Sabotage-Stresstest für Deutschlands Stromnetz

_ Dipl.-Ing. Frank Hennig, Gastforscher, Institut für Konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 19. September 2026.

Kernbotschaften und Handlungsempfehlungen

  • Der Anschlag bei Jänschwalde ließ 500 MW Erzeugungsleistung ausfallen, ohne die Systemstabilität zu gefährden; der Fall zeigt dennoch die physische Verwundbarkeit zentraler Netzknoten.
  • Bei der bundesweiten Sonderauswertung für 2019 bis 2025 entfielen knapp 88 Prozent der einschlägigen Brandstiftungen und rund 69 Prozent der Sachbeschädigungen auf den Bereich PMK-links.
  • In Bayern wurden zwischen 2019 und 2024 insgesamt 243 PMK-links-Fälle mit dem Angriffsziel „Infrastruktur“ registriert, davon allein 125 im Jahr 2023.
  • Kritische Energieinfrastruktur sollte durch stärkeren physischen Schutz, technische Überwachung, Redundanzen, belastbare Notstromversorgung und schnellere Lagebilder von Betreibern und Sicherheitsbehörden widerstandsfähiger gegen Sabotage werden.

Angriff auf einen neuralgischen Netzknoten

Am 1. September 2026 wurden bei Turnow-Preilack nahe Jänschwalde im niedrigen zweistelligen Bereich unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen an Freileitungen festgestellt. Leitfähiges Material wurde in Leiterseile geschossen; Kurzschlüsse führten zum Ausfall von Block B des Kraftwerks mit 500 MW. Ein weiterer 500-MW-Block lief weiter; bereits vermarkteter Strom musste ersetzt werden. Die Bundesnetzagentur erklärte zugleich, Versorgung und Systemstabilität seien nicht gefährdet gewesen.

Turnow-Preilack ist ein wichtiger Knoten des 380-kV-Netzes von 50Hertz. Jänschwalde verfügte zum Tatzeitpunkt über 1.500 MW Leistung von ehemals 3.000 MW. Sechs Höchstspannungsleitungen führen vom Kraftwerk zum Umspannwerk, von dort wird der Strom in Richtung Berlin (Neuenhagen) und Sachsen (Graustein, Bärwalde, Streumen) und von dort weiter nach Thüringen und Süddeutschland verteilt. Ein hypothetischer gleichzeitiger Ausfall von 1.500 MW entspräche 50 Prozent der Referenzgröße von ±3.000 MW für die europaweit vorzuhaltende Primärleistungsreserve.  Der beherrschte Einzelvorfall belegt Funktionsfähigkeit, nicht aber Unverwundbarkeit.

Ermittlungsstand und Gefährdungsbild

Frühe Vermutungen über die „Vulkangruppe“, Nachahmer oder ausländische Urheber bestätigten sich nicht. Am 8. September wurde ein 48-Jähriger festgenommen, dem ähnlich gelagerte Vorgänge in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen zugerechnet werden. Ein abschließend festgestelltes politisches Motiv wurde in der Polizeimitteilung nicht veröffentlicht, Teile eines Bekennerschreibens jedoch in Medien bekannt gemacht.

Der Fall steht dennoch neben früheren Angriffen: Tesla-Grünheide im März 2024 wurde amtlich PMK-links zugeordnet; im September 2025 und Januar 2026 folgten schwere Stromanschläge in Berlin. In ihrer Antwort vom Oktober 2025 bewertete die Bundesregierung kritische Energie- und Verkehrsinfrastruktur insbesondere als durch das linksextremistische Spektrum gefährdet, nannte zugleich russische beziehungsweise prorussische Sabotage- und Ausspähungsrisiken und verwies auf gestiegene technische Fähigkeiten einzelner Täter.

Angriffe auf Infrastruktur sind kein Randphänomen

Auch die Statistik der politisch motivierten Kriminalität zeigt, dass Angriffe auf technische und wirtschaftliche Strukturen keineswegs nur vereinzelte Vorgänge sind. Auf eine schriftliche Frage des Bundestagsabgeordneten Dr. Rainer Rothfuß wertete die Bundesregierung die Jahre 2019 bis 2025 anhand einer erweiterten Auswahl einschlägiger Angriffsziele aus. Bei Brandstiftungen wurden dabei knapp 88 Prozent der erfassten Fälle dem Bereich PMK-links zugeordnet, bei Sachbeschädigungen waren es rund 69 Prozent. Der Datensatz ist breiter gefasst als ein reiner KRITIS-Katalog und erlaubt deshalb keine pauschale Aussage über sämtliche Angriffe auf kritische Infrastruktur. Er zeigt jedoch einen deutlichen Schwerpunkt gerade bei jenen Deliktsformen, mit denen technische Anlagen, Versorgungseinrichtungen oder Unternehmen unmittelbar beschädigt werden können.

