Neuer Tarifabschluss im öffentlichen Dienst: Eine kritische Analyse
~ Zur Diskussion gestellt. ~
_ Konstantin Schink, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). 20.01.2026.
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Zu niedriger jährlicher Anstieg (ca. 2%): Die 5,7% über 27 Monate entsprechen nur rund 2% pro Jahr und liegen unter der notwendigen Steigerung von 3% (2% Zielinflation + 1% Produktivitätswachstum), um die Zielinflation zu erreichen und reale Kaufkraft zu sichern; höhere Steigerungen sind essenziell, da Löhne den dominanten Kostenfaktor darstellen und Inflation direkt mit Lohnstückkosten korreliert.
- Benchmark-Funktion des öffentlichen Diensts: Als Beschäftigungsort für 10% der Belegschaft setzt der öffentliche Dienst Lohnstandards für die Privatwirtschaft; der Staat muss hier aktiv höhere Löhne durchsetzen, um Rezession zu bekämpfen, Binnennachfrage (geschwächt durch Leistungsbilanzüberschüsse und Agenda-2010-Lohndumping) anzukurbeln und Eurozone-Ungleichgewichte abzubauen – 2% pro Jahr reichen dafür bei Weitem nicht.
- Schlechte Politik in Rezessionskontext: In der schweren Rezession bräuchte der Staat Nachfragesteigerung durch Lohsteigerungen über 3% pro Jahr; der schwache Abschluss riskiert anhaltend niedrige Inflation, fehlende Produktivitätsausnutzung und Wegfall der gewerkschaftlichen Konsumstabilisierung aus Vorjahren.
- Handlungsempfehlung: Der Staat sollte langfristige Lohnpfade mit mindestens 3% jährlichem Anstieg (angepasst an Produktivität und Inflation) vorgeben, Gewerkschaften zu ambitionierteren Forderungen drängen und Agenda-2010-Rückstände durch exportorientierte Strategie korrigieren, um den Binnenmarkt und Wachstum zu stärken.
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Es ist kürzlich ein neuer Tarifabschluss im öffentlichen Dienst erzielt worden, wonach die Löhne um insgesamt 5,7 Prozent steigen sollen, verteilt auf 27 Monate. Dies entspricht unter der Annahme keiner Nullrunden pro Jahr einem durchschnittlichen jährlichen Lohnanstieg von ungefähr 2 Prozent.
Relevanz der Löhne im öffentlichen Dienst
Ein jährlicher Lohnanstieg von 2 Prozent ist nicht sonderlich hoch. Die Relevanz dieser Löhne liegt darin, dass etwa ein Zehntel aller Beschäftigten in Deutschland im öffentlichen Dienst tätig ist. Die Löhne im öffentlichen Dienst beeinflussen maßgeblich auch die Löhne in der Privatwirtschaft, da diese Sektoren um Arbeitskräfte konkurrieren und die Kostenstruktur der Unternehmen stark von den Löhnen abhängt.
Die Privatwirtschaft weicht in der Gesamtentwicklung der Löhne nicht wesentlich von den Erhöhungen im öffentlichen Dienst ab. Der öffentliche Dienst dient somit als wichtige Benchmark, die durch staatliche Lohnpolitik langfristig die Lohnentwicklung in der gesamten Wirtschaft vorgibt. Ein Abschluss über 27 Monate ist insofern sinnvoll, als der Staat hier einen langfristigen Pfad für Lohnsteigerungen etablieren kann.
Vergleich mit Inflation und Produktivität
Allerdings sind 2 Prozent pro Jahr zu gering. In Deutschland wird eine Zielinflation von 2 Prozent angestrebt, ergänzt durch ein durchschnittliches Produktivitätswachstum von etwa 1 Prozent pro Jahr. Sollten die Produktivitätsrückgänge der jüngeren Vergangenheit – verursacht durch die Energiekrise, Wirtschaftssanktionen gegen Russland sowie die Pandemie – nicht anhalten und die Wirtschaft wieder auf den normalen Wachstumspfad gelangen, ergibt sich ein Produktivitätswachstum von rund 1 Prozent jährlich.
