Postliberale Ökonomie: Ein deutsches Erfolgsmodell?
_ Felix Menzel, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW), Geschäftsführer, Recherche D. Dresden, 29.06.2026.
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Der Liberalismus hat seine ökonomische Leistungsfähigkeit durch freie Märkte, Wettbewerb und die „schöpferische Zerstörung“ grundsätzlich bewiesen. Er ist jedoch politisch, gesellschaftlich und kulturell gescheitert, weil er die Voraussetzungen seiner eigenen Existenz – stabile Gemeinschaften, tradierte Pflichten, demographische Reproduktion und nationale Bindungen – aufzehrt, ohne sie selbst erneuern zu können.
- Wirtschaftliche Freiheit darf deshalb nicht länger als grenzenlose individuelle Beliebigkeit verstanden werden. Freie Märkte müssen in eine übergeordnete Ordnung eingebettet werden, die Verantwortung, Familie, gesellschaftlichen Zusammenhalt, nationale Souveränität und die Bewahrung der eigenen Kultur gewährleistet.
- Die außenwirtschaftliche Vorstellung eines automatischen „Wandels durch Handel“ ist gescheitert. Sanktionen, militärische Regimewechsel und supranationale Institutionen haben weder autoritäre Systeme liberalisiert noch die wirtschaftliche Annäherung armer und reicher Staaten herbeigeführt. Eine realistische Außenwirtschaftspolitik muß nationale Interessen, militärische Macht, strategische Abhängigkeiten und die Fähigkeit zur eigenständigen Produktion berücksichtigen.
- Die Regionalpolitik muß grundlegend neu ausgerichtet werden. Die Vergabe von mehr als zehn Milliarden Euro an Strukturhilfen bei lediglich 29 neu geschaffenen Arbeitsplätzen und gleichzeitig mehr als 13.000 verlorenen Industriearbeitsplätzen zeigt, daß Förderprogramme ohne produktive Wertschöpfung, Infrastruktur und langfristige industrielle Perspektive keine tragfähige Regionalentwicklung erzeugen.
- Deutschland sollte seine wirtschaftspolitische Strategie nicht an amerikanischen Plattformkonzernen oder globalistischen Leitbildern ausrichten, sondern an den eigenen historischen Stärken: Ingenieurskunst, industrielle Produktion, Chemie, Maschinenbau, Automobilwirtschaft, hochwertige Spezialprodukte, Forschung, berufliche Qualifikation und die Verbindung deutscher Hardware mit der weltweit besten verfügbaren Software.
- Die staatliche Förderung strategischer Industrien kann gerechtfertigt sein, wenn sie zeitlich begrenzt bleibt und der Entwicklung bis zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit dient. Das historische Vorbild Friedrich Lists und die Erfahrungen der ostasiatischen Tigerstaaten zeigen, daß junge Industrien zunächst geschützt und aufgebaut werden können, bevor sie sich dem Weltmarkt stellen.
- Eine zukunftsfähige deutsche Wirtschaftsordnung sollte Wettbewerb und Privateigentum bewahren, zugleich aber nationale Wertschöpfung, Versorgungssicherheit und technologische Souveränität priorisieren. Strategische Bereiche wie Energie, Landwirtschaft, Infrastruktur, Verteidigung, Maschinenbau, digitale Schlüsseltechnologien und industrielle Grundstoffe dürfen nicht vollständig ausländischen Lieferketten überlassen werden.
- Die Machtverschiebung von demokratisch gewählten Parlamenten zu Gerichten, Behörden, Verbänden und supranationalen Institutionen muß begrenzt werden. Politische Grundsatzentscheidungen müssen wieder stärker dem demokratischen Mehrheitswillen und der parlamentarischen Verantwortung unterliegen.
- Die großen Technologieunternehmen müssen stärker auf produktive und nationale Ziele ausgerichtet werden. Kapital, Forschung und Ingenieursleistung sollten nicht überwiegend für hedonistischen Konsum, Plattformabhängigkeit und digitale Zerstreuung eingesetzt werden, sondern für industrielle Innovationen, medizinischen Fortschritt, Verteidigungsfähigkeit, Infrastruktur und technologische Unabhängigkeit.
- Deutschland benötigt keinen bloßen Import des amerikanischen Postliberalismus, sondern die Wiederentdeckung der eigenen wirtschaftspolitischen Traditionen: die Preußischen Reformen, Friedrich Lists nationale Ökonomie, das industrielle Erfolgsmodell des Kaiserreichs, die mittelständische Ordnung der Sozialen Marktwirtschaft sowie die Verbindung von Markt, Moral und Gemeinschaft bei Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack.
- Das Leitbild einer postliberalen deutschen Wirtschaftsordnung sollte daher lauten: Freiheit und Wettbewerb dort, wo sie produktive Kräfte freisetzen; staatliche Ordnung und strategischer Schutz dort, wo nationale Souveränität, industrielle Substanz, gesellschaftlicher Zusammenhalt und das langfristige Überleben der Nation auf dem Spiel stehen.
- Wirtschaftspolitisches Ziel darf nicht allein die kurzfristige Steigerung abstrakter Finanzkennzahlen sein. Entscheidend sind die dauerhafte Erhöhung der realen Produktivität, die Sicherung hochwertiger Arbeitsplätze, technischer Fortschritt, eine stabile demographische Grundlage sowie die Bewahrung der wirtschaftlichen und politischen Selbständigkeit Deutschlands.
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Ja zur Freiheit! Ja zum Wettbewerb! Aber „Nein“ zum Liberalismus! Wie paßt das zusammen? Und: Ist das überhaupt möglich?
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts erreichte der Liberalismus seinen historischen Höhepunkt und schien alle ideologischen Kontrahenten besiegt zu haben. Inzwischen hat sich das Blatt jedoch gewendet. Selbst in den USA prägen „Postliberale“ zunehmend den politischen und intellektuellen Diskurs. In Deutschland zeigt sich zudem, daß der Liberalismus nur dann überleben dürfte, wenn er nach Jahren wirtschaftlicher Stagnation sein Wachstumsversprechen wieder erfüllen kann.
