Mileis Reformpolitik als ordnungspolitische Lektion

_ Prof. Dr. Philipp Bagus, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Berlin, 24.06.2026.*

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Argentinien stand Ende 2023 vor einer akuten Hyperinflationsgefahr: Die Verbraucherpreise stiegen im Dezember 2023 um 25,5 Prozent im Monat, die Großhandelspreise um 54,0 Prozent; Mileis entscheidender erster Erfolg bestand darin, diese Dynamik durch fiskalische Konsolidierung und monetäre Disziplin zu brechen.
  • Die Sanierung gelang nicht durch höhere Steuern, sondern durch drastische Ausgabenkürzungen: Ministerien wurden von 18 auf 9 reduziert, mehr als 200 staatliche Einheiten geschlossen und über 62.000 beziehungsweise rund 63.000 öffentliche Stellen abgebaut; dies zeigt, dass Defizitabbau ordnungspolitisch sinnvoll nur über die Begrenzung des Staates erfolgen kann.
  • Die keynesianische Warnung vor einer dauerhaften Abwärtsspirale bestätigte sich nicht: Nach der Anpassungsrezession wuchs die wirtschaftliche Aktivität 2025 um 4,4 Prozent, im März 2026 lag sie 5,5 Prozent über dem Vorjahr, und der IWF erwartete für 2026 ein Wachstum von 3,5 Prozent.
  • Deregulierung ist ein zentrales Wohlstandsinstrument: Die Abschaffung der Mietpreisregulierung, die Öffnung des Luftverkehrs, die Senkung von Importabgaben und der Abbau protektionistischer Strukturen erhöhten Wettbewerb, Angebot und Kostendruck; regulierte Bereiche tragen häufig versteckte Kosten, die Verbraucher und produktive Unternehmen belasten.
  • Die Armutsentwicklung zeigt die soziale Bedeutung stabiler Ordnungspolitik: Nach einem Anstieg der Armutsquote auf 52,9 Prozent im ersten Halbjahr 2024 sank sie bis zum zweiten Halbjahr 2025 auf 28,2 Prozent; dauerhafte Armutsbekämpfung entsteht nicht durch inflationär finanzierte Staatsausgaben, sondern durch Währungsstabilität, Arbeit, Investitionen und reale Produktion.
  • Für Deutschland folgt daraus keine bloße Kopie argentinischer Maßnahmen, aber eine klare Richtung: Staatsausgaben begrenzen, Bürokratie abbauen, Steuern und Energiepreise senken, Subventionen streichen, Wettbewerb zulassen und die kulturelle Erzählung vom allzuständigen Staat durch eine Ordnung der Freiheit, Verantwortung und freiwilligen Kooperation ersetzen.

Persönlicher und wissenschaftlicher Hintergrund

Javier Milei ist nicht nur als Präsident Argentiniens, sondern auch als Ökonom der Österreichischen Schule der Nationalökonomie zu verstehen. Vor seiner Wahl zum Präsidenten war er bereits als Hochschullehrer, Berater, Analyst und Vertreter einer radikal marktwirtschaftlichen Ordnungsvorstellung tätig. Seine politische Laufbahn ist aus dieser Perspektive kein Bruch mit seinem ökonomischen Denken, sondern dessen konsequente Anwendung auf ein Land, das sich über Jahrzehnte durch Staatsinterventionismus, monetäre Finanzierung, Protektionismus, Defizitwirtschaft und institutionelle Verkrustung selbst an den Rand des Abgrunds geführt hatte.

Die wissenschaftliche und persönliche Beschäftigung mit Milei setzte bereits vor seiner Präsidentschaft ein. Er trat 2021 in einem Masterstudiengang zur Ökonomie der Österreichischen Schule in Madrid als Gastredner auf und erklärte dort, weshalb er als Außenseiter in die Politik gegangen war. Gerade weil Milei kein klassischer Parteifunktionär, sondern Ökonom, Universitätsdozent, Berater und Analyst war, markierte sein politischer Aufstieg eine bemerkenswerte Ausnahmeerscheinung. Dass jemand, der sich offen als Libertärer bezeichnet, der sich auf Mises, Hayek, Rothbard und die Österreichische Schule beruft und der den Staat nicht als Lösung, sondern als zentrales Problem begreift, Präsident eines großen lateinamerikanischen Landes werden konnte, war ein politischer und intellektueller Einschnitt.

