Volksverelendung und Elitenüberproduktion

_ Christopher Kofner, Geschäftsführer & Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 07.06.2026.

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Die Kliodynamik macht gesellschaftliche Instabilität messbar, weil sie historische Krisen nicht nur erzählerisch deutet, sondern anhand quantitativer Indikatoren wie Reallöhnen, Medianlöhnen, Vermögenskonzentration, Wohnkosten, Bildungskosten und Spitzeneinkommen analysiert.
  • Turchins zentrale Krisenformel besteht aus zwei miteinander verbundenen Entwicklungen: der Verelendung beziehungsweise relativen Schlechterstellung breiter Mittel- und Unterschichten sowie der Überproduktion von Eliten, die um begrenzte Macht-, Status- und Einkommenspositionen konkurrieren.
  • Besonders brisant ist die von Turchin beschriebene „Vermögenspumpe“, weil sie Einkommen, Vermögen und Einfluss von der arbeitenden Bevölkerung zu staatlichen und wirtschaftlichen Eliten verschiebt und dadurch die soziale Grundlage politischer Stabilität untergräbt.
  • Die deutsche Rechte und insbesondere die AfD sollten die Kliodynamik als strategisches Analyseinstrument nutzen, weil Deutschland ähnliche Krisenmuster zeigt: sinkende Realeinkommen, Erosion der Mittelschicht, wachsende Vermögenskonzentration, blockierte Gegeneliten, staatliche Machtverdichtung und zunehmende gesellschaftliche Fragmentierung.
  • Eine wirksame Antwort muss populistisch-libertär sein: Sie muss die arbeitende Bevölkerung, Familien, Selbständige, kleine und mittlere Unternehmen und produktive Milieus entlasten, den Staats- und Bürokratieapparat zurückdrängen, breite Eigentumsbildung ermöglichen, Migration begrenzen und die Vermögenspumpe von unten nach oben stoppen.
  • Turchins Deutung bleibt dort zu ergänzen, wo sie die „Great Compression“ zu stark sozialdemokratisch erklärt; Zentralbankpolitik, Fiat-Geld, Finanzialisierung und Vermögenspreisinflation müssen als zentrale Treiber der modernen Ungleichheit stärker in die Analyse einbezogen werden.
  • Die zentrale politische Warnung lautet: Wenn ökonomischer Abstieg, Elitenblockade, Vermögenskonzentration und kulturelle Fragmentierung gleichzeitig zunehmen, wächst die Gefahr schwerer politischer Verwerfungen bis hin zu bürgerkriegsähnlichen Konflikten.

Kliodynamik als quantitative Geschichtswissenschaft

Peter Turchins „End Times: Elites, Counter-Elites, and the Path of Political Disintegration“ aus dem Jahr 2023 gehört zu den wichtigsten neueren Beiträgen zur wissenschaftlichen Analyse historischer Instabilitäts- und Zerfallsprozesse. Das Werk ist nicht nur eine politische Krisendiagnose der Vereinigten Staaten, sondern zugleich eine methodische Grundlegung der von Turchin mitbegründeten Kliodynamik. Diese versteht Geschichte nicht allein als qualitative Erzählung von Ereignissen, Personen und Ideen, sondern als empirisch auswertbaren Prozess, dessen wiederkehrende Muster sich mit quantitativen und mathematischen Methoden untersuchen lassen.

Turchin, ein amerikanisch-russischer Historiker und Populationsbiologe, überträgt damit Ansätze aus der Ökonometrie, der Evolutionsbiologie und der Komplexitätsforschung auf die Geschichtswissenschaft. Historische Entwicklung erscheint bei ihm nicht als bloße Abfolge zufälliger Einzelereignisse, sondern als ein dynamisches System, in dem Bevölkerungsentwicklung, wirtschaftliche Verteilung, Elitenkonkurrenz, Staatskapazität und gesellschaftliche Konfliktintensität miteinander verbunden sind. Gemeinsam mit seinem Forschungsteam hat Turchin über Jahre hinweg umfangreiche historische Datensätze gesammelt, systematisiert und statistisch ausgewertet. Ziel dieser Arbeit ist es, wiederkehrende Kausalitäten zu identifizieren, die erklären können, warum Gesellschaften in Phasen politischer Desintegration, innerer Gewalt oder sogar des Bürgerkriegs geraten.