Kein Ende der Geschichte trotz Überalterung
Armin Mohler, Vordenker der Neuen Rechten, brachte bereits 1988 in seinem berühmten und bis heute erhältlichen Essay Gegen die Liberalen zum Ausdruck, weshalb der Liberalismus keineswegs das „Ende der Geschichte“ im Sinne Francis Fukuyamas einläuten könne. Er erklärte:
„Das eigentliche politische Problem des Liberalismus ist, daß eine liberale Praxis nur möglich ist, wenn gewisse Traditionsbestände an Gewohnheiten und tief eingerasteten Sitten noch vorhanden sind, mit deren Hilfe die Gesellschaft ihre Schwierigkeiten meistert. Salopp gesprochen: sechs konservative Jahrhunderte erlauben es zwei Generationen, liberal zu sein, ohne Unfug anzurichten. Sind aber jene Bestände in der permissiven Gesellschaft einmal aufgezehrt, so werden die bestgemeinten liberalen Parolen zu Feuerlunten.“[1]
Der Liberalismus halte sich „an seiner Bilderbuchwelt fest“, in der „alles seine glatte Lösung findet“[2], kritisierte Mohler weiter. Das Grundgesetz sei beispielsweise nicht mehr als eine „Quelle der Heuchelei“, weil der konsequente Schutz der Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit an seiner „Unerfüllbarkeit“ scheitere.[3]
Die Diskussion über den Liberalismus ließe sich freilich auch abkürzen. Wie die vergangenen fünf Jahrzehnte gezeigt haben, ist er nicht in der Lage, das Überleben des eigenen Volkes zu sichern. Solange keine Lösung für das existentielle Problem des langsamen Aussterbens der Deutschen in Sicht ist, das in der Wissenschaft verharmlosend und verschleiernd als „demographischer Übergang“ bezeichnet wird, erübrigt sich eigentlich jede weitere Beschäftigung mit den möglichen Vorzügen liberaler Gesellschaften.
Wenn die Parole „Mein Bauch gehört mir“ zur Tötung von jährlich rund 100.000 ungeborenen Kindern allein in Deutschland führt, handelt es sich um eine rein negative Freiheit der Zerstörungswut. Man kann auch Städte von ihrer Architektur „befreien“. Die daraus entstehenden Trümmerwüsten haben jedoch erkennbar nichts mit Freiheit zu tun. Die Bereitschaft der Trümmerfrauen, nach der Zerstörung pflichtbewußt ein ganzes Land wiederaufzubauen, zeigt hingegen, daß freie Entscheidungen stets eigene Anstrengungen voraussetzen.
„An Liberalismus gehen die Völker zugrunde“, postulierte Arthur Moeller van den Bruck, einer der bedeutendsten Publizisten der Konservativen Revolution, prophetisch mit Blick auf das Dilemma der Geburtenverweigerung emanzipierter Menschen. Mohler sah darin keinen „Schlußstrich“, sondern eine „Mahnung“, denn der „deutsche Geist“ habe „sich immer wieder der Zwangsjacken“ entledigen können.[4]
Die Schwierigkeit, diese Zwangsjacke abzuwerfen, hängt auch mit ökonomischen Fehlannahmen zusammen. Die Stabilität des Liberalismus in den vergangenen Jahrzehnten beruhte wesentlich auf dem Wohlstand der Menschen in der westlichen Welt. Diese werden erst in den kommenden Jahrzehnten – also zeitversetzt – die volle Wucht der Überalterung ihrer Gesellschaften zu spüren bekommen.
Dieser Wohlstand konnte nur durch weitgehend freie Märkte erwirtschaftet werden. Das ist richtig. Der Liberalismus als Ideologie neigt jedoch dazu, „das alte Freiheitspathos“ nur noch als Lippenbekenntnis zu verwenden, während im Hintergrund ein Gesellschaftsumbau stattfindet, der den vorgegebenen Zielen widerspricht. Weitsichtig erkannte Mohler, daß auf diese Weise „eine Konsumentengesellschaft von erheblich abgesenktem Wohlstandsniveau“ entsteht, „die durch das Spiel der Interessenverbände reguliert wird“.[5]
In den ärmeren neuen Bundesländern hatten dies viele Bürger bereits seit längerem erkannt. Angesichts der rasanten Deindustrialisierung scheint sich nun auch die Stimmung in Westdeutschland zu verändern.
Vor diesem Hintergrund ist in einem ersten Schritt eine differenzierte und detaillierte Bilanz des gescheiterten Liberalismus unter ökonomischen Gesichtspunkten vorzulegen, die über die von Armin Mohler formulierte Kritik hinausgeht. Dazu dienen die folgenden Thesen.
Der Liberalismus ist gescheitert, obwohl er seine volkswirtschaftliche Funktionstüchtigkeit bewiesen hat
Im Zweifel für den Angeklagten ist davon auszugehen, daß weltweit und auch in den westlichen Nationen weiterhin ein geringes Wirtschaftswachstum möglich ist. Dies gilt selbst für Deutschland, sofern die Regierung ihren Plan zur Weltklimarettung aufgibt, die Unternehmenssteuern senkt und Bürokratie abbaut.
Die „schöpferische Zerstörung“ im Sinne Joseph Schumpeters funktioniert nach wie vor. Allerdings wird im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz – ebenso wie bereits im vorausgegangenen Zeitalter der Plattformökonomie – die Zahl der Gewinner immer kleiner. Zugleich besteht die möglicherweise berechtigte Sorge, daß die Zahl der Verlierer steigen könnte.
Wirtschaft ist dennoch kein Nullsummenspiel. Deshalb kann in den Statistiken durchaus ein geringes Wachstum ausgewiesen werden, während gleichzeitig die Verlustängste innerhalb der Bevölkerung zunehmen.
