Sind marktwirtschaftliche Reformen in Deutschland überhaupt noch möglich?
Eine politökonomische Analyse der strukturellen Hindernisse, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und internationalen Erfahrungen
_ Prof. em. Dr. Ulrich van Suntum Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW)*. Altenberge, 07.06.2026.*
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Die Public-Choice-Theorie nach James M. Buchanan und Gordon Tullock (1962) zeigt, dass Politiker primär als stimmenmaximierende Akteure handeln, deren auf vier bis fünf Jahre begrenzter Zeithorizont mit den langfristigen Wirkungszeiträumen und möglichen kurzfristigen Anpassungskosten marktwirtschaftlicher Reformen systematisch kollidiert.
- Mancur Olsons Analyse des kollektiven Handelns (1965, 1982) erklärt, warum kleine, gut organisierte Interessengruppen (Gewerkschaften, Lobbyverbände, ideologisch ausgerichtete NGOs) Wettbewerbsbeschränkungen und Privilegien durchsetzen können, während die große Mehrheit der Bürger aufgrund von Trittbrettfahrerproblemen politisch inaktiv bleibt – mit der Folge einer schleichenden Erosion von Wohlstand und Wachstumspotenzial.
- Empirische Befunde des NBER (Djankov, Glaeser und Shleifer, 2026) stützen die These, dass umfassende Reformen eher in wohlhabenden Ländern gelingen, die Verlierer kompensieren können; in Deutschland erschweren jedoch knappe Haushaltsmittel und die Neigung zu neuen Verzerrungen (etwa durch Mieterschutzvorschriften) eine gezielte Kompensation.
- Die Ausweitung der eingeschränkten Notversorgung für Asylsuchende auf 36 Monate (seit der Gesetzesänderung 2024, zuvor 18 Monate; DIW Berlin, 2024) sowie die fortgesetzte Mitfinanzierung durch GKV-Beitragszahler und Kommunen verdeutlichen Fehlanreize, die durch einen bundesfinanzierten Nottarif in der GKV mit kostendeckenden Beiträgen und eine stärkere Beteiligung von Beamten an Pensionskosten wirksam adressiert werden könnten.
- Die neuseeländischen „Rogernomics“ der 1980er Jahre mit der Halbierung des Spitzensteuersatzes von 66 auf 33 Prozent sowie die australischen Liberalisierungsprogramme unter Labour-Regierungen belegen, dass breit angelegte Reformpakete mit Privatisierungen, Steuersenkungen und Arbeitsmarktanpassungen – trotz möglicher kurzfristiger Rezessionen – langfristig zu nachhaltigem Wachstum führen können, sofern politischer Wille und geschickte Konsensbildung vorhanden sind.
- Angesichts der links-grünen Dominanz in klassischen Medien, Bildungseinrichtungen und Teilen der Bürokratie sowie des Fehlens charismatischer liberaler Führungsfiguren in Deutschland ist die systematische Stärkung zivilgesellschaftlicher Akteure – wie sie durch Publikationen und digitale Präsenz von Persönlichkeiten wie Benjamin Mudlack repräsentiert werden – eine zentrale Voraussetzung, um den gesellschaftlichen Diskurs zu versachlichen und marktwirtschaftliche Reformen langfristig mehrheitsfähig zu machen.