Mileis persönlicher Stil verstärkte diesen Eindruck. Im privaten Umgang wurde er als freundlich, herzlich, großzügig und von einer gewissen italienisch geprägten Emotionalität beschrieben. Zugleich vertrat er öffentlich eine scharfe und kompromisslose Kritik an Etatismus, Sozialismus, politischer Klasse, Subventionswirtschaft und regulativem Staatsversagen. Diese Verbindung aus persönlicher Herzlichkeit und politisch-ökonomischer Radikalität erklärt einen Teil seiner Wirkung. Milei gelang es, abstrakte ökonomische Ideen in eine politische Sprache zu übersetzen, die von breiten Teilen der Bevölkerung verstanden wurde.

Argentinien am Rand der Hyperinflation

Die Lage Argentiniens vor Mileis Amtsantritt war prekär. Das Land stand wirtschaftlich kurz vor dem Abgrund. Der wichtigste kurzfristige Erfolg seiner Regierung besteht darin, eine Hyperinflation abgewendet zu haben. Im Dezember 2023 lag die monatliche Verbraucherpreisinflation bei 25,5 Prozent. Die Erzeuger- beziehungsweise Großhandelspreise, die den Verbraucherpreisen häufig vorauslaufen, stiegen im selben Monat sogar um 54,0 Prozent. Annualisiert entsprach diese Dynamik einer Inflationsrate von mehreren Tausend Prozent und signalisierte eine akute Gefahr einer vollständigen Entankerung des Geldsystems. Argentinien bewegte sich damit in Richtung einer klassischen Hyperinflationsspirale.

Gleichzeitig war der Staat fiskalisch ausgehöhlt. Die Staatsverschuldung lag in der Größenordnung der gesamten Wirtschaftsleistung, wobei verschiedene Datenquellen je nach Abgrenzung unterschiedliche Werte ausweisen. Entscheidend war nicht nur der Schuldenstand, sondern die Kombination aus Defizit, monetärer Finanzierung und Vertrauensverlust. Argentinien hatte bereits neun Staatsbankrotte hinter sich; ein weiterer Zahlungsausfall stand als reale Gefahr im Raum. Das Defizit des nichtfinanziellen öffentlichen Sektors lag 2023 bei knapp 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts; unter Einbeziehung der quasi-fiskalischen Verluste der Zentralbank lag die gesamtstaatliche Belastung in der Größenordnung von 13 bis 15 Prozent der Wirtschaftsleistung. Diese Defizite wurden wesentlich durch die Schaffung neuer Pesos finanziert.

Gerade dieser Mechanismus traf die ärmsten Bevölkerungsschichten am härtesten. Inflation ist keine neutrale statistische Größe, sondern eine Umverteilungsmaschine. Wer früh an neues Geld gelangt, kann noch zu alten Preisen kaufen; wer spät an das Geld gelangt, insbesondere Lohnempfänger, Rentner und Arme, trägt die Kosten der Preissteigerung. Die Inflationslawine, die sich Ende 2023 beschleunigte, drohte daher nicht nur die Währung, sondern auch das soziale Gefüge Argentiniens zu zerstören.

Die Kettensäge gegen das Defizit

Mileis zentrale Maßnahme bestand darin, das Defizit nicht durch Steuererhöhungen, sondern durch radikale Ausgabenkürzungen zu beseitigen. Innerhalb kurzer Zeit wurde das Haushaltsdefizit des nichtfinanziellen öffentlichen Sektors geschlossen. In den folgenden Monaten wurden auch die quasi-fiskalischen Defizite der Zentralbank zurückgeführt. Damit wurde der Kern des Inflationsprozesses angegriffen: die monetäre Finanzierung eines dauerhaft über seine Verhältnisse lebenden Staates.