Ähnliches gilt für die Finanzmärkte. Die gigantische globale Verschuldung von 353 Billionen US-Dollar, darunter 100 Billionen US-Dollar Staatsschulden, macht jederzeit einen Crash möglich. Zur Wahrheit gehört jedoch ebenfalls, daß die jüngsten kleineren Börsencrashs eher ein Zeichen für das Funktionieren der Finanzmärkte darstellen.
Als US-Präsident Donald Trump an seinem „Liberation Day“ im April 2025 der gesamten Welt neue Zölle ankündigte, brachen die Märkte ein und zwangen ihn zu einem sogenannten „Taco-Trade“, also zu einem Rückzieher. Selbst der formal mächtigste Mann der Welt unterliegt somit einer sinnvollen Gewaltenteilung zwischen Politik und Finanzmärkten.
Bei einer wirtschaftlichen Schieflage besteht zudem stets die Möglichkeit, den Globalkapitalismus durch Geldsozialismus – also durch Nullzinsen – am Leben zu erhalten.
Der Liberalismus ist außenwirtschaftlich gescheitert
Der vergleichsweise guten volkswirtschaftlichen Bilanz des Liberalismus stehen desaströse Ergebnisse sowohl in der Außenwirtschaft als auch in der Regionalwirtschaft gegenüber.
Zunächst zur Außenwirtschaft: Der Liberalismus war im Hinblick auf Rußland, China und sämtliche Entwicklungsländer davon überzeugt, durch „Wandel durch Handel“ politische und gesellschaftliche Veränderungen einleiten zu können. Diese Vorstellung hat sich inzwischen als Illusion erwiesen.
Die Reaktion darauf bestand in Sanktionen gegen die nichtliberale Welt. Diese Sanktionen treffen jedoch in erster Linie die Mittelschicht. Nach liberalen Vorstellungen sollte ausgerechnet diese Mittelschicht gegen die jeweiligen Herrscher ihrer Staaten rebellieren. Weder in Rußland noch im Iran oder in China ist diese Rechnung aufgegangen.
Auch in armen Staaten wie Afghanistan haben die militärischen Versuche des Westens, einen Regimewechsel herbeizuführen, eindeutig mehr Kosten als Nutzen verursacht.
Die „unterste Milliarde“ der Weltbevölkerung ist unterdessen immer weiter zurückgefallen. Die vom Liberalismus behauptete zunehmende Konvergenz zwischen reichen und armen Staaten beziehungsweise der sogenannte „Catch-up-Effekt“, also das wirtschaftliche Aufholen, sind damit widerlegt.[6]
Wie bereits in unserer Druckausgabe über den Wirtschaftskrieg dargelegt wurde, muß vor der unsichtbaren Hand des Marktes stets die „unsichtbare Faust“ eingesetzt werden. Diese unsichtbare Faust militärischer Macht erhöht auf der Gegenseite die Kosten des Einsatzes von Gewalt.
Damit gelangen wir zur realistischen Theorie der internationalen Beziehungen. Diese geht von einer Anarchie zwischen den Staaten aus. Die Errichtung einer freiheitlichen Weltregierung ist unmöglich. „Ein Weltstaat kann nur in einer Tyrannei enden“, wissen wir von Hannah Arendt.[7]
Der Krieg bleibt deshalb die „Ultima Ratio“ der Auseinandersetzungen zwischen Nationen. Im Gegensatz dazu vertraute die liberale Theorie auf die Wirksamkeit supranationaler Institutionen. Diese supranationalen Institutionen haben sich jedoch allesamt als zahnlose Tiger erwiesen.
Der Liberalismus ist regionalwirtschaftlich gescheitert
Der Grund für den ausgebliebenen Aufholeffekt ärmerer Nationen liegt neben dem jeweiligen Regierungsversagen auch in den Kosten der letzten Meile. Ein Online-Händler muß allein für diese letzte Meile bis zur Haustür mit mehr als 50 Prozent der gesamten Transportkosten kalkulieren. Mit jedem fehlgeschlagenen Zustellversuch wird das einzelne Geschäft unmittelbar unrentabel.
Was für den Online-Handel gilt, läßt sich auch auf dünn besiedelte Regionen übertragen. Der Kapitalismus lebt von wirtschaftlichen Leuchttürmen und den dort entstehenden Agglomerationsgewinnen. Die Peripherie bleibt hingegen selbst in wohlhabenden Staaten auf der Strecke.
Es lohnt sich nicht, Busse durch dünn besiedelte ländliche Regionen fahren zu lassen. Ebenso lohnt es sich nicht, dort Infrastruktur auszubauen oder Hochschulen anzusiedeln.
Sämtliche Korrekturmaßnahmen erweisen sich als wirtschaftliches Desaster. Ein Beispiel dafür sind die Strukturwandelmittel für die Kohleregionen. In der Lausitz sind mit gut zehn Milliarden Euro an Fördermitteln bislang lediglich 29 neue Arbeitsplätze entstanden, während mehr als 13.000 Industriearbeitsplätze verlorengingen.[8]
Dies ist wohlgemerkt kein Plädoyer dafür, die Regionalentwicklung einzustellen. Es geht an dieser Stelle ausschließlich um die niederschmetternde Tatsache, daß der Liberalismus regionalwirtschaftlich gescheitert ist.[9]
Der Liberalismus ist gescheitert, weil er eine Bastardmoderne hervorgebracht hat
Während es unrentabel und schwierig ist, eine ältere Frau aus einem Dorf mit dem Bus in die nächstgelegene Kleinstadt zu einem Arzt zu bringen, läßt sich in der liberalen Welt sehr einfach Geld verdienen: mit ungesunden Burgern, Pornographie, süchtig machenden Spielen und vergleichbaren Angeboten.
Der Journalist Jan Karon hat dafür den treffenden Begriff der „Bastardmoderne“ geprägt. Diese Bastardmoderne verdient am seelischen Niedergang der Völker außerordentlich gut. Der Liberalismus hat mit seinem Prinzip des „Anything goes“, das bis zur Geschlechtsumwandlung reicht, unfreiwillig die Grundlage dafür geschaffen.
