Sichere Gesellschaften, schrumpfende Nationen: Der demografische Zielkonflikt der Visegrád-Staaten
_ Christopher Kofner, Geschäftsführer und Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 23.01.2026.
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Die Visegrád-Staaten weisen im europäischen Vergleich signifikant niedrigere Migrations- und Kriminalitätsraten auf, insbesondere bei schweren Gewalt- und Sexualdelikten (z. B. Ungarn: Rückgang von 2,3 auf ~0 Delikte je 100.000 Einwohner).
- Diese Ergebnisse korrelieren mit einer konsequent restriktiven Einwanderungs- und Asylpolitik, die kulturelle Kohärenz und staatliche Souveränität priorisiert.
- Gleichzeitig befinden sich alle vier Staaten in einem demografischen Schrumpfungsprozess: Die durchschnittliche Fertilitätsrate liegt 2024 bei nur rund 1,3 Kindern je Frau, deutlich unter dem Reproduktionsniveau von 2,1.
- Umfangreiche familienpolitische Maßnahmen – selbst bei hoher fiskalischer Intensität – reichen bislang nicht aus, um eine nachhaltige Trendwende herbeizuführen.
- Langfristig erfordert die demografische Stabilisierung eine Kombination aus familienpolitischer Wirksamkeit, wirtschaftlicher Zukunftssicherheit und gesellschaftlicher Wertorientierung, ohne die sicherheitspolitischen Errungenschaften der restriktiven Migrationspolitik zu gefährden.
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Innere Sicherheit, kulturelle Kohärenz und restriktive Migrationspolitik
Die Staaten der Visegrád-Gruppe – Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei – weisen im europäischen Vergleich ein außergewöhnlich hohes Maß an innerer Sicherheit und gesellschaftlicher Stabilität auf. Öffentliche Räume gelten weithin als sicher, insbesondere im Vergleich zu vielen westeuropäischen Metropolen. Kriminalitätsstatistiken, insbesondere im Bereich schwerer Gewalt- und Sexualdelikte, stützen diese Wahrnehmung. Diese Situation wird von den jeweiligen Regierungen ausdrücklich als Ergebnis einer konsequent restriktiven Einwanderungs- und Asylpolitik begreift, die auf die Bewahrung ethno-kultureller Kohärenz, des christlich geprägten Wertefundaments sowie der traditionellen Familie als gesellschaftlichem Kern zielt.
Im Gegensatz zu westeuropäischen Staaten, deren politische Eliten Migration zunehmend als Instrument zur demografischen und arbeitsmarktpolitischen Stabilisierung interpretieren, verfolgen die Regierungen unter Karol Nawrocki in Polen, Viktor Orbán in Ungarn, Robert Fico in der Slowakei und Andrej Babiš / Tomio Okamura in Tschechien einen explizit souveränitätsorientierten Ansatz. Der ethnos – verstanden als historisch gewachsene nationale Bevölkerung – wird als primärer Träger politischer Legitimität betrachtet. Migration außerhalb des europäischen Kulturraums wird dabei nicht als Bereicherung, sondern als potenzielle Destabilisierung sozialer Ordnungen interpretiert.
