Ukrainekrieg: Strategische Sackgasse der Eliten
_ Dr. Anton Friesen, Gastforscher, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). Berlin, 16. Oktober 2026.
Kernbotschaften und Handlungsempfehlungen
- Technologische Überlegenheit kann nationalen Widerstandswillen, strategische Führung und das Zusammenwirken der Streitkräfte nicht ersetzen.
- Bis Mitte 2025 waren mindestens 140.000 ukrainische und 200.000 russische Soldaten gefallen; die Wiederaufbaukosten übersteigen 500 Milliarden Euro.
- Eine dauerhafte Besatzung der Ukraine würde nach Hans von Dachs Ansatz rechnerisch bis zu 1,2 Millionen russische Soldaten erfordern.
- Überschuldung, gesellschaftliche Konflikte und verwundbare Infrastrukturen schwächen die politische und militärische Handlungsfähigkeit westlicher Staaten.
- Deutschland muss die Waffenlieferungen beenden und auf direkte, gesichtswahrende Friedensverhandlungen mit Russland hinwirken.
Krieg ohne strategischen Sieger
Mehr als vier Jahre nach Kriegsbeginn ist die Bilanz verheerend: Bis Mitte 2025 waren mindestens 140.000 ukrainische und 200.000 russische Soldaten gefallen. Hinzu kommen mindestens 16.431 getötete Zivilisten und Wiederaufbaukosten von über 500 Milliarden Euro. Dennoch fehlt eine militärische Entscheidung. Hinter diesem Abnutzungskrieg stehen schwerwiegende politische Fehlkalkulationen der Führungseliten [1–4].
Der Irrglaube an Wunderwaffen
Der Westen und Russland setzen weiterhin auf technologische Überlegenheit. Dieser Glaube wurzelt in einer Fortschrittsideologie, die technische Entwicklung zum Versprechen eines säkular-materialistischen Paradieses erhebt. Qiao Liang, Wang Xiangsui und William Lind kritisieren insbesondere Amerikas Vertrauen auf Luftmacht und Hochtechnologie, das in asymmetrischen Kriegen wiederholt scheitert. Untersuchungen der ETH Zürich zeigen ebenfalls, dass Drohnen zwar die Kampfkraft erhöhen, allein aber keine Entscheidung erzwingen. Entscheidend bleiben Doktrin, Organisation, Führung, Moral, Logistik und das koordinierte Zusammenwirken der Teilstreitkräfte [5–7].
Widerstandswille und Besatzungskosten
Die ukrainische Verteidigung verdeutlicht diese Zusammenhänge. Sie beruht auf nationalem Widerstandswillen, dem gemeinsamen Einsatz der Streitkräfte sowie westlicher Waffen- und Geheimdiensthilfe. In der World Values Survey vertrauten 73 Prozent der Ukrainer ihrer Armee, gegenüber 47 Prozent in Deutschland; 60 Prozent würden ihr Land verteidigen, verglichen mit 42,8 Prozent der Deutschen. Darin zeigt sich Clausewitz’ Dreiklang aus Volk, Armee und Regierung. Selenskyj und Putin genießen jeweils das Vertrauen von rund zwei Dritteln der Bevölkerung, während 78 Prozent der Ukrainer ihrem Parlament misstrauen. Zugleich vertrauen 70 Prozent dem Drohnenkommandeur Robert Brovdi. Erfolgreiche Militärführer werden damit zu politischen Konkurrenten Selenskyjs. Nach ukrainischen Drohnenangriffen tief in Russland glaubten 85 Prozent an den Sieg [8–9].
Dieser Widerstand erschwert auch eine dauerhafte Besatzung. Hans von Dach veranschlagt gegen 30.000 Partisanen 100.000 bis 150.000 Besatzungssoldaten und als Faustregel zwei Soldaten je Quadratkilometer. Für die gesamte Ukraine ergäben sich 1.207.400 Mann; Putin bezifferte seine eingesetzten Kräfte auf über 700.000. Damit wird die strategische Bedeutung politischer Überzeugungen deutlich [10–11].