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In einer Phase, in der die Notwendigkeit marktwirtschaftlicher Reformen in Deutschland auf der Hand liegt und entsprechende konzeptionelle Grundlagen seit langem vorliegen, erweist sich ihre praktische Durchsetzung als außerordentlich schwierig. Stattdessen ist weltweit eine deutliche Abkehr von liberalen Prinzipien festzustellen, während totalitäre Systeme und Verhaltensmuster an Boden gewinnen. In Russland gehören die Zeiten von Glasnost und Perestroika unter Michail Gorbatschow der Vergangenheit an; an ihre Stelle sind innerer Totalitarismus und außenpolitischer Imperialismus getreten, am deutlichsten sichtbar im Überfall auf die Ukraine vor nunmehr vier Jahren. In China regiert die Kommunistische Partei unter Xi Jinping mit harter Hand und setzt ihre Interessen rücksichtslos durch – gegenüber Taiwan, den Nachbarstaaten im Südchinesischen Meer sowie im Konflikt mit Europa und den USA. Sogar die Vereinigten Staaten, lange Zeit das Referenzmodell für Demokratie und wirtschaftliche Freiheit, haben sich unter Donald Trump zu einem zunehmend autoritären Gebilde entwickelt, dessen Regierung etablierte Konventionen missachtet und ausschließlich eigene Interessen verfolgt. Dies zeigt sich in der Zerstörung der liberalen Welthandelsordnung durch protektionistische Zollpolitik, in völkerrechtswidrigen Angriffen auf Venezuela und den Iran sowie in der Infragestellung der NATO und der Instrumentalisierung der Ukraine als Machtspielball zwischen Russland und den USA.
Damit befindet sich die Weltpolitik faktisch wieder auf dem Stand, den Thomas Hobbes bereits 1651 in seinem Werk Leviathan mit der Formel „Homo homini lupus est“ prägnant beschrieben hat. Die Vereinten Nationen, das Völkerrecht und die WTO-Regeln der internationalen Handelsordnung haben ihre frühere Bindungswirkung weitgehend eingebüßt; es gelten wieder primär die Interessen und das Recht des Stärkeren. Für Deutschland und Europa folgt daraus die zwingende Notwendigkeit, sowohl militärisch als auch wirtschaftlich und vor allem mental deutlich an Stärke zu gewinnen. Andernfalls droht der Verlust der Eigenständigkeit als selbstbestimmte Akteure. In einem denkbaren Szenario könnten die drei Großmächte China, die USA und Russland Einflusssphären untereinander aufteilen – Taiwan und Japan an China, Südamerika, Kuba und Grönland an die USA, Europa an Russland – ohne dass europäische Staaten ernsthaft konsultiert würden. Die Frage, ob die USA europäische NATO-Partner im Konfliktfall mit Russland, gegebenenfalls sogar mit nuklearen Mitteln, verteidigen würden, ist inzwischen höchst fraglich geworden.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, was in Deutschland überhaupt noch verteidigungswürdig ist. Wohlstand und Marktwirtschaft, Meinungsfreiheit, Demokratie und abendländische Kultur befinden sich in einem erkennbaren Erosionsprozess. Parallel dazu verschlechtert sich die Bildungssituation rapide. Die PISA-Ergebnisse haben sich in Deutschland weiter verschlechtert und erreichten 2022 die niedrigsten Werte seit Beginn der internationalen Vergleichsstudien; zugleich ist die Bereitschaft zu Eigenverantwortung, Leistung und Wehrdienst spürbar zurückgegangen. In den Schulen nehmen Gewalt, religiöse und kulturelle Konflikte zu, während gleichzeitig eine politische Indoktrination durch woke und linke Gruppen die früher selbstverständliche offene Auseinandersetzung mit kontroversen Themen verdrängt. Unter diesen Bedingungen kann ein fundiertes Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge oder gar für die Prinzipien des Liberalismus und der Marktwirtschaft kaum entstehen. Ein grundlegender Wandel müsste daher bei den jüngsten Generationen ansetzen – doch dafür läuft die Zeit davon.
Es ist kein Zufall, dass es im Bundestag praktisch keine genuin marktwirtschaftlich orientierte Partei mehr gibt. Die CDU vertritt heute mehrheitlich Positionen, die früher als sozialdemokratisch galten. Die SPD ist weiter nach links gerückt, die Grünen sind in weiten Teilen ökologisch verbrämte Sozialisten, und die FDP ist aus dem Parlament ausgeschieden. In der AfD finden sich durchaus ökonomisch vernünftig denkende Personen – darunter ehemalige Studenten und Kollegen des Autors –, doch existieren dort auch illusionäre Vorstellungen, etwa in der Rentenpolitik, und manche Akteure scheinen ernsthaft davon auszugehen, dass sich alle Probleme lösen ließen, wenn nur die Ausländer das Land verließen. Insgesamt verfügen Marktwirtschaft und Liberalismus nur noch über wenige einflussreiche Fürsprecher in den entscheidenden politischen und administrativen Schaltstellen.
Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet derzeit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. Obwohl sie Chemie und nicht Volkswirtschaftslehre studiert hat – eine Parallele zu Margaret Thatcher –, verfügt sie über praktische Erfahrung in der Wirtschaft (als Vorstandsvorsitzende der Westenergie) und hat sich einen eigenen Sachverständigenrat mit marktwirtschaftlich orientierten Ökonomen wie Veronika Grimm, Justus Haucap und Volker Wieland gebildet. Dies wirkt sich positiv auf ihre Politik aus. Ihr Einfluss bleibt jedoch begrenzt, und ihr Parteivorsitzender Friedrich Merz hat sich aus marktwirtschaftlicher Sicht bisher als Enttäuschung erwiesen. Obwohl Merz als Jurist die notwendigen Schritte kennt und vor der Wahl selbst formuliert hat, unterbleiben substantielle Veränderungen – nicht zuletzt aufgrund der Koalitionsbindung an die SPD und der selbst errichteten „Brandmauer“ gegenüber anderen Kräften.
Marktwirtschaftliche Reformen sind für Politiker aus strukturellen Gründen grundsätzlich unattraktiv oder zumindest hoch riskant. Die ökonomische Theorie der Politik hat hierfür allgemeingültige Erklärungsansätze entwickelt. Politiker agieren keineswegs primär als gemeinwohlorientierte Akteure, sondern als Unternehmer in eigener Sache, deren Hauptziel die Maximierung von Stimmen und die eigene Wiederwahl ist. Dies hat James M. Buchanan, Nobelpreisträger des Jahres 1986 und Mitautor (mit Gordon Tullock) des grundlegenden Werkes The Calculus of Consent (1962), in der Public-Choice-Theorie herausgearbeitet. Liberale Reformen benötigen jedoch Zeit, um zu wirken, und können – vergleichbar manchen medizinischen Therapien – zunächst eine Verschlechterung der Lage bewirken. Dies gefährdet unmittelbar die Wiederwahlchancen der verantwortlichen Politiker. Viele Parlamentarier verfügen zudem über keine attraktiven alternativen Karriereoptionen außerhalb der Politik und beziehen im Bundestag oder Landtag Einkommen, die sie in der freien Wirtschaft kaum erzielen könnten. Ihr Zeithorizont ist daher auf die jeweilige Wahlperiode von vier oder fünf Jahren begrenzt.
Ein weiteres zentrales Problem hat Mancur Olson in seinem Werk The Logic of Collective Action (1965) sowie in The Rise and Decline of Nations (1982) analysiert. Trotz formal gleicher Wahlrechte ist der politische Einfluss der Bürger in der Praxis stark ungleich verteilt. Kleine, gut organisierte Gruppen – Gewerkschaften, Lobbyverbände, bestimmte NGOs – können ihre Interessen weit effektiver in Politik und Medien durchsetzen als die zahlenmäßig viel größere Gruppe der Konsumenten. Letztere stehen vor einem klassischen Trittbrettfahrerproblem: Der einzelne hat wenig Anreiz, sich politisch zu engagieren, da er die Kosten allein trägt, während der Nutzen diffus auf alle verteilt wird. Die kleinen, schlagkräftigen Gruppen hingegen profitieren häufig von Wettbewerbsbeschränkungen und marktwidrigen Privilegien wie Subventionen, Zöllen oder Sonderrechten. Beispiele sind neben den Gewerkschaften und großen Unternehmen auch politisch einflussreiche Organisationen wie die Deutsche Umwelthilfe oder Greenpeace, die Maßnahmen wie das Dieselverbot oder gar ein Verbot von Verbrennungsmotoren durchsetzen konnten oder anstreben, obwohl diese in der breiten Bevölkerung mehrheitlich abgelehnt werden. Über die Zeit verfestigen sich dadurch wettbewerbs- und wohlstandsfeindliche Strukturen, die das gesamtwirtschaftliche Wachstum bremsen.