Der entscheidende wissenschaftliche Anspruch der Kliodynamik besteht darin, geschichtliche Krisen nicht nur rückblickend zu deuten, sondern strukturell vergleichbar zu machen. Dadurch entsteht ein Instrumentarium, das politische und gesellschaftliche Spannungen anhand objektivierbarer Indikatoren erfasst. Gerade für eine Zeit, in der westliche Gesellschaften von wachsender Polarisierung, sinkendem Vertrauen in Institutionen, ökonomischer Unsicherheit und zunehmender Elitenkonkurrenz geprägt sind, besitzt dieser Ansatz besondere Bedeutung.

Volksverelendung und Elitenüberproduktion als Krisenmechanismus

Im Zentrum von Turchins Analyse stehen zwei wiederkehrende Faktoren, die Gesellschaften an den Rand des Zusammenbruchs führen. Der erste Faktor ist die Verarmung beziehungsweise relative Schlechterstellung der Mittel- und Unterschichten, also jener Bevölkerungsgruppen, die den größten Teil der Gesellschaft ausmachen. Der zweite Faktor ist die Überproduktion von Eliten. Darunter versteht Turchin eine Situation, in der immer mehr junge, gebildete, ehrgeizige oder wohlhabende Personen in Führungspositionen drängen, während die Zahl der tatsächlich verfügbaren Macht-, Status- und Einkommenspositionen begrenzt bleibt.

Diese beiden Entwicklungen verstärken sich gegenseitig. Wenn breite Bevölkerungsschichten unter stagnierenden oder sinkenden Reallöhnen, wachsender Unsicherheit, steigenden Lebenshaltungskosten und schwindenden Aufstiegschancen leiden, entsteht soziale Frustration. Gleichzeitig wächst in der oberen und oberen mittleren Schicht die Zahl jener Personen, die sich für Führungspositionen qualifiziert fühlen, aber keinen Zugang zu den etablierten Machtzentren erhalten. Der Konflikt verläuft dann nicht nur zwischen „oben“ und „unten“, sondern auch innerhalb der Elite selbst. Junge und aufstrebende Eliteanwärter stellen die etablierten Eliten infrage, während die verarmenden oder abstiegsbedrohten Mittel- und Unterschichten zur sozialen Basis dieses Konflikts werden.

Turchin sieht in dieser Kombination ein historisch wiederkehrendes Muster. Sie führt regelmäßig zu erheblichen sozialen Spannungen und in 80 % der von ihm untersuchten Fälle zu Konflikten oder sogar Bürgerkriegen. Damit erhält die Elitenfrage eine zentrale Bedeutung für das Verständnis politischer Instabilität. Gesellschaften zerfallen nicht allein deshalb, weil die Armen arm sind. Sie zerfallen, wenn materielle Not, blockierte Aufstiegschancen und innerelitäre Machtkämpfe gleichzeitig auftreten.

Die Vermögenspumpe und die politische Ökonomie der Ungleichheit

Für moderne Gesellschaften unterscheidet Turchin analytisch zwischen Staat, Großunternehmen und allgemeiner Bevölkerung. Entscheidend ist, wie die Ergebnisse wirtschaftlichen Wachstums zwischen diesen drei Bereichen verteilt werden. Wenn das Wirtschaftswachstum nicht gleichmäßig bei der Bevölkerung ankommt, sondern überproportional staatlichen und wirtschaftlichen Eliten zugutekommt, entsteht eine strukturelle Umverteilung von unten nach oben.

Turchin beschreibt diesen Prozess mit dem Begriff der „Vermögenspumpe“ („wealth pump“). Die Vermögenspumpe saugt Einkommen, Vermögen und politische Handlungsmacht aus der arbeitenden Bevölkerung ab und leitet sie in die oberen Schichten der Gesellschaft. Besonders deutlich beobachtet Turchin diese Entwicklung in den Vereinigten Staaten seit den 1980er Jahren. Während wirtschaftliche Gewinne zunehmend den Unternehmens- und Vermögenseliten zugutekommen, stagnieren oder sinken die Einkommensanteile der arbeitenden Bevölkerung. Das Ergebnis ist eine wachsende Ungleichheit, die nicht nur moralisch problematisch, sondern politisch destabilisierend wirkt.

Mit zunehmender Ungleichheit wächst auch die Zahl der Eliteanwärter. Höhere Bildung, professionelle Karrierestrukturen, Finanzialisierung und die Ausweitung akademischer Statusansprüche erzeugen immer mehr Personen, die den Anspruch auf gesellschaftliche Führungspositionen erheben. Da die Zahl dieser Positionen jedoch nicht im gleichen Maße wächst, entstehen Frustration, Konkurrenz und innerelitäre Radikalisierung. Parallel dazu entwickelt sich ein überbordender gesellschaftlicher Wasserkopf, der zu schwer wird, um dauerhaft von der breiten Bevölkerung getragen zu werden.

