Wirtschaftliche Transformation der Visegrád-Staaten: Vom Montagestandort zum Innovationszentrum
_ Christopher Kofner, Geschäftsführer und Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 18.01.2026.
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Positive Dynamik ausländischer Direktinvestitionen durch Kostenvorteile: Die V4-Staaten ziehen Investitionen an, da ihre Arbeitskosten 20–33% unter dem deutschen Niveau liegen und die Steuer- sowie Abgabenquote lediglich ein Drittel des BIP beträgt; dadurch stieg der Warenaustausch mit Deutschland auf über 380 Mrd. € jährlich.
- Wachstum und Konvergenz: Das BIP pro Kopf hat sich seit 1992 auf 42% des deutsch-österreichischen Durchschnitts verdoppelt bei jährlichen Wachstumsraten von 3–5% (Polen: +15% seit 2019 gegenüber +0,2% in Deutschland); Polen rückt 2025 in die Top-20-Volkswirtschaften mit 85% des EU-Durchschnitts vor.
- Industrie- und Innovationsimpuls: Die verarbeitende Industrie (20% der Bruttowertschöpfung) dominiert mit Automobil-Weltmeistern (Slowakei) und Neumodellen wie BMW- oder LG-Werken; Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen sowie Patentanmeldungen steigen kontinuierlich. Handlungsempfehlung: Ungarns 9%-Unternehmenssteuer und Polens steuerfreien Vermögensaufbau (bis 23.530 €) als Vorlage für EU-weite Reformen etablieren.
- Politisch gestützte Diversifizierung: Orbán fördert FDI aus Westen und China (unterstützt durch russische Energie), Nawrocki die Kapitalmärkte und Fico Hightech-Anwendungen, wodurch Fortschritte entstehen, die jedoch durch die EU-Agenda behindert werden – Handlungsempfehlung: Fiskale Restriktionen der EU lockern, um das V4-Potenzial voll auszuschöpfen und Abhängigkeiten abzubauen.
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Die Visegrád-Staaten (V4 – Tschechien, Slowakei, Ungarn und Polen) entwickelten sich nach dem Zerfall des Kommunismus zu attraktiven Standorten für ausländische Direktinvestitionen, insbesondere aus Westeuropa. Nach 1991 zogen liberale Wirtschaftsregeln, moderate Steuersätze und flexible Arbeitsmärkte verstärkt ausländische Direktinvestitionen (FDI) an, vor allem aus Deutschland und Österreich.
Niedrige Arbeitskosten als Wettbewerbsvorteil
Im Verarbeitenden Gewerbe liegen die Arbeitskosten je Stunde in Tschechien und der Slowakei etwa ein Drittel niedriger als in Deutschland, während sie in Ungarn und Polen rund ein Viertel unter dem deutschen Niveau rangieren. Insgesamt untertreffen die Lohnstückkosten in den V4-Staaten das deutsche Niveau um 20 Prozent. Dieser Vorteil erklärt die anhaltende Attraktivität für Investoren.
Demografische und marktwirtschaftliche Bedeutung
Die V4-Staaten bilden den fünftgrößten Wirtschaftsblock in der EU mit 65 Millionen Einwohnern – nahezu so viele wie Frankreich mit 67 Millionen – und stellen damit einen bedeutenden Binnenmarkt dar. Der Warenaustausch mit Deutschland ist seit 2004 auf über 380 Milliarden Euro jährlich gestiegen, was den Handel mit China oder Frankreich übersteigt.
Industrielle Erfolgsbeispiele und Standortvorteile
Beispiele verdeutlichen diesen Erfolg: In Bratislava produziert Volkswagen, in Debrecen errichtet BMW für 2 Milliarden Euro ein E-Auto-Werk für den iX3, das Tausende Jobs schafft. Mercedes, Audi, Stellantis sowie Zulieferer wie Continental, ZF und Schedl verlagern Produktion nach Ungarn, wo die Regierung unter Viktor Orbán mit einer Unternehmenssteuer von nur 9 Prozent, niedrigen Energiekosten und pragmatischer Regulierung punktet – ergänzt durch Maßnahmen wie Mini-Oktoberfeste für deutsche Fachkräfte. In Polen entsteht LG Energy Solution, in der Slowakei Volvo als fünftes großes Autowerk. Tschechien gilt als zweitgrößter Autohersteller pro Kopf weltweit, die Slowakei als Weltmeister in dieser Kategorie. Die Verarbeitende Industrie trägt ein Fünftel zur Bruttowertschöpfung bei, mit Schwerpunkten in Automobil, Maschinenbau, Elektronik, Robotik und Pharma,
Übergang zur Innovationsökonomie
Der Wandel reicht jedoch tiefer und führt von der Rolle als „verlängerte Werkbank“ zu eigenständigen Innovationsmotoren. Das BIP pro Kopf stieg von 23 Prozent des deutsch-österreichischen Durchschnitts im Jahr 1992 auf 42 Prozent im Jahr 2024 – eine Verdopplung. Mit jährlichen Wirtschaftswachstumsraten von 3 bis 5 Prozent übertreffen die V4 den EU-Durchschnitt, Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) ist Polen 2025 unter die Top-20-Volkswirtschaften gerückt, mit einem BIP pro Kopf bei 85 Prozent des EU-Schnitts – vergleichbar mit Spanien und Japan. Seit 2019 wuchs Polens Wirtschaft real um 15 Prozent, Deutschlands um nur 0,2 Prozent.
