Kritische Analyse der wirtschaftlichen Lage und Prognosen für Deutschland im Kontext der Europäischen Union

_ Prof. Dr. Harald Weyel, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Berlin, 19.12.2025. *

Wirtschaftswachstum und internationale Vergleiche

Die Europäische Kommission prognostiziert in ihrer Herbstprognose 2025 ein reales BIP-Wachstum für Deutschland von 1,2 % im Jahr 2026. Dies liegt leicht unter dem EU-Durchschnitt von 1,4 % und entspricht dem Durchschnitt der Eurozone von 1,2 %. Im Vergleich zu Nicht-Euro-Ländern ergibt sich daraus ein Wachstumsrückstand von etwa 14 %, was einem Siebtel weniger Wachstum entspricht. Das ifo-Institut hat seine Prognose kürzlich auf 0,8 % für 2026 gesenkt. Prognosen für außereuropäische Länder wie die USA oder BRICS-Staaten werden in diesen Berichten nicht direkt verglichen, doch globale Nicht-EU-Wachstumsraten liegen typischerweise höher.

Das Medianvermögen privater Haushalte in Deutschland beträgt etwas unter 70.000 € und liegt damit im unteren Mittelfeld der EU. Länder wie Luxemburg, Malta und Belgien weisen deutlich höhere Werte auf. Diese Daten widerlegen die Annahme, Deutschland profitiere am meisten von der EU. Ähnlich sprechen das höhere Renteneintrittsalter und niedrigere Rentenhöhen in Deutschland sowie die höchste Abgabenbelastung im EU- und OECD-Vergleich gegen einen überproportionalen Vorteil.

Deutschland trägt als größter Nettozahler einen erheblichen Anteil an den EU-Nettozahlungen. Historisch hat Deutschland seit Beginn der EWG 1957 etwa die Hälfte aller Nettozahlungen geleistet, obwohl sein BIP nur rund ein Viertel der EU ausmacht. Bis zum Start des Binnenmarktes 1992 entsprachen die deutschen Zahlungen an die EWG/EU etwa dem Umfang der Reparationen des Versailler Vertrags. Seitdem haben sich diese Transferleistungen nicht verringert, sondern durch Rettungsmaßnahmen für andere EU- oder Euro-Staaten sowie Unterstützung für Drittstaaten wie die Ukraine weiter erhöht. Dadurch werden Teile der deutschen Exporte realwirtschaftlich transferiert, was über reine Sozialleistungen oder Staatsbürgerschaften hinausgeht.

Das prognostizierte moderate Wachstum von 1,2 % für 2026 folgt auf eine Serie schwacher oder negativer Quartale seit Herbst 2022. Im Jahr 2020 führte die Corona-Politik zu einem Rückgang von über 4 %, 2021 lag das Wachstum unter 4 %, was real ein Minus ergab. Technisch erfüllt eine Folge von zwei negativen Quartalen die Definition einer Rezession. Ob das prognostizierte Plus real ist oder durch Inflation verfälscht wird, bleibt fraglich. Berücksichtigt man Fehlinvestitionen wie in der Energiewende oder das Wachstum des Staatssektors, könnte das reale Wachstum seit längerem zweistellig negativ sein. Dies unabhängig von der jeweiligen Regierungskoalition.

Politische und strukturelle Defizite

Die Politik auf allen Ebenen erschwert ein nachhaltiges Wachstum. Die Zerstörung der Nord-Stream-Pipelines ohne angemessene Reaktion stellt einen Verlust einer zentralen energiepolitischen Infrastruktur dar und widerspricht einer interessenorientierten Politik.

Stattdessen werden Investitionen in ideologisch motivierte staatliche Programme gelenkt, die Industrie subventioniert und Bürger zu Maßnahmen gezwungen, die weder ökologisch noch ökonomisch überzeugen. Beispiele sind die Verschrottung funktionsfähiger Fahrzeuge und Heizungen zugunsten elektrischer Alternativen sowie strenge Bauvorschriften. Gleichzeitig wächst der Verwaltungsapparat mit zugehörigen NGOs auf Kosten produktiver Sektoren, die effizienzsteigernden technischen Fortschritt auf marktorientierter Basis betreiben. Seit den 1990er Jahren zwingt eine zunehmend irrationale Politik zu Investitionen in eine expansive Staatswirtschaft, was nun beschleunigt eskaliert. Dies betrifft Innen-, Außen-, Wirtschafts-, Sozial-, Fiskal- und Militärpolitik.

Den traditionellen politischen Ansätzen nach dem Kalten Krieg ist zu misstrauen, da sie durch Misserfolge in Konflikten wie Balkan, Klima, Euro-Rettung, Afghanistan, Irak, Libyen, Ukraine und Syrien diskreditiert sind. Dennoch drängen EU-Staaten, maßgeblich unter französischer und britischer Einflussnahme, in eine Linie US-amerikanischen Aktionismus‘ seit der Bush-Ära. Dies belastet insbesondere den deutschen Nettozahler.

Vor diesem Hintergrund erscheinen neue Initiativen wie digitale Zentralbankwährungen, Rüstungskooperationen oder Klimapolitiken als Fortsetzung bekannter Fehlentwicklungen. Anti-demokratische Restriktionen von Kritik in der EU und darüber hinaus, insbesondere in Frankreich und dem Vereinigten Königreich, verstärken dies. Die USA bleiben paradoxerweise potenzieller Hoffnungsträger für eine Korrektur, trotz ihrer Rolle als Ursprung vieler Probleme seit 1914–1918.

