondern muss mühsam ausgehandelt werden – wie in den 1980er Jahren. Drohungen, wie sie etwa von Habeck geäußert werden, sind kontraproduktiv. Die EU sollte aktiv nach Washington fahren, ihre Überschüsse abbauen und einen klaren Pfad vereinbaren. Gegenzölle sind wenig sinnvoll, da Überschussländer am stärksten unter ihnen leiden.

Auch die inneren Eurozonen-Ungleichgewichte müssen adressiert werden: unterschiedliche Lohnstückkosten und Staatsschulden. Staatsschulden sind notwendig, eine starre 60%-Grenze und die Schuldenbremse sind unvernünftig – Italien ist ein Beispiel, das durch rigoroses Sparen in den 1980er/90er Jahren hoch verschuldet wurde.

Ernsthafte Diskussionen in Brüssel mit kompetenten Akteuren sind erforderlich, ähnlich wie bei der Migrationspolitik. Der Maastricht-Vertrag, vor allem unter deutscher Prägung, war grundlegend fehlerhaft. Fiskal- und Geldpolitik – auch mit Blick auf Beschäftigung – muss offen diskutiert werden, wie in den USA.

Der Beitritt Bulgariens erfolgte, ohne die 20%-Lohnsteigerungen und die wachsenden Unterschiede in Osteuropa zu thematisieren. Diese Fragen werden weitgehend ignoriert – unverantwortlich für die Stabilität der Währungsunion.

Eine Teilung der Eurozone in Hoch- und Niedriglohnländer ist unrealistisch und ineffektiv. Besser ist ein langfristiger Ausgleich der Wettbewerbsfähigkeit, der bereits teilweise erfolgt: Deutschland holt auf. Die Eurozone projiziert ihre inneren Ungleichgewichte nun als globale Überschüsse auf die Welt – mit Trump endet dieses Spiel. Eine nachhaltige Lösung erfordert fundierte Theorie zu Fiskal-, Geld- und Lohnpolitik, nicht neoklassische Dogmen.

* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen Originaltext; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.

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