Moskaus verhängnisvolle Fehlentscheidung
Russlands Führung unterschätzte diesen Faktor, als sie 2022 einen raschen Regimewechsel erwartete. Sie verkannte die von Machiavelli beschriebene einigende Wirkung einer Invasion, überschätzte ihre Erfahrungen auf der Krim und vermittelte den Soldaten keinen überzeugenden Kriegsauftrag – eine Schwäche, die Richard Pipes bereits für Russlands Armee im Ersten Weltkrieg beschreibt.
Nach dem Scheitern der Istanbuler Verhandlungen über Neutralität und Truppenabzug durch Boris Johnsons Intervention erschwerte Moskau mit der Annexion von vier ukrainischen Regionen einen Kompromiss auch verfassungsrechtlich. Westliche Waffenhilfe sichert der Ukraine Kampfkraft, unterstützt zugleich aber Russlands innenpolitisches Narrativ eines Krieges gegen die NATO [1, 12].
Die Krise des Westens
Doch auch die westlichen Führungseliten sehen sich wachsenden inneren Krisen gegenüber. David Betz beschreibt einen schleichenden Bürgerkrieg infolge politischer Polarisierung, Multikulturalismus, schwindenden Sozialkapitals und ungelöster Probleme bei Wirtschaft, Sicherheit, Infrastruktur, Migration und Demografie. Das Bürgerkriegsrisiko binnen zehn Jahren beziffert er auf 40 Prozent. Gleichzeitig erschöpfen Ukrainehilfen Arsenale, Streitkräfte, Logistik und Volkswirtschaften. Unruhen in Großbritannien, Frankreich, Irland und Spanien machen die Spannungen sichtbar. Bereits 2011 stießen britische Sicherheitskräfte an ihre Grenzen; wie würden sie auf 100.000 Aufständische reagieren – wie auf dem Tiananmen-Platz oder während des Arabischen Frühlings? Hinzu kommt die Verwundbarkeit von Gas- und Stromnetzen, Supermärkten und transatlantischen Datenkabeln, die vielfach seit dem Kalten Krieg außerhalb der Städte liegen. Betz fordert geschützte Regierungssitze, redundante Kommunikationsnetze und dezentrale Behörden. Auf Schwarzmärkten gehandelte Ukrainewaffen verschärfen die Risiken [13].
Ökonomische Überdehnung
Diese Spannungen treffen auf wirtschaftliche Überdehnung. Das Penn Wharton Budget Model prognostiziert für 2050 eine amerikanische Schuldenquote von 225 Prozent des BIP, gegenüber 106 Prozent 1946. Der Dollaranteil an den Weltwährungsreserven sank von rund 70 auf unter 58 Prozent; für 2030 werden 52 bis 55 Prozent, für 2040 noch 45 bis 50 Prozent erwartet. Ab 2032 drohen Finanzierungslücken bei US-Altersrenten. Spätestens in den 2040er-Jahren werden Sozialausgaben und ein Militärbudget oberhalb der Ausgaben der zehn nächstgrößten Militärmächte die USA überfordern. Großbritannien, Frankreich und Deutschland stehen vor ähnlichen Problemen [14–16].
Verhandlungen statt weiterer Eskalation
Aus dieser militärischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Sackgasse führt nur ein politischer Kurswechsel mit neuen Führungseliten in Moskau, Berlin, Paris und London. Russland ist geschwächt, aber nicht besiegt; seine personellen und materiellen Ressourcen übertreffen die ukrainischen. Eine NATO-gebundene Ukraine oder westliche „Friedenstruppen“ bedrohen russische Sicherheitsinteressen. Nach der Dumawahl im September 2026 eröffnet sich ein Verhandlungsspielraum. Putin könnte bis 2036 regieren, muss jedoch eine riskante Nachfolge während des Krieges vermeiden und strebt zumindest einen Teilsieg an. Weitere 300.000 Mobilisierte würden wie 2022 Zustimmung kosten und Hunderttausende Fachkräfte, besonders aus der IT-Branche, vertreiben. Auch die Kritik russischer Experten wie Andrej Klepatsch und Wassili Kaschin unterstreicht die Notwendigkeit einer politischen Lösung. Deutschland muss daher seine Waffenlieferungen beenden und gesichtswahrende Verhandlungen vorantreiben. Bundeskanzler Friedrich Merz muss Moskau anrufen [1, 17].
