Yoram Hazonys National-Konservatismus als Programm rechter Erneuerung

~ Zur Diskussion gestellt. ~

_ Christopher Kofner, Geschäftsführer und Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 16.01.2026.

Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen

  • Konservatismus nach Hazony ist ein schöpferisches Projekt, das explizit auf die Wiederherstellung einer nationalen, religiös fundierten Ordnung zielt und sich scharf vom seit den 1960er Jahren dominierenden, liberal angepassten „Boomer‑Konservatismus“ absetzt, der vor allem reagiert und verwaltet, aber kaum normative Gegenentwürfe formuliert.
  • Der von Hazony entwickelte Nationalkonservatismus bekennt sich ausdrücklich zu Hierarchie, Bindung, Ordnung, Nation und Religion und versteht Freiheit nicht als grenzenlose Autonomie, sondern als in moralische Gemeinschaften, Familie und religiöse Tradition eingebettete Entfaltung; diese ungewählten Loyalitäten gelten als Voraussetzung stabiler politischer Ordnungen.
  • Der Nationalstaat wird als natürliche Form politischer Organisation konzipiert, dessen acht zentrale Aufgaben – Souveränität, innere Ordnung, Grenzschutz, Bewahrung nationaler Identität, Selbstbestimmung, wirtschaftlicher Wohlstand, friedliche Außenpolitik ohne Imperialismus und Sicherung von Freiheit durch Institutionen – ein normatives Raster bereitstellen, das insbesondere für nationalkonservative Parteien wie die AfD anschlussfähig ist.
  • Hazonys Modell der „Conservative Democracy“ basiert auf fünf Prinzipien – historischer Empirismus, Nationalismus, Religion, begrenzte Exekutivmacht und individuelle Freiheiten – und versteht sich als Alternative zu einer als strukturell instabil diagnostizierten liberalen Demokratie, deren universalistische, internationalistische und radikal individualistische Tendenzen als Gefährdung gewachsener Ordnungen kritisiert werden.
  • Für rechte Parteien eröffnet Hazonys Ansatz die Möglichkeit, wirtschaftsliberale und kulturell‑identitätspolitische Strömungen in einer kohärenten, normativ dichten und bewusst konfliktorientierten Programmatik zu bündeln, die auf eine aktive Re‑Konstitution von Tradition, Religion, Nation und kultureller Homogenität zielt, statt sich auf defensive Bewahrung oder rein administrative Anpassung zu beschränken.

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Yoram Hazonys Buch Conservatism: A Rediscovery (2022) wird von seinen Befürwortern als theoretisch fundierte Grundlage für eine programmatische Erneuerung rechter Politik verstanden, insbesondere für nationalkonservative Parteien wie die AfD, deren Selbstbeschreibung zentrale Elemente von Souveränität, Grenzschutz, nationaler Identität, kultureller Homogenität und religiöser Tradition betont.

Hazony, israelisch‑amerikanischer Philosoph, Präsident des Herzl-Instituts und Vorsitzender der Edmund Burke Foundation, ist eine der prägenden Figuren des gegenwärtigen Diskurses um den s.g. „National Conservatism“ und verleiht dem Konservatismus durch eine systematische begriffliche Klärung und ideengeschichtliche Verortung neues theoretisches Gewicht. Sein Ansatz wird nicht als bloß reaktive oder nostalgische Abwehr moderner gesellschaftlicher Entwicklungen präsentiert, sondern als schöpferisches Projekt, dessen Ziel nicht allein die Bewahrung des Bestehenden, sondern die Wiederherstellung einer nationalen, religiös fundierten politischen und gesellschaftlichen Ordnung ist – eine konservative „Revolution“ im Sinne einer umfassenden Rekonstruktion normativer Grundlagen.

Nationalkonservatismus und konservative „Revolution“

Hazony charakterisiert den von ihm vertretenen Nationalkonservatismus als eine ausdrücklich rechte Position im ursprünglichen Sinne des Wortes, die sich normativ zu Hierarchie, Bindung, Ordnung, Nation und Religion bekennt und diese nicht als taktische Reaktionsmuster, sondern als weltanschauliche Grundposition versteht. In dieser Perspektive wird Konservatismus als eigenständige politische Theorie gefasst, die das Primat gewachsener Institutionen, familiärer und religiöser Strukturen sowie nationaler Souveränität gegenüber universalistischen und kosmopolitischen Projekten betont. Die von Hazony propagierte konservative „Revolution“ zielt auf eine aktive Re‑Politisierung dieser Prinzipien: Sie soll eine normative Neuordnung einleiten, in der nationale und religiöse Deutungshoheiten bewusst gestärkt und in klarer Abgrenzung zu liberalen und linken Paradigmen positioniert werden.