Dieser Punkt ist entscheidend. Die argentinische Stabilisierung beruhte nicht auf einer kosmetischen Korrektur, sondern auf einem Bruch mit der fiskalischen Dominanz. Ein Staat, der dauerhaft mehr ausgibt, als er einnimmt, zwingt die Zentralbank letztlich zur Finanzierung. Eine Zentralbank, die politisch gezwungen ist, Defizite zu monetisieren, kann Preisstabilität nicht glaubwürdig herstellen. Milei stellte diese Logik auf den Kopf: Zuerst musste der Staat seine Ansprüche reduzieren, dann konnte die Geldordnung stabilisiert werden.

Die Kürzungen waren drastisch. Die Zahl der Ministerien wurde von 18 auf zunächst 9 halbiert. Mehr als 200 staatliche Einheiten, Behörden oder Büros wurden geschlossen. Bis Ende 2025 wurden mehr als 62.000 beziehungsweise rund 63.000 Stellen im öffentlichen Sektor abgebaut. Transfers an Provinzen, Subventionen, Medienförderung und zahlreiche staatliche Programme wurden gestrichen oder massiv reduziert. Auch die Gehälter staatlicher Beschäftigter und zunächst reale Rentenausgaben wurden durch die Konsolidierung belastet.

Der politische Sinn der „Kettensäge“ lag nicht in Symbolik, sondern in fiskalischer Arithmetik. Ein Defizit von rund 15 Prozent der Wirtschaftsleistung bedeutet, dass der Staat Ressourcen in einer Größenordnung beansprucht, die der privaten Wirtschaft entzogen wird. Wird dieses Defizit beseitigt, verschwindet nicht Nachfrage im ökonomisch relevanten Sinne; vielmehr werden reale Ressourcen aus staatlicher Verwendung freigesetzt. Kapital, Arbeit, Energie, Güter und unternehmerische Aufmerksamkeit stehen wieder produktiveren privaten Verwendungen zur Verfügung.

Steuersenkungen statt Steuererhöhungen

Bemerkenswert ist, dass die Konsolidierung nicht über Steuererhöhungen erfolgte. Im Gegenteil: Die Steuerlast wurde in mehreren Bereichen gesenkt. Ein wichtiger Schritt war die Reduzierung von Importabgaben und Sondersteuern, etwa bei Mobiltelefonen, Fernsehern und Klimaanlagen. Für importierte Mobiltelefone wurde eine Senkung der Einfuhrabgaben von 16 Prozent auf 8 Prozent und anschließend auf 0 Prozent angekündigt beziehungsweise umgesetzt; zugleich wurden interne Verbrauchsteuern auf bestimmte Elektronikprodukte reduziert. Auch andere Verzerrungen des Außenhandels wurden abgebaut.

Damit unterschied sich Mileis Kurs von typischen fiskalischen Sanierungsprogrammen, die den Staatsapparat erhalten und Bürger sowie Unternehmen durch höhere Steuern belasten. Eine solche Politik stabilisiert bestenfalls den Staat, nicht aber die Gesellschaft. Mileis Ansatz zielte dagegen darauf, den Staat selbst zu schrumpfen. Die Konsolidierung sollte nicht den Zugriff des Staates auf die produktive Wirtschaft erhöhen, sondern diesen Zugriff zurückdrängen.

Gerade darin liegt eine ordnungspolitische Lehre. Ein Defizit ist nicht nur eine buchhalterische Größe; es ist Ausdruck politischer Überbeanspruchung der Gesellschaft. Wird es durch höhere Steuern geschlossen, bleibt die Staatsquote hoch. Wird es durch Ausgabenkürzungen geschlossen, entsteht Spielraum für private Investitionen, unternehmerische Tätigkeit und reale Lohnerholung.

Disinflation und Stabilisierung

Die Wirkung auf die Inflation war deutlich. Nach dem Inflationsschub im Dezember 2023 sank die monatliche Inflation schrittweise. Im Mai 2026 lag die monatliche Verbraucherpreisinflation bei 2,1 Prozent, die Kerninflation bei 1,9 Prozent und die Jahresinflation bei 33,2 Prozent. Das ist noch immer hoch, aber im Vergleich zur Ausgangslage eine dramatische Stabilisierung. Die Hyperinflation wurde abgewendet.