Zur Sinnstiftung ist er bis heute nicht fähig.
Der Liberalismus ist gescheitert, weil sich die „liberale Demokratie“ zunehmend in eine Elitenherrschaft gegen das eigene Volk verwandelt
In der gegenwärtigen „liberalen Demokratie“ tritt das Kuriosum zutage, daß die postliberalen Vorstellungen des Volkes – beispielsweise die Forderung nach einem Ende der Einwanderung – mit völlig anderen, aber ebenfalls postliberalen Vorstellungen der Eliten kollidieren.
Besonders deutlich zeigt sich dies an der Judikative. Im Jahr 2021 verpflichtete das Bundesverfassungsgericht die Politik auf die Ideologie des Klimaschutzes, obwohl das Grundgesetz lediglich den Erhalt der „natürlichen Lebensgrundlagen“ vorgibt.
Dieser Klimaschutz läuft auf Maßnahmen hinaus, die das Leben der Bürger verteuern und der Wirtschaft massiven Schaden zufügen. Diese Maßnahmen passen deshalb nicht in das liberale Raster, sondern sind auf ihre eigene Weise „postliberal“.
Ebenso entschieden die Richter während der Corona-Jahre nahezu ausschließlich zu Ungunsten der Grundrechte der Bürger. Auch hier erscheint die Bezeichnung „postliberal“ angemessen.
Reist hingegen ein Eritreer illegal nach Deutschland ein, halten dieselben Richter seine Zurückweisung an der Grenze für „rechtswidrig“, obwohl die Dublin-Verordnung eindeutig regelt, daß Deutschland für diesen Asylbewerber nicht zuständig ist.
Der Politologe Philip Manow erkennt daher eine „möglichst umfassende institutionelle Einhegung des elektoralen Moments“, die einfacher als Demokratieverkürzung bezeichnet werden kann. Die Mehrheitsdemokratie des Volkes steht einer sogenannten „Werte“-Demokratie gegenüber. Diese „Werte“ werden im Elfenbeinturm der Gerichte zu Rechten umgedeutet.[10]
Andere Staaten sind Deutschland in dieser Entwicklung bereits einige Schritte voraus. Manow beschreibt die künftige Hauptkonfliktlinie der liberalen Demokratie folgendermaßen:
„Klaren politischen Mehrheiten ist nicht einsichtig zu machen, warum sie ihr Programm, für das sie erfolgreich geworben haben, nicht durchsetzen dürfen, weil ein überschaubares Richtergremium, nicht gewählt, durch niemandem zu kontrollieren oder zu sanktionieren, sich dem entgegenstellt.“
Der Liberalismus gibt damit seinen ursprünglichen Glauben auf, wonach durch demokratische Wahlen und parlamentarische Debatten die besten Gesetze entstehen. Die Macht wandert vielmehr zu den Gerichten, weil diese angesichts sich verändernder Mehrheiten am wirkungsvollsten die Freiheit der Bürger einschränken und die herrschende Ideologie durchsetzen können.
Zugespitzt gilt deshalb: In der postliberalen Postdemokratie ist das Volk der Feind, und die Entscheidungshoheit rotiert von Berlin nach Karlsruhe.
Der Liberalismus hat sein historisches Scheitern nie aufgearbeitet – liberale Ideale sind regelmäßig in ihr Gegenteil umgeschlagen
Zur Bestandsaufnahme des Liberalismus gehört auch seine Weigerung, sich mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen. Die Vergangenheitsbewältigung einzelner Völker – insbesondere des deutschen Volkes – und einzelner Ideologien – vor allem des Nationalsozialismus, mit Einschränkungen aber auch des Kommunismus – wurde in den vergangenen Jahrzehnten exzessiv und bis hin zur Selbstaufgabe betrieben.
Erstaunlicherweise blieb der Liberalismus davon ausgenommen.
Kolja Zydatiss und Mark Feldon stellen hierzu in ihrem Buch Interregnum fest:
„Der Tugendterror, in den die Erste Französische Republik gestürzt wurde, führte der Welt vor Augen, welche Folgen ein revolutionärer Umsturz haben kann, selbst wenn er von einem liberalen Programm und von liberalen Akteuren getragen wird.“
Weder der Tugendterror noch die anthropologische Fehlannahme, daß sich alle Menschen „in Afghanistan, der Türkei oder im Jemen, nach Selbstverwirklichung, Toleranz und Säkularismus“ sehnten, wurden von liberalen Vordenkern aufgearbeitet.
Stattdessen wurde der Liberalismus zu einem Hyperliberalismus gesteigert, der auf die Dekonstruktion sämtlicher Identitäten zielt.
Wie der deutsche Politologe Daniel Marwecki, der Internationale Beziehungen an der Universität Hongkong lehrt, in seinem Buch Die Welt nach dem Westen. Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert analysiert, ist der Liberalismus zudem ahistorisch.
Großbritannien, das häufig als Musterbeispiel eines frühen liberalen Staates herangezogen wird, war in Wirklichkeit ein imperialistischer Staat mit hohen Militärausgaben, einer starken Bürokratie, hohen Steuern, hoher Staatsverschuldung und ausgeprägten protektionistischen Tendenzen.
Ebenso wie die Niederlande handelte es sich um einen „militärisch-fiskalischen Staat“. Im China des 18. Jahrhunderts herrschte hingegen sehr wohl die „unsichtbare Hand“. Der Staat war handlungsschwach, die Steuerlast niedrig und der Markt frei.[11]
Mit Adam Smith zurück zu den Ursprüngen?
Zur Ehrenrettung des Liberalismus muß allerdings festgehalten werden, daß klugen Liberalen seine Probleme von Anfang an bekannt waren. Zur Lösung dieser Probleme kann deshalb ein Adam Smith mehr beitragen als die Liberalen der Gegenwart.