In diesem Zusammenhang grenzt sich Hazony scharf von dem von ihm so bezeichneten „Boomer‑Konservatismus“ ab, der seit den 1960er Jahren den konservativen Mainstream vor allem in den USA geprägt habe und der, nach seiner Diagnose, im Kern liberal angepasst sei. Dieser „Konservatismus“ habe sich darauf beschränkt, politische Entwicklungen zu verwalten, soziale Konflikte abzufedern und auf linke Hegemonie in Kultur‑, Gesellschafts- und Wertefragen lediglich reaktiv zu reagieren; er tue dies, so Hazonys Kritik, häufig unter moralischem Rechtfertigungsdruck und mit einer Tendenz zur normativen Kapitulation. Der von Hazony skizzierte Nationalkonservatismus versteht sich demgegenüber als pro-aktives, konfliktbereites Projekt, das gegenläufige kulturelle und institutionelle Trends nicht nur moderieren, sondern grundlegend umkehren möchte.

Kritik am liberal adaptierten Konservatismus

Hazony sieht in der Entwicklung des westlichen Konservatismus seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine zunehmende Auflösung konservativer Eigenständigkeit in einem breiten liberalen Konsens, der sowohl wirtschaftspolitisch als auch gesellschaftspolitisch dominierend geworden sei. Nach seiner Lesart haben konservative Akteure in zentralen Feldern wie Kulturpolitik, Migrationspolitik, Familien- und Religionspolitik die Grundannahmen liberaler und linker Positionen weitgehend übernommen und sich auf die Rolle reaktiver Korrekturen und rein administrativer Steuerung reduziert. Die von ihm kritisierte „weichgespülte“ Variante des Konservatismus habe linke und liberal-progressive Projekte weder konzeptionell noch institutionell ernsthaft in Frage gestellt, sondern deren normative Rahmenbedingungen meist akzeptiert und damit zur Stabilisierung jener Ordnung beigetragen, deren kulturelle und moralische Folgen sie angeblich kritisiere.

Insbesondere in der Migrationsfrage, in der Kulturpolitik sowie in der Aushöhlung familiärer und religiöser Ordnung sieht Hazony eine kapitulierende Haltung vieler konservativer Parteien und Intellektueller gegenüber einem hegemonialen Liberalismus, der nicht nur individuelle Freiheitsrechte ausweitet, sondern zugleich kollektive Identitäten und ungewählte Bindungen systematisch relativiere. Der heutige Liberalismus – sowohl in seiner wirtschaftsliberalen als auch in seiner gesellschaftsliberalen Ausprägung – erscheine in dieser Diagnose als „trojanisches Pferd“ einer Ideologie, die auf die schrittweise Auflösung aller ungewählten Bindungen ziele, etwa derer an Familie, Nation und Religion. Hazony fordert daher eine konsequente Zurückweisung dieser „ideologischen Preisgabe“ und plädiert für einen normativ eigenständigen Konservatismus, der seine Prinzipien nicht aus liberalen Begriffen ableitet, sondern aus religiöser Tradition, historischer Erfahrung, Autorität und nationaler Identität.

Nation, ungewählte Loyalitäten und Freiheit

Zentral für Hazonys Theorie ist ein spezifisches Verständnis der Nation als gewachsene Gemeinschaft, die durch ungewählte Loyalitäten wie Familie, Religion, gemeinsame Geschichte und Sprache zusammengehalten wird. Diese ungewählten Bindungen werden nicht als Einengung, sondern als konstitutive Bedingung menschlicher Vergesellschaftung interpretiert und bilden den normativen Kern dessen, was Hazony unter nationaler Solidarität versteht. In expliziter Abgrenzung zu linken und liberal-individualistischen Gesellschaftsbildern, in denen Individuen als prinzipiell selbstbestimmte Akteure gesehen werden, die Identität, Zugehörigkeit und Lebensform frei wählen, betont Hazony die Vorrangstellung solcher historisch gewachsener Loyalitäten gegenüber selbstgewählten Zugehörigkeiten.