Die verarmenden oder abstiegsbedrohten Unter- und Mittelschichten bilden in diesem Modell die Fußtruppen für den wachsenden Kreis unzufriedener Eliteanwärter. Politische Bewegungen entstehen daher nicht einfach spontan aus der Masse heraus, sondern durch die Verbindung materieller Unzufriedenheit mit oppositionellen oder blockierten Eliten. Genau diese Verbindung macht politische Krisen so gefährlich. Turchin prognostiziert auf Grundlage dieser Entwicklung eine hohe Wahrscheinlichkeit politischer Unruhen in den Vereinigten Staaten in den 2020er Jahren.

Indikatoren gesellschaftlicher Instabilität

Der besondere Wert von Turchins Arbeit liegt in ihrem quantitativen Ansatz. Kliodynamik begnügt sich nicht mit allgemeinen kulturkritischen Diagnosen, sondern versucht, soziale Instabilität anhand messbarer Indikatoren zu erfassen. Dazu gehören unter anderem Medianlöhne im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, die Entwicklung von Reallöhnen und Realeinkommen, die inflationsbereinigte Zahl der Milliardäre als Anteil an der Bevölkerung, die Erschwinglichkeit von Wohnen und Hochschulbildung sowie der Vergleich des Medianlohns mit den Einkommen des oberen 1 % und des oberen 0,1 %.

Diese Indikatoren machen sichtbar, ob eine Gesellschaft ökonomisch integrierend oder extraktiv funktioniert. Steigende Gesamtproduktion allein reicht nicht aus, wenn die Erträge des Wachstums an der Mehrheit vorbeigehen. Entscheidend ist, ob die breite Bevölkerung an Produktivitätsfortschritten, Vermögensbildung und sozialem Aufstieg beteiligt bleibt. Wenn die Medianlöhne stagnieren, Wohnraum unerschwinglich wird, Bildungskosten steigen und sich die Spitzeneinkommen immer weiter vom Durchschnitt entfernen, entsteht ein objektiv messbarer Krisenpfad.

Turchins Ansatz ist deshalb für politische Entscheidungsträger von erheblichem Nutzen. Er liefert keine bloße Stimmungsmessung, sondern ein Frühwarnsystem. Wer die Entwicklung von Reallöhnen, Vermögenskonzentration, Aufstiegschancen und Elitenkonkurrenz systematisch beobachtet, kann gesellschaftliche Spannungen früher erkennen und politisch einordnen. Die Kliodynamik bietet damit eine wissenschaftliche Grundlage, um soziale Instabilität nicht nur moralisch zu beklagen, sondern strukturell zu analysieren.

Kritik an Turchins Deutung der „Great Compression“

Turchins Modell ist insgesamt nützlich und präzise, dennoch weist seine politische Deutung an entscheidenden Stellen Schwächen auf. Besonders problematisch ist seine Bewertung der sogenannten „Great Compression“, also jener Phase geringerer Ungleichheit in den Vereinigten Staaten, die er stark mit der sozialdemokratischen Politik der New-Deal-Demokraten verbindet. Diese Interpretation ist einseitig, weil sie andere, vermutlich einflussreichere Faktoren nicht angemessen berücksichtigt.

Die Verringerung der Ungleichheit in der Mitte des 20. Jahrhunderts lässt sich nicht allein durch sozialdemokratische Umverteilungspolitik erklären. Der Sieg der Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg, die außergewöhnliche globale Stellung der amerikanischen Industrie nach 1945, technologische Innovationen, Produktivitätszuwächse und die geopolitische Sonderlage der USA spielten eine erhebliche Rolle. Die amerikanische Nachkriegsordnung beruhte nicht nur auf innenpolitischer Umverteilung, sondern auch auf einer einmaligen ökonomischen Machtposition, die sich historisch nicht beliebig wiederholen lässt.

Turchins Lösungsperspektive auf die Vermögenspumpe bleibt deshalb zu stark an sozialdemokratischen Deutungsmustern orientiert. Eine ernsthafte Analyse der Umverteilung von unten nach oben muss tiefer ansetzen. Insbesondere die Rolle des Zentralbanksystems, des Fiat-Geldes, der Finanzialisierung und der geldpolitisch beförderten Vermögenspreisinflation hätte umfassender untersucht werden müssen. Gerade die moderne Geldordnung trägt dazu bei, dass Vermögensbesitzer, Finanzakteure und staatsnahe Eliten stärker profitieren als produktive Arbeitnehmer, Sparer, kleine Unternehmer und der industrielle Mittelstand.