Um die Zielinflation zu erreichen, müssten die Löhne demnach jährlich um etwa 3 Prozent steigen. Der Grund hierfür liegt in dem empirisch sehr engen Zusammenhang zwischen Lohnentwicklung und Inflation, der sich über Regressionen hinweg in vielen Ländern stabil zeigt. Löhne stellen den dominanten Kostenfaktor in der Wirtschaft dar: Steigen sie, müssen Unternehmen diese Kosten weitergeben, wobei Produktivitätssteigerungen jedoch eine Kostenersparnis darstellen.
Erhöht man die Nominal-Löhne um Zielinflation plus Produktivitätswachstum, erreicht man langfristig die Zielinflation. 2 Prozent pro Jahr sind für ein Industrieland wie Deutschland daher eher zu niedrig, um auch nur die Zielinflation zu halten.
Kontext der Rezession und Binnenmarktschwäche
Dieses Problem verschärft sich in der aktuellen schweren Rezession, in der der Staat die Nachfrage ankurbeln müsste, indem er tendenziell höhere Lohnabschlüsse durchsetzt. Hinzu kommt die extreme Schwäche des deutschen Binnenmarkts, signalisiert durch anhaltende Leistungsbilanzüberschüsse, die auf unzureichenden Binnennachfrage hinweisen.
Deutschland hat in den letzten 25 Jahren eine Strategie des extremen Lohndumpings verfolgt, etwa durch die Agenda 2010 und fehlende Lohnsteigerungen in den 2000er Jahren. Dies hat den Binnenmarkt unterentwickelt und im Gegenzug die Exportindustrie relativ gestärkt. Um die Rezession zu beenden, den Binnenmarkt anzuschieben und den Rückstand bei Lohnsteigerungen gegenüber europäischen Handelspartnern – verursacht durch die Agenda 2010 – aufzuholen, wären Lohnsteigerungen über 3 Prozent pro Jahr erforderlich.

Kritik an der Wirtschaftspolitik und Rolle der Gewerkschaften
Die nun vereinbarten 2 Prozent pro Jahr sind deutlich zu gering, um Ungleichgewichte in der Eurozone abzubauen, die Binnennachfrage ordentlich anzukurbeln oder die Zielinflation dauerhaft zu erreichen. Solche niedrigen Lohnzuwächse stellen eine schlechte Wirtschaftspolitik dar, an der auch die Gewerkschaften mitschuldig sind.
Zwar haben die Gewerkschaften in den letzten Jahren durch relativ hohe Lohnabschlüsse verhindert, dass die Rezession noch schwerer ausfällt, da diese den Binnenkonsum stabilisiert haben. Fällt nun diese Stütze weg, zeichnet sich für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ein düsteres Bild ab. Insgesamt wirken die 5,7 Prozent zunächst attraktiv, erweisen sich bei genauerer Betrachtung jedoch als schwacher Abschluss, der langfristig zu einer zu geringen Inflationsrate führt – bei einer Zielinflation von 2 Prozent – und angesichts der tobenden Rezession weitere Probleme birgt.
Literatur & Quellen
- Apollo News (2026). Tarifeinigung der Länder: 5,8 Prozent mehr Geld – 12 Milliarden Euro Gesamtkosten. URL: https://apollo-news.net/tarifeinigung-der-laender-58-prozent-mehr-geld-12-milliarden-euro-gesamtkosten/
- Flassbeck, H. (2024). Grundlagen einer relevanten Ökonomik. Westend Verlag. URL: https://westendverlag.de/Grundlagen-einer-relevanten-OEkonomik/1627
- Flassbeck H. (2020). Staatliche Schulden und Löhne – bricht die Vernunft sich Bahn? Flassbeck Economics. URL: https://www.flassbeck-economics.com/staatliche-schulden-und-lohne-bricht-die-vernunft-sich-bahn/
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