Freiheit wird in dieser Perspektive nicht als absolute Autonomie oder radikale Selbstverwirklichung verstanden, sondern als in moralische Gemeinschaften, familiäre Bindungen und religiöse Traditionen eingebettete Möglichkeit zur Entfaltung. Erst die Einbindung in solche vorpolitischen und politischen Ordnungsrahmen – insbesondere in Familie, religiöse Gemeinschaft und nationale Institutionen – ermögliche nach Hazony eine Form von Freiheit, die nicht in Beliebigkeit umschlage, sondern an gemeinsame Normen, Pflichten und Verantwortlichkeiten gebunden bleibe. In dieser Hinsicht knüpft er an klassische konservative und kommunitaristische Argumentationslinien an, die vor der Gefahr warnen, dass eine radikal individualistische Interpretation von Freiheit langfristig zu sozialer Fragmentierung, normativer Entleerung und politischer Destabilisierung führt.

Der Nationalstaat und die acht Aufgaben des Staates

Für Hazony ist der Nationalstaat keine bloße Konstruktion moderner Staatsphilosophie, sondern eine natürliche und historisch bewährte Form menschlicher politischer Ordnung, die aus der Verdichtung langfristiger Loyalitäts- und Schutzverhältnisse hervorgegangen sei. In Conservatism: A Rediscovery und begleitenden programmatischen Texten ordnet er dem Staat acht zentrale Aufgaben zu, die zugleich als normative Kriterien für einen funktionsfähigen nationalen Ordnungsrahmen fungieren.

Erstens soll der Staat die Wahrung der Souveränität gewährleisten, also die Fähigkeit, eigenständig politische Entscheidungen zu treffen und äußeren Einflüssen, insbesondere supranationalen Strukturen, Grenzen zu setzen. Zweitens ist die innere Ordnung zu sichern, verstanden als Aufrechterhaltung von Rechtsstaatlichkeit, öffentlicher Sicherheit und sozialer Stabilität. Drittens zählt der Grenzschutz zu den Kernaufgaben, wobei Hazony – in Übereinstimmung mit vielen nationalkonservativen Programmatiken – eine restriktive Migrationspolitik und die Kontrolle territorialer Grenzen betont. Viertens soll der Staat die Bewahrung nationaler Identität sicherstellen, also kulturelle, historische und sprachliche Kontinuitäten schützen.

Fünftens dient der Staat der Selbstbestimmung der eigenen politischen Gemeinschaft, verstanden als Möglichkeit, gesellschaftliche und institutionelle Ordnungen ohne externe Dominanz zu gestalten. Sechstens soll er wirtschaftlichen Wohlstand fördern, etwa durch Schutz der einheimischen Wirtschaft, stabile Eigentumsrechte und verlässliche Rahmenbedingungen für produktive Tätigkeit. Siebtens wird eine friedliche Außenpolitik ohne imperialistische Ambitionen gefordert, die nationale Interessen verfolgt, ohne expansive Hegemonialansprüche zu erheben. Achtens schließlich soll der Staat Freiheit durch nationale Institutionen sichern, indem er individuelle Rechte gewährleistet, diese jedoch an Ordnung, Gemeinwohl und die Integrität der nationalen Gemeinschaft bindet.

Diese acht Aufgaben lassen sich mit zentralen Forderungen der AfD verknüpfen, die in programmatischen Dokumenten auf die Wiederherstellung umfassender Souveränität, strikte Grenzkontrollen, die Bewahrung nationaler Identität, Kritik an supranationalen Institutionen sowie die Betonung traditioneller kultureller und religiöser Bezüge abzielt. In diesem Sinne bietet Hazonys Modell eine ideelle Klammer für eine Politik, die nationale Selbstbestimmung, kulturelle Homogenität und religiöse Tradition als Leitprinzipien eines demokratisch verfassten, aber dezidiert nationalkonservativen Staatsverständnisses formuliert.