Die entscheidende Ursache war die Veränderung der Erwartungen. Inflation entsteht nicht allein durch technische Geldmengenaggregate, sondern durch die Erwartung, dass der Staat seine Defizite weiterhin über Geldschöpfung finanziert. Sobald die Marktteilnehmer erkennen, dass der Staat seine Ausgaben tatsächlich kürzt und keine permanente monetäre Finanzierung mehr erzwingt, sinkt die Erwartung künftiger Geldentwertung. Genau dieser Erwartungsumschwung war der Kern der Stabilisierung.

Die keynesianische Fehldiagnose

Aus keynesianischer Sicht hätte eine derart drastische Ausgabenkürzung in eine Abwärtsspirale führen müssen. Die gängige Argumentation lautet: Gibt der Staat weniger aus, sinkt die Nachfrage; sinkt die Nachfrage, verkaufen Unternehmen weniger; verkaufen Unternehmen weniger, entlassen sie Beschäftigte; diese fragen wiederum weniger nach; dadurch fällt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage weiter; es folgen Rezession, Arbeitslosigkeit und Depression.

Diese Diagnose wurde auch im Fall Milei formuliert. Mehr als 100 internationale Ökonomen, darunter Thomas Piketty, Jayati Ghosh, Branko Milanović und José Antonio Ocampo, warnten im Vorfeld der argentinischen Stichwahl 2023 vor „Devastation“, „chaos“ und schweren wirtschaftlichen Schäden. Die Warnung war Ausdruck eines Denkens, das Staatsausgaben mit Wohlstand verwechselt und die produktive Verwendung knapper Ressourcen ausblendet.

Tatsächlich setzte sich die bereits vor Mileis Amtsantritt begonnene Rezession zunächst fort. Die Wirtschaft hatte sich bereits im Sommer 2023 abgeschwächt. Die Anpassung dauerte bis in das Frühjahr 2024 hinein. Danach setzte jedoch eine Erholung ein, die sich V-förmig entwickelte. Die wirtschaftliche Aktivität stieg 2025 um 4,4 Prozent. Im März 2026 lag die Aktivität 5,5 Prozent über dem Vorjahreswert und erreichte nach verfügbaren Indikatoren ein neues Allzeithoch. Der Internationale Währungsfonds erwartete für 2026 ein Wachstum von 3,5 Prozent.

Diese Entwicklung widerlegt nicht jede konjunkturelle Vorsicht, aber sie widerlegt die mechanische Vorstellung, dass Staatsausgaben notwendig Wohlstand erzeugen und ihre Kürzung notwendig Depression hervorruft. Entscheidend ist, ob der Staat produktive Ressourcen verschwendet oder ob diese Ressourcen in produktivere private Verwendungen zurückkehren können. In Argentinien wurde die politische Nachfrage des Staates reduziert, während private Produktion, Außenhandel, Energie, Landwirtschaft und Investitionen wieder Raum erhielten.

Wachstum, Exporte, Energie und Arbeit

Die Erholung zeigte sich in mehreren Bereichen. Die Exporte erreichten 2025 rund 87 Milliarden US-Dollar und lagen damit nahe am Rekordwert von 2022. Argentinien erzielte einen Handelsüberschuss von rund 11 Milliarden US-Dollar. Die Energieproduktion entwickelte sich besonders dynamisch. 2025 erreichte Argentinien Rekordwerte bei der Ölproduktion und den höchsten nominalen positiven Energiehandelssaldo. Vaca Muerta wurde zum Symbol eines Landes, das nicht durch staatliche Planung, sondern durch Investitionen, Marktöffnung und Ressourcennutzung neues Wachstumspotential erschloss.

Auch die Landwirtschaft trug zur Erholung bei. Im März 2026 gehörten Landwirtschaft, Viehzucht, Jagd und Forstwirtschaft mit einem Plus von 17,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu den stärksten Wachstumssektoren. Das zeigt, dass die Erholung nicht bloß statistisch oder finanzmarktgetrieben war, sondern reale Produktionsbereiche erfasste.