Eine ungünstige Rolle spielen zudem staatliche Bürokratien wie die EU-Kommission oder das Umweltbundesamt. Bürokratie ist für das Funktionieren eines geordneten Gemeinwesens unverzichtbar, wie Max Weber bereits früh erkannt hat. Doch auch bürokratische Organisationen verfolgen eigene Interessen – etwa die Ausweitung von Einfluss und Ressourcen –, wie William A. Niskanen in Bureaucracy and Representative Government (1971) gezeigt hat. Dies begünstigt den Status quo und die sukzessive Einschränkung individueller Freiheitsspielräume. Hinzu kommt die Gefahr ideologischer Vereinnahmung von Bürokratie und Justiz durch den sogenannten „Marsch durch die Institutionen“, dessen Auswirkungen heute vielfach sichtbar sind.
Ergänzend dominiert in den klassischen Medien, insbesondere im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sowie in Schulen, Hochschulen und zunehmend auch in Kindergärten eine linke Deutungshoheit. Marktwirtschaftlich orientierte Stimmen wie Roland Tichy, Stefan Homburg, Hans-Werner Sinn oder Jürgen Falter, die früher regelmäßig in ARD und ZDF präsent waren, finden sich heute vor allem in sozialen Medien wie YouTube, X oder Instagram. Gleichzeitig werden Pläne verfolgt, diese alternativen Kanäle durch Zensur, Denunziation und Altersbeschränkungen unter Kontrolle zu bringen. In Schulbüchern und Unterhaltungsformaten werden Unternehmer und Konservative regelmäßig als asoziale Egoisten, Klimasünder oder Umweltschädlinge dargestellt, während linke und grüne Ideologien als wissenschaftlich gesicherte Wahrheiten präsentiert werden.
Ein aktueller Beitrag des National Bureau of Economic Research (NBER) mit dem Titel „How Reform Happens“ (Djankov, Glaeser und Shleifer, 2026) argumentiert, dass umfassende Reformen am ehesten in relativ wohlhabenden Ländern gelingen, weil diese über die Mittel verfügen, Verlierer zu kompensieren. Diese Überlegung knüpft an Ronald H. Coase an, der 1991 den Nobelpreis für seine Arbeiten zur Institutionenökonomik erhielt und gezeigt hat, dass effiziente Lösungen – bei niedrigen Transaktionskosten – durch Verhandlungen und geeignete Kompensationen erreicht werden können, sodass letztlich alle Beteiligten gewinnen. Die Einführung der Marktwirtschaft in Westdeutschland nach 1948 gilt als klassisches Beispiel. Bei punktuellen Einzelreformen funktioniert der Kompensationsmechanismus jedoch deutlich schlechter: Die gezielte Entschädigung der Betroffenen ist administrativ aufwendig, erfordert erhebliche Mittel, die derzeit nicht verfügbar sind, und führt in der Praxis häufig zu neuen Marktverzerrungen, wie die Mieterschutzgesetzgebung illustriert. Der Autor des vorliegenden Textes teilt daher die Skepsis gegenüber einer primär kompensationsbasierten Reformstrategie. Erfolgversprechender erscheint ein Szenario, in dem die Lage so prekär wird, dass breite Teile der Bevölkerung die Notwendigkeit eines grundlegenden Kurswechsels erkennen und die Belastungen möglichst gleichmäßig verteilt werden, sodass niemand das Gefühl hat, allein betroffen zu sein. Auch hierfür liefert der NBER-Beitrag empirische Hinweise.