Quellen und Literatur
- Friesen A. (2026). Ukrainekrieg: Wohin steuern Russlands Führung und westliche Eliten? FREILICH Magazin. URL: https://www.freilich-magazin.com/welt/ukrainekrieg-wohin-steuern-russlands-fuehrung-und-westliche-eliten
- Meduza (2025). How Many Soldiers Have Russia and Ukraine Lost? And How Do Their Armies Compare? URL: https://meduza.io/en/feature/2025/11/04/how-many-soldiers-have-russia-and-ukraine-lost-and-how-do-their-armies-compare
- ORF (2026). Ukraine-Krieg: Zahl ziviler Opfer laut UNO stark gestiegen. URL: https://orf.at/stories/3436833/
- World Bank Group (2026). Updated Ukraine Recovery and Reconstruction Needs Assessment Released. URL: https://www.worldbank.org/en/news/press-release/2026/02/23/updated-ukraine-recovery-and-reconstruction-needs-assessment-released
- Qiao L., Wang X. (1999). Unrestricted Warfare. PLA Literature and Arts Publishing House. URL: https://www.document.no/wp-content/uploads/2022/02/unrestricted-warfare.htm
- Lind W. (2026). The American Way of Losing Wars. The American Conservative. URL: https://www.theamericanconservative.com/the-american-way-of-losing-wars/
- Zaccagnini I. (2026). Emerging Technologies and the Enduring Elements of Warfare. Strategic Trends 2026, ETH Zürich. URL: https://css.ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/gess/cis/center-for-securities-studies/pdfs/ST2026-C3-IZ.pdf
- World Values Survey Association (2022). World Values Survey, Wave 7 (2017–2022). URL: https://www.worldvaluessurvey.org/WVSOnline.jsp
- Mishchenko M. (2026). 85% of Ukrainians Now Believe in Their Country’s Victory. Razumkov Centre. URL: https://razumkov.org.ua/en/articles-interviews/85-of-ukrainians-now-believe-in-their-country-s-victory-sociologist-mishchenko-on-changes-in-public-opinion-in-ukraine
- von Dach H. (1957). Der totale Widerstand: Kleinkriegsanleitung für jedermann. URL: https://archive.org/stream/Der_Totale_Widerstand_Major_H._von_Dach_German/Der_Totale_Widerstand_Major_H._von_Dach_German_djvu.txt
- Interfax (2026). Путин сообщил, что группировка ВС РФ в зоне СВО превышает 700 тыс. человек. URL: https://www.interfax.ru/russia/1095575
- Pipes R. (1991). The Russian Revolution. Vintage Books. URL: https://books.google.com/books/about/The_Russian_Revolution.html?id=Bc_1qkobMOwC
- Betz D. (2025). Civil War Comes to the West, Part II: Strategic Realities. Military Strategy Magazine, 10(2), 6–16. URL: https://www.militarystrategymagazine.com/article/civil-war-comes-to-the-west-part-ii-strategic-realities/
- Gokhale J., Smetters K. (2022). Long-Term Financial Implications of Current Federal Budget Policies. Penn Wharton Budget Model. URL: https://budgetmodel.wharton.upenn.edu/p/2022-12-19-long-term-financial-implications-of-current-federal-budget-policies/
- International Monetary Fund (2026). Global Foreign Exchange Reserves Trends. URL: https://data.imf.org/en/dashboards/cofer
- Social Security Administration (2026). Status of the Social Security and Medicare Programs: A Summary of the 2026 Annual Reports. URL: https://www.ssa.gov/oact/trsum/index.html
- Institute for the Study of War (2026). Russian Offensive Campaign Assessment, August 18, 2026. URL: https://understandingwar.org/research/russia-ukraine/russian-offensive-campaign-assessment-august-18-2026/
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