Die Beschäftigungsentwicklung war differenziert. Teile des öffentlichen Sektors schrumpften; in manchen Bereichen stieg Arbeitslosigkeit oder formelle Beschäftigung blieb unter Druck. Zugleich entstanden im informellen Bereich und in der Selbständigkeit neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Reallöhne erholten sich nach dem Inflationsschock schrittweise. Auch Renten lagen nach der ersten Anpassungsphase wieder über dem Niveau des Amtsantritts, wobei die Verteilung der Lasten und die soziale Härte der Übergangsphase nicht geleugnet werden dürfen. Dennoch bleibt der entscheidende Punkt: Eine Wirtschaft kann nicht dauerhaft dadurch sozial stabilisiert werden, dass ein überschuldeter Staat ungedeckte Ansprüche verteilt. Dauerhafte soziale Stabilität setzt produktive Wertschöpfung voraus.

Deregulierung als zweite Kettensäge

Die fiskalische Kettensäge war nur eine Seite des Programms. Die zweite Kettensäge richtete sich gegen Regulierung. Milei schuf ein eigenes Ministerium für Deregulierung und Staatsumbau unter Federico Sturzenegger. Die Grundidee ist einfach: Unternehmer konkurrieren darum, die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen durch bessere Produkte zu niedrigeren Preisen zu befriedigen. Dafür benötigen sie Freiheit. Regulierung schränkt diese Freiheit ein, erhöht Kosten, verringert Innovation, schützt etablierte Interessen und verhindert neue Anbieter.

Ein frühes Beispiel war die Abschaffung der Mietpreisregulierung. Die argentinische Mietregulierung hatte das Angebot verknappt, formale Mietverträge erschwert und den Markt verzerrt. Nach der Deregulierung stieg das Angebot in Buenos Aires deutlich, während reale Mietpreise unter Druck gerieten. Ein weiteres Beispiel war die Deregulierung des Luftverkehrs durch Dekret 599/2024. Marktzugang, Genehmigungen, Luftverkehrsdienste und verbundene Tätigkeiten wurden geöffnet. Neue Fluggesellschaften und zusätzliche Routen wurden zugelassen.

Auch im Außenhandel griff die Deregulierung. Argentinien war traditionell stark protektionistisch. Der Schutz ineffizienter Unternehmen führte dazu, dass bestimmte Waren im Inland zu absurden Preisen verkauft werden konnten. Wenn ein T-Shirt im geschützten argentinischen Markt 100 US-Dollar kostet, während vergleichbare Ware im Ausland für 10 US-Dollar erhältlich ist, zeigt sich nicht industrielle Stärke, sondern Konsumentenausbeutung durch politischen Schutz. Durch Marktöffnung geraten solche Unternehmen unter Druck. Das ist keine Schwäche der Reform, sondern ihr Zweck. Unrentable, politisch geschützte Strukturen schrumpfen; produktivere Bereiche wie Landwirtschaft, Energie und exportfähige Branchen wachsen.

Sturzenegger formulierte als praktische Faustregel, dass in deregulierten Bereichen Preise beziehungsweise Kosten häufig um etwa 30 Prozent fallen. Diese Zahl ist keine Naturkonstante, aber sie beschreibt den Kern des Problems: Regulierung ist ein versteckter Kostenblock. Wird er entfernt, sinken Preise, steigen Wahlmöglichkeiten und verbessert sich die reale Kaufkraft.

Armutsrückgang nach der Anpassungskrise

Die soziale Entwicklung zeigt den scharfen Verlauf der Anpassung. Im ersten Halbjahr 2024 stieg die Armutsquote auf 52,9 Prozent. Dies war die unmittelbare Folge der geerbten Inflationskrise, des relativen Preisschocks, der fiskalischen Korrektur und der notwendigen Neuordnung. Im zweiten Halbjahr 2025 lag die Armutsquote jedoch nur noch bei 28,2 Prozent. Millionen Argentinier entkamen damit statistisch der Armut.

Diese Entwicklung ist besonders wichtig, weil sie das moralische Zentrum der Debatte betrifft. Etatistische Politik reklamiert regelmäßig, sie schütze die Armen. In Argentinien hatte gerade der jahrzehntelange Etatismus Armut, Inflation, Korruption, Abhängigkeit und institutionelle Lähmung erzeugt. Die Armen litten nicht an zu wenig Staat, sondern an einem Staat, der seine Versprechen durch Geldentwertung, Schulden, Regulierung und Protektionismus finanzierte. Die Stabilisierung der Währung und die Freisetzung produktiver Kräfte waren deshalb keine technokratischen Maßnahmen gegen die Armen, sondern Voraussetzungen dafür, dass die Armen wieder reale Kaufkraft, Beschäftigungschancen und Aufstiegsmöglichkeiten erhalten.