Ein ähnliches Bild ergibt sich für Bayern. Zwischen 2019 und 2024 wurden dort allein 243 Fälle aus dem Bereich PMK-links mit dem Angriffsziel „Infrastruktur“ registriert. Besonders auffällig war das Jahr 2023 mit 125 Fällen. Auch die jüngeren Zahlen zeigen, dass das Thema nicht erledigt ist: Unter den 2025 in Bayern registrierten linksextremistischen Brand- und Sprengstoffdelikten richteten sich wiederum mehrere gegen Infrastruktur. Solche Statistiken erklären keinen einzelnen Anschlag und ersetzen keine Ermittlungen zur Täterschaft. Sie zeigen aber, dass politisch motivierte Angriffe auf Energie-, Verkehrs- und sonstige Versorgungseinrichtungen als eigenständiges Sicherheitsrisiko betrachtet werden müssen.

Radikalisierung und Resilienz

Die Bundesregierung nennt Antikapitalismus, Antirepression, Antimilitarismus sowie Klima- und Umweltschutz als Begründungszusammenhänge linksextremistischer Angriffe. Daraus folgt kein Nachweis einer organisatorischen Verbindung zu von Fridays for Future, Scientists for Future, Teachers for Future, Klimaallianz oder Ende Gelände zu den hier behandelten Sabotageakten. Die 2021 im Buch „Klimadämmerung“ formulierte Warnung bleibt gleichwohl relevant: Militante Akteure können gesellschaftlich verbreitete klima- und energiepolitische Deutungsmuster zur Legitimation von Gewalt instrumentalisieren.

Zu den technischen Resilienzoptionen zählen physischer Schutz kritischer Netzknoten, redundante Leitungswege, bessere Detektion und Zugangssicherung, ausreichende Regel- und Reparaturreserven, belastbare Notstromversorgung sowie schneller Lageaustausch zwischen Betreibern und Sicherheitsbehörden. Das im März 2026 erlassene KRITIS-Dachgesetz erweitert den regulatorischen Rahmen.

Quellen & Literatur

  1. Hennig F. (2026). Anschlag in Brandenburg: Wie verwundbar Deutschlands Stromnetz ist. Tichys Einblick. URL: https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/lichtblicke-kolumnen/umspannwerk-brandenburg-anschlag/
  2. Polizei Brandenburg (2026). Nach Angriffen auf die Stromversorgung: Tatverdächtiger festgenommen. URL: https://polizei.brandenburg.de/pressemeldung/nach-angriffen-auf-die-stromversorgung/5712076
  3. Bundesnetzagentur (2026). Strom: Krisenmanagement und -vorsorge. URL: https://www.bundesnetzagentur.de/1108422
  4. LEAG (2026). Geschäftsfeld Kraftwerke. URL: https://www.leag.de/de/technologien/kraftwerke/
  5. Deutscher Bundestag (2026). Schriftliche Fragen mit den in der Woche vom 23. Februar 2026 eingegangenen Antworten der Bundesregierung. Drucksache 21/4372. URL: https://dserver.bundestag.de/btd/21/043/2104372.pdf
  6. Deutscher Bundestag (2025). Sabotageakte gegen kritische Infrastrukturen in Deutschland seit 2020 – Häufigkeit, Einordnung und Maßnahmen zur Resilienzsteigerung. Drucksache 21/2067. URL: https://dserver.bundestag.de/btd/21/020/2102067.pdf
  7. Bayerischer Landtag (2025). Fragen zu Angriffen ausländischer, rechtsextremistischer und linksextremistischer Gruppen auf öffentliche und private Infrastruktur sowie Unternehmen in Bayern zwischen 2014 und 2024. Drucksache 19/8984. URL: https://www.bayern.landtag.de/www/ElanTextAblage_WP19/Drucksachen/Schriftliche%20Anfragen/19_0008984.pdf
  8. Bayerische Informationsstelle gegen Extremismus (2026). Linksextremismus in Bayern: Situation, Zahlen, Statistik. URL: https://www.bige.bayern.de/informationen-zu-extremismus/linksextremismus/linksextremismus-zahlen-statistik/
  9. ENTSO-E (2017). Explanatory note for the FCR dimensioning rules proposal.
  10. Hennig F. (2021). Klimadämmerung. Vom Ausstieg zum Abstieg – ein Plädoyer für mehr Vernunft in der Energiepolitik. FinanzBuch Verlag.

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