Smith war beispielsweise nie Globalist, sondern betonte in seinem Hauptwerk über den Wohlstand der Nationen ausdrücklich die Rückbindung wirtschaftlichen Handelns an die Heimat:
Wenn ein Unternehmer „dem heimischen Gewerbefleiß vor dem fremden den Vorzug gibt (…), so bezweckt er lediglich seinen eigenen Gewinn und wird in diesem wie in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet (…) Auf welche Gattungen des heimischen Gewerbefleißes jemand sein Kapital verwenden soll, und bei welcher das Produkt den größten Wert verspricht, kann offenbar jeder einzelne nach seinen örtlichen Verhältnissen weit besser beurteilen, als es ein Staatsmann oder Gesetzgeber für ihn tun könnte.“[12]
Der Ruf nach der „unsichtbaren Hand“ bezog sich somit nicht auf unübersichtliche Weltmärkte, sondern ganz konkret auf den Marktplatz vor dem Rathaus. Dort sollte sich der Zentralstaat zurückhalten, weil jeder Unternehmer selbst überblicken kann, was in seiner Heimat benötigt wird.
Dennoch formulierte Smith klare Präferenzen hinsichtlich der Branchen, die er für besonders wertschöpfend hielt. Dem Bodenanbau, also der Landwirtschaft, räumte er die höchste Priorität ein. Erst danach folgte die Industrie und wiederum erst danach der Außenhandel.
Eine Umkehrung dieser Prioritäten verurteilte er als unnatürlich und „rückwärtsschreitend“.[13] Spanien und Portugal, die den Außenhandel bevorzugten, führte er als mahnende Beispiele an. Damit lag er letztlich richtig. Beiden Handelsnationen gelang es nicht, eine international wettbewerbsfähige Industrie aufzubauen.
Auch die Bedeutung ländlicher Regionen hob Smith stets deutlich hervor:
„Von der Stadt, in der eine Reproduktion von Substanzen weder stattfindet, noch stattfinden kann, darf man mit Recht sagen, daß sie ihren ganzen Reichtum und ihren Unterhalt vom Land gewinnt.“[14]
Das regionalwirtschaftliche Scheitern des Liberalismus wäre somit vermeidbar gewesen, hätten sich die Liberalen stärker an Smith orientiert.
Dies gilt ebenso für die Außenwirtschaft. Smith schrieb, man solle „dem auswärtigen Handel keinen Vorzug geben“. Das im eigenen Land angelegte Kapital werde „in der Regel einer größeren Menge produktiver Arbeit Aufmunterung und Unterstützung gewähren“.[15]
Das klingt durchaus nach „America first“. Statt den internationalen Freihandel mit Utopien aufzuladen, wie es spätere Liberale taten, stellte Adam Smith die Wertschöpfung in der eigenen Nation in den Mittelpunkt seines Interesses. Denn:
„Das große Ziel der politischen Ökonomie aller Länder besteht aber darin, den Reichtum und die Macht des Landes zu vermehren.“[16]
Postliberalismus in den USA
Auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner der rechten Postliberalen könnte man versucht sein, lediglich das von Smith formulierte Ziel zu übernehmen. Dabei würde jedoch übersehen, daß es auch linke Postliberale gibt.
Postliberale „Ökos“ setzen auf den Zwang zur Wärmepumpe, während postliberale Antifaschisten keine Bereitschaft mehr zu Diskussionen mit Rechten zeigen und deshalb nach „Cancel Culture“ und Parteiverboten rufen.
Postdemokratische Liberale versuchen unterdessen, den Mehrheitswillen zurückzudrängen. Dazu arbeiten sie an der Abschottung ihrer Machtbereiche in Gerichten, Unternehmen, Interessenverbänden und supranationalen Gebilden wie der Europäischen Union.
Aufgrund dieser Heterogenität und der konfusen Ausgangslage hat der Postliberalismus bislang noch nicht das Stadium einer in sich geschlossenen Theorie erreicht. Seine Vertreter auf der Linken wie auf der Rechten sind sich vor allem darin einig, wogegen sie sich aussprechen und was sie kritisieren.
Die Politologen Veith Selk und Julian Nicolai Hofmann heben zudem hervor, daß diese Kritik im Gegensatz zur Kritik überzeugter Sozialisten gewissermaßen mit angezogener Handbremse erfolgt. Die Postliberalen diagnostizieren eine „Siegkrise des Liberalismus“ und dessen „Erschöpfungssymptome“. Vollständig auf die durch ihn geprägten Freiheitsrechte verzichten möchten jedoch nur wenige.
Als verbindendes Element kommt eine Elitenkritik an der Dominanz der Manager und Apparate „in Staat, Wirtschaft und Kultur“ hinzu.[17]
Diese Apparate würden von akademisch gebildeten „Kopfarbeitern“ gesteuert, die zwar über keine eigenen Produktionsmittel verfügten und nicht zur eigentlichen Elite gehörten, innerhalb der sozialen Hierarchie aber Leitungspositionen innehätten.
Um innerhalb dieser Apparate überleben und aufsteigen zu können, müssen sich diese Personen anpassen. Daher zählen sie zum „Bückbürgertum“, wie Ulf Poschardt es bezeichnet.
Als dritte Gemeinsamkeit aller postliberalen Strömungen identifizieren Selk und Hofmann die Kritik am „liberalen Individualismus“ sowie eine stärkere „Orientierung am Gemeinwohl“.
Im Jahr 2024 veranstalteten die beiden Politologen eine Konferenz zum Postliberalismus, an der unter anderem Patrick J. Deneen, Adrian Pabst und Samuel Moyn teilnahmen.
Moyn ist ein linker Historiker aus Yale. Pabst gehört zu den Urhebern des Begriffs „postliberal“ innerhalb der britischen „Blue Labour“-Bewegung. Deneen wiederum ist ein konservativer Vordenker aus den USA, der vom traditionellen Wirtschaftsliberalismus abweicht, indem er der politischen Rechten zu erklären versucht, daß sie nicht nur „pro family“, sondern auch „pro worker“ auftreten müsse.[18]
An dieser Stelle werden zwei Probleme sichtbar.