Die österreichische Hauptlehre

Mileis Politik ist von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie inspiriert. Ihre zentrale Erkenntnis lautet: Freiwillige Kooperation hebt die Zivilisation auf immer neue Höhen, spontan, ohne zentrale Manipulation, ohne planenden Zugriff von oben. Märkte sind keine mechanischen Apparate, sondern Entdeckungsverfahren. Unternehmer entdecken, was produziert werden soll, wie produziert werden soll, wo Knappheiten bestehen und welche neuen Kombinationen von Ressourcen Wert schaffen.

Ludwig von Mises zeigte im Sozialismusaufsatz, dass eine zentrale Planwirtschaft ohne Marktpreise keine rationale Wirtschaftsrechnung leisten kann. Friedrich A. Hayek erklärte, dass das entscheidende Wissen der Gesellschaft dezentral, verstreut, lokal und praktisch ist. Israel Kirzner beschrieb Unternehmertum als Entdeckungsprozess. Murray N. Rothbard entwickelte eine systematische Theorie freiwilliger Kooperation, Eigentumsordnung und Marktkoordination.

Der intellektuelle Irrtum des Etatismus besteht darin zu glauben, der Staat könne das Ergebnis freiwilliger Kooperation verbessern, obwohl ihm genau das Wissen fehlt, das erst im Marktprozess entsteht. Der Staat kann nicht wissen, welche Projekte, Produkte, Technologien, Berufe, Investitionen und Konsumwünsche morgen entstehen werden. Dieses Wissen existiert nicht fertig in Ministerien, Behörden oder Kommissionen. Es wird erst durch Wettbewerb, Versuch und Irrtum, Gewinn und Verlust, Unternehmertum und Konsumentenentscheidung hervorgebracht.

Staat, Zwang und Moral

Die Kritik am Staat ist nicht nur ökonomisch, sondern auch moralisch. Der Staat beruht letztlich auf Zwang. Er greift auf Eigentum, Verträge, Preise, Arbeit, Produktion und Konsumentscheidungen zu. Damit richtet er sich gegen das, was den Menschen als schöpferisches Wesen ausmacht: freien Willen, Kreativität, Verantwortung und freiwillige Kooperation.

Milei betont daher immer wieder, dass Sozialismus und Etatismus nicht nur wirtschaftlich ineffizient sind. Sie sind kulturell destruktiv, weil sie Gleichmacherei statt Exzellenz fördern. Sie sind sozial destruktiv, weil sie Familie, freiwillige Nächstenliebe und zivilgesellschaftliche Verantwortung durch politische Abhängigkeit ersetzen. Sie sind ästhetisch destruktiv, weil sie Gleichförmigkeit, Hässlichkeit und bürokratische Kälte hervorbringen. Und sie sind moralisch ungerecht, weil sie auf Zwang statt auf Freiwilligkeit beruhen.

Selbst wenn Kapitalismus und Marktwirtschaft ineffizient wären, müsste man sie aus moralischen Gründen bevorzugen, weil sie auf Freiwilligkeit beruhen. Doch glücklicherweise besteht kein Zielkonflikt zwischen Freiheit und Wohlstand. Freiwilligkeit ist nicht nur gerechter, sondern auch produktiver. Sie entspricht der Natur des Menschen als handelndem, planendem, lernendem und schöpferischem Wesen.

Die politische Kaste als Bündnis gegen die arbeitende Bevölkerung

Mileis politischer Erfolg beruhte nicht nur auf ökonomischer Theorie, sondern auf der Fähigkeit, eine gesellschaftliche Konfliktlinie sichtbar zu machen. Er zeigte den Argentiniern, dass eine politische Kaste existiert. Zu ihr gehören nicht nur Politiker, sondern auch subventionierte Unternehmer, geschützte Industrien, staatlich finanzierte Medien, NGOs, Gewerkschaften, Behördenapparate und alle Gruppen, die ihre Einkommen nicht durch freiwillige Wertschöpfung, sondern durch politischen Zugriff sichern.