Asyl- und Migrationszahlen im europäischen Vergleich
Empirisch spiegelt sich diese Politik in deutlich niedrigeren Migrations- und Asylzahlen wider. Die Zahl der Asylbewerber pro 1.000 Einwohner lag im Durchschnitt der Visegrád-Staaten zuletzt bei rund 23 und damit signifikant unter den Vergleichswerten Deutschlands (35,5) und Österreichs (33). Innerhalb der Gruppe bestehen jedoch Unterschiede: Während Ungarn mit 6,5 Asylbewerbern pro 1.000 Einwohner einen extrem niedrigen Wert aufweist, liegen Polen (26) und die Slowakei (23,4) im moderaten Bereich. Tschechien erreicht mit etwa 36 einen höheren Wert, der jedoch überwiegend auf die temporäre Aufnahme ukrainischer Kriegsflüchtlinge seit 2022 zurückzuführen ist und nicht auf Migration aus dem Nahen Osten oder Afrika.[1]
Noch deutlicher wird der strukturelle Unterschied beim Anteil der außerhalb der Europäischen Union geborenen Bevölkerung. In Tschechien liegt dieser bei rund 7 Prozent, in Ungarn bei etwa 2 Prozent, in Polen und der Slowakei bei 1–2 Prozent. Demgegenüber verzeichnen Deutschland und Österreich Anteile zwischen 12 und 16 Prozent. Diese Differenzen korrelieren signifikant mit Unterschieden in Integrationskosten, sozialräumlicher Segregation und Kriminalitätsbelastung.[2]
Rechtskonflikte mit der Europäischen Union und finanzielle Sanktionen
Die restriktive ungarische Asylpolitik führte wiederholt zu Konflikten mit supra-europäischen Institutionen. Insbesondere die Praxis geschlossener Transitzonen sowie die Verpflichtung zur Asylantragstellung außerhalb des Staatsgebiets wurden vom Europäischen Gerichtshof als Verstoß gegen EU-Asylrecht gewertet. Infolge dessen verhängte der EuGH eine Pauschalstrafe von 200 Millionen Euro sowie ein Zwangsgeld von 1 Million Euro pro Tag bei fortgesetzter Nichtumsetzung der Urteile. Bis Mitte 2025 summierten sich diese Sanktionen auf über 500 Millionen Euro.[3]
Aus Sicht der ungarischen Regierung stellt diese finanzielle Belastung jedoch einen vertretbaren Preis dar. Die politischen Entscheidungsträger argumentieren, dass monetäre Sanktionen in keinem Verhältnis zu den langfristigen gesellschaftlichen Kosten unkontrollierter Migration stünden, insbesondere im Hinblick auf innere Sicherheit, sozialen Zusammenhalt und kulturelle Kontinuität.
Kriminalitätsentwicklung und innere Sicherheit
Kriminalstatistische Daten untermauern diese Argumentation. Zwischen 2014 und 2023 sank die Rate der registrierten Sexualdelikte pro 100.000 Einwohner in Ungarn von 2,3 auf nahezu 0. In Tschechien ging sie im selben Zeitraum deutlich von 7,3 auf 0,9 zurück. Polen und die Slowakei verzeichneten leichte Anstiege auf 1,09 bzw. 1,3, blieben damit jedoch weiterhin auf äußert niedrigem Niveau im Vergleich zu Westeuropa.
Demgegenüber stiegen die entsprechenden Raten in Deutschland von 34,2 auf 47,5 und in Österreich von 25 auf 31.[4] Diese Divergenz wird von sicherheitspolitischen Analysten zunehmend mit migrationsbedingten Faktoren in Verbindung gebracht. In der politischen Zuspitzung der Visegrád-Regierungen verdichtet sich diese Diagnose zur Formel: eine konsequente No-Way-Migrationspolitik verhindt die Entstehung von No-Go-Areas.[5]
Demografischer Niedergang trotz aktiver Familienpolitik
Trotz dieser Erfolge in der Migrations- und Sicherheitspolitik sehen sich die Visegrád-Staaten mit einem gravierenden demografischen Strukturproblem konfrontiert. Die durchschnittliche Fertilitätsrate sank von etwa 2,0 Kindern je Frau im Jahr 1990 auf rund 1,3 im Jahr 2024. Selbst die jeweiligen Höchststände blieben unter dem Reproduktionsniveau: In Tschechien bei etwa 1,8, in der Slowakei bei 1,6. Ungarn konnte im Zuge umfangreicher familienpolitischer Maßnahmen – Steuererleichterungen, zinslose Familiendarlehen, Wohnungsbauförderung – einen moderaten Anstieg von 1,2 auf 1,5 Kinder je Frau verzeichnen, ohne jedoch eine nachhaltige Trendwende zu erreichen.[6]
Ein temporärer Anstieg der Geburtenzahlen im Jahr 2021, etwa neun Monate nach den Corona-Lockdowns, weckte kurzfristig Hoffnung. Ab 2022 setzte jedoch erneut ein Rückgang ein. In Teilen der wissenschaftlichen und öffentlichen Debatte wird dies auch mit möglichen gesundheitlichen Langzeitfolgen der COVID-19-Impfkampagnen in Verbindung gebracht.[7]
Polen als Sonderfall: Emigration, Rückwanderung und Fertilitätseinbruch
Besonders ausgeprägt ist der demografische Einbruch in Polen. Die Fertilitätsrate fiel dort von 2,1 auf lediglich 1,1 Kinder pro Frau – der niedrigste Wert innerhalb der Visegrád-Gruppe. Vor 2020 wurde diese Entwicklung zusätzlich durch die Abwanderung junger, gebärfähiger Frauen verstärkt. Schätzungen zufolge arbeiteten zwischen 5 und 10 Prozent dieser Kohorte zeitweise im Ausland, häufig in niedrigqualifizierten Dienstleistungssektoren.[8]
Seit Beginn der 2020er Jahre zeichnet sich jedoch eine partielle Trendumkehr ab. Zunehmend kehren polnische Arbeitskräfte aus Deutschland zurück, nicht zuletzt infolge steigender Energiepreise, industrieller Standortprobleme und einer als restriktiv empfundenen Klimapolitik in Westeuropa.[9] Dieser Rückwanderungseffekt mildert die demografische Krise jedoch nur begrenzt.