Die Deutschen haben einen „langen Weg nach Westen“ im Sinne Heinrich August Winklers zurückgelegt. Seitdem sie ihr Ziel erreicht haben, glauben sie irrtümlicherweise, jeder amerikanische Trend müsse früher oder später über den „Großen Teich“ nach Europa gelangen.
Meist handelt es sich dabei um eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die mit der ökonomischen Übermacht amerikanischer Konzerne zusammenhängt, wie die Beispiele Coca-Cola oder Google zeigen.
Die auch von Rechten und Konservativen geteilte Annahme, daß der Postliberalismus zwangsläufig aus den USA kommen müsse, ist ebenfalls ein Ergebnis dieses Denkens.
Doch weshalb beobachten deutsche Rechte und Konservative amerikanische Diskurse überhaupt so genau, während die eigenen Traditionslinien zunehmend in Vergessenheit geraten? Deutsche Postliberale, die das liberal-universalistische Zeitalter überwinden wollen, müßten sich theoretisch zunächst in Deutschland und Europa nach Vorbildern umsehen.
Darüber hinaus können die meisten Postliberalen nicht erklären, wie sie in einer künftigen multipolaren Weltordnung Wohlstand erwirtschaften wollen und was sich dabei konkret gegenüber dem liberalen Zeitalter verändern soll.
Dieser Vorwurf trifft libertäre Postliberale wie Elon Musk ebenso wie Sozialpatrioten wie Deneen.
Elon Musk steht mit seiner Vision von Rechenzentren im Weltraum, die dort durch erneuerbare Energien wie Solaranlagen betrieben werden, für das typisch amerikanische „Frontier-Denken“. Ist er damit nicht ebenfalls ein typischer Liberaler?
Deneen kritisiert sowohl den Globalkapitalismus als auch dessen „woke“ Auswüchse. Seine Lösungen beruhen jedoch im wesentlichen darauf, jeweils das Gegenteil zu fordern, beispielsweise Deglobalisierung anstelle von Globalisierung.
Palantir-Chef Alexander C. Karp bildet mit seinem Buch The Technological Republic aus dem Jahr 2025 eine positive Ausnahme innerhalb der Reihen der Postliberalen.
Karp verbindet darin seine wirtschaftlichen Eigeninteressen mit seinen ideologischen Vorstellungen. Er nimmt nicht die Position eines Wissenschaftlers ein, der aus der Vogelperspektive auf die Ökonomie blickt. Karp befindet sich mitten im wirtschaftlichen Geschehen und würde von der von ihm vorgeschlagenen Neuausrichtung des Kapitalismus in besonderem Maße profitieren.
Dieser Transparenzhinweis schmälert seine Verdienste um eine zukunftsfähige ökonomische Theorie des Postliberalismus jedoch keineswegs.
Karp, der in Frankfurt am Main bei Jürgen Habermas Philosophie studierte und eine besondere Vorliebe für Anthropologie besitzt, warnt Deutschland ausdrücklich davor, Amerika kopieren zu wollen:
„Wenn ihr Amerika kopiert, werdet ihr nur ein drittklassiges Amerika sein.“
Statt ein schlechtes Google aufzubauen, solle Deutschland im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz auf seine historisch gewachsenen Stärken setzen. Diese lägen in der „physischen Industrie“.
Deutsche „Ingenieurskunst“ habe in der Chemie, der Fertigung und der Automobilindustrie Weltruhm erlangt. Hier sieht Karp die größten Zukunftschancen, sofern es gelinge, „deutsche Hardware mit der besten verfügbaren Software zu verschmelzen“, faßte die WELT am 6. Februar 2026 zusammen.
Bereits zuvor hatte Karp für Empörung gesorgt, als er auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte, Künstliche Intelligenz werde Einwanderung überflüssig machen.[19]
Seine Kritik am liberalen Kapitalismus der vergangenen Jahrzehnte setzt noch an einer weiteren Stelle an. Die großen Technologiekonzerne hätten einen hedonistischen Konsumismus gefördert:
„Ein deutliches Übermaß an – geistigem wie auch anderem – Kapital wurde investiert, um die oftmals kapriziösen und flüchtigen Wünsche der spätkapitalistischen Massen zu befriedigen.“[20]
Amazon, Facebook beziehungsweise Meta, Google und Youtube beziehungsweise Alphabet machten die Menschen süchtig nach bunten Bildfolgen in Dauerschleife und ermöglichten zugleich einen immer schnelleren Online-Konsum.
Echte Innovationen, die ein Land voranbringen, seien von den Plattformdienstleistern hingegen kaum hervorgebracht worden. Karp denkt dabei an die Verhinderung von Terroranschlägen, den Bau von U-Booten oder die Entwicklung medizinischer Heilmittel.
Die Vorstandsvorsitzenden der großen Technologiekonzerne kritisiert er als vaterlandslose Gesellen. Zugleich fordert er ein klares Bekenntnis sowohl zum freien Markt als auch zur nationalen Identität:
„Die Technikelite des Silicon Valley hat die Handlungspflicht, an der Verteidigung der Nation und der Artikulation eines nationalen Projekts mitzuwirken.“[21]
Karp will dafür die Herrschaft der bürokratischen Juristen brechen und den „konstruktiven Ungehorsam“[22] künstlerisch veranlagter Ingenieure nutzen:
„Die Herausforderung, mit der wir jetzt beim Aufbau einer Tech-Republik konfrontiert sind, besteht darin, diesen Ingenieursinstinkt, einen tatsächlich rücksichtslosen Pragmatismus, auf die gemeinsamen Ziele der Nation auszurichten.“[23]
Postliberalismus in Deutschland?