Die Vermögenspumpe ist daher nicht nur ein arbeitsmarkt- oder steuerpolitisches Phänomen. Sie ist auch ein monetäres und institutionelles Phänomen. Eine Politik, die nur Umverteilung fordert, ohne die Geldordnung, die Staatsverschuldung, die Vermögenspreisinflation und die Macht der staatsnahen Finanzeliten zu analysieren, greift zu kurz. Turchins Werk bleibt stark, wo es die strukturelle Instabilität moderner Gesellschaften beschreibt; es bleibt schwächer, wo es die tieferen Ursachen der modernen Vermögenskonzentration politisch einordnet.

Bedeutung der Kliodynamik für die deutsche Rechte

Für politische Entscheidungsträger und insbesondere für die AfD kann die Kliodynamik als neuartige Wissenschaft zur Vorhersage und Einordnung künftiger gesellschaftlicher Entwicklungen äußerst wertvoll sein. Deutschland zeigt ähnliche Tendenzen wie die Vereinigten Staaten: sinkende Realeinkommen, Erosion der Mittelschicht, eine wachsende Konzentration großer Vermögen, blockierte Aufstiegsmöglichkeiten für junge Gegeneliten und eine politische Ordnung, in der etablierte Parteien den Aufstieg neuer Kräfte institutionell, medial und moralisch zu begrenzen versuchen.

Besonders auffällig ist die Rolle der staatlichen Eliten. In Deutschland wächst ein Machtkomplex aus Parteiapparaten, Ministerialbürokratie, öffentlich finanzierten Vorfeldorganisationen, regierungsnahen Medien, staatsabhängigen Unternehmen, Verbänden und akademisch-moralischen Deutungseliten. Dieser Komplex erweitert seinen Einfluss auf Kosten der kleinen und mittleren Unternehmen, der arbeitenden Bevölkerung und jener produktiven Milieus, die den Wohlstand des Landes tatsächlich tragen. Der Staat wird dadurch nicht schlanker, leistungsfähiger oder neutraler, sondern entwickelt sich zu einem eigeninteressierten Machtapparat, der Ressourcen bindet, Umverteilung organisiert und politische Konkurrenz delegitimiert.

Hinzu kommt die Masseneinwanderung, die in Deutschland zusätzliche soziale Spannungen erzeugt. Sie verändert nicht nur die demografische Struktur, sondern führt auch zu einem Zustrom junger, unzufriedener Männer aus teilweise vormodernen Herkunftsgesellschaften. In Verbindung mit Wohnungsnot, Bildungsproblemen, Integrationskonflikten, Arbeitsmarktverdrängung, kultureller Fragmentierung und wachsender Konkurrenz um staatliche Transferleistungen entsteht ein zusätzlicher Instabilitätsfaktor. Dieser Faktor muss nüchtern analysiert werden, weil er die ohnehin bestehende Spannung zwischen verelendenden Mittelschichten, staatlich geschützten Eliten und oppositionellen Gegeneliten verschärft.

Die deutsche Rechte kann aus der Kliodynamik lernen, dass politische Instabilität nicht allein aus kulturellen Konflikten entsteht. Sie entsteht aus einer toxischen Verbindung von ökonomischem Abstieg, Elitenblockade, Vermögenskonzentration, institutioneller Selbstbereicherung und dem Verlust sozialer Kohäsion. Wer diese Faktoren ignoriert, verfehlt den Kern der gegenwärtigen Krise. Wer sie systematisch analysiert, kann eine politische Strategie entwickeln, die nicht nur Protest artikuliert, sondern Machtverhältnisse realistisch beschreibt und verändert.

AfD, Gegeneliten und populistisch-libertäre Reformpolitik

Die AfD steht in diesem Zusammenhang vor einer strategischen Aufgabe. Sie muss nicht nur eine Protestpartei gegen Fehlentscheidungen der Altparteien sein, sondern eine politische Kraft, die die sozio-politischen Machtverhältnisse in Deutschland grundsätzlich verändert. Die Kliodynamik zeigt, dass Gesellschaften dann besonders instabil werden, wenn etablierte Eliten den Aufstieg neuer Eliten blockieren, während gleichzeitig große Teile der Bevölkerung wirtschaftlich unter Druck geraten. Genau diese Konstellation ist in Deutschland sichtbar.