Konservative Demokratie als Gegenmodell zur liberalen Demokratie

Hazony entwickelt mit dem Konzept der „Conservative Democracy“ eine eigenständige Verfassungs- und Staatslehre, die sich explizit von der von ihm kritisch gesehenen liberalen Demokratie absetzt. Seine „konservative Demokratie“ beruht auf fünf Prinzipien: erstens einem historischen Empirismus, der gewachsene Verfassungsordnungen, Institutionen und Traditionen gegenüber abstrakten Universalrechten und normativen Großentwürfen privilegiert; zweitens einem normativen Nationalismus, der Loyalität gegenüber der eigenen nationalen Gemeinschaft als politischen Primärwert versteht; drittens der Religion als moralischem Fundament, wobei religiöse Praktiken der Mehrheit geschützt und abweichende, nicht‑schädliche Überzeugungen toleriert werden; viertens einer begrenzten Exekutivmacht, deren Handlungsspielräume durch parlamentarische Kontrolle und Repräsentation reguliert werden; fünftens individuellen Freiheiten, die in rechtlicher Balance mit Ordnung, Gemeinwohl und dem Fortbestand der nationalen Gemeinschaft stehen.

Hazony deutet diese Prinzipien als Rückkehr zu den historischen Wurzeln der amerikanischen Verfassungspraxis und der anglo-amerikanischen konservativen Tradition, die er in bewusster Abgrenzung zu neueren liberalen Interpretationen der „liberal democracy“ rekonstruiert. Die von ihm kritisierte liberale Demokratie gilt ihm als inhärent instabil oder zumindest strukturell gefährdet, da sie durch Individualisierung, Internationalisierung und die Priorisierung abstrakter Rechte tendenziell jene Bindungen und Institutionen unterminiere, auf die sie selbst angewiesen sei. In Debatten um die Krise liberaler internationaler Ordnungen und um die wachsende Attraktivität nationalistischer und populistischer Bewegungen wird diese Diagnose von verschiedenen Autoren unterschiedlich bewertet, doch stellt sie in jedem Fall einen konsistenten Versuch dar, eine konservative Alternative zur liberal-demokratischen Orthodoxie zu formulieren.

Strategische Implikationen für rechte Parteien

Für eine Partei wie die AfD ergibt sich aus Hazonys Modell eine strategische Option, die innerparteiliche Spannungsverhältnisse zwischen wirtschaftlichem Liberalismus und eher diffusem Kulturprotest zu überwinden versucht, indem sie eine klar konturierte, ganzheitliche und zugleich als „modern“ präsentierbare konservative Vision anbietet. Eine solche Vision verbindet die Betonung nationaler Souveränität, restriktiver Migrationspolitik und traditioneller kultureller Normen mit einer normativen Rehabilitierung von Religion, Autorität und Hierarchie, ohne sich auf klassische autoritäre Modelle zu stützen. In einem postmodernen Zeitalter, das durch Entgrenzung, Auflösung traditioneller Bindungen, Identitätspluralisierung und institutionellen Vertrauensverlust gekennzeichnet ist, soll diese Form des Konservatismus nicht lediglich Bewahrung im Sinne eines defensiven Status-quo-Denkens betreiben, sondern das „Feuer“ von Tradition, Religion, Nation und Kultur neu entfachen und in konfliktiver Auseinandersetzung mit linken und liberalen Projekten als eigenständiges Leitbild etablieren.

Konservatismus bedeutet in dieser Lesart nicht Resignation angesichts gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, sondern die bewusste Konstruktion und Verteidigung einer Ordnung, in der nationale Zugehörigkeit, religiöse Tradition, familiäre Bindung und moralische Autorität als konstitutive Voraussetzungen für eine stabile und freiheitliche politische Gemeinschaft gelten.

Quellen & Literatur:

  1. Hazony, Y. (2022). Conservatism: A Rediscovery. Regnery Gateway. URL: https://www.amazon.com/Conservatism-Rediscovery-Yoram-Hazony/dp/1800752334
  2. Hazony, Y. (2019). Why National Conservatism. Plenary session of inaugural National Conservatism Conference. URL: https://www.youtube.com/watch?v=4cpyd1OqHJU
  3. Kurtagic A. (2023). Warum Konservative immer verlieren. Antaios Verlag. URL: https://antaios.de/gesamtverzeichnis-antaios/reihe-kaplaken/1300/warum-konservative-immer-verlieren
  4. Krah M. (2022). Politik von rechts. Ein Manifest. Antaios Verlag. URL: https://antaios.de/gesamtverzeichnis-antaios/einzeltitel/181671/politik-von-rechts.-ein-manifest

Haftungsausschluss

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