Hervorzuheben sind auch Karps Ausführungen zu den im Zweiten Weltkrieg besiegten Mächten. Die liberale Umerziehung nach 1945 hält er für einen schwerwiegenden geopolitischen Fehler:
„Die Schwächung Deutschlands war eine Überreaktion, für die Europa heute einen gewaltigen Preis bezahlt. Eine ähnliche und höchst dramatische Verpflichtung auf einen japanischen Pazifismus droht zudem (…) das Mächtegleichgewicht in Asien zu verschieben.“[24]
In einer multipolaren Welt hätten die Amerikaner angesichts ihres Hauptkonkurrenten China einen größeren Nutzen von selbständig denkenden Partnern. Die Vasallenrolle Deutschlands hat schließlich jede mentale und außenpolitische Wehrhaftigkeit verkümmern lassen. Inzwischen schadet dies auch den Vereinigten Staaten.
Die Frage, wie viel die Deutschen vom amerikanischen Postliberalismus übernehmen sollten, ist daher falsch gestellt.
Wer das liberale Zeitalter überwinden möchte, sollte vielmehr nach postliberalen Traditionen in Deutschland suchen.
Die Preußischen Reformen von 1806 waren die deutsche postliberale Antwort auf die liberale Französische Revolution. Der Protektionismus Friedrich Lists war die deutsche postliberale Antwort auf den von Adam Smith ausgelösten Diskurs über die „unsichtbare Hand“ des Marktes.
Vermutlich aufgrund einer oberflächlichen Lektüre behauptete List, Smith habe eine kosmopolitische Idee entworfen, welche die „Natur der Nationalität“ verkenne. List priorisierte dagegen die Selbständigkeit der Nation als oberstes Ziel.
Zugleich finden sich auch bei ihm Passagen, die sich als „globalistisch“ interpretieren lassen. So schrieb er:
„Es ist die Aufgabe der Nationalökonomie, die ökonomische Erziehung der Nation zu bewerkstelligen und sie zum Eintritt in die künftige Universalgesellschaft vorzubereiten.“[25]
Nichtsdestoweniger stand Friedrich List für einen Ansatz, der anstelle eines unmittelbar freien Marktes auf die staatlich geschützte Entwicklung junger Industrien bis zur Weltmarktreife setzte.
Erst nachdem diese Weltmarktreife erreicht war, sollten sich die heimischen Produkte und Dienstleistungen gegenüber der internationalen Konkurrenz selbständig behaupten.
Dieser Ansatz funktionierte nicht nur in Deutschland. Auch die ostasiatischen Tigerstaaten vertrauten auf dieses Erfolgsrezept.
Neben dem Jahr 1806 ist für den deutschen Postliberalismus insbesondere das Jahr 1873 von Bedeutung. Nach dem Börsencrash von 1873 und dem sogenannten Gründerkrach entwickelte sich in Deutschland ein außerordentlich erfolgreiches postliberales Wirtschaftssystem.
Konstantin Richter schreibt dazu in seinem Buch Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG aus dem Jahr 2025:
„Auch um das eigene Geschäft zu sichern, vollzogen viele Unternehmer den Abschied vom Laissez-faire-Liberalismus. Sie gaben den ‚Kapitalisten‘ und ‚Spekulanten‘, den ‚Aktienschwindlern‘ und ‚Börsenjuden‘ die Schuld an einem Zusammenbruch, zu dem sie selbst beigetragen hatten. Als hätten sie nie anders gedacht, behaupteten sie nun, man müsse den freien Markt beschneiden und stabile Strukturen schaffen. Sie fanden in größeren Einheiten zusammen, in Großbetrieben, Kartellen und Verbänden, und sie suchten die Nähe zu einem starken Staat, der sich ebenfalls vom Liberalismus abwendete und ordnend und schützend in die deutsche Wirtschaft eingriff.“[26]
Dabei gelang es, einen Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln. Das Deutsche Kaiserreich konnte als verspätete Nation die Massenmärkte nicht erobern. Deshalb konzentrierten sich seine Forschungseinrichtungen und Unternehmen darauf, hochwertige Qualitätsprodukte und Maschinen in kleinen Stückzahlen herzustellen.
Zum spezifisch deutschen Weg paßt ebenfalls, daß die Unternehmen zwar exportierten, zugleich aber versuchten, die Produktion so weit wie möglich im eigenen Land zu halten.
„Bei aller Internationalität wurden die Unternehmer nicht zu Kosmopoliten, sie blieben zutiefst deutsch. Oder auch schwäbisch“, unterstreicht Richter.
Die rationale Organisation von Betrieb und Behörde im Sinne Max Webers brachte Deutschland schließlich an die wirtschaftliche Weltspitze.
Nebenbei sei darauf hingewiesen, daß es für diese Erfolgsgeschichte regionale Vorläufer gab, beispielsweise die Politik des „Rétablissement“, also der Wiedergenesung Sachsens nach dem Siebenjährigen Krieg.
Diese Politik war nicht postliberal, weil es vor ihr noch keinen Liberalismus gegeben hatte. Dennoch setzte sie auf ein kluges Zusammenspiel zwischen Staat und Wirtschaft, das auf Sparsamkeit und Innovation beruhte.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörte Sachsen dadurch zu den prägendsten Wirtschaftsregionen der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen in Sachsen lag noch einmal 17 Prozent über dem Durchschnitt des Deutschen Kaiserreichs.
Wie Marwecki ausführt, ist der postliberale Charakter der Wirtschaftspolitik des Kaiserreichs allerdings weniger eindeutig, als es die Typisierungen von Soziologen wie Werner Sombart über „Händler und Helden“, also über Engländer und Deutsche im Vergleich, nahelegen.
Die Zölle des Kaiserreichs seien im Durchschnitt sogar niedriger gewesen als jene der USA und Großbritanniens. Lediglich bei strategisch bedeutsamen Produkten wie Getreide, Eisen und Stahl bestanden hohe Zölle.[27]
Die Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft veränderten das deutsche Erfolgsmodell des Kaiserreichs später insofern, als sie dem Mittelstand gegenüber den Großbetrieben zum Durchbruch verhalfen.
Die Soziale Marktwirtschaft Alfred Müller-Armacks und Wilhelm Röpkes atmete zwar einen freiheitlichen Geist, enthielt jedoch ebenfalls entscheidende „postliberale“ Elemente, die präziser als „präliberale“ Elemente bezeichnet werden könnten.