Marius Kleinheyer kommt in seinem Essay für das Flossbach von Storch Research Institute (2026) zu dem Schluss, dass liberale Reformen in der heutigen Konstellation vor allem durch charismatische Persönlichkeiten durchsetzbar sind, die allein durch Überzeugungskraft und persönliche Autorität die notwendige gesellschaftliche Unterstützung mobilisieren können. Als aktuelles Beispiel wird häufig Javier Milei in Argentinien genannt. In der jüngeren Geschichte lassen sich weitere Fälle anführen: Margaret Thatcher in Großbritannien, Ronald Reagan mit seiner „Reaganomics“, die in den 1980er Jahren auch in Deutschland zu einer Renaissance angebotsorientierter Politik beitrug, Leszek Balcerowicz mit der liberalen Schocktherapie in Polen nach dem Ende des Kommunismus sowie Gerhard Schröder mit den Hartz-Reformen in Deutschland. Ludwig Erhard stellt insofern einen Sonderfall dar, als der abrupte Übergang zur Marktwirtschaft mit der Währungsreform im Juni 1948 nicht das Ergebnis eines demokratischen Prozesses war, sondern das Werk eines einzelnen Mannes in seiner Funktion als Direktor der Bizone – noch vor Gründung der Bundesrepublik im Mai 1949 und mit Rückendeckung der westlichen Besatzungsmächte. Die positiven Effekte des darauffolgenden Wirtschaftswunders erleichterten es Erhard später als Wirtschaftsminister, die marktwirtschaftliche Ordnung trotz anfänglicher Proteste bis in die frühen 1970er Jahre aufrechtzuerhalten. Danach setzten mit Willy Brandt und später Angela Merkel gegenläufige Entwicklungen ein.
Dieses Muster wiederholt sich international: Nach erfolgreicher Entwöhnung von staatlichen Interventionen kehrt – ähnlich wie bei einem ehemaligen Raucher oder Alkoholiker – der Wunsch nach dem gewohnten „Suchtmittel“ zurück, zunächst in scheinbar harmlosen neuen Regulierungen auf Wohnungs- oder Arbeitsmärkten. Mit der Zeit werden die Interventionen zur Gewohnheit und immer weiter ausgedehnt. „Die Freiheit stirbt immer zentimeterweise“, wie Guido Westerwelle einmal formulierte. Am Ende bleibt von der sozialen Marktwirtschaft vor allem das Adjektiv übrig, während Wachstum und Wohlstand schwinden. Genau an einem solchen Punkt steht Deutschland heute.
Von einer charismatischen Persönlichkeit, die den Liberalismus wieder mehrheitsfähig machen könnte, ist derzeit weder in Deutschland noch in den USA etwas zu erkennen. Stattdessen scheinen linke Populisten wie Heidi Reichinek oder der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdami das Publikum leichter zu erreichen. Friedrich Merz ist ein überzeugender Redner mit grundsätzlich marktwirtschaftlichen Überzeugungen, doch fehlt es ihm erkennbar an Prinzipientreue und Durchsetzungskraft gegenüber dem Koalitionspartner. Angela Merkel wusste offenbar, warum sie ihm nie ein höheres Amt anvertraute. Die von ihm selbst errichtete „Brandmauer“ macht ihn zudem weitgehend abhängig von den links-grünen Kräften im Bundestag.