Fiskale Attraktivität und steuerliche Instrumente
Attraktive Standortbedingungen befeuern diesen Fortschritt: Die Steuer- und Abgabenquote der V4 beträgt nur ein Drittel des BIP, im Vergleich zu 40 Prozent in Deutschland und 44 Prozent in Österreich. Tschechien, Polen und die Slowakei besteuern Unternehmensgewinne mit rund 20 Prozent, Ungarn mit nur der Hälfte davon – gegenüber 30 Prozent in Deutschland. In Polen ermöglicht ein neues Kontomodell steuerfreien Vermögensaufbau bis zu 23.530 Euro (17.648 Euro in Aktien/ETFs), alles darüber wird mit nur 0,9 Prozent besteuert,
Diversifizierung trotz Abhängigkeiten
Trotz Abhängigkeit von westlichen Wertschöpfungsketten – mit begrenzter Innovationskraft und drohender Middle-Income-Trap – diversifizieren die V4 ihre Exporte und stärken lokale Wertschöpfung. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie die Patentanmeldungen steigen langsam, aber kontinuierlich. Orbán zieht westliche und chinesische Investitionen an, unterstützt durch (bisher) preiswerte russische Energie; Nawrocki stärkt die Kapitalmärkte, Fico fördert Hightech. Diese Entwicklungen eröffnen Zukunftschancen, stoßen jedoch an Grenzen durch die EU-Agenda,
Quellen & Literatur:
- World Bank (2026). GDP per capita (current US$), Germany, Czech Republic, Austria, Hungary, Poland, Slovakia (Datenbankabfrage). URL: https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.PCAP.CD?locations=DE-CZ-AT-HU-PL-SK (Abrufdatum nicht im Dokument angegeben).
- Germany Trade & Invest (2026). Produktionsstandort Mittelosteuropa – Die Visegrád‑Staaten: Dynamische Produktionshubs im Osten der EU. Germany Trade & Invest. URL: https://www.gtai.de/de/trade/eu/specials/produktionsstandort-mittelosteuropa-1877142
- Germany Trade & Invest (2023). Die Visegrád‑Länder: Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn. URL: https://www.gtai.de/de/trade/polen/specials/die-visegr%C3%A1d-laender-polen-tschechien-slowakei-und-ungarn-1004646
- Internationale Politik (2020). Kleines Wirtschaftslexikon Visegrád‑Staaten. Internationale Politik. URL: https://internationalepolitik.de/de/kleines-wirtschaftslexikon-visegrad-staaten
- ifo Institut (2024). 20 Jahre EU‑Osterweiterung: Der Weg zum neuen vereinten Europa URL: https://www.ifo.de/DocDL/ifoDD_24-02_03-08_Ferenc-Neufing.pdf
- Stocker, F. (2025). OKI-Konzept: Polen wagt die Renten-Revolution – und Deutschland setzt auf mehr Staat. WELT. URL: https://www.welt.de/wirtschaft/plus68930119ecb6874199e8c92d/oki-konzept-polen-wagt-die-renten-revolution-und-deutschland-setzt-auf-mehr-staat.html (de)
- OECD (2025). Körperschaftssteuersätze¹ in ausgewählten Ländern weltweit im Jahr 2024. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1225581/umfrage/unternehmenssteuern-ausgewaehlter-laendern/
- Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026). Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2025 um 0,2 % gewachsen. URL: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/01/PD26_017_811.html
- World Bank (2026). GDP growth (annual %): United States, United Kingdom. URL: https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.KD.ZG?locations=US-G
- Statistisches Bundesamt. (2025). Arbeitskosten je geleisteter Arbeitsstunde in der Privatwirtschaft der Mitgliedstaaten¹ der Europäischen Union im Zeitraum 2022 bis 2024. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/180729/umfrage/arbeitskosten-in-der-privatwirtschaft-in-europa/
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