Die etablierten Parteien und ihre Vorfeldstrukturen versuchen, junge Gegeneliten politisch, medial, beruflich und gesellschaftlich zu isolieren. Damit wird nicht nur der demokratische Wettbewerb verzerrt, sondern auch der innerelitäre Druck erhöht. Eine Ordnung, die oppositionelle Kräfte systematisch ausgrenzt, erzeugt keine Stabilität, sondern verstärkt den Konflikt. Je stärker Aufstiegskanäle blockiert werden, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sich politische Auseinandersetzungen radikalisieren.

Die notwendige Antwort liegt in populistisch-libertären Reformen. Populistisch sind sie, weil sie die Interessen der arbeitenden Bevölkerung, der Mittelschicht, der Familien, der Selbständigen und der kleinen und mittleren Unternehmen gegen die Interessen eines aufgeblähten Staats- und Elitenapparats verteidigen müssen. Libertär sind sie, weil sie auf Entbürokratisierung, Eigentumsschutz, Steuersenkungen, Geldwertstabilität, marktwirtschaftliche Freiheit, Begrenzung staatlicher Macht und Wiederherstellung individueller Verantwortung zielen müssen.

Eine solche Politik muss die Vermögenspumpe stoppen. Sie muss verhindern, dass staatliche und wirtschaftliche Eliten ihren Wohlstand weiter auf Kosten der produktiven Bevölkerung ausbauen. Sie muss die Mittelschicht entlasten, Leistung wieder belohnen, Eigentumsbildung ermöglichen, Migration begrenzen, den Sozialstaat auf tragfähige Grundlagen zurückführen und den Einfluss staatsnaher Interessengruppen zurückdrängen. Ohne eine solche Kurskorrektur wächst die Gefahr, dass Deutschland in eine Phase schwerer sozialer und politischer Verwerfungen gerät.

Die Kliodynamik liefert dafür keine fertige Parteiprogrammatik, aber sie bietet ein analytisches Raster. Sie zeigt, dass gesellschaftlicher Zusammenbruch nicht zufällig geschieht. Er entsteht, wenn Eliten zu zahlreich, zu gierig, zu abgeschottet und zu unfähig werden, während die breite Bevölkerung ökonomisch und kulturell unter Druck gerät. In dieser Lage entscheidet sich, ob politische Reformen rechtzeitig gelingen oder ob sich soziale Spannungen unkontrolliert entladen.

Schlussfolgerung

Peter Turchins „End Times“ ist deshalb mehr als eine Analyse der Vereinigten Staaten. Es ist ein Warnsignal für westliche Gesellschaften insgesamt. Die Kombination aus Volksverelendung, Elitenüberproduktion, Vermögenskonzentration, staatlicher Expansion und blockierten Aufstiegsmöglichkeiten erzeugt eine Krisendynamik, die auch in Deutschland erkennbar ist. Der entscheidende Wert der Kliodynamik liegt darin, diese Entwicklung nicht als bloßes Gefühl, sondern als messbares historisches Muster zu erfassen.

Für die deutsche Rechte und insbesondere für die AfD ergibt sich daraus eine klare Aufgabe. Sie muss die soziale Frage, die Elitenfrage und die Freiheitsfrage zusammenführen. Eine Politik, die nur kulturellen Protest formuliert, bleibt unvollständig. Eine Politik, die nur ökonomische Entlastung verspricht, ohne die Machtfrage zu stellen, bleibt ebenfalls unzureichend. Notwendig ist eine umfassende Strategie gegen die Vermögenspumpe, gegen die Selbstabschottung der etablierten Eliten und gegen die strukturelle Schwächung der produktiven Bevölkerung.

Wenn diese sozio-politischen Machtverhältnisse nicht verändert werden, droht Deutschland in eine Phase wachsender Instabilität einzutreten. Die Kliodynamik zeigt, dass solche Entwicklungen historisch selten harmlos bleiben. Sie führen zu Polarisierung, innerelitärem Machtkampf, Vertrauensverlust, institutioneller Erosion und im Extremfall zu bürgerkriegsähnlichen Konflikten. Gerade deshalb ist Turchins Werk für die deutsche Rechte von erheblicher strategischer Bedeutung: Es zwingt dazu, politische Krisen nicht nur moralisch oder ideologisch, sondern strukturell, empirisch und machtpolitisch zu denken.

Quellen & Literatur

[1] Turchin P. (2023). End Times: Elites, Counter-Elites, and the Path of Political Disintegration. Penguin Press. URL: https://www.penguinrandomhouse.com/books/703238/end-times-by-peter-turchin/

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