Dennoch bestehen Ansatzpunkte für Veränderung. Die weiter steigenden Umfragewerte der AfD setzen die Regierung und insbesondere Friedrich Merz zunehmend unter Druck. Allerdings reichen isolierte Reformen in einzelnen Politikfeldern nicht aus. Dies wird etwa an den von Gesundheitsministerin Warken vorgelegten Plänen zur GKV-Reform deutlich. Zwar werden nahezu alle relevanten Gruppen – Versicherte, Ärzte, Krankenkassen und Krankenhäuser – gleichzeitig belastet, was die Akzeptanz in der Bevölkerung erleichtern mag, da geteiltes Leid als halbes Leid gilt. Angesichts des bereits bestehenden Ärztemangels, langer Wartezeiten auf dringende Eingriffe und Untersuchungen sowie zunehmender Medikamentenknappheit erscheint es jedoch kontraproduktiv, Ärzteschaft und Pharmaindustrie weiter einzuengen, nur um Symmetrie zu wahren. Ähnlich problematisch ist die Wohnungswirtschaft, wo Vermieter neuerdings verpflichtet werden sollen, einen Teil der Heizkosten ihrer Mieter zu übernehmen, wenn diese weiterhin mit Gas oder Öl heizen.
Eine grundlegende Reform müsste deutlich weiter greifen und nicht allein die Gesetzliche Krankenversicherung betreffen – zumal die Beamten ohnehin nicht einbezogen werden können. Denkbar wäre, diese an den Kosten ihrer Pensionssysteme stärker zu beteiligen. Zudem hat die Gesundheitsministerin es versäumt, die Kosten der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen systematisch anzugehen. Dass diese und weitere Grundleistungsbezieher weiterhin von den Beitragszahlern der GKV mitfinanziert werden, stellt ein erhebliches Ärgernis dar. Die Absicht, die Flüchtlingskosten auf den Bund zu verlagern, wird gleichzeitig mit dem Hinweis relativiert, dafür stünden keine Mittel zur Verfügung. Dies ist nicht akzeptabel, da im Bundeshaushalt erhebliche Einsparpotenziale bestehen, etwa bei unsinnigen Klimasubventionen.
Darüber hinaus ist es möglich und notwendig, die Kosten nicht nur umzuverteilen, sondern tatsächlich zu senken. Neue Asylantragsteller erhalten derzeit für 36 Monate eine eingeschränkte Notversorgung, bei der keine freie Arztwahl besteht und nur dringende Fälle behandelt werden – eine Ausweitung von zuvor 18 Monaten, die 2024 vorgenommen wurde. Diese Regelung sollte zeitlich entfristet und nicht länger von den Kommunen finanziert werden, da sie administrativ aufwendig ist und den Betroffenen faktisch den Status von Privatpatienten verschafft. Besser geeignet wäre ein bundesfinanzierter Nottarif innerhalb der GKV mit kostendeckenden Beiträgen, die der Bund übernimmt. Für erwerbsfähige, aber nicht erwerbstätige Bürgergeldbezieher sollte ebenfalls nur ein solcher Nottarif gelten, um die Anreize zur Arbeitsaufnahme zu stärken. Für schwer erkrankte Personen und Kinder müsste hingegen der reguläre Basistarif mit kostendeckenden, ebenfalls vom Staat zu tragenden Beiträgen Anwendung finden.
Grundsätzlich findet ein Reformprogramm umso eher Akzeptanz, je breiter und gerechter die Belastungen verteilt sind und je stärker die Betroffenen das Gefühl haben, im Gegenzug einen erkennbaren Nutzen zu erhalten. Dies belegen die Erfahrungen in Australien und Neuseeland. Australien liberalisierte seine bis dahin stark protektionistische und regulierte Wirtschaft in den 1980er und frühen 1990er Jahren unter einer Labour-Regierung. Privatisierungen, Steuersenkungen auch für höhere Einkommen, moderate Lohnabschlüsse und Streikverzicht der Gewerkschaften sowie Liberalisierungen des Arbeitsmarktes führten zu einem lang anhaltenden Wirtschaftswachstum. In Neuseeland vollzog sich Mitte der 1980er Jahre unter Finanzminister Roger Douglas (ebenfalls Labour) eine radikale Liberalisierung, die später von konservativen Regierungen fortgesetzt wurde. Starke Privatisierungen, die Abschaffung von Preiskontrollen und eine deutliche Senkung der Einkommensteuer – der Spitzensteuersatz wurde von 66 auf 33 Prozent halbiert – führten zwar kurzfristig zu Rezession und steigender Arbeitslosigkeit, erwiesen sich langfristig jedoch als ebenso erfolgreich wie das australische Programm.