Diese Gruppen haben ein gemeinsames Interesse: den Erhalt des Systems. Dieses Interesse richtet sich gegen die hart arbeitende, anständige Bevölkerung, die durch Inflation enteignet, durch Steuern belastet, durch Regulierung behindert und durch Protektionismus als Konsument ausgebeutet wird. Milei machte diesen Zusammenhang verständlich. Deshalb wurde er gewählt.

Kulturkampf und Mentalitätswechsel

Der wichtigste langfristige Beitrag Mileis liegt nicht allein in fiskalischen Zahlen, sondern im Mentalitätswechsel. Über mehr als 10 Jahre führte er den Kulturkampf für die Ideen der Freiheit: im Fernsehen, im Radio, in Vorträgen, in Interviews, in Büchern, in Zeitschriften und in öffentlichen Debatten. Er erklärte Begriffe, benannte Gegner, polarisierte bewusst und verschob dadurch das Meinungsklima.

Der Erfolg zeigt sich besonders bei jungen Argentiniern. Wo früher Che-Guevara-Symbolik Ausdruck jugendlicher Rebellion war, stehen heute Milei-T-Shirts, „Viva la libertad, carajo“ und libertäre Freiheitsrhetorik für den Bruch mit dem alten System. Entscheidend ist nicht das einzelne Symbol, sondern die Verschiebung: Der Sozialismus verlor den Nimbus der moralischen Überlegenheit. Freiheit, Markt und Eigentum wurden wieder als rebellische, lebensnahe und zukunftsfähige Ideen sichtbar.

Genau ein solcher Mentalitätswechsel ist auch in Deutschland notwendig. Ohne kulturelle Vorarbeit gibt es keine dauerhafte politische Änderung. Reformen beginnen nicht im Haushalt, sondern im Denken. Wer den Staat für die Lösung hält, wird bei jeder Krise mehr Staat fordern. Wer versteht, dass freiwillige Kooperation, Eigentum, Wettbewerb, solide Währung und unternehmerische Freiheit die Grundlage von Wohlstand sind, kann politische Alternativen formulieren.

Lehre für Deutschland

Die argentinische Erfahrung lässt sich nicht mechanisch auf Deutschland übertragen. Institutionen, Währungssystem, europäische Einbindung, Sozialstaat, Demografie und politische Kultur unterscheiden sich erheblich. Doch die Grundfrage ist dieselbe: Dient der Staat der Gesellschaft, oder lebt eine politische Klasse von der Gesellschaft? Werden produktive Kräfte freigesetzt, oder werden sie durch Steuern, Schulden, Bürokratie, Energieverteuerung, Subventionen und Regulierung gelähmt?

Deutschland braucht nicht mehr Schulden, mehr Umverteilung und mehr planwirtschaftliche Lenkung. Deutschland braucht niedrigere Staatsausgaben, niedrigere Steuern, günstige Energie, Deregulierung, offenen Wettbewerb, Schutz des Eigentums, stabile Währung und eine Kultur der unternehmerischen Verantwortung. Die argentinische Erfahrung zeigt, dass selbst in einer scheinbar ausweglosen Lage eine konsequente Reformpolitik schnelle Wirkungen entfalten kann, wenn sie fiskalische Wahrheit, monetäre Disziplin und institutionelle Freiheit verbindet.

Mileis wichtigste Botschaft lautet daher: Der Staat ist nicht die Quelle des Wohlstands. Wohlstand entsteht durch freie Menschen, die miteinander kooperieren, investieren, sparen, produzieren, handeln, Risiken tragen und Verantwortung übernehmen. Wird der Staat zurückgedrängt, entsteht nicht Leere, sondern Raum für Gesellschaft, Familie, Unternehmertum, Nachbarschaft, Innovation und Zivilisation.

Quellen & Literatur

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[28] Rothbard, M. N. (1962). Man, Economy, and State. Princeton: D. Van Nostrand; Ausgabe Mises Institute.

* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf seinem Vortrag im Deutschen Bundestag vom 24.06.2026; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.

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