Langfristige Bevölkerungsschrumpfung bis 2050
Langfristige Bevölkerungsprognosen zeichnen ein deutliches Schrumpfungsszenario. Bis 2050 wird ein Rückgang um etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung erwartet. Polen könnte von 38 auf rund 34 Millionen Einwohner schrumpfen, Tschechien von 10,7 auf 9,7 Millionen, die Slowakei von 5,4 auf 4,9 Millionen und Ungarn von 9,6 auf etwa 8,5 Millionen.[10] Diese Entwicklung impliziert erhebliche Herausforderungen für Arbeitsmärkte, Rentensysteme und staatliche Finanzen.
Kurzfristig kann Zuwanderung aus kulturell näherstehenden Regionen – insbesondere aus der Ukraine und vom Balkan – Fachkräfteengpässe teilweise kompensieren. Sie vermag jedoch weder die strukturelle Alterung der Gesellschaft noch die langfristige Stagnation der autochthonen Bevölkerung zu beheben. Darin liegt der zentrale Widerspruch: Die Visegrád-Staaten betreiben eine der intensivsten Familienpolitiken Europas, erzielen jedoch bislang keine ausreichende demografische Stabilisierung.
Literatur & Quellen
[1] UNHCR (2025). Flüchtlinge und Asylbewerber in EU-Ländern. Statista. URL: https://de.statista.com/infografik/18439/fluechtlinge-und-asylbewerber-in-eu-laendern/
[2] Eurostat. (2025). Europäische Union: Anteil ausländischer Staatsangehöriger an der Gesamtbevölkerung in den EU-Mitgliedstaaten² im Jahr 2024. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/73995/umfrage/auslaenderanteil-an-der-bevoelkerung-der-laender-der-eu27/
[3] Liboreiro J. (2024). EuGH verurteilt Ungarn zu Geldstrafe von 200 Mio. Euro wegen Verletzung des EU-Asylrechts. Euronews.
[4] Eurostat (2025). Crime statistics: sexual violence offences in the EU, including rape, 2013–2023. URL: https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Crime_statistics&oldid=50636
[5] Orbán V. (2022). Speech by Prime Minister Viktor Orbán at the opening of CPAC Texas. About Hungary. URL: https://abouthungary.hu/speeches-and-remarks/speech-by-prime-minister-viktor-orban-at-the-opening-of-cpac-texas
[6] Eurostat. (2025). Europäische Union: Fertilitätsraten in den Mitgliedstaaten im Jahr 2023. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/200065/umfrage/geburtenziffern-in-ausgewaehlten-laendern-europas/
[7] Prof. Dr. Stefan Homburg (2023). Tweet: Beispielloser Geburtenrückgang in Deutschland seit 2022.
URL: https://x.com/SHomburg/status/1815038043633365279?lang=en
[8] GUS/Stat‑gov (2025). Information on the size and directions of emigration from Poland, 2019‑2024. URL: https://stat.gov.pl/en/topics/population/internationa-migration/information-on-the-size-and-directions-of-emigration-for-temporary-stay-from-poland-in-2019-2024%2C8%2C16.html
[9] Notes From Poland (2025). Return migration to Poland from Germany outnumbers emigration for first time on record. Notes From Poland.
URL: https://notesfrompoland.com/2025/07/09/return-migration-to-poland-from-germany-outnumbers-emigration-for-first-time-on-record/
[10] Eurostat (2023). EUROPOP2023 – Population projections at national level (baseline projections, 2022–2100). URL: https://ec.europa.eu/eurostat/cache/metadata/en/proj_23n_esms.htm
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