Diese Beispiele zeigen, dass umfassende marktwirtschaftliche Reformen möglich sind, sofern politischer Mut, strategisches Geschick bei der Überwindung von Widerständen und eine supportive Rolle der Medien vorhanden sind. In Deutschland leisten die klassischen Mainstream-Medien in dieser Hinsicht derzeit nur begrenzte Hilfestellung, wenngleich sich bei einzelnen Publikationen wie der WELT oder teilweise der FAZ Veränderungen abzeichnen. Umso bedeutsamer sind daher zivilgesellschaftliche Akteure, die unermüdlich liberale Ideen in der Öffentlichkeit verbreiten. Persönlichkeiten wie der Preisträger des „Freiheitspreis Münster“, Benjamin Mudlack, leisten durch ihre Publikationen und ihre Präsenz in den sozialen Medien einen unverzichtbaren Beitrag zur Vorbereitung des gesellschaftlichen Bodens, auf dem marktwirtschaftliche Reformen eines Tages politisch durchsetzbar werden können. Es gilt, solche Bemühungen nachdrücklich zu unterstützen.
Quellen & Literatur
- Buchanan, J. M. and Tullock, G. (1962). The Calculus of Consent: Logical Foundations of Constitutional Democracy. Ann Arbor: University of Michigan Press.
- Coase, R. H. (1960). The Problem of Social Cost. Journal of Law and Economics, 3, pp. 1–44.
- DIW Berlin (2024). Prolonged exclusion from healthcare for refugees: An increase from 18 to 36 months. DIW Weekly Report, 12/2024. Berlin: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.
- Djankov, S., Glaeser, E. L. and Shleifer, A. (2026). How Reform Happens. NBER Working Paper No. 35119. Cambridge, MA: National Bureau of Economic Research. https://www.nber.org/papers/w35119
- Evans, L., Grimes, A., Wilkinson, B. and Teece, D. (1996). Economic Reform in New Zealand 1984–95: The Pursuit of Efficiency. Journal of Economic Literature, 34(4), pp. 1856–1902.
- Hobbes, T. (1651). Leviathan, or The Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiasticall and Civil. London (modern editions: e.g. 1968, Penguin Classics or Oxford University Press).
- Kleinheyer, M. (2026). Warum liberale Reformen charismatische Führung brauchen. Bonn: Flossbach von Storch Research Institute. https://www.flossbachvonstorch-researchinstitute.com/de/alle/detail/warum-liberale-reformen-charismatische-fuehrung-brauchen
- Niskanen, W. A. (1971). Bureaucracy and Representative Government. Chicago: Aldine-Atherton.
- OECD (2023). PISA 2022 Results (Volume I): The State of Learning and Equity in Education. Paris: OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/53f23881-en
- Olson, M. (1965). The Logic of Collective Action: Public Goods and the Theory of Groups. Cambridge, MA: Harvard University Press.
- Olson, M. (1982). The Rise and Decline of Nations: Economic Growth, Stagflation, and Social Rigidities. New Haven: Yale University Press.
- Stephens, R. (1993). Radical Tax Reform in New Zealand. Australian Tax Forum (or related policy analysis; confirmed in multiple historical reviews of Rogernomics).
* Mit Zustimmung des Autors basiert dieser Beitrag auf dessen Festvortrag vor dem Hayek-Club Münsterland anlässlich der Verleihung des „Freiheitspreis Münster“ an Benjamin Mudlack am 21. Mai 2026 in Altenberge; er wurde lediglich zur besseren Strukturierung, Sachlichkeit und Verständlichkeit überarbeitet und um aktuelle Quellen ergänzt, wobei KI-gestützte Methoden unterstützend eingesetzt wurden.
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