Wilhelm Röpke führte beispielsweise aus:
„Die Gesellschaft als Ganzes kann nicht auf dem Gesetz von Angebot und Nachfrage und auf dem Appell an das Eigeninteresse aufgebaut werden, und es ist gute konservative Überzeugung, daß der Staat mehr ist als eine Aktiengesellschaft. Mit anderen Worten: die Marktwirtschaft ist nicht genug. Sie muß in eine höhere Gesamtordnung eingebettet werden, die nicht nur die Unvollkommenheiten und Härten der Wirtschaftsfreiheit korrigiert, sondern dem Menschen die seiner Natur gemäße Existenz schafft. Der Mensch aber kann nur dann volle Erfüllung seiner Natur finden, wenn er sich willig einem höheren Ganzen, einer echten Gemeinschaft einfügen und sich als ihr dienendes Glied fühlen kann. Sonst führt er eine elende Existenz trotz allem materiellem Komfort, und er weiß es.“[28]
Müller-Armack schlug ähnliche Töne an. Er leitete aus dem Christentum eine asketische Arbeitsethik ab und arbeitete zugleich an einem Ausgleich zwischen Markt und Moral.
Seine Absage an jede Planwirtschaft begründete er anthropologisch. Das Lebensmedium des Menschen sei die „Indirektheit“. Man könnte auch vom „Anreiz“ sprechen. Die Direktheit, also der Befehl, sei hingegen dem Tier vorbehalten.
Als Ziel gab Müller-Armack vor, das Soziale „wieder menschlicher, konkreter, gebundener, familiärer, überschaubarer, naturverbundener und vielfältiger“ zu gestalten.
Dabei war ihm stets bewußt, daß der Wohlstand vor seiner Umverteilung zunächst erwirtschaftet werden muß.
Schlußfolgerungen
Ein spezifisch deutscher postliberaler Weg für die Zukunft könnte darin bestehen, die persönliche und nationale Entwicklung hin zu Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Souveränität höher zu gewichten als die individuelle „liberale“ Freiheit.
In diese Richtung argumentiert auch Daniel Marwecki, der in diesem Zusammenhang vom „Entwicklungsstaat“ spricht.[29] Dieser Begriff ist aufgrund seiner sprachlichen Nähe zum Entwicklungsland allerdings mißverständlich.
Audi wirbt seit den 1970er Jahren mit dem Leitspruch „Vorsprung durch Technik“. Gemeint ist damit die langsame und stetige Optimierung von Prozessen und Produkten.
Diese Herangehensweise ist typisch deutsch. Sie muß das Ziel der künftigen Entwicklung sein.
Armin Mohler wollte darüber hinaus dem Begriff des „Wettkampfes“ seine ursprüngliche Ernsthaftigkeit zurückgeben. Die Liberalen hätten ihn zu spielerisch interpretiert und in einen „Wettkampf von Abstraktionen“ umgedeutet.
Daraus entsteht ein Überbietungswettbewerb moralischer Werte und finanzieller Kennzahlen, die kaum noch etwas mit der tatsächlichen ökonomischen Leistungsfähigkeit zu tun haben.
Wer dagegen erkennt, daß ein Wettkampf „zu meinem oder des anderen Untergang führen“ kann, hat auch kein Problem der „Sinnerfüllung“.[30]
Der Sinn des Wettkampfes in einer multipolaren Welt besteht darin, die eigene Kultur zu bewahren und das Überleben als Nation zu sichern.
Dies ist jeder liberalen und sozialistischen Utopie überlegen.
PS: Alexander Schimmelbusch hat 2018 mit Hochdeutschland einen sehr lesenswerten Roman über eine postliberale patriotische Bewegung vorgelegt, die Deutschland wieder zu wirtschaftlichem Erfolg verhilft.
Quellen & Literatur
[1] Armin Mohler: Gegen die Liberalen. Schnellroda 2011, S. 11.
[2] Ebd., S. 15.
[3] Ebd., S. 16.
[4] Ebd., S. 73.
[5] Ebd., S. 22.
[6] Vgl. Paul Collier: Die unterste Milliarde. Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann. München 2008.
[7] https://www.hannaharendt.net/index.php/han/de/article/download/470/720/1150?inline=1
[8] https://afd-fraktion-sachsen.de/afd-anfrage-nur-29-neue-arbeitsplaetze-durch-kohlemilliarden/
[9] Mehr dazu in Recherche D, Heft 6: https://recherche-dresden.de/product/recherche-d-heft-6-august-2019/
[10] Z. B. im Bereich LGBTQ.
[11] Vgl. Daniel Marwecki: Die Welt nach dem Westen. Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert. Berlin 2025, S. 39.
[12] Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Neu-Isenburg 2009, S. 524 f.
[13] Ebd., S. 452.
[14] Ebd., S. 447.
[15] Ebd., S. 439.
[16] Ebd., S. 440.
[17] Die „postdemokratischen Liberalen“ wurden bewußt nicht als „Postliberale“ bezeichnet, weil dieses verbindende Element auf sie nicht zutrifft.
[19] https://www.20min.ch/story/davos-palantir-chef-ki-wird-einwanderung-unnoetig-machen-103490308
[20] Alexander C. Karp/Nicholas W. Zamiska: The Technological Republic. Über die Macht des Silicon Valley und die Zukunft des Westens. München 2025, S. 130.
[21] Ebd., S. 10.
[22] Ebd., S. 157.
[23] Ebd., S. 190.
[24] Ebd., S. 60.
[25] Friedrich List: Das nationale System der politischen Ökonomie. E-Book-Version 2015, S. 268.
[26] Konstantin Richter: Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG. Berlin 2025, S. 36 f.
[27] Vgl. Marwecki 2025, S. 87.
[28] Vgl. Wilhelm Röpke: Marktwirtschaft ist nicht genug. Waltrop und Leipzig 2009.
[29] Ebd., S. 92.
[30] Mohler 2011, S. 43–46.
* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen Originalveröffentlichung in der Recherche D vom 29.06.2026; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.
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