Die Finanz- und Währungspolitik hat durch Rettungsschirme ab 2009/2010 (EFSF, EFSM, ESM) und EZB-Anleihenkäufe ab 2015 (APP, PSPP etc.) zu einer Vervielfachung der Geldmenge geführt. Der EZB-Anleihenbestand belief sich im Oktober 2025 auf rund 6.000 Milliarden € mit Restlaufzeiten von etwa sieben Jahren. Das deutsche Gesamtvermögen inklusive Wertpapiere lag 2025 bei über 9.200 Milliarden €, das Sachvermögen bei über 12.500 Milliarden €. Dies macht Deutschland attraktiv für weitere Transferansprüche.

EU-Schuldenrahmen werden regelmäßig erweitert, Verwendungsbindungen und Schuldenbremsen umgangen. Der EU-Haushalt hat sich verdoppelt, ohne Rückkehr zu früherer Normalität in Sicht. Empirisch ist nicht zu erwarten, dass diese Mittel höheren Nutzen stiften als in der Vergangenheit; das Gegenteil ist wahrscheinlicher.

Bei Griechenland-Rettungen verzichteten Euro-Länder unter deutscher Führung auf Zinsen und verlängerten Rückzahlungen bis 2041, im Kontrast zu IWF und Nicht-Euro-Ländern. Seit 2010 flossen 429,6 Milliarden €, von denen nur etwa 10 % zurückgezahlt wurden. Aktuell belaufen sich ausstehende EFSF/ESM-Kredite auf rund 247 Milliarden €.

Notwendigkeit eines Systemwandels

Unabhängig von gerichtlichen Formalien drohen weitere Belastungen wie ein digitaler EZB-Euro (CBDC), der weltweit vorangetrieben wird. Notwendig ist ein sozio-ökonomischer Wandel hin zu Regionalwährungen, dezentralen Tauschsystemen und Entkopplung von zentralen Strukturen, die primär Abschöpfung und zweckfremde Verwendung dienen, bis hin zu militärischen Eskalationen.

Internationale Institutionen nach 1945 (BIZ, IWF, Weltbank, Marshallplan) unterstützten zunächst den Wiederaufbau, wurden aber zunehmend politisiert und für andere Zwecke missbraucht, was zu Enteignung und Entmündigung in Geber- und Nehmerländern führte. Seit den 1990er Jahren dienen sie Agenden wie Gender, Klima und Migration auf Kosten Dritter. Entwicklungshilfe hat seit langem mehr Schaden als Nutzen gestiftet, analog zur EU-Subventionierung.

Diese Strukturen müssen beendet werden zugunsten einer neuen Aufklärung, echter Wertschöpfung und Reduzierung von Staatsmacht. Kryptowährungen, Edelmetalle und Rohstoffe können hilfreich sein, nicht jedoch staatliches elektronisches Geld. Generationsübergreifend gilt es, sich von diesem System zu emanzipieren.

Literatur

  1. Busch B. et al. (2025). EU-Haushalt und Mitgliedstaaten. Wer ist Nettozahler, wer Nettoempfänger? IW-Report, Nr. 62, Köln.
  2. European Commission (2025). Autumn 2025 Economic Forecast. https://economy-finance.ec.europa.eu/economic-forecast-and-surveys/economic-forecasts/autumn-2025-economic-forecast_en
  3. ifo Institut (2025). Konjunkturprognose Winter 2025. https://www.ifo.de/pressemitteilung/2025-12-11/ifo-institut-sieht-wachstum-2026
  4. OECD (2024). Revenue Statistics 2024: Germany. https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/topics/policy-sub-issues/global-tax-revenues/revenue-statistics-germany.pdf
  5. Deutsche Bundesbank (2025). Vermögen und Finanzen privater Haushalte in Deutschland: Ergebnisse der Vermögensbefragung 2023. https://publikationen.bundesbank.de/publikationen-de/berichte-studien/monatsberichte/vermoegen-und-finanzen-privater-haushalte-in-deutschland-ergebnisse-der-vermoegensbefragung-2023–954598
  6. European Stability Mechanism (2025). Assistance to Greece. https://www.esm.europa.eu/assistance/greece
  7. Deutsche Bundesbank (2025). Geldvermögensbildung und Außenfinanzierung im ersten Quartal 2025. https://www.bundesbank.de/de/presse/pressenotizen/geldvermoegensbildung-und-aussenfinanzierung-in-deutschland-im-ersten-quartal-2025-945294
  8. Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025). Bruttoinlandsprodukt: Detaillierte Ergebnisse zur Wirtschaftsleistung. https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Volkswirtschaftliche-Gesamtrechnungen-Inlandsprodukt/_inhalt.html
  9. OECD (2025). Economic Outlook, Volume 2025 Issue 2. https://www.oecd.org/en/publications/oecd-economic-outlook-volume-2024-issue-2_d8814e8b-en.html
  10. Kotlyarova, L. (2025). Neue UBS-Studie: „Typischer“ Deutscher weltweit nur auf Platz 28 beim Vermögen. URL: https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/neue-ubs-studie-typischer-deutscher-weltweit-nur-auf-platz-28-beim-vermoegen-li.2348767

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